«Über WhatsApp ist es einfacher, jemanden zu beleidigen»

15.04.2020 - Mitteilung

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Die Schule sei der Ort, an dem man zu allen Kindern und Jugendlichen direkten Kontakt habe, sagt Nadine Ciamberlano-Jositsch. Seit ein paar Wochen gilt dies nicht mehr. Um Schüler und Eltern zu erreichen, musste die Schulsozialarbeiterin neue Formen des Zugangs finden.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Marion Nitsch

Nah an Kindern und Jugendlichen sein, Familien in schwierigen Situationen frühzeitig und niederschwellig unterstützen können, damit schwelende Konflikte nicht eskalieren, mit Lehrpersonen eng vernetzt zusammenarbeiten – dies war Nadine Ciamberlano-Jositschs Motivation, nach ihrem Pädagogikstudium und etlichen Jahren in der Erwachsenenbildung umzusatteln auf die Schulsozialarbeit. Doch just Nähe und Unmittelbarkeit fallen für sie in der aktuellen Krise weg. Von heute auf morgen sei alles auf den Kopf gestellt worden, erzählt die Mutter zweier Teenager, die seit acht Jahren in einem 60-Prozent-Pensum für die Schule Uitikon tätig ist. Die neue Situation versuche man nun als Schulteam gemeinsam, in gegenseitiger Absprache und Tag für Tag dazu lernend, zu meistern.

Mediation per Video-Chat

Für die Schulsozialarbeiterin heisst dies beispielsweise, dass sie den Kontakt mit Schülerinnen und Schülern sowie Eltern, mit denen sie schon vor der Schulschliessung in Kontakt stand, über Telefon oder WhatsApp so gut wie möglich aufrechterhält. Ein besonderes Augenmerk richtet sie zusammen mit Lehrpersonen und Heilpädagoginnen auf Kinder aus eher bildungsfernen Familien. Regelmässige Anrufe können helfen, sich anbahnende Probleme zu erkennen und darauf zu reagieren. «Es gibt aber sicher Konflikte, die wir aus der Distanz nicht mitbekommen.»

Was sie hingegen feststellt: Konflikte unter den Schülerinnen und Schülern drohen sich zu verstärken, wenn man nur noch virtuell zusammenarbeitet. «Über WhatsApp ist es einfacher, jemanden zu beleidigen, als wenn man sich gegenübersteht.» Ebenso könnten Missverständnisse leichter entstehen. Bei Auseinandersetzungen unter Gleichaltrigen bietet Nadine Ciamberlano-Jositsch Mediationen per Video-Chat an. Wenn man sich zumindest am Bildschirm sehe und miteinander rede, liessen sich hochgegangene Wogen schneller glätten.

Schulsozialarbeiterin Nadine Ciamberlino-Jositsch arbeitet an der Schule Uitikon.

Herausforderung selbstständiges Arbeiten

Oft sind es auch Eltern, die sich bei der Schulsozialarbeiterin melden. «Nicht selten geht es dabei um Konflikte, für die wir vor der Corona-Krise nicht zuständig waren.» Ein Thema ist zum Beispiel das selbstständige Arbeiten zu Hause, das nicht allen Kindern gleichermassen liegt. Wenn Eltern merkten, dass ihre Tochter oder ihr Sohn damit überfordert sei, setze sie das unter Druck.

Wie leicht oder wie schwer fällt es denn Schülern und Eltern, aus der Ferne mit ihr über Ängste und Nöte zu sprechen? Unterschiedlich, antwortet Nadine Ciamberlano-Jositsch. Für einen Teil der Kinder sei der virtuelle Kontakt Neuland. Vor allem die jüngeren Kinder erreiche man damit kaum. «Bei der Arbeit mit den Kindern geht es normalerweise ja um viel mehr als nur um Gespräche. Ich mache mit ihnen Spiele, arbeite mit Knete, Zeichnungen und anderen Materialien und kann mit ihnen dabei auch lachen. Das ist Beziehung und fehlt nun.» Gewissen Eltern hingegen falle es einfacher, am Telefon offen und ehrlich ihre Probleme darzulegen.

Was tun bei Todesfällen?

Zusammen mit einer anderen Schulsozialarbeiterin des Bezirks Dietikon hat sie in aller Eile Konzepte dafür entwickelt, wie eine Schule mit allfälligen Todesfällen umgehen könnte. Rituale, die bei solchen Ereignissen ganz wichtig sind, müssten in anderer Form stattfinden können. Etwa indem man im Rahmen eines Video-Chats alle zusammen selbstgebastelte Kerzen brennen lassen würde.

«Wir sind stark mit dem Hier und Jetzt beschäftigt, gleichzeitig bestehen aber bereits Konzepte im Hinblick darauf, wie es weitergehen soll, wenn die Schulen wieder öffnen.» Sicher werde man den Schalter nicht einfach wieder auf Alltag umlegen können. Unter anderem müssten sich die Kinder und Jugendlichen wieder auf straffere Tagesstrukturen, tägliches Zusammensein, die direkte Auseinandersetzung mit Mitschülern und Lehrpersonen einstellen. Dies könne vorübergehend zu neuen Schwierigkeiten führen, aber: «In den vergangenen Wochen ist so vieles gegangen – im positiven Sinn –, deshalb bin ich optimistisch, dass wir auch den Weg zurück schaffen werden.»

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