«So richtig in Fahrt gekommen sind wir noch nicht»

19.05.2020 - Mitteilung

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Unterricht in Halbklassen, Hygiene- und Abstandsregeln sorgen bei Schülern und Lehrpersonen für Unsicherheit, lautet Kaspar Vogels Bilanz nach den ersten Tagen des Präsenzunterrichts. Der Sekundarlehrer und Vizepräsident von Sek ZH ist trotzdem froh, dass es mit dem Fernunterricht vorbei ist.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Marion Nitsch

«Komisch» – so beschreibt Kaspar Vogel die Stimmung nach den ersten Tagen seit der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts. «Ich habe mich sehr auf diesen Moment gefreut, gleichzeitig gehen wir alle sehr verhalten miteinander um», erzählt der Sekundarlehrer. «Es herrscht grosse Unsicherheit.» Im Kanton Zürich wird vorerst in Halbklassen unterrichtet. In der Sekundarschule Feld in Winterthur Veltheim organisiert man den Unterricht halbtageweise, so kommt man auf 16 Lektionen pro Klasse. Und weil die Klassenlehrpersonen die Halbtagesblöcke mit den Fachlehrpersonen teilen, ist Kaspar Vogel pro Woche lediglich vier halbe Tage in der Schule und sieht jede Hälfte seiner 2.-Sek-B-Klasse zweimal. Ein Neustart mit Hindernissen also. «So richtig in Fahrt gekommen sind wir noch nicht», meint er, «wir werden sehen, wie sich die Situation weiterentwickelt.»

Im Fernunterricht hat er seine 17 Schülerinnen und Schüler jeweils von 8 bis 12 Uhr virtuell unterrichtet – in einem klar vorgegebenen Rhythmus mit regelmässigen Sequenzen, in denen die ganze Klasse via «Zoom» sichtbar anwesend war. Trotzdem ist er überrascht, wie unterschiedlich die einzelnen Jugendlichen diese Zeit offensichtlich genutzt haben. «Die einen sind voll da und haben klare Fortschritte gemacht, die anderen sind noch nicht wieder angekommen.» Dies stellt ihn vor Herausforderungen, denn im Klassenzimmer seien vier Stunden geführter Unterricht nicht machbar, er müsse zwischendurch die Schüler selbstständig oder auch mal zu zweit arbeiten lassen. «Dies bedeutet für sie wieder eine Umstellung.»
 

Die Luft war draussen

Vor zwei Monaten von einem Tag auf den anderen auf Fernunterricht umzuschalten habe hingegen gut funktioniert, erzählt Kaspar Vogel rückblickend. «Wir hatten schon vorher mit ‹Teams› gearbeitet, und selbstständig nach einem Wochenplan zu lernen, waren sich die Schülerinnen und Schüler ebenfalls gewohnt.» Er selbst hat grossen Gefallen gefunden an der Technik, hat zu Hause für die Videoschaltungen ein kleines Studio eingerichtet mit je nach Fach oder Thema wechselndem Hintergrund. Vor allem die ersten vier Wochen seien spannend gewesen, nach den Frühlingsferien sei die Luft aber draussen gewesen – bei ihm wie bei den Jugendlichen. «Der digitale Unterricht ist in erster Linie ein Einbahnunterricht – gerade mit Sek-B-Schülern ist das auf die Dauer schwierig durchzuziehen.» Und noch ein Fazit hat er aus dieser Zeit gezogen: «Wäre Schule nur noch digital, wäre Lehrer nicht mehr mein Beruf.»

Apropos Beruf: In der Corona-Krise sei die Erfüllung des nicht unumstrittenen Berufsauftrags enorm schwierig. «Während des Fernunterrichts waren die Klassenlehrpersonen zeitlich noch mehr als üblich gefordert, Fachlehrpersonen wie Sport- oder Handarbeitslehrpersonen jedoch konnten weniger arbeiten. Wie schreibt man da Stunden auf oder eben nicht?» Als Vize-Präsident von Sek ZH weiss Kaspar Vogel, dass die Schulleitungen dies sehr unterschiedlich handhaben. «Was in dieser Zeit wohl auch gar nicht anders geht.»

Sekundarlehrer Kaspar Vogel ist derzeit nur an vier Halbtagen pro Woche im Schulhaus anzutreffen.

Pause im Berufswahlprozess

Für die Jugendlichen wiederum sieht er ein anderes Problem: Der Berufswahlprozess und die Lehrstellensuche seien vorübergehend weitgehend stillgestanden. Nun würden Schnupperlehren teilweise wieder durchgeführt, aber: «In vielen Betrieben glaubt man, die Lehrstellen nach dem gleichen Fahrplan wie sonst besetzen zu können. Und weil bei den Jugendlichen und den Eltern die Angst gross ist, überhaupt eine Lehrstelle zu finden, besteht die Gefahr, dass es zu überstürzten Vertragsabschlüssen kommt.» Darum ermutigt er Schüler und Eltern, die momentane Ungewissheit auszuhalten, weil sich das Verpasste noch ausgleichen lasse, wenn es jetzt wieder losgehe.

Nun hofft er, dass der Unterricht am 8. Juni wirklich wie geplant wieder vollumfänglich aufgenommen werden kann. Auch wenn dies erneut eine grosse Umstellung für alle mit sich bringen würde. Jeden Morgen wieder um 7.20 Uhr im Klassenzimmer zu sitzen – da würden wohl etliche Schüler anfangs verschlafen, die sonst nie verschlafen, meint Kaspar Vogel. Oder um 10 Uhr bereits zum ersten Mal gähnen. «Wir werden einmal mehr in dieser Krise zuerst wieder eine Routine finden müssen.»

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