Zusätzliche Motivation für starke Lernende

27.02.2020 - Mitteilung

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1999 startete das Pilotprojekt «Bilingualer Unterricht» an ersten Berufsfachschulen im Kanton Zürich. Nach 20 Jahren ist klar: «bili» ist für Lernende und Lehrpersonen eine Bereicherung, bedeutet aber auch Mehraufwand.

Text: Jacqueline Olivier   Fotos: Stephan Rappo

«Ich wollte schon immer bili machen», sagt Leonie Koller, «ich mag Englisch und finde es interessant, etwas Zusätzliches lernen zu können.» Die angehende Kauffrau ist im dritten Lehrjahr und besucht die Wirtschaftsschule KV Zürich. Dort hat sie das M-Profil gewählt, das auf die Berufsmaturität vorbereitet, sowie das Angebot «Bilingualer Unterricht», kurz «bili» genannt.

Seit 2011 führt das KV Zürich Klassen mit zweisprachigem Unterricht in Deutsch-Englisch. Nicole Widmer, Lehrerin für Wirtschaftsfächer, ist die «bili»- Verantwortliche der Schule. Sie war es auch, die gemeinsam mit Christoph Hohl, Lehrer für Geschichte und Englisch und ihr Vorgänger als «bili»-Verantwortlicher, den Stein ins Rollen gebracht hatte. «Wir haben begonnen, auf Englisch zu unterrichten, und unser Rektor war von der Idee sofort begeistert.» Ein «bili»-Konzept wurde erstellt, weitere Lehrpersonen kamen dazu, absolvierten die Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule. Von Anfang an hatte man sich für das Profil «biliadvanced» entschieden (siehe Kasten). Stolz erklärt Nicole Widmer: «Wir haben den ‹Rolls-Royce› von ‹bili›, das heisst, bei uns werden alle Fächer zweisprachig unterrichtet ausser Deutsch und Französisch.» Eine weitere Ausnahme betrifft die Rechtskunde im Fach Wirtschaft und Recht – Gesetzestexte sind in Deutsch verfasst und gelten nur für die Schweiz.

Mit dieser «Vollversion» hat die Wirtschaftsschule KV Zürich bislang einen Alleinstellungsstatus unter den kaufmännischen Berufsfachschulen der Schweiz. Begonnen hat man mit M-Klassen, später wurde «bili» auch für das E-Profil angeboten, dessen Ausbildungsschwerpunkt im Fachbereich Wirtschaft und Gesellschaft liegt. Angehende KV-Schülerinnen und -Schüler, die das M-Profil belegen möchten, machen eine Aufnahmeprüfung und können sich schon vorher für den bilingualen Unterricht anmelden. Wenn sie die Prüfung bestehen, heisst dies allerdings noch nicht, dass sie auch in eine «bili»-Klasse aufgenommen werden können. Für das Schuljahr 2018/19 beispielsweise haben 37 der angemeldeten Jugendlichen bestanden, aufgrund der vorgegebenen Klassengrösse von 24 Schülern mussten folglich noch andere Kriterien entscheiden. «Wer bili machen will, muss in allen Fächern gut sein», betont Nicole Widmer, «bei KV-Lernenden ist oft die Mathematik der Knackpunkt.» Englisch hingegen sei weniger matchentscheidend – «das lernen die Schüler dann ja im bilingualen Unterricht». Im E-Profil ist ein Notendurchschnitt von 4,5 im Sekundarschulzeugnis die Voraussetzung für «bili», ansonsten müssen die Schüler eine Englisch-Prüfung ablegen.

Für den Beruf wichtig

Pro Jahrgang werden sicher je eine M- und eine E-Klasse bilingual geführt, dreimal konnte man bereits zwei M-Klassen bilden. Viele der Lernenden brauchen Englisch in ihrem Lehrbetrieb, so auch Leonie Koller, die bei Swissport International am Flughafen Zürich arbeitet. «Hier spreche ich fast mehr Englisch als Deutsch», erzählt sie. Der zweisprachige Unterricht an der Berufsschule macht ihr Spass. «Für mich ist er eine zusätzliche Motivation und bringt mir viel für den Beruf.» In ihrer Klasse seien alle stark auf Englisch fokussiert, viele brauchten es wie sie beruflich. «Ich finde, wir sind eine sehr gute Klasse. Dank ‹bili› getrauen wir uns viel eher, Englisch zu sprechen, und niemand macht sich über Fehler lustig.» Natürlich bedeutet «bili» auch mehr Arbeit. So muss beispielsweise das Fachvokabular auf Deutsch und Englisch gelernt werden. Doch das findet Leonie Koller machbar: «Der Stoff ist ja der gleiche.»

Für die Lehrpersonen hingegen ist der Mehraufwand deutlich spürbar. Nicole Widmer hat zwar vor 20 Jahren einen Master of Business Administration in England gemacht, trotzdem sagt sie: «Ich bin nicht muttersprachig und muss mein Vokabular immer wieder auffrischen.» Ausserdem wird alles, was zweisprachig unterrichtet wird, auch zweisprachig geprüft. Die Prüfungen in Betriebs- und in Volkswirtschaft sowie Rechnungswesen übersetzt sie selbst ins Englische. Und das Korrigieren der zweisprachigen Prüfungen sei viel anstrengender. «Nicht alle Lehrpersonen bleiben da bei der Stange.»

Die Lehrmittel mussten die zu Beginn involvierten Lehrpersonen selbst schreiben, denn es gab keine, die sie hätten verwenden können. «Das waren Hunderte von Stunden.» Und ganz viel Herzblut, denn das rechne sich überhaupt nicht. «Für bili-Lehrmittel sind die Auflagezahlen minimal, wir können kaum an andere Schulen verkaufen.»

Trotzdem möchte Nicole Widmer den zweisprachigen Unterricht nicht missen. «Ich bin nun 30 Jahre am KV Zürich tätig – ‹bili› bedeutet für mich ein Jobenrichment.» Freude machen ihr ebenso die ambitionierten Lernenden. Da sie einen grossen Teil des Stoffs quasi doppelt lernten – «‹bili› lebt von der Redundanz» –, sitze die Materie besser. Die Erfolgsquote der «bili»-Schüler an der Lehrabschlussprüfung sei gut, viele erreichten einen hohen Notendurchschnitt. Zudem machen viele «bili»-Absolventen im Englisch einen um ein oder sogar zwei Level höheren Abschluss als für das Qualifikationsverfahren vorgegeben – im M-Profil zum Beispiel ein «Advanced» oder «Proficiency» statt eines «First». Etliche schrieben auch ihre Abschlussarbeit auf Englisch, was für die Lernenden lediglich ein Angebot sei, keine Pflicht.

Die «bili»-Verantwortliche Nicole Widmer und die KV-Lernende Leonie Koller (von links) beim Besprechen einer Aufgabe. Sie sind beide begeistert vom zweisprachigen Unterricht.

Kein Fremdsprachenunterricht

Positive Erfahrungen mit «bili» macht man auch an der Berufsfachschule Winterthur, wo das Angebot im Schuljahr 2013/14 eingeführt wurde. Und zwar für die Fachpersonen Betreuung (FaBe), allerdings nur für jene mit der Fachrichtung Kinderbetreuung. Hier lasse es die grosse Zahl der Lernenden zu, dass für jede Schultagskombination eine «bili»-Klasse geführt werden könne, erklärt Ursina Meier, Abteilungsleiterin Soziale Berufe. Zweisprachig unterrichtet wird nur ein Teil der Fächer, nämlich Allgemeinbildender Unterricht (ABU), Begleiten und Betreuen, Mensch und Entwicklung, Musik und Bewegung sowie Zusammenarbeit und Kommunikation.

«In den ersten Jahren stieg die Zahl der ‹bili›-Lernenden rasch an», sagt Ursina Meier, «zurzeit stagniert sie etwas.» Sie ist eine Verfechterin des bilingualen Unterrichts. Er sei eine Möglichkeit, die Lernenden an und mit einer Fremdsprache arbeiten zu lassen. Denn für viele Berufe – wie zum Beispiel FaBe – ist an der Berufsfachschule kein Fremdsprachenunterricht vorgesehen. Für die Abteilungsleiterin ein grosser Widerspruch zum viel zitierten Grundsatz «Kein Abschluss ohne Anschluss». «Fremdsprachen, vor allem Englisch, sind für alle weiterführenden Schulen ein Muss.» Für Lernende, die drei oder gar vier Jahre keinen Fremdsprachenunterricht genossen hätten, sei dies ein Handicap.

Engagement der Lehrpersonen

Dank des bilingualen Unterrichts könne die Schule ausserdem den stärkeren Lernenden, die keine Berufsmaturitätsschule besuchten, eine zusätzliche Herausforderung bieten. Und die Betriebe profitierten ebenfalls. «In vielen Kitas wird mit fremdsprachigen Eltern Englisch gesprochen.»

Auch in Winterthur ist man sich jedoch bewusst, dass der Aufwand für die Lehrpersonen gross ist – für die Ausbildung wie auch für die Unterrichtsvorbereitungen. FaBe-Lehrmittel existieren nur teilweise in Englisch oder sind nur beschränkt einsetzbar. Viele Materialien stellen die Lehrpersonen folglich selbst zusammen. Und für diesen Aufwand können die Lehrerinnen und Lehrer laut Ursina Meier nur minimal entlastet werden. «Wir sind auf motivierte und überzeugte Lehrpersonen angewiesen, die diesen Zeitaufwand auf sich nehmen. Solange wir solche Lehrpersonen haben, funktioniert ‹bili›.»

Für die KV-Lernende Leonie Koller ist der zweisprachige Unterricht auf jeden Fall ein Gewinn. Sie kann sich vorstellen, später einmal im asiatischen Raum zu arbeiten. Da wäre ihr das gelernte Englisch nützlich. Ihr erstes Ziel ist aber ein ganz anderes: Sie möchte die «Passerelle» absolvieren und anschliessend an der Pädagogischen Hochschule die Ausbildung zur Seklehrerin absolvieren. «Vielleicht gibt es bis dorthin ‹bili› auch auf dieser Stufe», sagt sie hoffnungsvoll. Und sonst bleibt für sie immer noch der Weg an eine internationale Schule.

           
           

Der bilinguale Unterricht an Berufsfachschulen

1999 wurde der bilinguale Unterricht («bili») im Rahmen eines Pilotprojekts an elf Berufsfachschulen im Kanton Zürich eingeführt. Der grösste Zuwachs erfolgte während der vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) konzipierten und finanziell unterstützten Aufbauphase von 2011 bis 2015. Heute bieten 18 Schulen in rund 30 Berufen «bili» in drei verschiedenen Profilen an: «basic», «standard» oder «avanced». In den «bili»-Fächern wird teils Deutsch, teils Englisch unterrichtet und das Fachvokabular in beiden Sprachen erarbeitet. Seit 2011 wird der «bili»-Unterricht als freiwilliges Angebot im Regelbetrieb durchgeführt, mit klar definierten Rahmenbedingungen. In der Umsetzung sind die Schulen jedoch sehr frei, wie Mary Miltschev, Beauftragte Fremdsprachen im MBA, erklärt. Wer «bili» anbiete respektive unterrichte, sei begeistert. Neben den Sprachkenntnissen würden vor allem die Kommunikationsfähigkeit und die Selbstsicherheit der Jugendlichen gefördert. Allerdings sei «bili» bei den Jugendlichen und an den Volksschulen immer noch zu wenig bekannt, habe zu wenig «Publicity». Die Zahl der Lernenden, die sich für den zweisprachigen Unterricht entscheiden, stagniere, während jene der für «bili» ausgebildeten Lehrpersonen steige. «Das heisst, es gibt viele ausgebildete Lehrpersonen, die gar nicht zweisprachig unterrichten.» Mary Miltschev wünscht sich deshalb mehr Unterstützung durch die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) und der Betriebe. Ende November fand an der Pädagogischen Hochschule aus Anlass von «20 Jahre bilingualer Unterricht» ein ganztägiger Jubiläumsanlass mit Präsentationen, Diskussionswerkstatt und Podiumsgespräch statt. Dies sei ein gutes Signal gewesen, meint die Beauftragte Fremdsprachen. «Ich bin überzeugt, dass ‹bili› auch in 20 Jahren an den Berufsfachschulen präsent sein wird.» [jo]

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