Die Perspektive wechseln

27.02.2020 - Mitteilung

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Mit älteren Menschen singen, Asylsuchende in Deutsch unterrichten oder Sehbehinderten vorlesen: Seit 2004 leisten Jugendliche des Akzents Ethik/Ökologie am Zürcher Wirtschaftsgymnasium Hottingen auch einen Sozialeinsatz. Die Idee ist, dass sie andere Lebensrealitäten kennenlernen.

Text: Walter Aeschimann   Fotos: Marion Nitsch

Nathalie spielt jeden zweiten Mittwochnachmittag mit kleinen Kindern und hilft beim «Zvieritisch». Sie geht in eine Institution, die Familien in schwierigen Situationen unterstützt. «Die Kinder erkennen mich sofort, wenn ich wiederkomme. Das ist schön.» Lino, Janosch und Leo unterrichten Asylsuchende an der Fachschule Viventa in Deutsch. «Es braucht sehr viel Geduld. Man muss die Dinge ganz anders erklären», sagen sie. «Aber es ist eine gute Erfahrung.» Mara arbeitet bei Gemeinsam statt Einsam (GsE), einem Verein in Affoltern am Albis, der hilfsbedürftige Menschen unterstützt. Sie hört den Lebensgeschichten der Menschen zu, hilft Ihnen Deutsch zu lernen oder gibt Essen am Mittagstisch aus. «Ich wollte meinen Sozialeinsatz dort leisten, wo ich wohne und einen Bezug habe.»

Auch Clara hat das Blindenheim Mühlehalde bewusst gewählt. Ihre Mutter war vor einem Jahr plötzlich und vorübergehend erblindet. «Das hat mich sehr beschäftigt. Ich habe erkannt, dass sehbehinderte Menschen eine ganz andere Welt wahrnehmen.» Sie liest den Sehbehinderten vor. An Weihnachten backte sie Guetsli. Manchmal kommt eine Kindergarten- Waldspielgruppe vorbei. Dann spielen Clara, Kinder und Sehbehinderte zusammen.

Die sechs 16 Jahre alten Schülerinnen und Schüler der Klasse G2A besuchen das Gymnasium der Kantonsschule Hottingen mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht. Sie belegen innerhalb des gymnasialen Angebots den sogenannten Akzent Ethik/ Ökologie. Das bedeutet, die entsprechende Lehrperson behandelt in jedem Semester und in ihrem Fach – eingebettet in den regulären Unterricht – ethisch oder ökologisch relevante Themen. Wer diesen Akzent wählt, muss parallel im zweiten Schuljahr auch einen obligatorischen Sozialeinsatz leisten. Rund 80 Stunden über das Jahr verteilt, meistens am freien Mittwochnachmittag. Die Jugendlichen erhalten dafür keine Entschädigung. Rund 40 Stunden haben sie unterdessen absolviert.

Sie unterrichten regelmässig Asylsuchende: Leo (zweiter von links)...

Perspektivenwechsel als Idee

Die Schule liegt im Zürcher Kreis 7, einem ruhigen Quartier mit vielen Bürgerhäusern, unweit von Kunsthaus und Schauspielhaus, angrenzend an das Universitätsquartier. Das Gymnasium führt den Akzent Ethik/Ökologie seit 2004, als erste Schule in der Schweiz. Im Januar 2008 wurde das Projekt mit dem «Profaxpreis» für innovative Schulentwicklung ausgezeichnet. Seit November 2010 ist es im Lehrplan der Kantonsschule verankert. «Die Idee der Gründer war der Perspektivenwechsel. Wirtschaftsmittelschüler sollen sich auch mit ethischen und sozialen Fragen beschäftigen», sagt Kaspar Gysel, Geschichtslehrer am Gymnasium und verantwortlich für den Akzent. «Und die längerfristige, regelmässige Begegnung mit Asylbewerbern, Obdachlosen, Kindern aus sozial benachteiligten Familien, älteren, kranken oder behinderten Menschen soll den Akzentklässlern neue Lebensfelder zeigen.» Diese Idee habe nach wie vor Gültigkeit.

Nathalie staunte zu Beginn, wie offen die kleinen Kinder ihr gegenüber sind. Mara war am Anfang schockiert, wenn ihr Menschen im Verein GsE «persönliche und schlimme Lebensgeschichten erzählten». Unterdessen kann sie besser damit umgehen. Leo erfährt von einem Asylanten viel über das Leben im Libanon. «Das berührt mich sehr.» Lino und Janosch stellen fest: «Die Asylanten sind glücklich, wenn wir kommen, weil wir gute Gesprächspartner sind.» Und Clara hat lernen müssen, zu akzeptieren, dass Menschen verstorben sind, wenn sie zwei Wochen später wieder ins Blindenheim kam.

...und Lino (links) an der Fachschule Viventa in Zürich.

Ohne Berührungsängste

Die Schüler und Schülerinnen suchen ihre soziale Institution eigenständig. Sie schreiben eine Bewerbung, führen das Bewerbungsgespräch und schnuppern allenfalls einen Tag. Erst dann treten sie den Einsatz an. Zur Auswahl steht jeweils eine Liste von Einrichtungen, mit denen die Schule gute Erfahrungen macht. Einzelne Organisationen stellen sich im ersten Jahr auch in der Schule vor. Andere werden von Ehemaligen empfohlen. «Es braucht viel Energie und eine sorgfältige Koordination, bis alle einen Sozialeinsatz haben», sagt Gysel. «Aber die Arbeit lohnt sich.» Die Jugendlichen haben in der entsprechenden Institution eine Fachperson, die sie unterstützt. Zusammen besprechen sie jeweils vor dem neuen Einsatz die vergangenen und die kommenden Stunden. Für die Dauer des Sozialeinsatzes ist den Jugendlichen auch eine Lehrperson zugeteilt, die sie betreut und manchmal in der Institution besucht.

Katharina Keller ist Französischlehrerin am Gymnasium und betreut seit vielen Jahren die Lernenden beim Sozialeinsatz. Sie kann nur Positives berichten: «Alle Jugendlichen, die ich betreute, waren vom sozialen Engagement überzeugt. Sie machten Fortschritte. Sie wurden reifer. Niemand wollte abbrechen. Und die Institutionen waren sehr zufrieden.» Wenn es Schwierigkeiten gegeben habe, seien es Probleme innerhalb der Organisation gewesen, sagt sie.

Auch Englischlehrer Ralph Kilchenmann unterstützt Akzentlernende. Er sei immer wieder beeindruckt, wie offen sie die Einsätze leisten würden: «Die Jugendlichen haben überhaupt keine Berührungsängste.» Er selbst hätte in diesem Alter wohl eher Mühe gehabt, mit älteren und dementen Menschen umzugehen. Eine Szene im Zürcher Alterszentrum Sydefädeli ist ihm besonders in Erinnerung. Die Schülerin war 15, die älteste Insassin 96 Jahre alt. «Es war eindrucksvoll, wie die Schülerin über alle Altersgrenzen hinweg unbefangen mit den Menschen gesungen hat.»

Am Schluss des Jahres müssen die Jugendlichen ihren Sozialeinsatz reflektieren. Sie schreiben ihre Gedanken auf einer A4-Seite nieder. Dafür erhalten sie ein spezielles Zeugnis, das aber nicht für den Abschluss zählt. Wichtig ist den Lehrpersonen, dass die Jugendlichen persönliche Eindrücke formulieren oder nochmals bewusst über die Ziele des Sozialeinsatzes nachdenken. Die Eckpfeiler sind auf der Homepage aufgelistet: andere Realitäten wahrnehmen, soziale Unterschiede erleben, bewusster mit Benachteiligten umgehen, über einen längeren Zeitraum Verantwortung übernehmen oder Theorie in die Praxis übertragen.

Anstrengend, aber lehrreich

Im Moment belegen 15 Lernende den Akzent Ethik/Ökologie. Schüler und Schülerinnen sind etwa gleich vertreten. Es sei eher schwieriger geworden, eine Klasse mit diesem Akzent durchzuführen, sagt Gysel. «Am Anfang war der Akzent sehr speziell. Diesen Nimbus hat er etwas eingebüsst.» Ein Grund sei sicherlich die Konkurrenz im eigenen Haus. Denn unterdessen bietet das Schulhaus weitere Akzente an: Entrepreneurship und Immersion English. Die neuen Ausrichtungen seien eher beliebter, «womöglich auch, weil man dabei Geld verdienen kann und ein praktischer Nutzen klarer ersichtlich ist». Gysel ist aber zuversichtlich, dass der Akzent Ethik/Ökologie weiterhin bestehen bleibt. Das Kollegium und die Schulleitung tragen die Idee, im Unterricht über Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung nachzudenken oder Lernende zu animieren, den gewohnten Lebensraum zu verlassen. Die aktuelle, intensive Klimadiskussion helfe ausserdem, den Akzent in der Schülerschaft wieder etwas populärer zu machen, sagt Gysel.

Dennoch überlegen sich die Verantwortlichen an der Schule, den Sozialeinsatz auf 60 Stunden zu reduzieren. Eine weitere Möglichkeit wäre, ihn auch konzentrierter anzubieten, etwa während der Sommerferien. Bereits heute dürfen die Lernenden bestimmte Freifächer als Sozialeinsatz anrechnen. Beispielsweise ein Entwicklungsprojekt, das sie vom Konzept bis zum erfolgreichen Fundraising entworfen und abgeschlossen haben. Die punktuelle Anpassung des Sozialeinsatzes würde den Jugendlichen wohl entgegenkommen. Denn sie sind sich einig: Der Sozialeinsatz sei schon anstrengend, anstrengender als zuvor gedacht. Aber die interessanten und lehrreichen Erfahrungen würden überwiegen. Sie seien dank dem Sozialeinsatz offener geworden und hätten mehr Verständnis für andere gesellschaftliche Situationen. Mara kann sich gar vorstellen, auch später freiwillig bedürftigen Menschen zu helfen. Für Clara ist besonders schön, wenn die Insassen im Blindenheim stets fragen würden, ob sie wiederkomme: «Sie freuen sich auf mich. Das freut mich auch.»

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