Das Sprungbrett zum Traumberuf

27.02.2020 - Mitteilung

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Ohne Sekundarschulzeugnis ist es schwierig, eine Lehrstelle zu finden. An der Fachschule Viventa in Zürich können Erwachsene den Abschluss nachholen. Die Nachfrage ist gross.

Text: Andrea Söldi   Foto: Hannes Heinzer

An der Wandtafel ist in der Mitte eine Messlatte befestigt. Ayda Erkart hängt ein kleines Gewicht ans linke Ende. Auf der rechten Seite bringt die Schülerin ein gleich schweres Gewicht an, jedoch zehn Zentimeter näher beim Mittelpunkt. Die Latte kippt nach links. «Wieso ist das passiert?», will Lehrer Werner Gamper wissen. Ein junger Mann mit fremdländischem Akzent meldet sich: «Die Abstände sind nicht gleich. So hat die Kraft eine andere Wirkung.» An der Fachschule Viventa in Zürich Wipkingen steht an diesem Januarnachmittag Physik auf dem Stundenplan. Die Sek-B-Klasse befasst sich mit der Hebel-Wirkung. Im Laufe der Lektion wird sie mathematische Gesetzmässigkeiten kennenlernen, mit denen sich die Beziehung von Gewicht und Abstand genau voraussagen lässt.

Zielstrebige Lernende

In nur einem Jahr holen die Frauen und Männer an der Schule der Stadt Zürich ihren Sekundarschulabschluss nach. «Es ist anstrengend», sagt Ayda Erkart. Die 25-Jährige hat vor rund 10 Jahren die Sek C besucht. «Ich muss vor allem für die Fremdsprachen – Französisch und Englisch – viel arbeiten.» Die junge Frau hat nach einer Ausbildung zur Bäckerin- Konditorin auch noch Coiffeuse gelernt und danach viele Jahre Haare geschnitten. Um neben der Schule etwas zu verdienen, steht sie auch jetzt noch eineinhalb Tage pro Woche im Coiffeursalon. Doch sie hat sich höhere Ziele gesetzt: «Ich möchte Sozialpädagogin werden.»

Ihre Kollegin Ämell Rechaïdia ist ebenfalls Schweizerin, hat aber viele Jahre in Tunesien gelebt, von wo ihr Vater stammt. Dort war sie auf dem Gymnasium. Vor zwei Jahren ist sie mit ihrer Familie zurück nach Zürich gekommen. «Hier ist mein Abschluss nicht anerkannt», musste die 19-Jährige erfahren. Für die Kantonsschule war sie bereits etwas zu alt. Und auch eine Lehrstelle zu finden, klappte nicht. «Vielleicht lag es am fehlenden Zeugnis, vielleicht auch am Kopftuch», mutmasst sie. Gemeinsam mit ihrer Schwester, die dieselbe Klasse besucht, will sie nun den Sek-A-Abschluss erwerben. Am meisten gefordert sei sie mit der deutschen Rechtschreibung und Grammatik, sagt Rechaïdia, die fliessend Schweizer Mundart spricht. Doch auch im Fach Geschichte hat sie Lücken, weil es in Tunesien auf Arabisch unterrichtet wurde und sie nicht alles verstand. Nach dem Sekundarschulabschluss wolle sie an einer Privatschule die Matura machen, sagt die zielstrebige Frau. «Mein Traum ist es, Maschinenbau zu studieren.»

Wieder lernen, zu lernen

Die Fachschule Viventa bietet jährlich gut 30 Plätze in einer Sek-A- oder -B-Klasse an. Das Interesse übersteigt in der Regel das Angebot deutlich. Aufgenommen wird aber nur, wer eine Prüfung in Deutsch und Mathematik besteht. Zudem wird in einem Gespräch die Leistungsbereitschaft abgeklärt. «Wir nehmen nur diejenigen, die wirklich motiviert sind», sagt Bereichsleiter Walter Heierli. Den Stoff von drei Jahren Sekundarschule in einem einzigen Jahr aufzuarbeiten, sei anspruchsvoll. Die Schule schliesst deshalb mit allen Schülerinnen und Schülern einen Vertrag ab, in dem sie sich unter anderem verpflichten, zuverlässig und seriös zu lernen. Jeden Nachmittag ab 15 Uhr arbeiten sie selbstständig in einem Lernatelier und führen ein Journal. Bei Bedarf können sie sich bei den Lehrpersonen Hilfe holen. «Viele sind es nicht mehr gewohnt, zu lernen», erklärt Heierli. In einem Vorbereitungsmodul vor Beginn des eigentlichen Unterrichts eignen sie sich deshalb zuerst einmal Lernstrategien an. Dies trägt dazu bei, dass in der Regel 60 bis 70 Prozent erfolgreich sind an der Schlussprüfung.

Im letzten Dezember konnte das Angebot sein 30-jähriges Bestehen feiern. Es geht auf ein Postulat der damaligen FDP-Kantonsrätin Trix Heberlein zurück. Absicht war, die Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen zu bekämpfen. Eine der nächsten Aufgaben wird es sein, den Kurs den Vorgaben des Lehrplans 21 anzupassen.

Ämell Rechaïdia, Ayda Erkart und Hamid Hashemi (von links) streben nach dem Sekundarabschluss eine höhere Ausbildung an.

Immer mehr Migranten

In den letzten Jahren waren es zunehmend bildungsaffine Personen mit Migrationshintergrund, zum Teil auch aus dem Asylwesen, die den Kurs nutzten, um Anschluss ans Schweizer Bildungssystem zu finden. Einer in dieser Gruppe ist Hamid Hashemi. Der 31-Jährige ist vor vier Jahren als Asylsuchender aus Afghanistan in die Schweiz gekommen. Um dem Unterricht folgen zu können, musste er zuvor gut Deutsch lernen. «Ich habe Kurse besucht und meine Sprachkenntnisse selbstständig mit Youtube-Filmen verbessert», erzählt Hashemi. Im Iran, wo er lange lebte, habe er das Abitur gemacht. Danach arbeitete er als Automechaniker und Näher. Nun schwebt ihm eine Ausbildung zum Geomatiker vor. Der junge Mann meldet sich im Unterricht rege zu Wort. Die Lernkultur sei anders als in Asien, stellt er fest und lacht: «Dort lernt man, dass zwei mal zwei vier gibt. Hier muss man sogar in der Mathematik alles begründen.» Auch die gute Atmosphäre in der Klasse und dass er den Lehrpersonen auf Augenhöhe begegnen kann, schätzt Hashemi. Bedrückend sei jedoch, dass er als vorläufig Aufgenommener nie wisse, ob er wirklich in der Schweiz bleiben könne.«Fürs Lernen ist das nicht gerade motivierend.»

Kein Integrationsauftrag

Die Schicksale und die unsichere Zukunft der Asylbewerber sei manchmal belastend, sagt Walter Heierli. «Ich habe immer eine offene Tür und stehe für persönliche Gespräche zur Verfügung.» Doch er mache den Betroffenen auch klar, dass er keinen Einfluss auf den Asylprozess nehme. Das Aufeinandertreffen verschiedenster Nationalitäten und Kulturen sei im Schulalltag nicht immer einfach, fügt er hinzu. Eigentliche Integrationsarbeit könne die Schule nicht leisten. Denn mit dem dichten Stoffplan bleibt keine Zeit für vieles, was in der regulären Sekundarschule dazugehört: Klassenlager, Ausflüge oder weniger kopflastige Fächer wie Sport, Zeichnen und Musik. Dennoch erlebt es der Bereichsleiter häufig, dass sich Kursteilnehmende öffnen, die anfangs sehr zurückhaltend waren. Er führt dies auf die sogenannte Bildungssozialisation zurück: In der Schule bekommen die Lernenden einiges von der hiesigen Kultur mit. «Wir legen Wert auf Höflichkeit, Eigenverantwortung und gegenseitigen Respekt», betont der Bereichsleiter. «Wir nennen es den Wipkinger Spirit.»

Die Auseinandersetzung mit der Berufswahl liegt vorwiegend in der Verantwortung der Kursteilnehmenden. Sie können jedoch die Dienste der zuständigen Berufsberaterin im Laufbahnzentrum in Anspruch nehmen. Um die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, hilft oft eine Bestätigung der Kursleitung, welche Aufschluss über die Schulleistungen und überfachlichen Kompetenzen gibt. «Nicht alle Berufswünsche sind realistisch», räumt Walter Heierli ein. Hin und wieder begegnet er Ehemaligen in der Stadt und freut sich jedes Mal, wenn sie zufrieden sind mit ihrer beruflichen Situation und es den Anschein macht, dass sie ihren Platz im Leben gefunden haben. Systematisch erfasst die Schule den Werdegang der Ehemaligen nicht. Neben den Menschen mit Migrationshintergrund besuchen auch etliche Personen die Schule, die hier aufgewachsen sind und dennoch keinen Sekundarabschluss haben. Die Gründe sind vielfältig: Krankheiten, frühe Schwangerschaften, Time-out-Situationen. Einige Kursteilnehmende streben zudem einen Abschluss auf höherem Niveau an. So zum Beispiel Elias Vogelsanger, der nach der Sek C eine zweijährige Bäckerausbildung gemacht hat. Jetzt hat er sich höhere Ziele gesetzt: «Ich will eine berufliche Zukunft, die Spass macht, statt einfach zu nehmen, was übrig bleibt», sagt der 19-Jährige. «Es ist streng. Aber ich mache das für mich.»

           
           

Sekundarschulabschluss für Erwachsene

Der Vorbereitungskurs für den Sekundarabschluss für Erwachsene (SAE) dauert ein Jahr. Ein Vorbereitungsmodul ist Teil des Kurses und wird empfohlen. Es umfasst sieben wöchentliche Doppellektionen ab August zum Thema «Arbeitsorganisation». Das Mindestalter für den Kurs beträgt 18 Jahre. Vorausgesetzt werden gute Deutschkenntnisse in Wort und Schrift, Grundkenntnisse in Englisch und/oder Deutsch sowie die bestandene Aufnahmeprüfung in Deutsch und Mathematik. Angeboten wird der Sekundarschulabschluss A, B oder A/B gemischt. Es besteht ausserdem die Möglichkeit, die Fächer Mathematik, Französisch und Englisch auf einem anderen Niveau als jenem der Stammklasse abzuschliessen. Wer das Kursgeld nicht aus eigenen Mitteln aufbringen kann, hat die Möglichkeit, ein Stipendium bei der Berufsberatung des Kantons Zürich oder der zuständigen Sozialberatungsstelle zu beantragen. Nächster Kursbeginn ist der 19. Oktober 2020. [as]

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