Dank gezielter Unterstützung ans Gymi

27.02.2020 - Mitteilung

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Begabte Kinder aus sozial benachteiligten Familien lernen in den Förderkursen des Vereins Chance Wiedikon für die Gymiprüfung. Ihre Motivation ist gross, das Engagement der Kursleiterinnen und -leiter ebenso.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Hannes Heinzer

Mittwochnachmittag im reformierten Kirchgemeindehaus Wiedikon. 15 Kinder sitzen in einem der Räume im 1. Stock, die der Kantonsschule Wiedikon (KWI) als zusätzliche Schulzimmer dienen. Die Mädchen und Buben sind keine Mittelschüler, möchten es aber gern werden. Die Sechstklässler bereiten sich seit August an ihrem einzigen freien Nachmittag der Woche sowie jeden zweiten, in den letzten Wochen vor den Prüfungen gar jeden Samstagmorgen auf die Aufnahmeprüfung fürs Langgymnasium vor. Unterrichtet werden sie von Kursleiterinnen und -leitern des Vereins Chance Wiedikon. Die anwesenden Schüler kommen aus diversen Schulen der Stadt und umliegender Gemeinden und alle aus sozial benachteiligten, meistens fremdsprachigen Familien und werden hier gezielt beim Lernen auf die Prüfung unterstützt.

Es ist bereits der vierte Förderkurs, den der Verein durchführt (siehe Kasten). Dieses Jahr wird er erstmals doppelt führt. 16 Kinder werden in zwei Klassen unterrichtet. 16? Ja, ein Junge fehlt an diesem Nachmittag Anfang Januar, Clivia Krauss und Urs Kamm wissen nicht, wo er steckt. Trotzdem beginnen sie mit der ersten Lektion. Für diese Stunde werden beide Klassen zusammengenommen; auf dem Programm steht Mathematik. Clivia Krauss, Primarlehrerin, Heilpädagogin und Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ), gibt die Gymiprüfung zurück, die die Schüler in den Weihnachtsferien zu Hause gelöst haben.

«Aufgaben waren machbar»

Es war für die Kinder der erste Versuch, eine Mathe-Aufnahmeprüfung aus den Vorjahren von A bis Z durchzuarbeiten, und die Lehrerin will von ihnen wissen, wie dies für sie war. Ein Mädchen und ein Junge melden sich. Beide sagen, sie hätten schwierigere Aufgaben erwartet. Einige seien zwar knifflig gewesen, die meisten aber machbar. Die beiden Lehrpersonen sind mit dem Prüfungsresultat ebenfalls zufrieden. Der Notenschnitt liegt zwischen 3,5 und 4,5, mit einzelnen Ausreissern nach oben und unten. Gegen das Ende hin sei es aber wohl immer anspruchsvoller geworden, mutmasst Clivia Krauss, die letzten Aufgaben habe kein Kind mehr vollständig richtig gelöst. Diese werde man zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Doch nun geht es zuerst mit einer Konstruktionsaufgabe weiter. Urs Kamm übernimmt. Während er gemeinsam mit der Klasse nach der Lösung sucht, geht seine Kollegin von Tisch zu Tisch und schaut den einzelnen Schülerinnen und Schülern beim Hantieren mit Blatt und Zirkel zu, leistet die eine oder andere Hilfestellung.

Die beiden Lehrpersonen kennen sich schon seit Jahren, haben zusammen die Quereinsteiger-Ausbildung absolviert, und für ihre Masterarbeit in Heilpädagogik war Clivia Krauss in Urs Kamms Klasse am Zürichberg, in der ein Kind im Rollstuhl sass. Die Begleiterin dieses Schülers engagierte sich im Vorstand des Vereins Chance Wiedikon. So kam Clivia Krauss im vergangenen Sommer zu diesem Job. Und Urs Kamm schloss sich gleich an. Beiden bereitet dieses Engagement viel Freude. Die Kinder seien ausserordentlich motiviert, erzählt Clivia Krauss. «Sie lernen gern mit anderen zusammen, die etwa auf dem gleichen Stand sind wie sie selbst.» Und von den Klassenlehrpersonen höre sie ebenfalls viel Positives, etwa dass sich die Leistung und das Selbstvertrauen der Schüler seit dem Besuch des Kurses verbessert hätten.

In der Pause nach der ersten Lektion stossen die beiden Deutschlehrerinnen hinzu, Janine Suter und Lea Burger. Auch der zu Beginn vermisste Junge ist inzwischen aufgetaucht. Er war am Informationsanlass der KWI für Primarschülerinnen und -schüler. Clivia Krauss schmunzelt. Es sei geplant, dass alle Kinder des Förderkurses und ihre Eltern gemeinsam den zweiten Anlass in 14 Tagen besuchen würden. Aber das habe diese Familie offenbar nicht verstanden. Das Beispiel zeigt, dass die Kursleiter die Kinder nicht nur in schulischer Hinsicht fördern, sondern immer wieder auch in sozialer. Gerade die Verbindlichkeit des Kurses und dass man sich abmeldet, wenn man – begründet – nicht teilnehmen kann, habe man zu Beginn wiederholt thematisieren müssen, auch den Eltern gegenüber. Inzwischen klappe dies aber ganz gut, betont Clivia Krauss – bis auf das heutige Missverständnis.

Kursleiterin Clivia Krauss zeigt einem Schüler, wie er den Zirkel am besten ansetzt, um die Konstruktionsaufgabe zu lösen.

Hilfe bei Formalitäten

Ein anderer Punkt ist die Anmeldung für die Aufnahmeprüfung. Für Eltern aus einem fremden Kulturraum bedeutet diese eine hohe Hürde: Es braucht einen Computer oder ein Tablet, man muss sich im Internet zu bewegen wissen, unser Bildungssystem kennen, Deutsch verstehen. Allein schon, dass zuerst ein PIN-Code der Schule, bei der man sich anmelden will, angefordert werden muss, ist kompliziert. Deshalb unterstützen die Kursleiter Schüler und Eltern dabei oder kümmern sich gleich selbst um Code und Anmeldung.

Für die zweite Lektion wird die Gruppe aufgeteilt. Während die einen Kinder eine weitere Mathestunde vor sich haben, geht es für die anderen mit Deutsch weiter. Zum Abschluss des Nachmittags steht dann für alle Kinder eine weitere Deutschlektion auf dem Programm. Lea Burger hat als Gymilehrerin in Aarau und Olten gearbeitet. Im Rahmen eines Zusatzstudiums in Angewandter Ethik hat sie sich intensiv mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandergesetzt. Sie bewundert den Willen und die Lernfreude der Kinder. «Sie fühlen sich privilegiert, das habe ich schon von der ersten Stunde an gemerkt.»

Die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler sind auch ambitioniert. Basu* zum Beispiel möchte später Informatik studieren. Darum will er unbedingt ans Gymnasium. Seine Eltern stammen aus Bangladesch. Basu ist zwar in der Schweiz geboren, spricht aber zu Hause Bengalisch. Schweizerdeutsch versteht er gut, spricht es allerdings nicht ganz fehlerfrei. «Den Kurs finde ich sehr nützlich», sagt er, «ich bin besser geworden in deutscher Grammatik, und in Mathe habe ich neue Techniken gelernt, um bestimmte Aufgaben lösen zu können.» Eine «Nachhilfelehrerin» hat er auch zu Hause: Seine ältere Schwester besucht das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl. Dass eine Schülerin oder ein Schüler des Förderkurses ein älteres Geschwister an einem Gymi hat, ist ein absoluter Ausnahmefall. In wenigen Wochen wird Basu selbst an der Gymiprüfung antreten. Mit was für einem Gefühl? «Mit einem guten», antwortet er selbstbewusst. Am meisten Respekt habe er vor dem Aufsatz. Sollte er es dieses Mal nicht schaffen, will er die Prüfung auf jeden Fall in zwei Jahren noch einmal machen.

Auch Sek A wäre ein Erfolg

Es müsse ja nicht unbedingt das Gymnasium sein, findet Janine Suter, die bis vor Kurzem an der KWI unterrichtete und nun pensioniert ist. Für diese Kinder sei es auch ein Erfolg, wenn sie in die Sek A kämen. Von dort könnten sie ans Kurzgymnasium wechseln oder in eine interessante Lehre – allenfalls mit Berufsmaturität. «Vom Kurs profitieren sie so oder so.»

Das sieht auch Schülerin Hatice* so und kann diesen Profit klar benennen: «In der Geometrie habe ich Fortschritte gemacht, im Deutsch schreibe ich bessere Aufsätze.» Wobei sie in Deutsch sowieso gute Noten habe. Ihre Muttersprache jedoch ist Türkisch. Warum möchte Hatice ans Gymnasium? «Ich finde das Gymi interessant, man hat neue Fächer, lernt auch schwierigere Dinge. Ich gehe gern zur Schule und möchte Medizin studieren.» Jetzt, kurz vor der Prüfung, will sie sich vor allem auf die Mathematik konzentrieren, dort habe sie teilweise etwas Mühe. Ein Junge aus ihrer Klasse besucht ebenfalls den Förderkurs. Er sei stark in Mathe, dafür nicht so gut in Deutsch. Die beiden lernen deshalb oft zusammen.

Die deutsche Sprache sei das grösste Problem für ihre Schülerinnen und Schüler, sind sich die Kursleiter einig. Und gute Sprachkenntnisse seien halt auch für die Mathematikprüfung wichtig, denn von neun Aufgaben seien nur zwei rein rechnerischer Natur. Bei den anderen ist die Rechnung eingebettet in eine Situationsbeschreibung. Zudem geht es nicht nur um die Prüfung: In jedem Fach ist Deutsch die Voraussetzung, um dem Unterricht folgen und die Materie verstehen zu können – am Gymnasium ebenso wie an der Volksschule.

Ein halbes Jahr ist wenig Zeit

Die Zeit von den Sommerferien bis zur Aufnahmeprüfung von Anfang März ist kurz, alle Lücken werden sich nicht schliessen lassen, das weiss das Lehrerteam. Man fokussiert den Unterricht deshalb auf die hauptsächlichen. Wie viele der Kinder tatsächlich den Sprung ans Gymi schaffen werden, wagen die vier engagierten Kursleiterinnen und -leiter nicht zu prognostizieren, zumal im Moment die Erfahrungsnoten aus dem Februar- Zeugnis noch nicht vorliegen. Aber eines wissen sie mit Bestimmtheit: Vergebens werden die Bemühungen nicht sein – ihre nicht und noch viel weniger die der Kinder.

* Namen der Kinder geändert

           
           

Neu mit Göttisystem und Aufgabenhilfe

Der Verein Chance Wiedikon wurde im März 2015 auf private Initiative einiger Lehrpersonen der Kantonsschule Wiedikon gegründet mit dem Ziel, Kinder aus sozial benachteiligten Familien im Sinne der Chancengerechtigkeit beim Übertritt ans Langgymnasium zu unterstützen. Die Kinder werden von ihren Primarehrpersonen für den Förderkurs empfohlen und müssen ein Motivationsschreiben einreichen. Im Herbstsemester 2016/17 wurde der erste Kurs mit zwölf Kindern durchgeführt, drei von ihnen bestanden die Prüfung. «Von diesem Resultat waren wir natürlich enttäuscht», erzählt Markus Egli, Mathematiklehrer an der Kantonsschule Uetikon am See und vormals an der KWI. Der zweite Kurs sei mit acht Kindern, die bestanden, aber deutlich erfolgreicher gewesen. Der Finanzchef des Vereins erklärt: «Wir konzentrieren uns nun auf die Kinder, die stark sind in Mathe, aber Förderung in Deutsch brauchen.» Im zweiten Teil des Kurses nach der Prüfung wird weiter an den Deutschkenntnissen, an Lerntechniken und der Allgemeinbildung gearbeitet. Er kann auch von den Kindern besucht werden, die die Prüfung nicht bestanden haben. Die Prüfung kann an einem Gymnasium eigener Wahl abgelegt werden. Wer an die KWI wechselt, profitiert von dem eigens eingerichteten Göttisystem, in dem ältere Schülerinnen und Schüler die Kinder aus dem Kurs in der Probezeit begleiten. Neu ist ebenso die eigene Aufgabenstunde, und wie Markus Egli erklärt, wolle man die Kinder zukünftig auch bei wichtigen Schritten wie der Profilwahl oder der Maturitätsarbeit unterstützen. 2019 wurde ausserdem das Einzugsgebiet erweitert, neben den Schulkreisen Letzi, Limmattal und Uto kam das übrige Einzugsgebiet der KWI hinzu inklusive Sihltal und Säuliamt. Das Lehrerteam wurde ebenfalls neu gebildet. Die Kursleiter werden nach üblichem Tarif entlohnt. [jo]

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