Wann Humor der Schule hilft

28.02.2019 - Mitteilung

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Humor hilft in allen Lebenslagen. Diese Einsicht scheint so richtig wie banal. Nur die Pädagogik steht dem Thema reserviert gegenüber. Dabei deutet vieles darauf hin, dass pädagogischer Humor im Unterricht viele Chancen bietet.

Text: Walter Aeschimann   Fotos: Hannes Heinzer

«Es isch emal en blöde Müller gsi.» So beginnt das Märchen vom Rumpelstilzchen. Oder heisst es «Schrumpelfilzli», gar «Grümpelsülzli»? Egal. Die Geschichtenerzählerin entwickelt ihre eigenwillige, eine wunderbare, lustige Vorstellung. Sie sitzt und steht, fletscht und flüstert. Sie wechselt die Mimik von zuckersüss in unverschämt, schürzt die Lippen und verdreht die Augen, ändert die Melodie der Stimme und den Akzent, wird rasend schnell und zugleich laut, ehe sie schliesslich nur noch haucht.

Andrea Fischer Schulthess ist Geschichtenerzählerin und performt im Rahmen des Angebots «Literatur aus erster Hand» von «schule&kultur». Heute ist sie im Primarschulhaus Bachtel in Oberglatt zu Gast. Das Wichtigste sei für sie, den Schülerinnen und Schülern eine Beziehung für das «analoge Erzählen von Geschichten » zu vermitteln. Dafür brauche es nicht viel – vor allem Mut zur Selbstdarstellung und zum Humor. Humor könne «die Angst vor dem Schämen» nehmen. Humor sei nicht nur Lachen, sondern auch Selbstironie, Mimik, Extravaganz, «vielleicht auch Hässlichkeit». Den 40 Schülern und Schülerinnen der 6. Primarklassen hat die Darbietung sehr gut gefallen. Vor allem, weil die Künstlerin «immer lachte und ihre Kapriolen die Geschichte viel besser machten». Aus diesem Grund hat Lehrerin Jehona Vataj die Erzählerin auch engagiert. Sie wünschte sich eine lebendige, humorvolle und keine getragene Darstellung. Genauso sei es gewesen.

«Nicht alle auf einmal …»

«Die Kunst des Humors liegt in der optimalen Dosierung», sagt Vataj. Das gelte auch für sie im Unterricht, wo sie gern mit Humor arbeite. Im Gegensatz zum perfekt vorgetragenen Humor der Profi- Erzählerin setzt sie ihn eher «ungeplant und situativ» ein. Dabei müsse sie die Klasse aber sehr gut kennen. Stelle sie eine Frage und niemand melde sich, versuche sie das mit einem Spruch aufzufangen: «Bitte nicht alle auf einmal …» Das klappe meistens recht gut. Schön sei auch, wenn Kinder ihren eigenen Humor aufnehmen würden. Im Englischunterricht etwa darf nur Englisch gesprochen werden. Spricht ein Kind deutsch, stelle sie sich unwissend: «I am sorry, I don’t understand.» Als sie kürzlich am Ende einer Englischlektion die Aufgaben auf Deutsch aufgetragen habe, habe sich ein Schüler gemeldet: «I am sorry, I dont’t understand.» Das sei ein schönes Beispiel, dass Humor die Beziehung mit den Kindern fördere. Je nach Kind könne man aber nicht den gleichen Humor verwenden. Unterschiede, wie er verstanden werde, sehe sie weniger zwischen Mädchen oder Knaben, sondern eher im Charakter und im Alter.

Humor hilft in allen Lebenslagen. Diese Einsicht scheint vorerst banal. Humor ist die Begabung, den Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, meint sinngemäss der Duden. Die Psychologie formuliert weitere Befunde: Humor kräftigt das seelische Wohlbefinden und ist ein wertvolles Mittel gegen Leiden aller Art. Diese Rezepte sind in die Gesundheitslehre eingeflossen. In vielen Spitälern ist der Clown institutionalisierter Bestandteil medizinischer Pflege. Erstaunlich ist deshalb, dass Humor als pädagogische Technik im schulischen Unterricht bisher keine nachhaltige Akzeptanz gefunden hat. Die Erziehungswissenschaft unterstützt sie dabei kaum. Der neuseeländische Bildungswissenschaftler John Hattie etwa vergisst in seiner 2013 publizierten, stark beachteten Meta-Analyse «Visible Learning» («Lernen sichtbar machen») den Humor als Kategorie auszuwerten. Er beruft sich immerhin auf 80 000 Studien. Kein Wunder also, dass selbst Ausbildungsinstitute kaum auf das Thema reagieren. An der Pädagogischen Hochschule Zürich beispielsweise ist das Sujet im Lehrplan nicht traktandiert.

Humor birgt viele Chancen

Dies wiederum irritierte Pascal Buchmann im Studium zum Primarlehrer. Vor allem deshalb, weil er in seinem ersten Praktikum gesehen hat, dass Kinder viel und gern lachen. «Das war der Moment, mich über Humor in der Pädagogik schlauzumachen», sagt er heute. Er schrieb 2016 eine Vertiefungsarbeit mit dem Titel «Wo der Humor dem Lernen hilft». Darin wertete er theoretische Studien aus und verglich sie mit eigenen, qualitativen Umfragen bei Lehrpersonen. Er stellte fest, dass Humor in der Schule viele Chancen bietet. Er kann die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden verbessern, motivierend wirken und genutzt werden, um die Klasse anzuleiten. Diese Aspekte wirken sich positiv und indirekt auf das Lernen aus. Humor könne das Lernen auch direkt verbessern. Er steigert die Aufmerksamkeit und sorgt dafür, dass Inhalte nachhaltiger gespeichert werden.

Theoretische Grundlagen musste er zusammensuchen. Humor ist in der Pädagogik nur marginal erforscht. Erst seit der Jahrtausendwende steigen einzelne Bildungsforscher vertiefter in das Sujet ein und stellen fest, wie komplex es ist. Sie formulierten erst eigene Theorien zum pädagogischen Humor. Der Erziehungswissenschaftler Dieter Kassner benannte Formen des Humors, etwa lautes Lachen, «innerliche Erheiterung», Gestik, Mimik oder eine Situation. Er unterschied zwischen positiv und negativ wirkendem Humor. Sobald Humor negativ aufgenommen werde, gelte er nicht mehr als pädagogisch relevant. Schliesslich differenzierte er zwischen geplantem und spontanem Humor. Spontaner Humor werde eher «flächendeckend» eingesetzt, während der geplante «fachspezifisch» sei. Die Psychologin Birgit Rissland fragte zusätzlich nach Merkmalen einer Lehrperson und kam zum Schluss, dass Humor als Charaktereigenschaft äusserst hilfreich sei.

Pascal Buchmann unterrichtet nun eine 5. Klasse im Primarschulhaus Auenrain in Neftenbach. Nach bald zwei Jahren Praxis ist er überzeugt, dass man Humor im Unterricht ausprobieren soll. Wer Respekt davor habe, soll erst mit geplantem Humor beginnen. Kürzlich habe er Verbformen repetiert. Dabei regte er die Schüler an, einen Satz zu bilden, der lustig wird. «Wir furzen …», begann ein Schüler. Die anderen stiegen sofort ein und kreierten etliche Satzbeispiele. «Dieser unerwartete Tabubruch ist sehr gutangekommen», sagt Buchmann. Anhand des Satzes werde nicht nur der Inhalt nachhaltig gespeichert, sondern auch die Beziehung gefördert. «Denn alle Kinder lachen gern mit der Lehrperson.» Wenn der geplante Humor gelinge, könne man auch forcieren und allenfalls spontane Einlagen wagen.

«Lustig sein» ist top

Die Angst vor Autoritäts- oder Kontrollverlust findet Buchmann unbegründet. «Autorität kommt nicht über die Absenz von Humor, sie kommt von Kompetenz, Wertschätzung und guter Klassenführung. » Dabei könne auch der gewollt eingesetzte Nichthumor helfen. Wichtig sei, dass der Humor «lernwirksam» sei und die Kinder merkten, wann «ich voll fokussiert bin und den Unterricht wieder auf die ernste Ebene lenke». Buchmann thematisiert den Humor auch bewusst. Wann ist er angebracht und wann nicht? Wann ist Schluss? Dabei müsse er auch seinen eigenen Humor filtern, damit er für den Unterricht kompatibel werde.

Während viele Lehrpersonen dem Humor im Unterricht mit Respekt begegnen, scheint er aus Schülersicht die wichtigste Eigenschaft einer Lehrperson zu sein. Dies belegt Birgit Rissland in einer Studie von 2002, in der sie Schüler und Schülerinnen dazu befragte. Das Ergebnis bestätigte eine Ermittlung bei 12 000 Schülerinnen und Schülern in den USA. Humor rangiert vor «nett», «nicht zu streng» oder «gut erklären können». Selbst in der nicht repräsentativen schriftlichen Umfrage von Pascal Buchmann bei seiner Klasse – als Vorbereitung auf den «Schulblatt»-Besuch – zeigte sich ein ähnliches Resultat. «Lustig sein / Witze machen / mit den Kindern Spass haben» wurde als Charakter-Merkmal am häufigsten genannt. Im direkten Gespräch führen die Schüler und Schülerinnen seiner Klasse aus, was sie «cool» finden, wenn ihr Lehrer «mängisch» lustig ist. Nachhaltig geblieben ist fast allen das Satzbeispiel mit dem «furzen». Ausserdem, wenn der Lehrer nach einer intensiven Lernphase einen Witz erzählt oder selbst einen Fehler macht und darüber lacht. Letztere Situation ist auch für Buchmann besonders schön. Kürzlich hat er ein Wochen-Rätsel für logisches Denken aufgetragen. Am Ende der Woche hat niemand eine Lösung abgegeben. Dies war nicht erstaunlich. Er hatte die Aufgabe falsch aufgeschrieben. Das Rätsel war zur Erheiterung aller unlösbar gewesen.

Nicht jede Situation und jeder Humor ist lustig und lernwirksam. Die grössten Unterschiede zwischen Theorie und Praxis zeigen sich bei der Ironie. Die meisten wissenschaftlichen Studien raten für die ganze Primarstufe, Ironie im Unterricht mit grosser Vorsicht einzusetzen. Die befragten Lehrpersonen sehen dies entspannter. Jehona Vataj findet Ironie eine gute Technik, allerdings erst im späten Primarschulalter. In der 6. Klasse würden viele Kinder Ironie verstehen und gern auch selbst ironische Gags entwickeln. Dies bestätigen Schüler und Schülerinnen in Vatajs Klasse – bringen aber zugleich einen Vorbehalt an: «Es muss klar sein, ob wir auch ironisch zurückgeben dürfen.»

Pascal Buchmann stellte fest, dass Wortwitze schon in der Mittelstufe gut funktionieren. Allerdings nicht für die ganze Klasse. Wenn er merke, dass Einzelne verwundert reagieren würden, löse er die Ironie sofort auf. In Buchmanns Vertiefungsarbeit zeigen qualitative Interviews mit Lehrpersonen auch, dass Ironie schon in der unteren Primarstufe angewendet und gefördert werden kann. Einzelne haben gute Erfahrung mit dem «Gegenteil»-Spiel gemacht. Sie bringen Kinder zum Lachen, indem sie etwa bei Korrekturen sagen, die Aufgabe sei falsch gelöst, aber ein «Richtig-Häkchen» setzen.

Einig sind sich Theorie und Praxis hingegen, dass Humor im Unterricht auch viele Gefahren birgt. Er kann misslingen und verletzen. Er darf nicht übertrieben werden und muss einen pädagogischen Inhalt haben. Anerkannt scheint ebenfalls, dass er keinen direkten Einfluss hat, ob ein Lerninhalt verstanden wird. Von Humor auf Intelligenz zu schliessen, ist deshalb heikel und äusserst schwierig. Und nicht zuletzt ist unbestritten: Humor ist keine zwingende Qualität für eine gute Lehrperson.

Das Rumpelstilzchen ist vor Zorn gestorben. Bevor Andrea Fischer Schulthess im Schulhaus Bachtel in Oberglatt eine neue Geschichte spielt, fragt sie in die Runde: «Was ist der Unterschied zwischen mir und einem Fernseher?» Ein Knabe meldet sich: «Sie sind nicht verkabelt.» Alle lachen. Selbst die Geschichtenerzählerin, die sofort mit einer Antwort kontert: «Ich bin nicht flach.» Ein Mädchen ruft: «Der Fernseher kann nicht sehen.» Manchmal würden solche Dialoge völlig abdriften. Das sei besonders schön, sagt Fischer Schulthess. «Dann bin ich auch ein Katalysator für die Fantasie und den Humor der Kinder.»

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