Umfassender Einblick in den Schulalltag

02.05.2019 - Mitteilung

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Mit der Einrichtung von sogenannten Praxiszentren will die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) die Studierenden noch näher an die Schulen heranbringen. Wie muss man sich das vorstellen? Ein Augenschein in zwei Praxiszentren im Stadtzürcher Schulkreis Glattal.

Text: Reto Heinzel   Foto: Stephan Rappo

«Es ist zu laut, Kinder. Macht es wie immer, ich weiss, dass ihr ruhiger arbeiten könnt.» Praxislehrerin Samra El Harami spricht mit ruhiger, fester Stimme. Eigentlich hält sie sich heute Morgen im Hintergrund, denn ihre 4. Klasse in der Schule Buchwiesen in Zürich Seebach wird heute von zwei Studentinnen der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) im Teamteaching unterrichtet. Doch mit dem Auftrag an die Klasse – zehn Minuten konzentriert und selbstständig zu arbeiten – klappt es nicht so recht, die Unruhe ist gross, viele Kinder beginnen zu schwatzen. Weder das Schlagen des Gongs noch die anschliessende Ermahnung durch die Studentinnen zeitigt den gewünschten Effekt – der Lärmpegel steigt weiter an. Also entscheidet sich die Klassenlehrerin, ins Geschehen einzugreifen. Mit Erfolg – schlagartig kehrt Ruhe ein. Im hinteren Teil des Klassenzimmers beobachtet derweil Praxisdozentin Gisela Widmer aufmerksam das Geschehen und macht sich Notizen.

Nah an der Berufspraxis

Es ist eine Situation, die sich so oder ähnlich an vielen Schulen abspielen könnte, wo Studierende ihre ersten, oft noch etwas unsicheren Schritte in der Berufspraxis machen. Die Schule Buchwiesen jedoch spielt in der Ausbildung von Lehrpersonen eine besondere Rolle. Seit diesem Schuljahr ist sie eine von vier Primar- und zwei Sekundarschulen im Stadtzürcher Schulkreis Glattal, die als sogenannte Praxiszentren organisiert sind. Mit dem 2017 gestarteten Projekt wird ein wichtiges Grundanliegen der berufspraktischen Ausbildung der PHZH weitergeführt: Gleich zu Beginn des Studiums sollen die Studierenden den Lehrberuf in all seinen Facetten kennenlernen, und das möglichst alltagsnah. Über längere Phasen des Studiums sind die Studierenden Praxiszentren zugeteilt, die jeweils Schulen angegliedert sind. Hier bestreiten sie nicht nur einzelne Übungslektionen, die Studierenden müssen auch regelmässig im Schulhaus anwesend sein. Dadurch lernen sie sowohl die Menschen kennen, die dort arbeiten, als auch die Schülerinnen und Schüler. Sie erhalten einen umfassenden Einblick in den Schulalltag – ebenso in schulergänzende Aufgabenbereiche, die, wie etwa in der Stadt Zürich, immer mehr zum Berufsalltag der Lehrpersonen gehören.

Bei den Praxiszentren handelt es sich um eine Weiterentwicklung des bestehenden Modells der Kooperationsschulen, von denen es derzeit 23 im Kanton gibt. Kooperationsschulen sind seit über 15 Jahren ein fester Bestandteil der Lehrerausbildung. «Es ist ein erfolgreiches Modell, das wir nun weiterentwickeln wollen», sagt Co-Projektleiterin Annelies Kreis. An Kooperationsschulen absolvieren die erstjährigen PH-Studierenden normalerweise den ersten Teil ihrer berufspraktischen Ausbildung. Dabei werden sie von einer Praxislehrperson und einer Mentorin oder einem Mentor begleitet und unterstützt. An einem Praxiszentrum dagegen ist überdies eine Praxisdozentin tätig, die Teilzeit als Klassenlehrperson arbeitet. Sie leitet das Zentrum, gleichzeitig ist sie ein wichtiges Bindeglied zwischen PH und Schule und damit zwischen Ausbildung und Praxis.

Gisela Widmer ist Praxisdozentin an der Schule Buchwiesen. Sie ist eine erfahrene Lehrerin, die während mehr als 15 Jahren als Praxislehrerin tätig war. «Mir gefällt es, intensiv mit den Studierenden zu arbeiten», sagt sie. Aus diesem Grund habe sie sich auch umgehend gemeldet, als vor einem Jahr Praxisdozentinnen und -dozenten für das Projekt gesucht wurden. Derzeit begleitet Widmer zusammen mit Hanna Weinmann, der Mentorin der PHZH, 20 junge Primarschulstudierende, die das Modul «Didaktisch Handeln und Denken 2» belegen. In diesem Rahmen sind sie einmal pro Woche in der Schule und bestreiten den Unterricht. Die Praxisdozentin und die Mentorin besuchen die Studierenden regelmässig und leiten jeweils im Anschluss an die Lektion die Nachbesprechung, an der auch die Praxislehrperson teilnimmt. Sie sei eher für den praktischen Teil zuständig, sagt Widmer, während die Studierenden mit der Mentorin eher die theoretischen Aspekte des Unterrichts verarbeiten und diskutieren können.

Fester Bestandteil des Teams

Ortswechsel. Wir befinden uns im Dachstock der Sekundarschule Liguster in Oerlikon. In der ehemaligen Hauswartswohnung des Schulhauses ist der Gruppenraum des Praxiszentrums entstanden. Während des Semesters gehen hier einmal wöchentlich sieben angehende Seklehrerinnen und Seklehrer ein und aus. Im Tandem organisiert, unterrichten sie entweder in einer der Klassen, vertiefen den behandelten Stoff oder bereiten die nächste Lektion vor. Im Gruppenraum finden regelmässig Austauschsitzungen mit dem Mentor, der Praxisdozentin und den Praxislehrpersonen statt, in denen die Erfahrungen aus dem Unterricht reflektiert werden. Die Studierenden im Liguster seien «von Anfang an ein fester Bestandteil des Schulteams gewesen», betont Praxisdozentin Barbara-Christine Aeschbach, «und sie verrichten auch dieselben Arbeiten wie die ausgebildeten Lehrpersonen. Das ist uns sehr wichtig.» Die Studierenden beteiligen sich regelmässig an der Betreuung im Mittagstreff, haben Pausenaufsicht oder unterstützen die Schülerinnen und Schüler sowie das Betreuungsteam beim Betreiben des Pausenkiosks. Sie haben einen eigenen Schlüssel und gehen auch im Lehrerzimmer ein und aus.

«Tatsächlich bekamen wir schon am ersten Tag den Auftrag, in der Schule Präsenz zu zeigen, hinauszugehen, mit den Leuten und den Kindern zu sprechen», sagt der Student Carlos Temesi. «Ich habe das damals als etwas forciert empfunden. Viele Lehrpersonen wussten ja noch nicht, wer wir sind und welche Aufgabe wir hier übernehmen sollen.» Doch mittlerweile kenne man sich, das erleichtere vieles, auch für das weitere Studium.

Die Zusammenarbeit klappt

Die Praxisdozentin Barbara-Christine Aeschbach und Mentor Roy Schmid leiten das Praxiszentrum gemeinsam. Er leitet die Unterrichtssequenzen im Gruppenraum und vermittelt den Studierenden die didaktischen Grundlagen. Zu seinen Aufgaben gehört auch der Besuch der Lektionen, die von den Studierenden erteilt werden. Sein Feedback ist für die Studierenden besonders wichtig, denn während des ersten Studienjahres wird die Eignung zur Lehrperson genau geprüft. Er fühlt den Studierenden auch den Puls, fragt, wie es ihnen geht, unterstützt und motiviert sie.

Den Schülerinnen und Schülern begegnen die Studierenden also in unterschiedlichen pädagogischen Rollen, während sie vielseitige Einblicke in den Lebensraum Schule erhalten. Allerdings entsteht durch die Präsenz der jungen Männer und Frauen auch eine gewisse Unruhe im Schulalltag. Damit das Team die Studierenden nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Bereicherung wahrnehme, sei zu Beginn viel Fingerspitzengefühl gefragt gewesen, sagt Schmid. «Der Einsatz hat sich aber gelohnt, die Zusammenarbeit verläuft reibungslos», sagt der Mentor. «Ganz wichtig ist auch, dass das Praxiszentrum als Teil der Schule wahrgenommen wird und nicht als eine von aussen aufgepfropfte Einrichtung.»

«Die räumliche Nähe von Gruppenraum und Schulzimmern birgt auch für die Schule grosse Vorteile», sagt Aeschbach. «Weil man die Studierenden persönlich kennt und diese die Schülerinnen und Schüler bereits unterrichtet haben, ist es viel leichter, sie später auch kurzfristig für ein Vikariat anzustellen. Das ist eine grosse Entlastung.» Es gehe aber auch um Nachwuchsförderung, ergänzt Aeschbach. Der Schulkreis Glattal sei der grösste im Kanton Zürich, mehr als 1000 Lehrpersonen seien hier tätig. «Wir haben immer Stellen zu besetzen und hoffen natürlich auch, gute Studierende halten zu können.»

Auch Gloria Bosshart, Studentin der Sekundarstufe, schätzt die Vorteile, die das Praxiszentrum bietet: «Mitstudierende von uns mussten ihr erstes Praktikum an einer Schule absolvieren, wo sie sich überhaupt nicht auskannten. Für uns war es viel einfacher, denn wir waren mit den Verhältnissen im Liguster bereits vertraut. » Ferner schätzt Bosshart die Mitarbeit im Mittagstreff. «Für mich ist es eine grosse Bereicherung, auch wenn ich nach meinem letzten Nachmittag im Mittagstreff ziemlich kaputt war.»

Co-Projektleiterin Annelies Kreis sieht das Projekt auf gutem Weg. «In den Praxiszentren entsteht etwas Neues, qualitativ Wertvolles», ist sie überzeugt. Es sei sehr viel Engagement spür- und sichtbar. Im Gespräch erwähnt sie, was ihr bei diesem Projekt besonders am Herzen liegt: «Es geht nicht zuletzt darum, gemeinsam mit den Schulen die bestehende Ausbildung noch besser zu machen. Dieses Ziel erreichen wir, wenn Schule und PH partnerschaftlich zusammenarbeiten.»

       
       

Weitere Zentren geplant

Das Projekt Praxiszentren wurde 2017 gestartet und läuft noch bis 2024. Derzeit gibt es Praxiszentren für alle Schulstufen in Dübendorf, Hinwil, Oberwinterthur, Embrach und Zürich. Im Stadtzürcher Schulkreis Glattal gibt es ein Praxiszentrum für die Primar- sowie eines für die Sekundarstufe. Zum Zentrum auf der Primarstufe gehören die Schulen Apfelbaum, Buchwiesen, Blumenfeld und Im Birch, wo sich auch die Räumlichkeiten des Zentrums befinden. Zum Praxiszentrum für die Sekundarlehrerausbildung in der Schule Liguster zählt ferner die Schule Buhnrain. Auf das kommende Schuljahr sollen weitere Praxiszentren in Hombrechtikon, Winterthur, Meilen sowie zwei weitere im Schulkreis Glattal eröffnet werden.

Zum Projekt findet am 23. November 2019 eine erste Tagung in der Pädagogischen Hochschule statt. Sie richtet sich an Kooperationspartner des Projekts, Schulbehörden und Schulleitungen, pädagogische Verantwortliche aus Schuleinheiten und Schulgemeinden, Praxislehrpersonen und Lehrpersonen aus Kooperationsschulen. [rh]

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