Trotz Behinderung in der Berufsschule bestehen

28.02.2019 - Mitteilung

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Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen werden heute in der Volksschule integriert. In der Folge nimmt auch an den Berufsfachschulen die Zahl der Lernenden mit Unterstützungsbedarf zu. Die Technische Berufsschule Zürich hat nun reagiert.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: Dieter Seeger

Es ist ruhig an diesem Freitagnachmittag im Schulhaus der Technischen Berufsschule Zürich (TBZ). Nur wenige Jugendliche schlendern durch die Gänge, ein paar lenken ihre Schritte in Richtung hinterstes Zimmer links im 2. Stock. Hier findet gleich der Allgemeinbildende Unterricht (ABU) für die Informatiklernenden statt. Der Raum füllt sich allmählich mit 15 Jugendlichen, darunter eine junge Frau. Die Lektion beginnt.

Ein Unterricht wie an jeder Berufsfachschule, würde man auf den ersten Blick meinen. Und doch ist hier etwas anders. Die Stunde wird von zwei Lehrerinnen gemeinsam erteilt – im Teamteaching. An einer Berufsfachschule ein unübliches Szenario. In der Klasse befinden sich mehrere Schüler mit einer sogenannten Autismus- Spektrum-Störung (ASS). Marianne Schweizer und Natalie Lutz sind denn auch keine gewöhnlichen Berufsschullehrerinnen: Erstere ist ursprünglich Kinder- und Jugendpsychologin, Letztere hat eine Zusatzausbildung als Heilpädagogin. Zusammen bilden sie das Projektteam «Supported Education».

Ein Flair für Informatik

An der Abteilung Informationstechnik der TBZ werden derzeit rund 80 Lernende mit einer ASS-Diagnose und einer entsprechenden Verfügung der Invalidenversicherung (IV) unterrichtet, dies sind gut 8 Prozent der Informatiklernenden an der Schule. Eine Folge der Integration, wie Marianne Schweizer erklärt. «Als die Firmen begannen, autistische Jugendliche in regulären Lehren auszubilden, kamen diese auch an die öffentlichen Schulen.» Gerade Informatik ist für Menschen mit ASS als Lehrberuf besonders geeignet, verfügen sie doch oft über eine ausgeprägte Begabung für analytisches und kreatives Denken und eine hohe Konzentrationsfähigkeit. «Einige Menschen mit Autismus blühen am Computer regelrecht auf», sagt Marianne Schweizer.

Für die Schulen hingegen ist der Umgang mit diesen Lernenden eine grosse Herausforderung. Die Lehrpersonen stünden unter dem Druck, den Schulstoff in gebotener Zeit zu vermitteln, gibt die Psychologin, die auf Autismus spezialisiert ist, zu verstehen. Da an der Berufsfachschule modular gearbeitet wird, werden manche Unterrichtseinheiten nur während eines Quartals unterrichtet und dann mit einer Prüfung abgeschlossen. In so kurzer Zeit die Lernenden einzuschätzen und sie im Lernprozess zu unterstützen, sei für die Lehrer enorm schwierig, erst recht im Falle von Schülern mit einer Behinderung. Ausserdem fehle es ihnen am Wissen über Autismus und den Umgang mit Betroffenen. Kommt hinzu, dass auch Lernende in den Klassen sitzen, für die zwar keine Diagnose vorliegt, bei denen man aber Autismus vermute, wie Marianne Schweizer erklärt.

Massgeschneiderter Support

Kurz und gut: Der Leidensdruck an der TBZ wurde irgendwann so gross, dass man sich gezwungen sah, zu handeln. Deshalb wurde im Sommer 2018 die Fachstelle Supported Education ins Leben gerufen. Die Aufgabe hingegen musste nicht völlig neu definiert werden, denn informell hat man an der TBZ schon vorher auf ähnliche Weise gearbeitet. Dank der Fachstelle könne man nun aber die Unterstützung der Lernenden wie auch der Lehrerinnen und Lehrer richtig angehen, mit einem klaren Konzept und einem Leistungsauftrag der kantonalen Sozialversicherungsanstalt (SVA) und der Bildungsdirektion.

Konkret bedeutet dies, dass der Unterricht innerhalb der IT-Abteilung teilweise im Teamteaching erteilt wird. Darüber hinaus geht das Angebot der beiden Fachfrauen von Einzellektionen über die Unterstützung von einem oder mehreren Lernenden im Fachunterricht, Beratung und Coaching der Lehrpersonen bis zur Weiterbildung. «Der Support ist ganz individuell zugeschnitten auf den Lernenden, die Klasse und die Lehrperson.» Ausserdem gibt es gewisse Gefässe oder Unterrichtsformen, in denen die Lernenden besonders eng begleitet werden müssen, etwa Selbstorganisiertes Lernen oder Gruppenarbeiten. An der Berufsfachschule, gibt die Fachfrau zu bedenken, würden die Lernenden auf ein EFZ, also auf die Berufsfähigkeit vorbereitet.Mit dem
Erreichen der fachlichen Lernziele sei es deshalb nicht getan. «Die Jugendlichen müssen später im Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt bestehen können,
die Lernenden mit Autismus müssen also wie alle anderen auch die erforderlichen
überfachlichen Kompetenzen erwerben, mit denen gerade sie oft Mühe haben – mit
der Kommunikation oder der Teamfähigkeit. » In vielem kann man die Lernenden
also unterstützen, je nachdem wird ihnen auch ein Nachteilsausgleich
zugesprochen. Sie jedoch von etwas zu befreien, sei nur im Ausnahmefall
möglich, macht Marianne Schweizer klar, und ganz sicher nicht von Lernzielen.
«Schliesslich gibt es kein EFZ light.»
 

Zusammenarbeit mit Betrieben

Im Teamteaching vermittelt jeweils eine Lehrperson den Schulstoff, die andere hilft beispielsweise am Beamer, verteilt Materialien und so weiter. So haben sie zu zweit das Geschehen in der Klasse stets unter Kontrolle. Mit Autisten kann eine Situation rasch eskalieren, die Frustrationsschwelle ist bei vielen niedrig. Da könnte schon mal ein Handy, das im Unterricht eingesetzt wird, mit Wucht auf den Boden geworfen werden. Rechtzeitiges Eingreifen und Beruhigen ist deshalb wichtig.

Sehr eng ist die Zusammenarbeit der Fachstelle mit den Lehrbetrieben. Dabei handelt es sich ebenso um IV-Betriebe – Arbeitsplätze im geschützten Rahmen – wie auch um privatwirtschaftliche Unternehmen. Der Austausch und die Absprache zwischen ihnen und der Schule erfolgen regelmässig, teilweise ist die Zusammenarbeit sogar inhaltlicher Natur, etwa, wenn die Berufsbildner die Unterrichtsunterlagen erhalten, um mit den Lernenden gewisse Unterrichtsthemen noch einmal durchzugehen. Die Betriebe wiederum sind Dreh- und Angelpunkt, sie stehen im Kontakt mit den Eltern und der IV, wichtige Informationen von dieser Seite gelangen über sie auch an die Schule.

Und wie sieht es innerhalb der Klasse aus, wissen die Lernenden voneinander, wer von Autismus betroffen ist? Das Thema Beeinträchtigung generell könne schon einmal angeschnitten werden, wenn es beispielsweise um den Umgang miteinander geht. «Über die Diagnose sprechen wir aber nicht», sagt Marianne Schweizer, «da gilt einerseits der Datenschutz, andererseits ist es für uns selbstverständlich, dass die Privatsphäre aller Lernenden respektiert werden muss.»

Auch andere Auffälligkeiten

Autismus kommt im Übrigen selten allein, oft haben die Betroffenen noch andere Auffälligkeiten. Und er ist auch nicht die einzige Form von Beeinträchtigung, mit der die TBZ konfrontiert ist. Es gibt, verteilt auf alle Berufe, ausserdem Schüler mit ADHS, Dyslexie oder Dyskalkulie – die ganze Vielfalt, die man von der Volksschule her kennt. Auch ihr Anteil unter den Berufslernenden wächst, und auch für sie und ihre Lehrpersonen ist die Fachstelle da. Das Konzept gilt allerdings bisher nur für die Lernenden der Abteilung Informationstechnik. Diesen Frühling werden die SVA und das Mittelschul und Berufsbildungsamt aufgrund der ersten gesammelten Erfahrungen über die Weiterführung der Leistungsvereinbarung entscheiden. Zudem sollen im Sommer 2019 zusammen mit der Abteilungsleitung eine Auswertung und allfällige Anpassungen am Konzept vorgenommen werden.

Für Marianne Schweizer ist klar, dass es die Fachstelle braucht. «In den Lehrbetrieben und den Praktikumsfirmen werden solche Jugendliche eng begleitet – warum soll es also ausgerechnet in der Schule, die am weitesten weg ist vom Arbeitsmarkt, ohne Unterstützung funktionieren?»

                                                       
                                                                          

Ein Pilotprojekt, das Schule machen könnte

Die Fachstelle Supported Education an der Technischen Berufsschule ist ein Pilotprojekt, das von der Invalidenversicherung (IV) und dem Mittelschulund Berufsbildungsamt (MBA) der Bildungsdirektion im vergangenen Sommer lanciert wurde. Inzwischen ist auch die Berufsbildungsschule Winterthur eingestiegen. An beiden Schulen betrifft das Projekt vorerst nur die Abteilungen Informationstechnik. Die Bedingung für die Einrichtung einer Fachstelle war, dass mindestens zwei Lernende pro Klasse eine diagnostizierte Autismus-Spektrum- Störung aufweisen. Für jeden dieser Lernenden bezahlt die IV eine Entlastungslektion an die Schule. Noch vor Ende dieses Schuljahrs soll entschieden werden, ob und wie das Projekt weitergeführt wird. Laut Christina Vögtli, Leiterin Betriebliche Bildung im MBA, ist die Fachstelle Supported Education ein Modell, das auch für andere Schulen und Lernende mit anderen IV-Diagnosen denkbar ist. [jo]
 

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