Spielend die Welt entdecken

21.11.2019 - Mitteilung

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Die pädagogische Bedeutung des Kindergartens hat sich verändert. Heute wird vermehrt das freie Spiel gefördert. Dass dabei auch die Gebäudearchitektur inspirierend wirken kann, zeigt ein Besuch im Kindergarten Obfelden.

Text: Walter Aeschimann   Fotos: Dieter Seeger

Der Montagmorgen beginnt mit Wochensingen. 60 Kinder und die Kindergartenlehrpersonen versammeln sich im Eingangsraum. Sie sitzen auf dem hellen Naturholzboden um die zentrale Treppe, die sich wie eine riesige Spirale ins obere Stockwerk windet. Die Heilpädagogin Esther Rütsche gibt auf der Gitarre erste Klänge vor, dann setzt die Kinderschar vielstimmig zum «Räsch Song» an, dem Schullied der Primarschule Obfelden. Ist das Lied beendet, dürfen sich die Geburtstagskinder der Woche auf die Matratze ins Zentrum setzen. Heute ist es Louis, der sich freut und über beide Backen strahlt, als alle für ihn «Happy Birthday, lieber Louis» singen. Schliesslich sucht jedes Kind ein «Gspänli». Die Päärli drehen sich zum «Fründschaftstänzli» im Kreis herum und singen: «Ich wet di Fründ si …» Der frühe Wochenanfang gehört diesem beinahe festlichen Ritual.

Wir besuchen den Kindergarten Räsch in Obfelden, einem Dorf im Süden des Kantons Zürich. Es gibt drei altersdurchmischte Klassen für Kinder von vier bis sechs Jahren aus bildungsfernen und bildungsnahen Familien oder mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Neben dem ritualisierten Einstieg in die Woche gibt es weitere, vereinende Motive. Das Jahresthema heisst Zwerge. Jede Klasse hat gemeinsam Objekte dazu entworfen, etwa ein «Zwergenhaus», von einem bunten Papierdach geschützt. «Hier bin ich sicher», sagt Selima und taucht in die Höhle ein, in der gebastelte Utensilien stehen, die Zwerge zum Wohnen brauchen. Jede Lehrperson entwickelt in den Klassen auch eigene Formen und Rituale und unterrichtet in traditionellen «Lern- und Regelspielen».

Das scheint auf den ersten Blick nicht besonders. Aber der Kindergarten Räsch unterscheidet sich von vielen anderen. Beginnen wir mit dem Haus, das inmitten einer Naturlandschaft steht. Jede Klasse hat ein eigenes Zimmer, das durch eine Treppe mit der oberen Galerie verbunden ist. Durch grosse Fenster sieht man auf Maisfelder, Wald und Wiesen. Im neuen, architektonisch preisgekrönten Holzgebäude gibt es viele Nischen, Verbindungswege und Korridore, auch Räume für Kleingruppen, Psychomotorik, Werken und Malen sowie Toiletten und Duschen. «Es ist ein interessantes Haus», sagen die Klassenlehrpersonen Michele Häcki, Sandra Gerber und Esther Schwendimann. «Die Architektur des Hauses hat uns animiert, den Unterricht auch dem Gebäude anzupassen und Neues zu probieren.»

Seit einem Jahr gewichten die Lehrpersonen das freie Spiel besonders. Freies Spiel im Kindergarten Räsch bedeutet: Alle Türen stehen offen. Die Kinder dürfen sich beschäftigen mit jenen Dingen, die sie gerade interessieren. Sie können auch die Klasse und die Räume wechseln, sich mit einem Gspänli zusammentun oder nach draussen gehen. Draussen überspannt ein grosses Dach das Haus wie ein Hut mit breiter Krempe. Eine Holzveranda umschliesst das Haus, rundherum sind Spielplätze und Nischen angeordnet oder die freie Natur ist einfach nur belassen worden. «Auf der Veranda sind die Kinder vor der Witterung geschützt und können zugleich barrierefrei die Natur erfahren», vermerken die Architekten im Beschrieb.

Sprung in die Wasserlache

Nach dem Wochensingen ist freies Spiel. Heute regnet es in Strömen. Vom Dachkännel fällt das Wasser auf den Boden. Es bildet sich eine Wasserlache. Milkias und Elodie springen in die Pfütze, das Wasser spritzt die Kleider hoch. Beide werden nass und lachen. Das animiert auch andere zum Planschen. «Wir haben den Eltern am ersten Elternabend gesagt, dass die Kinder auch auf die Idee kommen könnten, die Stiefel mit Wasser aufzufüllen», sagen die Lehrpersonen. «Wir haben rasch gemerkt, dass wir genügend Ersatzkleider bereithalten müssen.» Maelle schlägt auf der Holzterrasse ein Rad und will, dass der Besucher es ausprobiert. Weil dieser ungeschickt agiert, schlägt sie etwas anderes vor. «Komm, ich will dir etwas zeigen!» Sie führt den Schreiber ums Haus herum zum Ort, wo sie mit anderen einen winzigen Molch gefunden hat. Der schwimmt nun in einem Plastikkübel. Eine Gruppe von Kindern schaut ihm zu, wie er sich im Wasser windet. Andere Kinder klettern auf den groben Steinen, springen drinnen auf den Matratzen, zeichnen Engel, basteln Zwerge aus Plastilin oder «ein Krokodil mit grossen Zähnen», klärt Lenny auf.

«Am Anfang hatten wir noch Bedenken: Was machen wir mit den Kindern in der Pause? Wie behalten wir den Überblick?», sagen die Lehrpersonen. Obwohl sie noch «ausprobieren», können sie schon eine erste Zwischenbilanz ziehen. Das freie Spiel gebe mehr Raum und Zeit, Kinder individuell zu fördern und anzuleiten. Man könne Inputs geben, ein Kind integrieren und sich langsam zurückziehen. Es ermögliche auch, gezielter einzugreifen und beim Spielen bewusster anzuleiten, wenn es nicht mehr weitergehe. Selbst schulische Elemente könnten spielerisch eingebaut werden, indem man beispielsweise frage, wie viele Molche im Wasser schwimmen. Aber diese Art des Unterrichts sei auch «anspruchsvoller und braucht mehr Energie. Wir müssen sehr präsent und flexibel sein». Jedes Kind komme einzeln und fordere sofort Aufmerksamkeit. Früher hätten die Kinder im Kreis gewartet. Nun müssten sie lernen, im freien Spiel zu warten.

Fehler dürfen passieren

Soll das freie Spiel als Form des Unterrichts gelingen, sind zwei Bedingungen wesentlich. Die Lehrpersonen müssen die gleichen pädagogischen Ideen haben. Und die Schulleitung muss innovative und kreative Ansätze unterstützen. Beides ist in Obfelden gegeben. Die Lehrpersonen sind sich einig, dass im freien Spiel nicht jedes Kind immer beaufsichtigt werden kann. «Wir mussten lernen, eher loszulassen. Man muss auch damit umgehen können, dass nicht alles perfekt ist, dass Fehler passieren dürfen». Die Schulleitung wiederum lasse Raum, um etwas herauszufinden und zu probieren. «Das motiviert und ist cool. Wir werden immer mutiger», sagen die Lehrpersonen. Kürzlich haben sie unter der grossen Treppe eine neue Spielecke eingebaut.

Karin Ugolini teilt sich mit Kaspar Oettli die Schulleitung. Offenheit für neue Ideen und Entwicklungen sei nicht zuletzt erforderlich, weil sich der Kindergarten wandle, ist sie überzeugt. Die Kinder würden jünger, sie brächten unterschiedliche Kompetenzen mit. Neue Ideen würden im Team besprochen. Die Öffnung aller Räume war eine der Ideen. Es brauche nun etwas Zeit, bis sich die Veränderungen einspielen würden. «Vieles hat auch mit Vertrauen in die Kompetenz der Lehrpersonen zu tun. Und manchmal braucht es etwas Mut, zu sagen: Das wagen wir», sagt Ugolini. Ein wichtiges Thema des freien Unterrichts sind auch die schulischen Übergänge. Die Primarlehrpersonen übernehmen Kinder, die möglicherweise kreativer sind, aber weniger «diszipliniert», die mehr überfachliche, aber vielleicht etwas weniger schulische Kompetenzen haben. Das bedeutet: Auch die Unterstufenlehrpersonen müssen ähnliche pädagogische Ideen haben. «Die Primarlehrpersonen müssen das einzelne Kind so übernehmen, wie es ist», sagt Ugolini. Das sei bis jetzt sehr gut gelungen. 

Gegenteiliger Trend

Der Kindergarten spielte lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle und wurde nicht als Teil des Schulsystems betrachtet. Die Kinder wurden hier vor allem behütet. Später empfahl die Erziehungswissenschaft vermehrt den «geführten» Unterricht. Es ging darum, die Kinder auf die Primarstufe vorzubereiten. Kindergartenspezifische Elemente, etwa das freie Spiel, wurden marginalisiert. «Seit einigen Jahren ist ein gegenteiliger Trend zu beobachten. Das freie Spiel wird vermehrt gefördert», sagt Catherine Lieger, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). «Spielen unterstützt kreatives und kritisches Denken sowie die Fähigkeit, Probleme selbst zu lösen. Diese überfachlichen Kompetenzen sind für späteres Lernen zentral.»

Auch der Lehrplan 21 fordert überfachliche Kompetenzen. Um das freie Spiel in den Kindergärten wieder zu beleben, hat die PH Zürich in Kooperation mit der Bildungsplanung und dem Volksschulamt Kanton Zürich ein Projekt lanciert: «Spielen plus». In Zusammenarbeit mit acht Pilotschulen erprobt und entwickelt das Projektteam konkrete Spiel- Möglichkeiten für vier- bis achtjährige Kinder. Obfelden ist eine der Pilotschulen. «Die Projektschulen sind eine Art Resonanzgruppe. Sie probieren Ideen aus, die wir theoretisch entwickelt haben, und geben eine Rückmeldung», sagt Katrin Lieger als Leiterin des Projekts. Sie würden auch neuere Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft vermitteln und den Schulen Anregungen geben. Früher habe man Kinder beim Spielen eher beobachtet, aber kaum eingegriffen. Heute schaue man zu, aber man solle im richtigen Moment auch unterstützen. Dies sei eine neuere Empfehlung an die Lehrpersonen. «Das bedeutet, dass die Kinder aufmerksam begleitet werden.»

Jede Schule habe zudem spezielle Vorzüge. In Obfelden hat Lieger die Lehrpersonen animiert, das Potenzial des exklusiven Hauses für spielerische Experimente auszuschöpfen. Am Ende des Projekts, das bis 2022 läuft, sollen ein Handbuch und diverse Videofilme entstehen, gedacht als Anregung zuhanden aller Lehrpersonen im Kanton Zürich. Lieger ist überzeugt, dass im Kindergarten freie spielerische Elemente in unterschiedlichen Formen an Bedeutung gewinnen werden.

Voneinander lernen

Im Kindergarten Räsch, auf der Galerie im Zimmer 1, bastelt Ensar einen Turm aus Klötzen. Der Turm fällt stets in sich zusammen. Der Knabe beginnt zu weinen. Selina ist zwei Jahre älter. Sie versucht zu trösten und will ihm zeigen, wie der Turm möglicherweise stabil sein könnte. Währenddessen rennt der sechsjährige Milkas schon zum zweiten Mal die grosse Treppe hoch. Er holt im Kühlschrank des Aufenthaltsraumes einen Kältebeutel. Zwei jüngere Kinder haben sich beim Springen von der Matte an Knie und Ellenbogen leicht wehgetan. Im freien Spiel ist auch sogenanntes «Expertenwissen» möglich. Ältere Kinder können den jüngeren helfen und die Lehrperson zum Teil entlasten. Und sie lernen voneinander.

Das freie Spiel wirkt inspirierend auf die Kinder und fördert zahlreiche Kompetenzen. Trotzdem sollen traditionelle, pädagogische Ideen nicht völlig vergessen werden. «Wir haben gemerkt, dass die Kinder auch Spiele gern haben, bei denen sie angeleitet werden. Oder Sequenzen, die einen Gemeinschaftsgedanken fördern, zum Beispiel wenn wir eine Geschichte erzählen oder Lieder singen. Dafür ist der Kreis sehr schön.» Auch darin sind sich Lehrpersonen und Schulleitung einig.

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