Schule, aber ganz anders

20.06.2019 - Mitteilung

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Claudia Brummer unterrichtet Zirkuskinder, lebt und reist mit ihnen. Und findet das grossartig.

Text: Jacqueline Olivier   Fotos: Stephan Rappo

48 – diese Nummer trägt Claudia Brummers Unterrichtsraum. Allerdings handelt es sich nicht um eine Zimmer-, sondern um eine Wagennummer. Und wir befinden uns nicht in einem Schulhaus, sondern auf einem Parkplatz am Fusse des Üetlibergs, auf dem der Circus Knie während seines Zürcher Gastspiels Quartier bezieht. Eine Schule auf Rädern mit Platz für sechs bis sieben Schüler, einer Mini- Bibliothek, einem Lehrerpult nicht grösser als die Tische der Kinder und einem kleinen Whiteboard an der Rückwand – dies ist das Reich der lebhaften Lehrerin, deren Dialekt schon bei der Begrüssung ihre Ostschweizer Herkunft verrät.

Vor fünf Jahren hat es sie hierher verschlagen, in einem Moment, in dem sie sich Gedanken darüber machte, ob es für sie vielleicht auch noch etwas anderes gäbe, als zu unterrichten. Nach 14-jähriger Tätigkeit an der Primarschule Lenggenwil und zuvor einigen Jahren in Mosnang schien ihr ein Richtungswechsel angezeigt. Und dann stiess sie auf das Stelleninserat des Circus Knie und zögerte nicht lange. «Die Vorstellung war verlockend: Schule, aber doch ganz anders.» Sie wurde nicht enttäuscht: «Ich kann hier völlig selbstständig arbeiten und übernehme vom Hauswart bis zur Schulleitung sämtliche Rollen. Das ist enorm spannend. Und ich habe viel mehr Zeit für die einzelnen Kinder als in einer normalen Klasse.»

Jedes Kind hat sein Programm

Derzeit sitzen an den Wochentagen jeweils fünf Schülerinnen und Schüler in dem gemütlich eingerichteten Schulwagen – zwei Knie-Sprösslinge und drei Kinder von Mitarbeitern. Die jüngste ist Erstklässlerin, der älteste in der 1. Sek. In anderen Jahren hat auch schon der eine oder andere Nachwuchs von Gastartistenfamilien hier die Schulbank gedrückt, sofern er genügend gut Deutsch sprach. Ansonsten würden solche Kinder von ihren eigenen Eltern unterrichtet, erklärt Claudia Brummer, diese Familien seien es so gewohnt. Klassenunterricht ist in der Zirkusschule nur selten möglich, in der Regel arbeitet jedes Kind an seinem eigenen Programm. Es gilt der Lehrplan des Kantons St. Gallen, in dem das Unternehmen Knie seinen Sitz hat. Für die aus Wil stammende Lehrerin optimale Voraussetzungen. Auch ihre Ausbildung am früheren Lehrerseminar in Wattwil kommt der Mittvierzigerin zugute, verfügt sie dadurch doch über ein Lehrdiplom in allen Fächern. Nur Sportunterricht muss sie hier keinen erteilen, der sei gestrichen. «Das ist kein Problem, denn die Kinder hier bewegen sich sehr viel. Und jene, die im Programm auftreten, sind ohnehin körperlich fit.»

Schweizer Geografie live

Je nach Wetter unternimmt Claudia Brummer mit ihrer Klasse auch den einen oder anderen Ausflug. Lange Anreisen für Exkursionen fallen weg, baut der Circus Knie doch sein Chapiteau – wie das Zirkuszelt im Fachjargon genannt wird – alle paar Tage oder Wochen in einer anderen Stadt auf. 33 Spielorte zwischen März und November – Schweizer Geografie lernen die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise fast schon nebenbei. Dafür haben sie keinen Schulweg zurückzulegen, leben in der Zirkus-Gemeinschaft in einer eigenen Welt – und ihre Lehrerin mitten unter ihnen. Dadurch ergibt sich automatisch eine Nähe zu den Kindern wie auch zu den Eltern, die man als Lehrperson normalerweise nicht hat. Ist es nicht schwierig, sich in diesem Umfeld genügend abzugrenzen und die Autorität zu wahren, die es im Unterricht braucht? Claudia Brummer überlegt kurz, schüttelt dann lachend den Kopf. «Das funktioniert gut», antwortet sie, «auch wenn ich nicht sagen kann, wie.» Und sie schätzt diese Nähe, vor allem zu den Schülern. «Die Kinder bringen mir grosses Vertrauen entgegen, erzählen mir viel.»

Den Schulalltag versucht sie für die Zirkuskinder so normal wie möglich zu gestalten, denn deren Leben unterscheide sich von dem «normaler» Gleichaltriger schon genug. Auch Prüfungen und Zeugnisse werden also im Wagen 48 geschrieben, Hausaufgaben gehören ebenfalls dazu. Elterngespräche finden im üblichen Turnus statt, und die Mütter und Väter erlebt die erfahrene Lehrerin als ausgesprochen unterstützend. Den grössten Aufwand bedeutet für sie die Unterrichtsvorbereitung – für jedes Kind andere Themen und andere Aufgaben. «Dafür bin ich mit dem Korrigieren oder den Elterngesprächen schneller durch.»

«Eine gute Art, aufzuwachsen»

Wichtig ist, dass die Kinder die Lernziele erreichen, denn nach Saisonende besuchen die meisten von ihnen während der Wintermonate eine öffentliche, einzelne auch eine Privatschule. Im vergangenen Winter hat Claudia Brummer einzig noch die achtjährige Chanel, Tochter von Géraldine Knie und Maycol Errani, im Schulwagen unterrichtet, der dann jeweils im Winterquartier in Rapperswil-Jona steht. Damit für die anderen Kinder der Wechsel in die reguläre Schule und im Frühling wieder zurück möglichst reibungslos verläuft, spricht die Zirkuslehrerin mit den Lehrpersonen vor Ort den Stoff in den einzelnen Fächern jeweils genau ab. Alles andere schaffen die Zirkuskinder bestens allein. «Sie sind sehr flexibel, offen gegenüber anderen Menschen und anderen Kulturen, weil sie dieses Miteinander tagtäglich erleben. Ich finde dies eine gute Art, aufzuwachsen.»

Mittlerweile ist die Lehrerin längst selber vom Zirkus-Virus befallen. Die Vorstellung hat sie in den zwei Monaten seit Tournee-Beginn bereits viermal gesehen. «Es packt einen schon», sagt sie, «die Zirkus- Vorstellung ist schliesslich der Grund, warum wir alle hier sind.» An den verschiedenen Spielorten geht sie ausserdem regelmässig auf Erkundigungstouren. Am Wochenende kehrt sie jedoch wenn immer möglich nach Hause zurück, nach Schmerikon, wo sie und ihr Mann erst vor Kurzem hingezogen sind. Während sie mit dem Zirkus auf Reisen ist, führen die beiden also eine Wochenendbeziehung. Und das ist der Grund, warum Claudia Brummer diesen Sommer, am Ende des laufenden Schuljahrs, ihre Stelle aufgeben wird. Mit Wehmut zwar, aber auch in der Überzeugung, dass es nun an der Zeit sei, wieder sesshaft zu werden. «Man muss auch wieder einmal ein gemeinsames Leben führen», meint sie. Dass sie in Zukunft regelmässig im Circus Knie zu Besuch sein wird, steht für sie schon heute fest. Und für ihre neue Stelle – doch wieder an einer Schule – nimmt sie von den vergangenen fünf Jahren einiges mit: «Die Freude am Unterrichten und an den Kindern, die ich hier verspüre, das harmonische Klima – so möchte ich es möglichst wieder haben.»

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