Mit dem Tandem zur Lehrstelle

20.06.2019 - Mitteilung

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Im Programm Ithaka Mentoring unterstützen erfahrene Berufsleute als Mentorinnen und Mentoren Jugendliche auf dem Weg zu einer Lehrstelle.

Text: Bettina Büsser   Fotos: Sabina Bobst

Geschafft! Nach rund 50 Bewerbungen hat Flora die Zusage erhalten: Sie wird nach den Sommerferien eine Lehre als Dentalassistentin beginnen. Nun sitzt sie im Berufsinformationszentrum (biz) Winterthur, wo sie jeweils am Mittwochnachmittag auf dieses Ziel hingearbeitet hat, mit Franziska Casagrande und Susanne Roth zusammen. Die beiden gratulieren ihr – und machen mit ihr einen Termin für ein Abschlussgespräch aus.

Abgeschlossen wird dabei eines der Tandems, die im Rahmen von Ithaka gebildet werden. Ithaka ist ein Mentoring- Programm der Bildungsdirektion (siehe Kasten), das Jugendliche gegen Ende der Schulzeit bei der Lehrstellensuche unterstützt. Dabei begleiten ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren Schülerinnen und Schüler bei der Suche; Mentor und Schüler, Mentorin und Schülerin bilden jeweils ein Zweiergespann, ein Tandem.

Franziska Casagrande ist eine der Ithaka- Mentorinnen. Sie hat Flora in den letzten drei Monaten bei ihrer Lehrstellensuche begleitet und jeden Mittwoch getroffen. Susanne Roth ist die Leiterin von Mentoring Ithaka, zugleich ist sie Verantwortliche Mentoring für die Region Winterthur. Ziel des Programms ist es, Jugendliche, deren Familie sie beim Übergang ins Berufsleben nicht oder nur beschränkt unterstützen kann, zu begleiten, bis sie eine gute Anschlusslösung finden: «Also möglichst eine Lehre mit EFZ- oder EBA-Abschluss oder dann eine Zwischenlösung wie das 10. Schuljahr», betont Roth. Die Erfolgsquote lässt sich sehen: «Hundert Prozent der Jugendlichen, die ihr Mentorat beenden, haben beim Abschluss eine Anschlusslösung, zwei Drittel von ihnen haben eine Lehrstelle gefunden.»

Bewerbungen ohne Antwort

Schülerinnen und Schüler, für die Ithaka geeignet sein könnte, werden durch die Berufsberatung oder allenfalls durch Lehrpersonen auf das Programm hingewiesen. Bei Flora war es anders: «Eine Kollegin hat bei Ithaka mitgemacht und eine Lehrstelle gefunden. Sie hat mich gefragt, ob ich das nicht auch machen will. Ich habe mir gesagt: Wieso nicht? Es schadet ja nichts.» Damals hatte Flora bereits rund 20 Bewerbungen verschickt, war zweimal an Schnuppertagen in Zahnarztpraxen, dennoch hatte es mit der Lehrstelle noch nicht geklappt. «Dann kam ich hierher, ins biz, und habe mit Frau Casagrande Bewerbungen geschrieben», erzählt sie weiter: «Es war megahilfreich, mit ihr zu arbeiten. Und sie ist eine nette Person.» «Manchmal war ich auch streng», ergänzt ihre Ex-Mentorin Franziska Casagrande. Sicher, manchmal sei sie streng gewesen, bestätigt Flora: «Aber das finde ich gut. Man kann nicht immer sagen ‹das macht nichts, das ist kein Problem›, sonst wird nichts daraus.»

25 Bewerbungen hat Flora seit der Zusammenarbeit mit Casagrande geschrieben. Diese hat ihr auch Tipps gegeben, etwa, dass sie bei jedem Telefongespräch die angerufene Person mit Namen ansprechen solle. «Und dass sie sich getraut, nach dem Namen zu fragen, wenn sie ihn nicht verstanden hat», ergänzt Casagrande. Gemeinsam haben sie auch Telefongespräche geübt, etwa solche, bei denen sich Flora erkundigen sollte, ob ihre Bewerbung angekommen sei und wann sie mit einer Antwort rechnen könne. «Offenbar erhalten Jugendliche häufig gar keine Antwort auf ihre Bewerbungen», sagt Casagrande. Das habe sie überrascht, als sie als Ithaka-Mentorin angefangen habe: «Das ist doch frustrierend.»

Casagrande ist seit vier Jahren Ithaka-Mentorin, Flora ist die fünfte Jugendliche, mit der sie ein Tandem gebildet hat. Das Tandem-Bild, das Susanne Roth für das Konzept verwendet, gefällt der Mentorin gut: Man sitzt zu zweit auf dem Fahrrad und beide müssen mitarbeiten, damit man vorwärtskommt. «Wenn ich in einem ersten Gespräch eine neue Mentee kennenlerne, frage ich sie immer, wo auf dem Tandem sie sitzen will», erzählt Casagrande: «Ich will hinten sitzen. Ich trete gern in die Pedalen und flüstere ihnen auch zu, wenn sie abbiegen sollen. Aber sie müssen vorne sitzen und die Power einbringen.»

Casagrande hat ursprünglich Coiffeuse gelernt, sich dann weitergebildet und schliesslich am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung die Ausbildung zur Berufsfachschullehrerin absolviert. Danach arbeitete 27 Jahre lang in diesem Beruf in verschiedenen Bereichen. «Ich habe dabei sehr viele verschiedene Berufe kennengelernt», sagt sie. Nach der Pensionierung wollte sie mit der Berufsbildung in Verbindung bleiben und ihre Kompetenzen weiter einbringen. Eine Freundin machte sie auf benevol-jobs.ch, die Plattform für Freiwilligen-Jobs, aufmerksam. Dort fand sie ein Inserat von Mentoring Ithaka und meldete sich.

Manche Ithaka-Mentorinnen und -Mentoren findet Susanne Roth via benevoljobs.ch, viele aber auch durch Mundpropaganda. «Es melden sich so viele, dass wir diejenigen auslesen können, bei denen wir den Eindruck haben, dass sie es wirklich gut machen werden», sagt sie. Ausserdem müssen potenzielle Mentorinnen und Mentoren eine zweitägige Ausbildung absolvieren. Später stehen sie in regelmässigem Kontakt mit der jeweiligen Verantwortlichen Mentoring des zuständigen biz. Ausserdem werden ihnen immer wieder Weiterbildungskurse angeboten.

Das Bauchgefühl spielt mit

Auch die potenziellen Mentees müssen einiges mitbringen. Als Erstes müssen sie ein vierseitiges Anmeldeformular ausfüllen. «Das haben wir bewusst als Hürde konzipiert, die sie nehmen müssen», sagt Roth: «Denn während eines Mentorats müssen die Jugendlichen zu Hause Aufträge erledigen können.» Dann werden sie zu einem Gespräch eingeladen und müssen dabei zeigen, dass sie mitarbeiten und ihr Ziel erreichen wollen: «Ich nehme niemanden ins Programm auf, der sagt: Die Eltern, die Lehrperson oder die Berufsberatung haben mich geschickt, aber ich weiss nicht, was ich hier soll.» Danach schaut Roth mit ihnen die Berufswünsche an. Und schliesslich klärt sie ab, ob noch andere die Jugendlichen bei der Übergangsphase zum Beruf unterstützen: «Lehrpersonen oder Verwandte zum Beispiel », dann müsse man die Rollen klären: «Sonst helfen alle und reden mit – das funktioniert oft nicht.»

Ist Roth davon überzeugt, dass die Jugendlichen wirklich eine Lehrstelle suchen wollen, sucht sie die Besetzung für den zweiten Sattel des Tandems. Das ist, wenn immer möglich, für Schüler ein Mentor, für Schülerinnen eine Mentorin. Wenn diese dann noch aus einem Berufsfeld kommen, in dem der Wunschberuf des Mentees liegt, ist es umso besser. «Zwingend ist es nicht», so Roth: «Das Wichtigste ist ja, dass die Mentorin weiss, wie man ein Dossier zusammenstellt, wie man sich bewirbt.» Und schliesslich spielt das «Bauchgefühl» von Roth mit: «Ich kenne alle Mentorinnen und Mentoren, weiss, wer besser mit unkomplizierten Mentees arbeitet und wer die Geduld für ein Tandem mit einer schwachen C-Schülerin hat.»

Bisher 166 Tandems

Dann folgt ein «Matchinggespräch», bei dem sich beide Seiten kennenlernen und, wenn alles gut läuft, einen Tandem-Vertrag abschliessen. In diesem Schuljahr gab es laut Roth bisher 166 Tandems, 100 sind abgeschlossen – «und unser Ziel ist, dass bis zu den Sommerferien alle abgeschlossen sind». Ganz selten kommt es zu einem Abbruch des Mentorings. Auch Mentorin Franziska Casagrande hat das erlebt: «Es war ein Jugendlicher, der einfach nicht genügend Durchhaltewillen hatte.»

Durchhaltewillen, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit sind nach Casagrandes Erfahrung oft Problemfelder der Jugendlichen. «Es ist manchmal schwierig für mich, nicht ungeduldig zu werden», erzählt sie: «Ich muss mir immer wieder sagen: Die Verantwortung liegt nicht bei mir, sondern bei ihnen.» Für ihre Ex-Mentee Flora aber findet sie lobende Worte: «Sie ist initiativ, selbstständig und selbstbewusst. Als wir uns trafen, hatte sie bereits gute Unterlagen zusammengestellt und sich auch schon häufig beworben.» Allerdings noch ohne Erfolg. Auf die Frage, was sie einer Kollegin raten würde, wenn sie sich bei Ithaka meldet, antwortet Flora: «Dass sie motiviert ist, auch weiterzumachen. Vielleicht hat sie, wie ich, schon vorher Bewerbungen geschrieben und ist fertig wegen der Absagen. Man muss richtig dranbleiben und nie die Hoffnung aufgeben.»

     
     

Rund 200 Mentorinnen und Mentoren

Mentoring Ithaka wird seit 2006 in den sieben Berufsinformationszentren (biz) des Kantons Zürich realisiert. Vier Verantwortliche Mentoring sind für je ein bis zwei biz zuständig.

Das Programm wendet sich an Schülerinnen und Schüler am Ende der zweiten Oberstufe, in der dritten Oberstufe oder im Berufsvorbereitungsjahr, die aufgrund ihrer familiären oder sonstigen Lebenssituation beim Übergang ins Berufsleben keine oder zu wenig Unterstützung erhalten. Sie werden deshalb beim Bewerbungsprozess von ehrenamtlich tätigen erfahrenen Berufsleuten begleitet. Insgesamt sind rund 200 solche Mentorinnen und Mentoren bei Ithaka engagiert. Sie erstellen mit den Jugendlichen Bewerbungsdossiers, üben Gesprächssituationen, vermitteln Spielregeln des Arbeits- und Berufslebens und motivieren zum Durchhalten, auch in schwierigen Situationen.

Die Zweiergruppen Mentor–Mentee werden Tandems genannt und von den zuständigen regionalen Verantwortlichen Mentoring begleitet und gecoacht. Diese stehen für Fragen, Anregungen, Unterlagen, Standort- und Krisengespräche zur Verfügung. Je nach Bedarf finden auch Kontakte mit den Eltern, der Lehrperson oder der Berufsberatung statt. [bb]

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