Mit dem Stadtrat am Salontisch

21.11.2019 - Mitteilung

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Auch wer noch nicht abstimmen und wählen darf, kann seine politischen Anliegen einbringen. Ein Schulprojekt zeigt den Jugendlichen diverse Möglichkeiten auf.

Text: Andrea Söldi   Foto: Stephan Rappo

Im Winterthurer Schulhaus Wallrüti sind an diesem Morgen lebhafte Diskussionen in Gang. Die Schülerinnen und Schüler der beiden dritten Sek-A-Klassen sitzen in Gruppen zusammen und erörtern ihre politischen Anliegen. Vier Mädchen zum Beispiel wünschen sich mehr Räume zum Spielen und Chillen. «Wie könntet ihr vorgehen?», fragt Workshop-Leiterin Melanie Eberhard. «Vielleicht einen Brief an Stadtrat Jürg Altwegg schreiben?», schlägt Melany vor.

Im September waren zwei Verantwortliche des Ateliers engage.ch in Oberwinterthur zu Gast. Das Projekt des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente (DSJ) will Jugendliche bereits in der Oberstufe für Politik interessieren. «Wir wollen eine Brücke bis zur Volljährigkeit bauen», sagt Melanie Eberhard. In der Schule lernen die Jugendlichen zwar die politischen Strukturen und Prozesse kennen, dürfen aber noch nicht abstimmen und wählen. Das sei schade, findet Eberhard. «Bei vielen erwacht das Interesse während des Unterrichts, schläft dann aber, bis sie 18 sind, wieder ein.» Deshalb wolle man den Jugendlichen Wege abseits der offiziellen politischen Instrumente aufzeigen. Diese stehen auch Personen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft offen. 

Austausch via App

Die Winterthurer Schulklasse hatte sich bereits vor dem Workshop Gedanken darüber gemacht, was in ihrer Stadt verbessert werden könnte. Mert zum Beispiel bemängelt, dass es von Oberwinterthur her keinen Bus mehr an den Bahnhof Hegi gibt. Wenn er nächstes Jahr die KV Lehrstelle bei einer Bank in Zürich antritt, kann er erst am Hauptbahnhof in den Zug steigen und verliert dabei viel Zeit. Das Velo nehmen? «Ich muss einen Anzug tragen. Wenn es regnet, werde ich ganz nass», erklärt der 15-Jährige. Wie aber kann Mert seinen Wunsch an geeigneter Stelle anbringen?

In Winterthur ist das seit Anfang September ganz einfach: Jugendlichen steht eine App zur Verfügung, auf der sie Stadträte und Parteienvertreter direkt ansprechen können. Sie sollen ihre Ideen frisch von der Leber weg eintippen können und ebenso spontan Antworten erhalten. Mert zückt das Smartphone und schreibt an Stefan Fritschi, den Departementsvorsteher der Technischen Betriebe. Er scheint einen Nerv getroffen zu haben: 20 Likes erhält sein Thema von anderen jungen App-Benutzern. Und zwei Tage später wird sich der Stadtrat zu Wort melden. Er rät dem jungen Mann, die Haltestelle Schulhaus Neuhegi oder das Velo zu benutzen. Zudem verweist er auf den geplanten Ausbau des Bahnhofs Grüze, für den es aber noch eine Volksabstimmung brauche. «Liebe Grüsse, Stefan Fritschi.» Und auch Mert bedankt sich. 

Zusammenhänge erkennen

Eine andere Gruppe beschäftigt sich mit finanziellen Themen. Eine Steuersenkung, damit Familien mehr Geld haben, schlägt ein Junge vor. Sein Kollege wünscht sich weniger Asylheime, damit der Stadt mehr Geld für wichtigere Aufgaben zur Verfügung stehe. «Die jungen Asylbewerber haben alle ein neueres Handy als ich sowie viele andere Dinge, die sich nicht einmal meine Mutter leisten könnte», will er beobachtet haben.

Die Plattform stehe im Prinzip für alle Ideen offen, erklärt Melanie Eberhard. Einschreiten würde sie lediglich bei heiklen Themen, die zum Beispiel rassistische oder sexistische Tendenzen aufweisen. Denn auch gewählte Politiker würden die Grenzen zum Teil ziemlich weit ausloten, gibt Eberhard zu bedenken. Den Jugendlichen will sie eine mindestens so grosse Bandbreite zugestehen. «Sie sollen Fragen stellen und diskutieren können. Es müssen keine pfannenfertigen Vorstösse vorliegen.» In einem zweiten Schritt wolle man die Jugendlichen zu einer kritischen Auseinandersetzung anregen. Sie sollen sich mit den grösseren Zusammenhängen befassen und überlegen, was in die Politik gehört und was eher nicht. Man gestalte den Unterricht bewusst politisch neutral, betont die 28-Jährige. Die Workshop-Leitenden weisen die Jugendlichen darauf hin, bei welcher Partei ihr Anliegen am ehesten auf offene Ohren stossen könnte. Und auch bei der Auswahl der Politiker, die in die Klassen kommen, achtet man auf eine grosse Bandbreite. Sie werden angewiesen, die Jugendlichen nicht parteipolitisch zu beeinflussen. 

Aktuelle Themen aufgreifen

Melanie Eberhard ist seit 2014 beim Dachverband Schweizer Jugendparlamente angestellt. In ihrer Familie habe man früher regelmässig über Weltpolitik diskutiert, erzählt die Politologin. «Ein Sonntagsfrühstück konnte bis zu vier Stunden dauern. » Richtig wachgerüttelt habe sie dann als Zwölfjährige der Ausbruch des Irakkriegs.

Auch Klassenlehrerin Barbara Frei findet Politik ein sehr wichtiges Thema. «In der Schweiz haben wir die Chance, die Verhältnisse mitzugestalten. Diese müssen wir nutzen.» Weil sie die Klasse dazu motivieren möchte, widmet sie der Politik jeweils einen ganzen Themenblock. Zudem greift sie im Unterricht regelmässig aktuelle Ereignisse auf. Die Äusserungen von US-Präsident Trump zum Beispiel würden immer interessieren. «Die meisten finden ihn nicht gut. Wenn er wieder einen Tweet absetzt, sorgt dies oft für Diskussionen. » Auch kontroverse innenpolitische Vorlagen wie etwa die Abstimmung über das Minarettverbot bewegen die Jugendlichen, wie Frei weiss. «Mit solchen Themen kann man sie gut abholen.» Die Zusammensetzung im Schulhaus Wallrüti ist sehr multikulturell. Viele Kinder erfahren zu Hause auch deshalb wenig über das direktdemokratische System der Schweiz. Doch die meisten sind Schweizer Bürger und werden in drei Jahren abstimmen können. Die National- und Ständeratswahlen diesen Herbst wird die Lehrerin mit ihrer Klasse mitverfolgen. Und im nächsten Sommer plant sie einen Besuch im Bundeshaus, um vor Ort eine Debatte zu erleben.

In Winterthur arbeiten zurzeit mehrere Organisationen gemeinsam daran, Jugendliche näher an die Politik heranzuführen. Die Stadt hat dieses Jahr für sieben Klassen die Kosten für ein engage- Atelier übernommen. Zudem gibt es seit dem Frühling wieder ein Jugendparlament; vor 17 Jahren war ein entsprechendes Gremium mangels Interesse eingeschlafen. Weiter hat die städtische Organisation Jugendinfo auf ihrer App die beschriebene Chat-Funktion mit den Politikern aufgeschaltet und zusammen mit dem engage-Team einen Anlass organisiert, an dem Jugendliche Politikern persönlich begegnen konnten.

Dieser fand Anfang Oktober im Partylokal Salzhaus statt. Auf Sofas und Plüschsesseln sass man rund um Salontischchen gemütlich beisammen, nebenan stand ein Buffet mit Apérohäppchen bereit. Ausser dem Stadtpräsidenten, der anderen Verpflichtungen nachzugehen hatte, war der gesamte Stadtrat anwesend. Rund 25 Jugendliche haben die Chance gepackt. 

Anliegen finden Gehör

An einem Tischchen sitzt Finanzvorsteherin Yvonne Beutler und erklärt einigen jungen Frauen geduldig, wieso die Steuern in Winterthur so hoch sind. Man habe eben auch ein grosses Angebot zu finanzieren: Hallenbad, Skateranlage, Theater. «Am meisten Geld gibt die Stadt für die Schulen aus.»

In einer anderen Ecke werden Themen diskutiert, die das Departement Sicherheit und Umwelt betreffen. Julius findet, es gebe in der Stadt zu wenig Mülleimer mit Trennsystemen. «Viele würden PET und Glasflaschen sowie Alu-Dosen gern recyceln, wenn es in der Nähe eine Möglichkeit gäbe», erklärt er der zuständigen Stadträtin. Barbara Günthard-Maier findet das Anliegen berechtigt: «Ich habe die Anregung aufgenommen und bereits an die zuständige Stelle weitergeleitet.» Julius und seine Kollegen wollen über die App weiterverfolgen, ob ihre Idee tatsächlich realisiert wird. «Wir bleiben mit der Stadträtin in Kontakt», kündigt der Lernende Fachangestellter Gesundheit an.

Auch eine Gruppe Jungs aus dem Schulhaus Wallrüti hat die Gelegenheit wahrgenommen, die Politiker persönlich zu treffen. Mert, der sich eine bessere Anbindung des Busses an den Zug nach Zürich wünscht, diskutiert sein Anliegen nochmals von Angesicht zu Angesicht mit Stadtrat Fritschi. Das Problem sei erkannt, versichert dieser. Wenn das Stimmvolk dem vorgesehenen Viadukt nächstes Jahr zustimme, könne die Situation verbessert werden. «Der Bau wird dann etwa im Jahr 2035 fertig sein.» Die Antwort löst allgemeines Gelächter aus. Bis dann wird Mert über 30 Jahre alt sein und sollte seine KV Lehre längst abgeschlossen haben. Aber vielleicht wird er ja auch als erfolgreicher Banker noch Bus und Zug fahren. 

           
   

Politik erleben

Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) bietet mit seinem Projekt engage.ch Schulen einen Workshop an, in dem die Jugendlichen lernen, wie ihre Gemeinde funktioniert und wie sie ihre Ideen einbringen können. Der eigentliche Workshop kostet 400 Franken und besteht aus vier Lektionen, die von den Projektverantwortlichen geleitet werden. In der letzten Stunde sind in der Regel lokale Politiker und Politikerinnen anwesend, welche die Anliegen der Schülerinnen und Schüler mit ihnen diskutieren. In Winterthur fiel dieser Teil weg, weil die Jugendlichen an einem gesamtstädtischen Anlass Gelegenheit hatten, Politikern persönlich zu begegnen.

Weitere Angebote, bei denen die Politik im Zentrum steht:
– Lawmaker: Dieses neue Politikvermittlungstool ist vom Zürcher Kantonsrat entwickelt worden. Es richtet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe. Es besteht aus einer interaktiven Web-App. Sie ermöglicht es, anhand realer Beispiele die Entstehung eines Gesetzes zu verfolgen und zu erkennen, welche Player dabei eine Rolle spielen. Mithilfe eines Planspiels kann ein politisches Geschäft im Unterricht durchgespielt werden.

– «SpielPolitik»: Ebenfalls als Planspiel angelegt ist «SpielPolitik», das aus einer Kooperation des Vereins Schulen nach Bern und des Zentrums für Demokratie Aarau entstanden ist. Im Rahmen des zweitägigen Projekts reisen die Schülerinnen und Schüler nach Bern, wo sie sich im Nationalratssaal mit einer zuvor lancierten «Volksinitiative» auseinandersetzen und dazu einen Beschluss fassen. Das Projekt setzt eine Vor- und Nachbereitung in der Klasse voraus. [red]

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