Fit werden für die vernetzte Welt

04.01.2019 - Mitteilung

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Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird in der Berufswelt immer wichtiger. Eine Gruppe von Lehrpersonen am Realgymnasium Rämibühl will Schülerinnen und Schüler genau darauf vorbereiten.

Text: Jacqueline Olivier Fotos: Sophie Stieger  

«Unsere Schüler erleben normalerweise eine klar strukturierte Vielfalt an Fächern, gleichzeitig bewegen wir uns alle in einer Welt, die immer vernetzter wird», stellt Jürg Zbinden fest. Der Geschichtslehrer am Realgymnasium Rämibühl ist deshalb überzeugt: Eine solche Welt benötigt Menschen, welche die komplexen Themen von heute und morgen gemeinsam anzugehen imstande sind. Darum hat er mit einer Handvoll gleichgesinnter Kolleginnen und Kollegen, die alle ein anderes Fach unterrichten, vor einigen Jahren das Projekt «Inter» auf die Beine gestellt. Das Team hat sich der interdisziplinären Zusammenarbeit verschrieben und bietet den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, ein bestimmtes Thema während einer längeren Zeitspanne möglichst selbstständig aus verschiedenen Perspektiven zu vertiefen. Gefördert werden so überfachliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Selbstverantwortung, kritisches Denken oder Zeitmanagement. Und dies nicht einmalig, sondern von der 3. bis zur 5. Klasse wiederholt im Rahmen einzelner Projekte, welche die Schüler rausführen aus dem Klassenzimmer, aus der Schule. Am Schluss stehe stets ein Produkt, das benotet werde, erklärt Jürg Zbinden: eine schriftliche Reportage, ein Erklärvideo, eine Stadtführung, ein kurzer Spielfilm, eine Broschüre, eine Homepage, eine Ausstellung.

Gearbeitet wird in kleinen Gruppen, die jedes Mal neu zusammengestellt werden, sei es durch Los- oder Lehrerentscheid, zwischendurch dürfen die Jugendlichen ihre Gruppe auch selbst zusammenstellen. So lernen die Schüler, sich zu finden und die Rollen und die Arbeit in der Gruppe optimal zu verteilen. Dies ist nicht immer einfach, weiss Jürg Zbinden, entspreche aber der Realität, der die jungen Menschen dereinst in der Arbeitswelt begegnen würden. Ausserdem lernten sie, sich gegenseitig zu unterstützen, ungeachtet persönlicher Sympathien und Freundschaften. Und es steigere die Kreativität und die Vielfalt der Ergebnisse, wenn die Karten der individuellen Neigungen und Begabungen immer wieder neu gemischt würden.

Ideeller und praktischer Support

Die Idee von «Inter» wird von der Schulleitung unterstützt, wie Prorektor Tobias Weber bestätigt, der am Realgymnasium für besondere Unterrichtsgefässe zuständig ist. Interdisziplinarität sei grundsätzlich nichts Neues, erklärt er, im Rahmen von Projektwochen oder des Selbstorganisierten Lernens (SOL) arbeiteten Lehrerinnen und Lehrer unterschiedlicher Disziplinen bereits verschiedentlich zusammen. Am fruchtbarsten seien solche Ansätze dann, wenn Lehrpersonen aus eigenem Antrieb aktiv würden. Projekte wie jenes der Gruppe um Jürg Zbinden werden von der Schulleitung deshalb unterstützt – nicht nur ideell, sondern nach Möglichkeit auch praktisch. So bemüht man sich beispielsweise, Lektionen von Lehrpersonen, die zusammenarbeiten möchten, am gleichen Halbtag anzusetzen und damit gemeinsame Veranstaltungen zu erleichtern. Für zusätzlichen Aufwand können die Lehrerinnen und Lehrer eine finanzielle Entschädigung beantragen. Auch steht ihnen für Beratungen und Evaluationen ein externer Coach zur Verfügung. Und im vor zwei Jahren geschaffenen Forum «Interdisziplinarität » können sich Teams, die in diesem Bereich aktiv sind oder werden möchten, austauschen.

In dem Umfang und mit der Konsequenz von «Inter» sind bisher allerdings noch keine weiteren Projekte am Laufen. Dies bedeutet, dass erst einzelne Klassen davon profitieren. Die Schulleitung sähe es laut Tobias Weber noch so gern, wenn mehr Schülerinnen und Schüler in den Genuss von «Inter» oder ähnlichen Angeboten kämen. Für ihn ist jedoch klar: «Ein solches Vorhaben ist nicht möglich ohne die Initiative von Lehrpersonen, die es mit Leidenschaft, Engagement und persönlichem Interesse an der Sache umsetzen.»

 

Grenzen unterschiedlicher Art

Jürg Zbinden und seine Mitstreiter haben bereits die zweite Klasse durch «Inter» geführt. Die 5a befindet sich zurzeit mitten im letzten von insgesamt sechs interdisziplinären Projekten. Es geht um «Grenzen». Zuvor haben sich die Schülerinnen bereits mit Themen wie «Stadt», «Andermatt», «Alpen» oder «Europapark» auseinandergesetzt. An diesem Freitagnachmittag Mitte November erteilen die Deutschlehrerin Gabriela Merz und der Biologielehrer Daniel Bächtold eine Lektion gemeinsam. Der Fokus liegt auf der Grenze zwischen Mensch und Maschine. In den kommenden Wochen wird sich die Klasse mit dem Biologielehrer mit dem Zusammenspiel von Nervensystem und Maschinen, wie es etwa bei Exoskeletten, Tiefenhirnstimulation oder Cyborgs zum Tragen kommt, und den damit verbundenen ethischen Fragen auseinandersetzen und eine digitale Präsentation erstellen. Im Deutschunterricht ist das Ziel ein Theater, ausgehend von E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Der Sandmann».

Doch für heute ist erst einmal Schluss. Die Lektion ist zu Ende, die Schulwoche ebenso. Nächsten Dienstag geht es für die 5a im Bildnerischen Gestalten weiter, dort wird die Haut als Grenze des Körpers zur Umwelt thematisiert und in verschiedenen Objekten dargestellt. In Geschichte und Geografie schliesslich steht das Überschreiten von Landesgrenzen im Zentrum. Die Schüler haben die Aufgabe, Migranten zu interviewen, die sie selbst ausfindig machen müssen. Deren Wege und Geschichten werden sie in einer schriftlichen Arbeit und auf Plakaten festhalten. Zum Abschluss des Projekts werden sie alle ihre Arbeiten kurz vor Weihnachten in einer Ausstellung Lehrpersonen, Schulleitung und Eltern präsentieren.

Sehr spannend findet Schüler Nico Knaus diese Art der fächerübergreifenden Projektarbeit. Man beleuchte ein Thema von verschiedenen Seiten und könne dadurch auch tiefer darin eintauchen. «Der Arbeitsaufwand ist zwar entsprechend gross», meint er, «und den Zeitaufwand für jeden einzelnen Schritt unterschätzen wir Schüler wie auch teilweise die Lehrpersonen gern.» Letzteres habe unter anderem damit zu tun, dass man sich mit gewissen Medien noch nicht oder gar nicht auskenne. «Wenn man aber hinterher auf die einzelnen Projekte und die verschiedenen Produkte wie Film, Homepage oder Reportage zurückblicken kann, ist das schon befriedigend.» Auch Melanie Leuthold ist froh, in dieser Klasse zu sein, in der man anders arbeiten könne als die anderen Schülerinnen und Schüler. Zudem lerne man Dinge, die sonst nicht unbedingt zum Schulstoff gehörten – eine Homepage zu erstellen oder einen Film zu drehen zum Beispiel. «Und man arbeitet auch mal mit Kollegen zusammen, mit denen man sonst vielleicht nicht zusammenarbeiten würde, und lernt sie so von einer anderen Seite kennen.» Gerade die Arbeit in wechselnden Gruppen empfindet Lara Tabbert jedoch als schwierig. «Die Motivation der Einzelnen ist unterschiedlich hoch und die Meinungen gehen manchmal recht auseinander.» Alexander Schneiter denkt pragmatisch: «In den Projekten holt man meistens gute Noten, weil man gern arbeitet.»

Einig sind sich die vier, dass sie nach drei Jahren «Inter» bestens vorbereitet seien für die Maturarbeit. Sie hätten gelernt, effizient zu arbeiten, und gemerkt, dass es von Vorteil sei, am Schluss einen Zeitpuffer zu haben für Unvorhergesehenes. Unisono kommen sie zum Schluss, dass sie so etwas wie «Inter» auch allen anderen Schülerinnen und Schülern wünschen würden.

Sich selbst wachhalten

Ein positives Fazit ziehen nach dem zweiten Durchgang ebenso die Lehrpersonen. Als sehr befruchtend erlebt Deutschlehrerin Gabriela Merz die enge Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen. «Ich lerne dabei nicht nur fachlich dazu, sondern auch punkto Unterrichtsstil.» Der Aufwand ist allerdings gross. Sie und Daniel Bächtold haben allein für die heutige gemeinsame Unterrichtsstunde x-mal telefoniert, um sich minutiös abzusprechen. Der Biologielehrer verspürt momentan noch eine gewisse Unsicherheit angesichts der knappen Zeit bis zur Ausstellung – ob alles, was er plant, auch zu schaffen ist? Um so zu arbeiten, sei sicher eine gewisse Flexibilität notwendig, meint Geografielehrer Patrik Weiss. Und auch einige Jahre Unterrichtserfahrung.

Wird denn nicht vieles leichter bei der ersten und bald schon zweiten Wiederholung? Jürg Zbinden relativiert: Man nehme zwar teilweise wieder die gleichen Themen auf, probiere aber immer wieder Neues aus. «Wir wollen uns selbst auch wachhalten.» Eine Herausforderung sei die Benotung von derartigen Projektarbeiten. Als sie dabei einmal anstanden, machten sie vom Angebot der Schule Gebrauch und zogen den externen Coach bei. Erfreulich finden sie, dass allmählich das Interesse ihrer Kolleginnen und Kollegen an ihrem Tun erwacht. Ab nächstem Jahr wird ein Englischlehrer zum Team stossen. Und ein paar andere Lehrpersonen haben in einem gemeinsamen Projekt ebenfalls das Thema «Grenzen» aufgegriffen, es jedoch ganz anders umgesetzt. Dies zeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten interdisziplinären Arbeitens sind.

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