Die breite Abstützung war entscheidend

04.01.2019 - Mitteilung

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Bildungsrat Lucien Criblez präsidierte während acht Jahren die bildungsrätliche Kommission Bildungsstandards und Lehrplan 21. Jetzt wurde die Kommission aufgelöst. Ein Rückblick auf die wichtigen Meilensteine.

Interview und Foto: Reto Heinzel

Sie waren acht Jahre lang Präsident der Kommission Bildungsstandards und Lehrplan 21. Welche Aufgaben hatte die Kommission?

Die Kommission hatte zwei Aufgaben: 2011 waren zunächst die Bildungsstandards ein wichtiges Thema. Sie bildeten die Grundlage für den Lehrplan 21, das zweite zentrale Thema. Der Bildungsrat war von Anfang an überzeugt, dass die Lehrplanrevision nur gelingt, wenn das Schulfeld in die Revision einbezogen wird. Deshalb wurden im Kanton Zürich zwei Vernehmlassungen zum Lehrplan durchgeführt, ein Unikum in der Lehrplanrevision. Die beiden Vernehmlassungen waren zwar sehr aufwendig, sie warfen jedoch Fragen auf, die letztlich auch zu Änderungen führten. Zusätzlich zu den Vernehmlassungen wurde für die Mitwirkung des Schulfeldes eine zweite Möglichkeit geschaffen: die bildungsrätliche Kommission. In der Kommission war das Schulfeld vertreten. An den Sitzungen und im Kommissionsausschuss haben wir jeweils hart um Lösungen und Vorschläge gerungen. In diesem Rahmen kam es auch zum Konflikt mit dem Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV), der dann zeitweise die Mitwirkung verweigerte.

Für den Aussenstehenden tönt der Name «Bildungsstandards und Lehrplan 21» reichlich abstrakt. Wenn Sie einem Aussenstehenden erklären müssten, welche Aufgaben diese Kommission eigentlich wahrnahm, was würden Sie ihm antworten?

Im Prinzip handelt es sich ja sowohl bei den Bildungsstandards als auch beim Lehrplan 21 um inhaltliche Steuerungsinstrumente von Schule. Vereinfacht gesagt: Es geht um die Frage, was Schülerinnen und Schüler lernen, was Lehrpersonen unterrichten und was Schülerinnen und Schüler zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Schullaufbahn können sollten. Historisch gesehen gab es eine Verlagerung von der Wissens- zur Könnensorientierung, von einer lernziel- zu einer kompetenzorientierten Perspektive. Dieser Prozess hat in den letzten 20 Jahren stattgefunden. Und das ist eine der Kernfragen der Schule überhaupt. Grundkompetenzen – wie die Bildungsstandards heute heissen – und Lehrplan sind eng aufeinander bezogen und als Einheit gedacht.

Die Kommission hatte am Schluss ja die schier unglaubliche Zahl von rund drei Dutzend Mitgliedern.

Es war eine sehr grosse Kommission, weil alle Anspruchsgruppen vertreten sein sollten und wollten. Die Mitglieder sollten in ihren Verbänden und Gremien Diskussionen führen können. Insgesamt hat man im Kanton Zürich wenig hinter verschlossenen Türen entschieden, sondern immer nach Diskussionen mit den Akteuren. Dieses Vorgehen hat sich bewährt: Am Ende war keiner der wesentlichen Stakeholder im Kanton Zürich gegen den Lehrplan 21. Aus guten Gründen, wie ich finde, denn man konnte einige wichtige Anpassungen vornehmen, die das Schulfeld vorgeschlagen hatte. Am Ende haben wir nun ein Kompromisswerk, insbesondere im Bereich der Stundentafeln, aber auch in der Art und Weise der Einführung.

Die Kommission war ja eine Art Begleitgremium für die Arbeit des Bildungsrates. Ist Ihnen ein Thema noch besonders präsent?

Die ganze Frage der Zeugnisse zum Beispiel. Insbesondere seitens der Verbände der Lehrpersonen wurde argumentiert, man könne nicht einen kompetenzorientierten Lehrplan einführen und dabei die Zeugnisse und das gesamte Beurteilungssystem unangetastet lassen. Diese Frage wurde lange und wiederholt diskutiert. Es ist eine Diskussion, die noch nicht zu Ende ist. Vor Kurzem hat wieder eine kleine Tagung zum Thema stattgefunden.

Was wurde hinsichtlich der Zeugnisse denn entschieden?

Vonseiten des Bildungsrates wurde damals noch eine andere Rationalität ins Spiel gebracht. Man war sich zwar weitgehend einig, dass eine Änderung des Beurteilungssystems folgerichtig wäre, diskutierte aber vor allem darüber, ob es politisch sinnvoll sei, diese grosse Reform im selben Zug mit einer Beurteilungsreform zu verbinden. Weil die Kommission den Lehrplan 21 nicht gefährden wollte, wurde die Beurteilungs- und Zeugnisfrage auf später verschoben. Ausschlaggebend waren also strategische Gründe.
 

«Die Kommission hat den Zürcher Lehrplan 21 massgeblich mitgeprägt.»

 

Während sich die Kommission mit komplexen Fragen und unzähligen inhaltlichen Details zu befassen hatte, war in der Öffentlichkeit stets ein politisches Grundrauschen zu vernehmen. Namentlich konservative Kreise übten teils heftige Kritik an der Kompetenzorientierung des Lehrplans 21. Inwiefern wurde die Politik in der Kommissionsarbeit spürbar?

Die parteipolitischen Diskussionen waren in der Kommission ständig präsent, was sich auf unsere Arbeit erschwerend auswirkte. Für Verunsicherung sorgten auch die verschiedenen Volksabstimmungen in den Kantonen.

Welches waren die grössten Herausforderungen für die Kommission?

Aus meiner Sicht waren dies klar die Stundentafel, das Einführungsmodell sowie die Beurteilungsfrage. Aber selbstverständlich wurde auch über andere Aspekte intensiv diskutiert, etwa über ein sinnvolles Modell für die Weiterbildung.

Hat die Kommission mit ihrer Arbeit viel bewegen können? Oder konnte sie lediglich in Teilbereichen einige Akzente setzen?

Man kann sicher sagen, dass die Kommission den Zürcher Lehrplan 21 massgeblich mitgeprägt hat. Natürlich ist die Vorbereitungs- und Detailarbeit in den vielen Arbeitsgruppen und im Kommissionsausschuss erfolgt, weil eine so grosse Kommission nur teilweise in der Lage ist, eigene Vorschläge auszuarbeiten. Aber die Kommission hat wichtige Fragen einer Vorklärung zugeführt, und sie hat dafür gesorgt, dass der ganze Prozess von vorneherein breit abgestützt war. Das war aus meiner Sicht die vielleicht wichtigste Funktion der Kommissionsarbeit.

Welche Rolle kam dabei dem Bildungsrat zu?

Der Bildungsrat hat Zwischenentscheide gefällt, zum Beispiel zur Lektionentafel, und hat das Ganze am Schluss verabschiedet. Selbstverständlich hat der Bildungsrat oft über den Lehrplan diskutiert, aber der Bildungsrat ist kein arbeitender, sondern ein entscheidender Rat. Die wichtigen Vorarbeiten wurden an anderen Orten geleistet. Und hier leistete die Kommission sehr wertvolle Arbeit. Die Akzeptanz des Lehrplans wäre ohne die Kommission mit Sicherheit nicht so hoch gewesen.

Nun ist der Lehrplan seit dem Sommer im Praxistest in den Schulen. Ist der Start Ihrer Meinung nach geglückt?

Ich würde sagen, ja. Wichtig ist: Unterrichten heisst ja nicht, dass die Lehrpersonen heute in den Lehrplan blicken und morgen den Unterricht nach diesem Lehrplan durchführen. Wir haben einen Lehrplan, der nicht primär darauf ausgerichtet ist, den Lehrpersonen zu sagen, was sie morgen unterrichten sollen. Ein Lehrplan hat aber sogenannt sekundäre Bindungen zur Folge. Heisst: Jedes Lehrmittel, das in der deutschsprachigen Schweiz entwickelt wird, muss lehrplankompatibel sein. Der Lehrplan ist also eine entscheidende Richtschnur für die Lehrmittelentwicklung. Beurteilungen von Schülerinnen und Schülern oder die Selektion in weiterführende Schulen sind nur auf der Grundlage eines Lehrplans seriös möglich. Nun müssen wir die Lehrerinnen und Lehrer mit dem neuen Lehrplan arbeiten lassen. Die Einführung braucht Zeit. Es kommen laufend junge Lehrerinnen und Lehrer neu in die Schulen, die nach dem Lehrplan 21 ausgebildet worden sind. Die letzten Lehrpersonen, die nach altem Lehrplan unterrichtet haben, werden die Schule aber erst in ca. 35 Jahren verlassen. Reformen wie die Lehrplanreform sind immer auch mit einem Generationenwechsel verbunden. Ältere Lehrpersonen, die kurz vor der Pensionierung stehen, packen diese Herausforderungen wahrscheinlich anders an als jüngere Lehrpersonen, die noch lange mit dem Lehrplan arbeiten werden.

Nun hat sich die Kommission aufgelöst. Ist damit die Arbeit am Lehrplan 21 beendet? 

Die Arbeit der Kommission im Bereich der Einführung des Lehrplans 21 ist getan. Im Bereich der Bildungsstandards hingegen bewegt sich im Moment bildungspolitisch wenig. Wir werden aber auch in Zukunft eine Kommission benötigen, die sich mit solchen und ähnlichen Fragen auseinandersetzt und den Bildungsrat berät. Aber die sinnvolle Form und die Aufträge einer künftigen Kommission müssen neu definiert werden. Der Bildungsrat wird sich für die kommende Legislatur überlegen, welchen Auftrag eine solche Kommission erhalten und wie sie zusammengesetzt sein soll. Er wird aufgrund seiner Prioritätensetzung und aufgrund der anstehenden Projekte für die neue Legislatur eine sinnvolle Lösung suchen. 
 

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