Der dritte Lernort

04.01.2019 - Mitteilung

Zurück zu Schulblatt

Einen Beruf lernt man nicht nur im Lehrbetrieb und in der Berufsfachschule. Die überbetrieblichen Kurse vermitteln grundlegende praktische Fertigkeiten, für die in den Betrieben oftmals die Zeit fehlt.

Text: Andreas Minder   Fotos: Dieter Seeger

Es ist ein kalter Novembertag, aber Mario Böhi und Melchior Weber schwitzen. Rhythmisch bewegen sie das Hebelrohr des Habegger-Seilzugs hin und her. Das Seil ist am Stamm einer umgesägten Föhre befestigt, die schräg an einen anderen Baum lehnt. Ihre Krone hat sich in dessen Ästen verfangen. Zentimeter um Zentimeter ziehen die beiden Forstwart-Lernenden den Stamm über den weichen Waldboden. Endlich, nach langen Minuten, kracht die Föhre zu Boden. «Warum ist der Baum nicht in die geplante Richtung gefallen, sondern hängen geblieben?», fragt Instruktor Michel Kuster. Melchior Weber, der die Motorsäge bedient hatte, muss nicht lange überlegen: «Die Fallkerbe zeigte zu weit nach unten.» Kuster nickt und geht mit den beiden Lernenden noch einmal durch, was geschehen ist und was sie hätten anders machen können. Die Möglichkeit, Arbeitssituationen nachträglich gründlich zu diskutieren und auch aus Fehlern zu lernen, sieht der Instruktor als einen der Trümpfe der überbetrieblichen Kurse (üK): «Das ist etwas, das im Betrieb manchmal zu kurz kommt.» Der Zwang zur Wirtschaftlichkeit könne die Ausbildungsqualität beeinträchtigen.

Ganz in der Nähe, im Werkhof der Gemeinde Ossingen, beugt sich die angehende Forstwartin Pia Meier über das Schwert ihrer Motorsäge und schärft mit einer Feile die Kette. Neben ihr tun drei Kollegen dasselbe, auch sie aufmerksam beobachtet von einem Instruktor. Gefragt, was sie von den üK halte, nennt Meier ebenfalls den fehlenden Leistungsdruck als grossen Pluspunkt: «Man hat Zeit, die Dinge im Detail anzuschauen. Der Instruktor kann genau kontrollieren, ob man es richtig macht.» Pia Meier und 22 Männer im zweiten Lehrjahr absolvieren den «ÜK B Holzhauerei Vertiefung». Sie verbringen zwei Wochen zusammen in den Wäldern um Ossingen und im Zivilschutz-Ausbildungszentrum in Andelfingen. Jeweils um 6.30 Uhr frühstücken sie zusammen, um 7.15 Uhr folgt ein einstündiger Theorieblock. Dann fahren sie in Gruppen von vier oder fünf Lernenden mit einem Instruktor in den Wald oder trainieren an Posten, wie man die Motorsäge schleift, flickt und putzt. Auch den Feierabend verbringen die Lernenden, die ihre Lehre in Zürcher und Thurgauer Betrieben machen, zusammen und übernachten in der Zivilschutzanlage. Da wird diskutiert, gejasst und gelacht. Ein bisschen wie im Skilager sei es am Abend, erzählt einer der jungen Männer.

Organisiert hat den üK B Willi König vom Verband der Waldeigentümer Wald- Schweiz im Auftrag der Organisation der Arbeit (OdA) Wald ZH-SH. Als Kursleiter bestreitet er auch die Theorieteile. Vier bis sechs Wochen pro Jahr ist König als Kursleiter und Instruktor im Einsatz, sonst arbeitet er als Forstwart in einem kommunalen Forstbetrieb. Um als üK-Kursleiter tätig sein zu können, musste er bei Wald- Schweiz eine Prüfung absolvieren. Die Ausbildungen zum Berufsbildner und zum Instruktor wurden vorausgesetzt.

Entlasten und Lücken füllen

«In den üK werden praktische Grundlagen vermittelt», erklärt König den Zweck des dritten Lernorts. Das entlaste die Lehrbetriebe. Eine weitere Funktion der Kurse: Sie füllen Lücken in der betrieblichen Ausbildung. Forstwarte müssen nicht nur lernen, wie man Bäume fällt. Sie müssen auch wissen, wie man sie pflanzt und pflegt, wie man Hänge und Bäche sichert, wie Lawinenverbauungen erstellt, wie Wege unterhalten werden. Die meisten Betriebe könnten nicht das ganze Spektrum des Berufs vermitteln, sagt König. Anderen fehlten bestimmte Maschinen oder sie hätten nicht die modernsten Gerätschaften zur Verfügung. Last, but not least: Auch Berufsbildner seien nicht immer auf dem neusten Stand oder entwickelten mit der Zeit gewisse «Mödeli». In den üK werde immer nach den neusten Richtlinien von WaldSchweiz und der Suva unterrichtet.

Der Forstwart gehört zu den Berufen mit vielen üK-Tagen. Nicht weniger als 52 sind vorgeschrieben. Auf noch mehr, nämlich 68, kommen die Automobil-Mechatroniker. Weshalb es so viele braucht, weiss Beat Geissbühler, Leiter Fahrzeugtechnik an der Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur (STFW), die üK für die Berufe der Autobranche anbietet. «Ein Grund ist der rasante Wandel der Technik», sagt er. Zwischen einem zwanzigjährigen Auto und einem, das vor Kurzem die Fabrik verliess, liegen automobiltechnische Welten. Viele Garagen hätten die Kundschaft oder die dazugehörige Ausrüstung nicht, um sich in all diesen Welten zu bewegen. Andere hätten sich spezialisiert und lagerten Tätigkeiten aus. Die meisten reparierten zudem nur eine oder wenige Marken. Das Berufsbild sieht aber eine umfassende Ausbildung vor. «Wir öffnen in den üK den Fächer», sagt Geissbühler.

Lernort der Vernetzung

Bei den Fachleuten Gesundheit (FaGe) leuchtet es ein, dass die Lernenden nicht alles im Betrieb ausprobieren sollten. Blut nehmen zum Beispiel oder Spritzen verabreichen. In den üK üben sie zuerst an Puppen. Wenn sie Fehler machen, bekommen das nicht Patienten zu spüren. Auch bei intimen Verrichtungen wie der Körperpflege sind die Betroffenen froh, wenn sie es nicht mit Anfängerinnen zu tun bekommen. Erst wenn die Grundlagen gelegt sind, können die Lernenden ihre Fähigkeiten in der Praxis – unter Anleitung einer Berufsbildnerin – anwenden und Routine entwickeln.

Petra Morosini, Leiterin Bildung der OdA Gesundheit Zürich, sieht die üK auch als Lernort der Vernetzung. In der Berufsfachschule würden grundlegende theoretische Kenntnisse vermittelt, in der Praxis erlebten die Lernenden verschiedenste Situationen mit Patienten. «Im üK werden die Erfahrungen und Kenntnisse miteinander verknüpft, damit der Transfer zwischen Theorie und Praxis gelingt.»

Wenn Lernende in Gruppen durch erfahrene Pflegefachleute aus der Praxis in die grundlegenden Fertigkeiten des Berufs eingeführt werden, habe dies für die Lehrbetriebe zwei ganz wesentliche Vorteile, sagt Morosini: «Es garantiert hohe Bildungsqualität und Kosteneffizienz.» Eine Aussage, die Beat Geissbühler von der STFW unterschreibt. Er könnte sich vorstellen, dass aus diesen Gründen die üK in seiner Branche an Bedeutung und Umfang gewinnen werden. Die Arbeitszeit der Berufsbildner in den Lehrbetrieben sei so viel wert, dass es hohe Kosten verursache, wenn sie sich der Ausbildung von einem oder zwei Lernenden widmeten. Es sei deshalb denkbar, dass künftig weitere Inhalte in die üK transferiert würden.

Routine vermittelt der Betrieb

In anderen Berufen können Kosten-Nutzen- Überlegungen zu anderen Ergebnissen führen. So haben etwa die Fleischfachleute, die früheren Metzger, insgesamt nur 9 üK-Tage, bis 2017 waren es sogar nur deren 6. Wie Sascha Fliri, Koordinator Ausbildung im Ausbildungszentrum für die Schweizer Fleischwirtschaft erklärt, waren die zusätzlichen 3 Tage nicht unumstritten. Ein Grund für die Skepsis waren die Kurskosten, die teilweise die Betriebe übernehmen müssen. Offenbar sind sie im Verhältnis zum betrieblichen Ausbildungsaufwand höher als bei den Automobil-Mechatronikern. Es sind aber nicht nur ökonomische Argumente, welche die geringe Zahl an üK-Tagen in der Fleischbranche erklären. Es gebe relativ wenige Tätigkeiten, denen die Lernenden nicht in allen Betrieben begegneten, erklärt Fliri. Dafür aber viele Aufgaben, für die es eine gewisse Routine brauche. «Die kann man sich in einem üK nicht erarbeiten.»

     
        

Kurse mit langer Tradition

Die Bezeichnung «überbetriebliche Kurse» wurde mit dem Berufsbildungsgesetz von 2002 eingeführt. Existiert haben sie schon vorher. Im Berufsbildungsgesetz von 1978 wurden sie unter dem Namen «Einführungskurse» als dritter Lernort auf eidgenössischer Ebene verankert. In einzelnen Berufen gab es vergleichbare Ausbildungsgefässe aber schon viel länger. Emil Wettstein, Evi Schmid und Philipp Gonon vermuten in ihrem Buch «Berufsbildung in der Schweiz», dass Kurse für Maurer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Gewerbeschule Zürich durchgeführt worden waren, in der Schweiz die ersten Vorläufer der üK waren. In den üK werden – ergänzend zur Bildung in Betrieb und Berufsfachschule – grundlegende praktische Fertigkeiten vermittelt. Wie viele üK-Tage es in einem Beruf gibt, wird in der jeweiligen Bildungsverordnung festgelegt, ebenso die Lerninhalte. Die Leistungen der Lernenden werden mit Kompetenznachweisen (üK-KN) dokumentiert.

Finanziert werden die üK durch Kursgelder der Lehrbetriebe, Beiträge der öffentlichen Hand und der Berufsverbände. Höhe und Verteilung der Kosten sehen je nach Betrieb, Branche und Art des Kurses anders aus. Im Beispiel des im Haupttext beschriebenen üK B «Holzhauerei Vertiefung» kostet ein Tag pro Teilnehmer netto 370 Franken. Der Kanton Zürich übernimmt davon 240 Franken, wobei das Mittelschul- und Berufsbildungsamt, der kantonale Berufsbildungsfonds und die Abteilung Wald der Baudirektion je einen Teil beitragen. 70 Franken bezahlt der Branchenberufsbildungsfonds Wald. Für die Betriebe bleibt ein Aufwand von 60 Franken. [ami]

Zurück zu Schulblatt