Berufslehre heute: Bühnentänzerin

21.11.2019 - Mitteilung

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Ballett ist ihre Leidenschaft, darum bereitet sich Désirée Guler auf ihre Karriere als klassische Tänzerin vor. Um zu reüssieren, brauche es weit mehr als Talent und Ausstrahlung, sagt ihre Lehrerin Steffi Scherzer.

Text: Jacqueline Olivier  Foto: Sabina Bobst

Es ist kurz vor Mittag. In der siebten Etage der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sitzt Désirée Guler auf einer Bank im Korridor. Sie wirkt entspannt, dabei hat sie gerade eine Stunde Spitzentanz hinter sich, zuvor standen zwei Stunden klassischer Tanz auf dem Stundenplan. Ein ganz normaler Vormittag für die bald 18-Jährige aus Oberhasli, die hier an der Tanz Akademie Zürich (taZ) ihr letztes Ausbildungsjahr als Bühnentänzerin, Fachrichtung klassischer Tanz, absolviert.

Die Frage der Berufswahl, die viele Teenager umtreibt, hat sich für Désirée Guler nie gestellt. Ihr Weg war früh vorgespurt. Als Dreijährige durfte sie erstmals zwei ältere Freundinnen zum Ballettunterricht in Rümlang begleiten – da war es um sie geschehen. «Ich wollte gleich mittanzen», erzählt sie mit einem schüchternen Lächeln, «eintreten durfte ich aber erst mit vier.» Von dem Moment an liess sie nicht mehr locker. Bald schon wurden aus der einen Wochenlektion mehrere Stunden pro Woche. Mit elf Jahren wurde sie in die Einführungsklasse der taZ aufgenommen, ein Jahr später schaffte sie den Übergang ins Grundstudium. Von da an besuchte sie am Vormittag die Kunstund Sportschule Zürich, am Nachmittag den Unterricht an der taZ. Drei Jahre später begann das dreijährige Hauptstudium. Dies bedeutet täglich acht Stunden hartes Training von Montag bis Samstag. Zum Ausbildungsprogramm gehören auch Pas de deux, zeitgenössischer Tanz oder Improvisation. Einen Nachmittag pro Woche besuchen die Schülerinnen und Schüler den Allgemeinbildenden und den Englisch- Unterricht an der Allgemeinen Berufsschule Zürich. Der Fachunterricht – Musikgeschichte, Musiktheorie, Tanzgeschichte oder Anatomie – findet an einem Vormittag an der taZ statt. Alles zweisprachig, Deutsch und Englisch, denn an die taZ streben auch viele Nachwuchstalente aus dem Ausland. Das Englisch fiel Désirée Guler zu Beginn nicht leicht, doch wurde es für sie rasch zur Alltagssprache. Nur zwei der sieben jungen Frauen in ihrer Klasse sind Schweizerinnen.
 

Das Schöne als Ziel

Wer den Tanz zu seinem Beruf machen will, muss jung anfangen, das war bei Steffi Scherzer, der künstlerischen Leiterin der taZ, nicht anders. Auch die ehemalige Primaballerina der Staatsoper Berlin besuchte als kleines Mädchen eine private Ballettschule. Ihre professionelle Ausbildung durchlief sie an der Staatlichen Ballettschule Berlin. Sie weiss, was es heisst, sich ganz nach oben zu arbeiten, bis man die grossen Rollen unter namhaften Choreografen und mit berühmten Partnern tanzen darf. Als Dornröschen schwebte sie einst mit Rudolf Nurejew über die Bühne – ein Höhepunkt in ihrer Karriere, wie sie erzählt.

Das Dornröschen ist auch eine von Désirée Gulers Traumrollen, Giselle eine zweite. Ihr grosses Vorbild: Polina Semionova. Steffi Scherzer attestiert ihrer Elevin gute Chancen auf Erfolg. Seit drei Jahren arbeitet sie mit der Nachwuchstänzerin, beobachtet hat sie sie jedoch schon seit ihrem Eintritt in die taZ. «Ihr Talent ist mir gleich ins Auge gestochen.» Doch mit Talent allein ist es nicht getan, es braucht auch eine gehörige Portion Konzentrationsvermögen, Selbstdisziplin und Beharrlichkeit. Und die Fähigkeit, mit Selbstzweifeln umzugehen. Was auf der Bühne so federleicht und betörend aussieht, ist körperlich und geistig höchst anstrengend – und oft auch einfach Mühsal. Doch das merke man mit der Zeit nicht mehr, meint Steffi Scherzer, und ihre Schülerin erklärt: «Man denkt auch an das Schöne, auf das man hinarbeitet.»

Im letzten Ausbildungsjahr geht es für sie nun bereits um die Suche nach einem ersten Engagement. Locken würden sie das Stuttgarter Ballett, die Staatsoper Berlin oder das Royal Ballet in London. Doch die Hürden sind hoch: An den Auditions wetteifern schon mal 200 bis 300 Bewerberinnen und Bewerber um zwei bis drei Stellen. Mehrere Anläufe sollte man also von vornherein einplanen. Die meisten ihrer Studierenden fänden aber gute Jobs, sagt die künstlerische Leiterin. Wenn man dann in einem Corps de Ballet angekommen ist, geht es im Idealfall Stufe um Stufe die Karriereleiter hoch, mit ersten kleinen Soli innerhalb der Gruppe, dem Schritt zur Solotänzerin, zur Ersten Solistin. Vorausgesetzt, man verfügt über die nötige Ausstrahlung und entspricht den Anforderungen des Ballettdirektors.
 

Erste Bühnenerfahrung

Désirée Guler weiss, dass noch ein langer Weg vor ihr liegt. Doch hat sie bereits etwas vorzuweisen: Anfang 2016 stand sie auf der Hauptbühne des Opernhauses Zürich – als einer der kleinen Schwäne in «Schwanensee». Dieses Jahr gewann sie im Februar zudem am European Ballet Grand Prix in Wien die Bronzemedaille in der Kategorie Junior und im Juli einen der diesjährigen Studienpreise Tanz des Migros- Kulturprozents.

Solche Wettbewerbe und erste Bühnenerfahrungen sind laut Steffi Scherzer wertvoll, dürften aber nicht zu einer Überlastung führen. Die Ausbildung fordere die Jugendlichen genug – «und ich bin natürlich streng mit ihnen, schliesslich möchte ich, dass sie erfolgreich sind und selbstbewusst auftreten können». Die Arbeit an sich selbst höre hingegen nie auf, schon gar nicht, wenn man an der Spitze angekommen sei. «Gerade als Primaballerina muss man sich immer wieder beweisen. » Trotzdem sei Tänzerin ein sehr schöner Beruf. «Die Gemeinschaft der Tänzer ist wie eine grosse Familie. Und vor allem: Die Welt steht einem offen.» 

        
   

Der Beruf Bühnentänzer/in EFZ

Ausbildung: dreijährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Fachrichtungen: klassischer Tanz, zeitgenössischer Tanz. Voraussetzungen: abgeschlossene Volksschule, körperliche Eignung, hohes vorprofessionelles Niveau, tänzerischer Ausdruck, hohe psychische Belastbarkeit, gute Gesundheit. Ausbildung: klassischer Tanz: Tanz Akademie Zürich, Ballettschule Theater Basel, zeitgenössischer Tanz: Centre de Formation Professionnelle Arts, Genf. Schulische Bildung: 1 bis 1,5 Tage pro Woche an der Berufsfachschule bzw. integriert in den Unterricht der Ausbildungsinstitution.

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