«Die Kinder- und Jugendhilfe ist allgegenwärtig»

20.06.2019 - Mitteilung

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Seit 2008 leitet André Woodtli das Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB). Im Gespräch bezeichnet er die Familie als «Normalitätsmaschine» und zeigt auf, wo überall die Schulen auf das AJB treffen. Und er wagt einen Blick in die Zukunft.

Text: Reto Heinzel   Foto: Stephan Rappo

Das Amt für Jugend und Berufsberatung wurde 1919 als Kantonales Jugendamt gegründet. Welche Themen standen damals, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs und des Landesstreiks, im Vordergrund?

Es war eine bewegte, krisenhafte Zeit, geprägt von sozialen Spannungen. Dabei ging es um die negativen Spätfolgen der Industrialisierung. Diese trieben auch die Erfindung der Kinder- und Jugendhilfe voran. Insbesondere seitens der Volksschule wurden ausserschulische Hilfestellungen für Familien gefordert.

Weshalb?

Die Armut war gross, und die Lehrer und Lehrerinnen waren zum Teil mit Kindern aus desolaten Familiensituationen konfrontiert. Das heisst: mit Problemen, deren Entstehung offensichtlich ausserhalb der Schule lag. Seitens der Schule, besonders auch seitens der schulärztlichen Dienste, ertönte deshalb der Ruf an die Politik, Abhilfe zu schaffen. Von der Argumentationslinie her, wenn auch in ganz anderem Format, erinnert uns das an die heutigen Diskussionen rund um den Kindergarten.

Wie kommen Sie darauf?

Eines der Argumente für die Frühförderung weist doch zu Recht darauf hin, dass der Kindergarten mit Problemstellungen konfrontiert ist, die ausserhalb seines Einflussbereiches liegen. Die eben früher, zu einem früheren Zeitpunkt im Leben der Kinder entstanden sind. Kurz: Frühe Förderung ist gut für den Kindergarten! Und eben vor 100 Jahren: Kinder- und Jugendhilfe ist gut für die Schule! Als die Zürcher Regierung 1918 die Schaffung eines Jugendamts vorschlug, stiess sie damit auf grosse Resonanz. Innerhalb nur eines Jahres nahm das Amt den Betrieb auf.

Wie hat sich die Beziehung zwischen Schule und Jugendamt seither entwickelt?

Auch wenn der Ruf nach Kinder- und Jugendhilfe von der Schule her ertönte, entwickelte sich die Sozialpädagogik während langer Zeit ausserhalb der Schule. Erst in den letzten 30 Jahren kehrte sie sozusagen in die Schulen zurück. Ich denke hier natürlich an die schulische Heilpädagogik, an die Schulsozialarbeit und insbesondere an die schulergänzenden Betreuungsangebote.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Sozialpädagogik insgesamt und damit auch die Kinder- und Jugendhilfe vermitteln zwischen den Bedürfnissen des Individuums und den Ansprüchen der Gesellschaft. Das ist ihre grosse Rolle. Und der Bedarf nach dieser Vermittlungsfunktion ist in den vergangenen 100 Jahren stark gewachsen. Heute findet man Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Justizvollzug, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und eben auch im Bildungssystem. Jede Sekundarschülerin und jeder Sekundarschüler trifft, weil er oder sie ja eine Berufsausbildung machen soll, irgendwann einmal auf eine Berufsberaterin oder einen Berufsberater. Sie sehen: Die Kinder- und Jugendhilfe ist allgegenwärtig und ist unverzichtbar geworden.

Gewisse Leute stören sich am allgemeinen Bedeutungszuwachs der Sozialpädagogik und sprechen despektierlich von einer «Sozialindustrie».

Klar, diese Stimmen gibt es. Doch die beschriebene Entwicklung ist meines Erachtens irreversibel. Die Modernitätsdynamik verlangt nach einer starken Kinderund Jugendhilfe. Übrigens ist das vom Kantonsrat bereits verabschiedete neue Kinder- und Jugendheimgesetz mit seiner zentralen Versorgungsplanung steuerungslogisch ziemlich das Gegenteil von Sozialindustrie.

In welchen Bereichen arbeiten die Schulen gegenwärtig mit dem AJB zusammen?

Neben der Berufsberatung und der Schulsozialarbeit geschieht dies zum Beispiel bei der Elternbildung. Wir unterstützen und beraten Schulen dabei, ein passendes Elternbildungsprogramm bereitzustellen. Eine Lehrperson hat aber auch dann mit dem AJB zu tun, wenn das Wohl eines Kindes gefährdet ist, wenn sie befürchtet, dass ein Kind vernachlässigt oder misshandelt wird. In diesem Fall wird sie unter Umständen eine Gefährdungsmeldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) machen. Die KESB beauftragt dann eines unserer Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz) mit der Abklärung der Situation. Es sind glücklicherweise nur wenige Fälle, aber es gibt sie.

 

«Frühe Förderung ist gut für den Kindergarten.»

 

Heute ist viel vom Übergang in den Kindergarten die Rede. Warum findet dieser heutzutage so viel Beachtung?

Der Übergang vom unsystematischen Frühbereich ins strukturierte Schulsystem ist äusserst wichtig. Und der Kindergarten kümmert sich genau um diese Übergangsphase, die geprägt ist von sehr unterschiedlichen und individuellen Kinder- und Elternbedürfnissen. Dabei bekommt der Kindergarten sozusagen das in hohem Masse geschenkt, worum sich heutzutage viele Firmen bemühen müssen: Diversity!

Wir leben in einer Zeit rascher gesellschaftlicher Entwicklungen. Viele Familien sehen heute anders aus als noch vor 30 Jahren. Wie reagiert das AJB auf diese Veränderungen?

Ich bezweifle stark, dass diese Entwicklungen tatsächlich so rasant sind und ob sich die Familie wirklich derart stark verändert hat. Vielmehr denke ich, dass das, was die Familie im Kern ausmacht, extrem stabil ist. Wir merken es gar nicht, aber jede Familie stellt Tag für Tag vor allem Normalität her. Die Familie ist eine hochdynamische Lebensgemeinschaft, deren Mitglieder sich im Laufe der Zeit enorm stark verändern – auch in den Beziehungen untereinander. Also: Entwicklungsdynamik, Beziehungsdynamik, Gruppendynamik und so weiter. Die Familie ist also eine grandiose Dynamikbewältigungsund Normalitätsmaschine, die sich laufend neu erfinden muss.

Hat das klassische Familienmodell heute nicht Seltenheitswert?

Ja, gewiss, die Rollenaufteilung der Eltern hat sich enorm verändert. Das traditionelle Rollenmodell – die Frau steht am Herd, der Mann am Arbeitsplatz – ist wohl nur noch für eine Minderheit attraktiv. Während mehr als 500 Jahren und bis hinein in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts haben sich Familien tendenziell geschlossen, heute öffnen sie sich wieder. Grosseltern spielen wieder eine wichtigere Rolle. Familienergänzende Betreuungsangebote sind nicht mehr wegzudenken. Familien sind heute Netzwerke, denen es in der Regel – gerade als Netzwerk – ausgezeichnet gelingt, einen warmen Kern zu bewahren. Gleichzeitig steht heute die Familie als Institution auch weniger in der Kritik.

Woran denken Sie?

Die 68er-Bewegung hatte die Institution Familie stark kritisiert und man wollte sich durchaus auch – und zwar auch konkret – von den altmodischen Eltern befreien. Familie wurde als starre Reproduktionsmaschine kritisiert. Heute ist der Drang der Jugend, sich von den Eltern zu befreien, viel kleiner. Schauen Sie sich nur die Klimademonstrationen an, an denen die Mutter gemeinsam mit der Tochter teilnimmt. Beide tragen die gleichen Jeans und das gleiche T-Shirt.

 

Neben der klassischen Familie gibt es aber auch viele neue Familienformen.

Klar, es gibt Regenbogenfamilien, Multilokalität und so weiter. Dieser Anteil ist aber nicht besonders gross, die Schweiz ist hinsichtlich der Familienstrukturen eines der konservativsten Länder Europas: Über 75 Prozent der Neugeborenen kommen bei uns nach wie vor als Kinder von verheirateten Eltern auf die Welt. In Frankreich, Schweden oder Island sind es zum Teil deutlich unter 50 Prozent, selbst in Italien ist der Anteil tiefer als in der Schweiz. Natürlich gibt es eine hohe Scheidungsrate und die strukturelle Vielfalt ist viel grösser als früher. Doch all das sollte man nicht überschätzen. Viel grösser sind die sozioökonomischen Herausforderungen.

Woran denken Sie genau?

Gemessen am sozioökonomischen Durchschnitt der Haushalte in der Schweiz wachsen Kinder in deutlich unterdurchschnittlichen Milieus auf. Interessanterweise ist diese Tatsache wenig bekannt und hängt damit zusammen, dass die Fertilitätsrate bei Akademikerinnen und Akademikern seit Jahrzehnten sehr tief ist, der Anteil an Akademikern aber in den letzten 30 Jahren stetig zugenommen hat. Für die sozioökonomischen Kinderwelten tut sich somit eine Schere auf. Selbstverständlich hat das Thema Familienarmut noch eine Reihe weiterer Aspekte.

Was heisst das für die Arbeit des AJB?

Wichtig ist, dass Eltern, die Schwierigkeiten haben, die Existenz ihrer Familie zu sichern, richtig unterstützt werden. Ich glaube, dass nur eine Doppelstrategie nachhaltig sein wird: Wir müssen die Eltern in ihrer beruflichen Entwicklung, in der permanenten Verbesserung beziehungsweise Sicherung ihrer Arbeitsmarktfähigkeit unterstützen, so technisch das tönt. Und auf der anderen Seite müssen wir qualitativ hochstehende familienergänzende Betreuungsangebote bereitstellen können. Damit unterstützen wir die Eltern auf dem Weg zur ökonomischen Selbstständigkeit, sichern optimale frühkindliche Entwicklungen und schaffen keine falschen Anreize.

 

«Ich möchte, dass das AJB noch stärker von den Zielgruppen her denkt.»

 

Das AJB mit seinen Berufsinformationszentren (biz) und Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz) weist eine stark regionalisierte Struktur auf. Ist diese tragfähig genug für die Zukunft?

Die Zentralisierung macht vor allem für interne Unterstützungsleistungen Sinn: Bereitstellung von Informationsmaterial, Einrichten von Webinaren, Abklären von Leistungsansprüchen etc. Insbesondere für die Beratungsleistungen gilt eher das Gegenteil: aus den Bürozentren heraus! Bei der Berufsberatung machen wir das ja, wir gehen in jedes Schulhaus, auch die Mütter- und Väterberaterinnen der kjz bieten ihre Beratungsleistungen in fast jeder Gemeinde des Kantons an. Wir müssen aber tendenziell noch mehr an jenen Orten präsent sein, wo sich die Leute naturgemäss aufhalten und Zeit haben für uns.

An welche Orte denken Sie?

Einerseits könnte man die Schulhäuser noch stärker für Familienangebote nutzen, zum Beispiel abends. Wir unterstützen ja auch Gemeindebibliotheken, und diese entwickeln sich zu richtigen Familientreffpunkten, das ist grossartig. In diese Richtung müssen wir weiterdenken. Ich denke aber auch an Spielplätze, Shoppingcenter, an alle Orte, wo Familien verkehren. Auch die Digitalisierung bietet Chancen. Sie ermöglicht uns, dass unsere Angebote in jedem Hosensack Platz finden.

Wo wollen Sie als Amtschef die weiteren Schwerpunkte setzen?

Ich möchte, dass das AJB noch stärker von den Zielgruppen her denkt. Wir müssen noch näher an die Familien, Kinder, Jugendlichen und Ratsuchenden herankommen und mit unseren Leistungen noch gezielter auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. Damit diese nicht ein Multipack erhalten, sondern genau das bekommen, was sie brauchen. Und wir müssen an die eigenen Lebensvorstellungen der Menschen anschliessen. Wir sollten ihnen keine fertigen Pläne für ein gescheites Leben vorlegen. Natürlich gibt es auch kulturelle Differenzen, das alles muss man thematisieren.

In Ihrer Arbeit ist die Politik immer wieder ein Thema. Sie könnte zum Beispiel die Weiterentwicklung des AJB bremsen, indem sie beispielsweise Ressourcen kürzt. Bereitet Ihnen diese Ungewissheit gelegentlich Bauchweh?

Nein, überhaupt nicht. Ich liebe unser politisches System! Daran müssen wir uns messen lassen, daran müssen wir unsere Arbeit ausrichten. Unser Service public ist innerhalb dieses politischen Systems entstanden. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, dass wir kritische Stimmen nicht nur in unsere strategischen Überlegungen einbinden, sondern in den Alltag der Hilfestellungen. Im Stiftungsrat eines Heims sollten beispielsweise möglichst viele verschiedene Parteizugehörigkeiten vertreten sein. Denn nur wer sieht, was dort genau gemacht wird, kann ein Verständnis für diese wichtige Arbeit entwickeln.

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