«Das Fest lebt von der Abgrenzung zum Alltag»

04.01.2019 - Mitteilung

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Keine Gesellschaft ohne Feste. Kulturwissenschafter Walter Leimgruber erklärt im Gespräch, warum das so ist, welche Bedeutung Feste haben und warum sie gerade für Kinder und in der Schule wichtig sind.

Interview: Jacqueline Olivier

Welches ist Ihr Lieblingsfest?

Weihnachten. Dieses Fest ist in meiner Familie seit eh und je der Anlass, den wir miteinander feiern und mit gewissen Ritualen verbinden: zusammen einkaufen, zusammen den Baum schmücken, gut essen. Als die Kinder noch klein waren, gehörten auch das gemeinsame Backen sowie Lesen und Hören von Geschichten dazu. Es sind Tage, in denen man sich etwas zu Hause einmummelt und viel Zeit gemeinsam verbringt.

Gemeinsamkeit ist sicher ein wichtiges Merkmal eines Festes. Wie lässt sich ein Fest sonst noch definieren?

Das Gemeinsame ist auf jeden Fall eine Kerndefinition. Allein feiert man keine Feste. Ein anderes wichtiges Merkmal ist das Überborden, das Überschreiten von Grenzen: Wir essen und trinken mehr als normalerweise, gehen ungezwungener aufeinander zu, tun Dinge, die wir sonst nicht tun würden. Auch Musik und Tanz gehören oft zu einem Fest und damit verbunden die unkomplizierte Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht oder über Hierarchien hinweg. An einem Fest gelten normalerweise andere Konversationsformen, die schnelle und einfache Kontaktmöglichkeiten eröffnen.

Welche Bedeutung haben Feste für uns Menschen?

Ein wesentliches Ziel von Festen ist die Sinnhaftigkeit: Man erzeugt Sinn für sein Leben, für den Alltag, für die eigene Gruppe oder Gemeinschaft. Mit einem Fest lässt man ausserdem den Alltag hinter sich, auch dies ist eine Form der Sinngebung: Durch das Abschalten, durch die Überwindung des Alltags bis hin zur Ekstase vergisst man, was einen im Alltag beschäftigt.

Welchen Sinn gibt man seinem Leben denn mit einem Fest?

Vor allem bei religiösen Festen geht es darum, uns den Sinn unserer Existenz vor Augen zu führen. Sehr wahrscheinlich liegt der Ursprung des Festes im Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Bestattungen, Beisetzungen und Überführungen in ein anderes Leben dürften historisch am Anfang des Festes stehen. Die Erfahrung des Todes erzeugt einerseits eine gewisse Sehnsucht nach positiven Momenten im Leben, anderseits eine Sehnsucht nach Transzendenz. Religion und Feste sind deshalb untrennbar miteinander verknüpft. Jede Religion hat ein grosses Spektrum an Festen zu bieten. Sie sollen den Leuten einen Rhythmus und einen Halt geben – von der Geburt bis zum Tod.

Und was ist mit nichtreligiösen Festen, findet sich darin auch ein Sinn?

Wenn man als Gruppe ein Fest veranstaltet, geht es unter anderem darum, die Gemeinschaft zu definieren und dieser dadurch einen Sinn zu geben. Jede Gruppe, die sich bildet, beginnt, gewisse Rituale zu etablieren, um die Gruppe zu festigen und sie gleichzeitig von anderen Gruppen abzugrenzen. Zusammen zu feiern, bedeutet, sich zu vergewissern, dass man zusammengehört – sei dies im Verein, unter Nachbarn, in der Familie, als Bewohner eines Quartiers oder als Bevölkerung einer Stadt. Selbst bei ganz banalen Anlässen wie einem gemeinsamen Grillabend unter Kollegen ist diese Art der Sinnhaftigkeit gegeben.

Ist ein gemeinsamer Grillabend von Freunden tatsächlich bereits ein Fest oder anders gefragt: Wo verläuft die Grenze zwischen Zusammensein und Fest?

Man kann einen solchen Grillabend als Fest verstehen, wenn die Teilnehmenden ihn als solches empfinden, weil er für sie etwas Besonderes ist. Zumindest verleiht dies dem Abend einen festlichen Charakter. Natürlich kann man Feste auch klar definieren und kategorisieren nach den klassischen Kriterien: religiöse Feste, gruppenbezogene Feste, Feste, die ein kompetitives Element enthalten und so weiter. Zu letzteren zählen beispielsweise Sportfeste. Die Abgrenzung liegt grundsätzlich zwischen Fest und Alltag, diese Grenzen sind heute jedoch oft fliessend.

Wie ist das zu erklären?

Heute haben die Menschen Freizeit, die Teil des Alltags ist. Deshalb ist nicht immer klar, was nun Fest oder Freizeit ist. Die Party am Samstagabend von Jugendlichen zum Beispiel. Früher war das Fest immer Gegenpart zu einem Alltag, der geprägt war durch Entbehrung, Mühsal, Armut. Darum enthält das Fest genau die Elemente, denen man im Alltag aus gesellschaftlichen oder ökonomischen Gründen nicht frönen durfte: Verschwendung, Übermut, Unvernunft. Dieser Gegensatz besteht heute nicht mehr. 

Wir feiern heute bei jeder Gelegenheit. Verliert das Fest dadurch an Wert?

Wir feiern tatsächlich mehr Feste als früher, trotz unseres Überflusses. Vielleicht führt dies zu anderen Exzessen, überbordet man in anderer Hinsicht. An Weihnachten und Geburtstagen zum Beispiel bei den Geschenken, um zu zeigen: Wir können noch mehr, noch unvernünftiger schenken. Auch Phänomene wie Kampftrinken oder Drogenkonsum sind solche Formen des Über-die-Stränge-Schlagens. Man kann in der heutigen Fülle an Festen einen Wertverlust sehen, ich würde jedoch eher sagen: Jede Gesellschaft sucht sich die Feste, die zu ihr passen. Ich sehe die grosse Veränderung anderswo. 

Wo denn?

Bei der sogenannten Eventisierung und der damit verbundenen Kommerzialisierung. Der Kultursoziologe Wolfgang Lipp hat geschrieben: «Das Warenhaus ist das Dauerfestival des kleinen Mannes.» Ich würde zwar eher sagen, das Dauerfestival aller Menschen, aber die Aussage finde ich spannend, weil sie das Element des Konsums beinhaltet. Dieser war zwar schon immer Teil des Menschen, hat heute aber gigantische Ausmasse angenommen. Entsprechend wird heute jede Eröffnung einer Autowaschanlage als Fest respektive als Event zelebriert. Darin sehe ich eine Gefahr: Wir tun heute so, als wäre jeder kleine Anlass etwas völlig Aussergewöhnliches.

Was ist daran gefährlich?

Es kann zu einer Abstumpfung führen, denn es vermittelt das Gefühl, es müsse jeden Tag etwas Besonderes laufen. Und in dem Moment gibt es eigentlich keine Feste mehr. Denn das Fest lebt von der Abgrenzung zum Alltag, von der Vorfreude, den Vorbereitungen, dem speziellen Aufwand. Geht dies zusehends verloren, verliert die Gesellschaft auch das Gleichgewicht zwischen Alltag und Fest, zwischen Mühsal und Leichtigkeit des Lebens. Darüber, finde ich, müssen wir nachdenken.

Für Kinder sind Feste auf jeden Fall noch etwas Grossartiges. Wie prägen Feste ihr Aufwachsen?

Ich glaube, dass Feste für Kinder sehr wichtig sind, weil die Kinder durch sie die wesentlichen Elemente des Lebens kennenlernen und sich mit ihnen auseinandersetzen können. Feste bedeuten für die Kinder eine Auseinandersetzung mit sich selbst und mit ihrer Rolle in der Gemeinschaft.
 

«Feste geben Kindern die Möglichkeit, versteckte Fähigkeiten auszuleben.»

 

Wie meinen Sie das?

Die Rückversicherung der eigenen Zugehörigkeit zur Gruppe ist gerade für Kinder von enormer Bedeutung. Und auch die Überschreitung von Grenzen. An einem Fest dürfen sie Dinge machen, die sie sonst nicht machen dürfen – länger aufbleiben, mehr Süssigkeiten essen, etwas ungezogen sein, ohne dass es gleich Konsequenzen hat. Insbesondere in der Schule haben die Kinder einen klar definierten Alltag mit vielen Regeln und fixen Abläufen. Diese zu durchbrechen, zu erfahren, dass Grenzüberschreitungen in der Gesellschaft in einem bestimmten Rahmen Platz haben und auch gewollt sind, aber auch, wie weit man dabei gehen kann – dies sind für Kinder entscheidende Erfahrungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und in die Gesellschaft. Dazu gehört auch das Erleben von Frustrationen. Feste sind ja nicht per se frustrationsfrei. Gerade die Erkenntnis, dass Überschwang auch Grenzen hat, führt zu wesentlichen Frustrationserfahrungen, die ebenfalls zum Leben gehören.

Warum braucht es in der Schule überhaupt Feste,  wenn Kinder schon zu Hause und in der Umgebung überall Feste erleben?

Die Schule ist der Ort, an dem sich ein Kind in der Regel erstmals ausserhalb der Familie in einem Verband bewegen muss, der nicht selbst definiert ist und in dem es sehr viel Zeit verbringt. Damit ist die Schule der zentrale Ort der Sozialisation. Hier setzen sich die Kinder zum ersten Mal mit der Komplexität einer Gesellschaft auseinander und müssen lernen, sich darin zu bewegen. Und da gehören Feste einfach dazu. Ich glaube aber, die Schule kann und sollte Feste bewusst so gestalten, wie es die Eltern vielleicht nicht mehr tun.

Wie zum Beispiel?

Eine Gruppe zu formen, gemeinsam etwas zu gestalten und zu entwickeln, etwas Neues zu erfahren – das ist die Aufgabe und auch die Stärke der Schule. Feste bieten eine ideale Gelegenheit, diese Aufgabe wahrzunehmen und den Kindern die Freude daran zu vermitteln, gemeinsam etwas zu erreichen. Gleichzeitig lernen die Kinder, dass dafür auch eine gewisse Anstrengung notwendig ist. Ein Räbeliechtliumzug funktioniert nur, wenn alle vorher Räben schnitzen, ein Schultheater nur mit viel Üben, eine Schulhausparty nur, wenn man sie richtig organisiert und mit der Schule und den Lehrpersonen Möglichkeiten und Bedingungen aushandelt. Letztlich geht es immer um die Frage, was man selbst dazu beitragen kann, damit die Gesellschaft funktioniert, und was man dafür zurückbekommt.

Die Schülerinnen und Schüler erwerben also Sozialkompetenzen?

Genau. Und noch etwas: Feste geben ihnen die Möglichkeit, versteckte Fähigkeiten auszuleben. Der stille Junge hat vielleicht ein grosses Musikwissen und tritt plötzlich als DJ in Erscheinung, ein Mädchen entpuppt sich als perfekte Organisatorin, ein Dritter kann sehr gut kochen und backen. Die Erfahrung, dass es im Leben nicht nur darauf ankommt, in Mathe oder in Deutsch gut zu sein, sondern dass auch Begabungen geschätzt werden, die im Alltag oft nicht gesehen werden, ist für Kinder und Jugendliche fundamental und stärkt ihr Selbstwertgefühl. Und es fördert das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe in einer immer stärker auf das Individuum ausgerichteten Gesellschaft.

«Die Schule kann und sollte Feste bewusst so gestalten, wie es die Eltern vielleicht nicht mehr tun.»

In der Schule treffen heute auch ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander. Können Feste hier Brücken bauen?

Feste können gegenseitiges Verständnis sicher fördern, denn sie ermöglichen andere Formen der Begegnung. Man muss aber aufpassen, dass man sie nicht als Problemlösung einsetzt. Auch besteht eine gewisse Gefahr der Oberflächlichkeit. Wenn es um Multikulturalität und Diversität geht, funktioniert das Miteinander am besten beim Kochen, Essen, bei der Kleidung, der Mode. Also organisiert man ein Streetfood-Festival oder ein Fest der Kulturen, wo alle friedlich zusammenkommen und ihre Schauseite präsentieren. Das ist sicher ein guter Ansatz, man muss sich aber im Klaren sein: Feste auf so etwas auszurichten, ist nicht hinreichend. Man muss diese Erfahrung verbinden mit der entsprechenden Auseinandersetzung im Alltag.

Wir haben bis jetzt von Festen gesprochen, es gibt aber auch Feiern. Was ist der Unterschied?

In der Alltagsprache verwenden wir die beiden Begriffe oft als Synonyme. Es gibt aber klare Unterschiede: Das Fest ist das Überschwängliche, das Ausschweifende, das Leichte, das Loslassen. Eine Feier hingegen basiert auf einer klaren Struktur. Der Anlass ist durchorganisiert, explizit dazu entwickelt, einem spezifischen Gefühl Ausdruck zu verleihen, einer Organisation Bedeutung zu geben oder einen Erfolg – zum Beispiel einen Schulabschluss – zu zelebrieren. Bei einem Fest machen alle mit, bei einer Feier bleibt der Grossteil der Teilnehmenden als Publikum passiv. Bei Festen werden Hierarchien oft aufgehoben, bei Feiern werden sie hervorgehoben. Feiern sind auch stark disziplinierend, man muss stillsitzen, ruhig sein. Es sind «getragene» Anlässe, an denen Überborden nicht akzeptiert wird. Reichhaltige Anlässe beinhalten jedoch oft feierliche und festliche Elemente. Sich mit den verschiedenen Seiten der Wirklichkeit auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass diese Seiten nicht gegensätzlich sind, sondern zusammen das Leben ausmachen und strukturieren – dies kann in der Schule ebenfalls gut vermittelt werden.

In der Schule ist die Teilnahme an einer Feier oder einem Fest allerdings oft eine Pflicht.

Wer sagt denn, dass ein Fest freiwillig ist? Feste sind oft auch ein subtiler Ausdruck davon, welche Zwänge in einer Gesellschaft bestehen. Der Zwang der Zugehörigkeit ist eine anthropologische Konstante. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwo zu einer Gruppe gehört. Feste sind jedoch geeignet, die Einbindung nicht als Zwang, sondern als etwas Freiwilliges erscheinen zu lassen. Und auch das ist eine essenzielle Erfahrung für Kinder und Jugendliche: Die sozialen Bande sind da, man kann sich ihnen nicht einfach so entziehen. Feste sind eine gute Gelegenheit, zu spüren, dass das Eingebundensein Spass machen kann, aber auch seinen Preis hat. Nämlich, dass man selbst Verantwortung übernehmen muss, um das Eingebundensein für alle möglichst angenehm zu gestalten.
 

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