Wohin soll die Reise gehen?

29.06.2018 - Mitteilung

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Ab diesem Sommer werden an den Gymnasien die schuleigenen Studien- und Berufswahlkonzepte umgesetzt. Trotz grosser Vielfalt ist ihnen eines gemeinsam: Schülerinnen und Schüler sollen gezielt auf das Thema aufmerksam gemacht werden.

Text: Jacqueline Olivier   Foto: zvg

Die Matura in der Tasche – und keine Ahnung, wie es weitergeht? Dies soll Absolventinnen und Absolventen des Gymnasiums in Zukunft nicht mehr passieren. Jedenfalls nicht, wenn die neuen Studienund Berufswahlkonzepte der Kantonsschulen, die spätestens mit Beginn des kommenden Schuljahrs umgesetzt werden sollen, greifen. Sie garantieren einerseits, dass sich Mittelschülerinnen und -schüler im Verlaufe ihrer Schulzeit immer wieder mit Fragen zu ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen, andererseits legen sie einen Fokus auf die Stärkung von Selbst- und überfachlichen Kompetenzen, die für die Studien- und Berufswahl wichtig sind.

Ausgelöst worden war das kantonale Projekt zum einen aufgrund einer Befragung ehemaliger Maturandinnen und Maturanden, zum anderen auf Empfehlung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (s. Kasten). Im Kanton Zürich habe man von Anfang an auf die bewährte Tradition der Mitwirkung der Schulen gesetzt, sagt Bena Keller, Projektleiterin im Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Das heisst, die Schulen waren bereits in die Erarbeitung des kantonalen Rahmenkonzepts involviert. Dieses enthält einen Studienwahlfahrplan, der über die gesamte Schulzeit obligatorische Unterstützungsangebote, Zuständigkeiten und Ziele festhält. Definiert wurden auch gewisse Eckwerte wie beispielsweise eine bessere Koordination und Bekanntmachung von schulischen und nichtschulischen Studien- und Berufswahlelementen, eine engere Zusammenarbeit der Schulen mit den Berufsund Studienberatern des Amts für Jugend und Berufsberatung (AJB) oder die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern des Untergymnasiums bei einem allfälligen Wechsel in eine Berufslehre oder an eine nicht gymnasiale Mittelschule.

Auf dieser Basis entwickelten die Schulen anschliessend ihr eigenes Konzept. Die Resultate unterscheiden sich laut Bena Keller vor allem hinsichtlich Vielfalt, Kreativität und Umfang.

Nicht bei null begonnen

An den meisten Schulen waren bereits gewisse Angebote zum Thema Studienwahl vorhanden, diese wurden in der Regel in das neue Konzept eingebaut und teilweise neu ausgerichtet. So auch an der Kantonsschule Freudenberg. Hier soll die Studien- und Berufswahl beispielsweise im Rahmen der bestehenden Studiumsstunden, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind, mehr Gewicht erhalten, wie Caspar Büttner erklärt, der interimistisch für das Konzept verantwortlich ist. Auch werden neuerdings am Profilwahl-Anlass in der 2. Klasse Informationen des Berufsinformationszentrums (biz) aufgelegt.

Eigens ins Leben gerufen wurden unter anderem der Studien- und Berufswahl- Workshop für die 4. und die Schnupperwoche für die 5. Klassen. In Letzterer können die Jugendlichen, statt in einem Betrieb zu schnuppern, auch an einer Wirtschafts- oder einer Technikwoche teilnehmen. Bei der ersten Durchführung Anfang dieses Jahres sei die Technikwoche allerdings mangels Anmeldungen nicht zustande gekommen, wie Caspar Büttner bedauernd festhält. «Für das nächste Mal erhoffe ich mir mehr Interesse, denn da wir auf die sprachlichen Profile spezialisiert sind, wäre dies für unsere Schüler eine grosse Chance, in eine weniger bekannte Welt einzutauchen.»

Andere Gefässe wie etwa der Ehemaligenanlass befinden sich noch im Aufbau. In diesem Zusammenhang steht zurzeit die Lancierung eines Mentorings durch Ehemalige zur Debatte. Zu diskutieren gibt ausserdem immer wieder, was freiwillig und was obligatorisch sein soll. Man dürfe das Fuder nicht überladen, findet Caspar Büttner, die Schüler seien schon genügend unter Druck. «Im Zentrum steht sicher, die Schüler umfassend zu informieren und ihnen die nötige Zeit zu geben, bestehende Angebote wie etwa die Informationstage der Hochschulen oder die Angebote der biz zu nutzen.»

Keinen Anlass mehr verpassen

Die Kantonsschule Uster hat nicht nur ein umfangreiches Konzept, sondern darauf basierend einen Studien- und Berufswahl- Fahrplan entwickelt, der an einen Netzplan der VBZ erinnert. Von der 1. bis zur 6. Klasse ist jeweils eine «Linie» definiert, die verschiedenen Angebote bilden die «Stationen». Um welche es sich handelt, wird auf zwei Seiten erklärt, und ebenso, welche davon obligatorisch sind (Schnellzug) und welche fakultativ (Regionalzug). Angegeben sind zudem die wichtigsten Kontaktadressen.

Dieser Flyer wird allen neu eintretenden Schülerinnen und Schülern ausgehändigt und mit einem Schreiben deren Eltern geschickt. Nur 6 der insgesamt 21 «Stationen» sind obligatorisch, etwa der Besuch eines Lernreferats «Erfolgreich durch die Probezeit», bei dem es in erster Linie darum geht, wie man lernt. Oder ein Besuch im biz Oerlikon mit einer Fortsetzung der Recherche in einer Schulstunde mithilfe spezifischer Aufträge.

Damit die Schüler auch die fakultativen «Stationen» nicht verpassen, werden sie vorab jeweils mittels des schuleigenen E-Messaging-Systems darauf hingewiesen. Dies sei ein ganz wichtiger Punkt, erklärt die zuständige Prorektorin Karin Hardegger. «Es soll nicht mehr vorkommen, dass die Schüler einen Anlass verpassen, weil sie den Aushang an der Informationstafel nicht gesehen haben.» Ausserdem wurde eine Lehrerin als Studien- und Berufswahl-Beauftragte eingesetzt. Sie ist für die Umsetzung des Konzepts zuständig, besucht aber auch die Klassen zur Vor- oder Nachbereitung einzelner Anlässe. «So soll sichergestellt werden, dass die verschiedenen Aktionen im Bewusstsein der Schüler verankert werden und nicht einfach verpuffen», sagt Karin Hardegger. Auch ein «Pflichtsurfen» auf der Schul-Website, auf der zahlreiche Informationen und Links zum Thema zu finden sind, ist Teil dieses Bestrebens. «Da gehen für die Schüler manchmal Welten auf.» Letztlich müssten die Jugendlichen merken, dass es um sie und ihre Zukunft gehe, ist die Prorektorin überzeugt. Den Benefit des Aufwands werde man als Schule wohl nie sehen, aber: «Wenn es uns gelingt, die Unsicherheit der Maturandinnen und Maturanden, die kurz vor der Ziellinie noch keine Ideen für die Zeit danach haben, zu reduzieren, ist schon viel gewonnen. Gleichzeitig möchten wir keinen zusätzlichen Stress erzeugen, indem wir den Schülern den Eindruck vermitteln, sie müssten bis zur Matur einen fixfertigen Karriereplan bereithalten.»

Ein hohes Mass an Selbstverantwortung der Jugendlichen fordert auch die Kantonsschule Im Lee in Winterthur – ein reines Kurzgymnasium. Gleichzeitig werden mit verschiedenen schulischen Gefässen systematisch deutliche Akzente gesetzt. Bereits die Einführungswoche der 1. Klassen wird neu das Modul «Bildungssystem » enthalten. Darin sollen die Schülerinnen und Schüler anhand kleiner Übungen das Schweizer Bildungssystem besser kennenlernen, auch das Studienund Berufswahl-Konzept der Schule wird ihnen hier erstmals präsentiert. Zudem würden sich die Jugendlichen im ersten Schuljahr im Sinne ihrer persönlichen Entwicklung vor allem gewisse Recherchekompetenzen oder Arbeitstechniken aneignen und sich im Unterricht mit neuen Fachgebieten auseinandersetzen, betont Prorektorin Regula Damman. Im Verlaufe der Schullaufbahn kämen dann immer mehr und spezifischere Angebote hinzu. Zwar hätten sich wohl die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler schon im Berufswahlunterricht der Sekundarschule mit dem Thema beschäftigt, doch könne man kaum davon ausgehen, dass alle das Erfahrene verinnerlicht hätten. «Wer sich früh fürs Gymnasium entscheidet, interessiert sich oft nicht sehr ausgeprägt für die Berufswelt.»

Vernetzung ist wichtig

Entwickelt werden zurzeit noch der Berufswahl- Showroom, in dem Schülerinnen und Schüler der 3. Klassen ihre Studien- und Berufswahlinteressen präsentieren, oder der Ehemaligen-Halbtag mit ausbildungs- und berufsbezogenen Diskussionsrunden. Wichtig und richtig findet die Prorektorin die Vernetzung mit externen Stellen und Organisationen wie biz, Handelskammer, Hochschulen oder Kantonsschulverein Winterthur – dem Ehemaligenverein der drei Winterthurer Kantonsschulen. So konnten Angebote wie die Wirtschaftswoche, der MINT-Tag oder der Berufsinfomarkt zu nicht akademischen Ausbildungsgängen ins Konzept aufgenommen werden. «Die Studien- und Berufswahl soll ja gerade nicht ausschliesslich durch die Schule angeleitet werden.» Dort, wo sie aber Teil des Unterrichts oder von Sondertagen respektive -wochen ist, werde man in Zukunft explizit darauf hinweisen, um bei den Schülerinnen und Schülern das Bewusstsein für den Prozess zu schärfen.

Für die Gymnasien bedeuteten die neuen Studien- und Berufswahlkonzepte so etwas wie einen Paradigmenwechsel, meint Regula Damman. «Bis jetzt ist man grundsätzlich davon ausgegangen, dass sich die Schülerinnen und Schüler selbst um ihre Zukunft kümmern.» Zwar hätten Schulen und Lehrpersonen sie dabei schon immer unterstützt, «aber nun haben wir einen definierten Auftrag der Bildungsdirektion, und zu diesem stehen wir.» Darum sagt sie gut gelaunt: «Wir machen uns jetzt frisch und munter an die Arbeit.»

    
    

Studien- und Berufswahl an Zürcher Mittelschulen

Wie eine Befragung von Mittelschulabsolventinnen und -absolventen aus verschiedenen Deutschschweizer Kantonen im Jahr 2012 ergeben hat, fühlten sich die Teilnehmenden aus dem Kanton Zürich im Durchschnitt etwas weniger gut auf die Studien- und Berufswahl vorbereitet als jene aus anderen Kantonen. Zur gleichen Zeit wurde von der EDK im Rahmen des Projekts zur Sicherung des prüfungsfreien Hochschulzugangs das nationale Teilprojekt Studien- und Laufbahnberatung lanciert. Im Juni 2014 beauftragte der Zürcher Bildungsrat das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA), ein kantonales Rahmenkonzept für die Studien- und Berufswahl an Mittelschulen zu erarbeiten. Dies wurde bis 2016 in Zusammenarbeit mit den Kantonsschulen, der Studien- und Berufsberatung des Amtes für Jugend und Berufsberatung sowie den Verantwortlichen
von Hochschulen und Fachhochschulen umgesetzt. Nach der Bewilligung durch den Bildungsrat hatten die Mittelschulen rund ein Jahr Zeit, auf der Basis des Rahmenkonzepts, das gewisse Eckwerte vorgab, ihre schulspezifischen Konzepte zu erarbeiten und dem MBA vorzulegen. Spätestens mit Beginn des Schuljahrs 2018/19 muss die Umsetzung erfolgen. [jo]

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