Wie der Schinken im Sandwich

29.06.2018 - Mitteilung

Zurück zu Schulblatt

Susanne Gasser und Hanspeter Ogi leiten zusammen die Sekundarschule Schmittenwis in Niederweningen. Obwohl sie unterschiedlichen Generationen angehören, klappt das reibungslos.

Text: Reto Heinzel Foto: Sabina Bobst

Es kommt zwar selten vor. Doch wenn Susanne Gasser und Hanspeter Ogi zur gleichen Zeit im gemeinsamen Büro sind, sitzen sie sich immer gegenüber. Und sie pflegen einen intensiven, ja einen «permanenten Austausch», wie beide betonen. Dieser ist auch nötig, denn sonst wäre die von ihnen in diesem Haus gelebte und geschätzte Form des Job-Sharing unmöglich.

Seit diesem Schuljahr leiten Gasser (35) und Ogi (62) gemeinsam die Sekundarschule Schmittenwis in Niederweningen, wo 210 Schülerinnen und Schüler von 27 Lehrpersonen unterrichtet werden. Sie haben je ein 50-Prozent-Pensum. Sie gehören unterschiedlichen Generationen an, dennoch scheinen sie bestens zu harmonieren. Ogi arbeitet von Montagmorgen bis Mittwochmittag, für die anderen zweieinhalb Tage ist seine Stellenpartnerin zuständig. Zumindest steht es so auf dem Papier. «Wenn man in diesem Job führen und nicht nur verwalten will, muss man eine gesunde Portion Flexibilität mitbringen», sagt Ogi. So findet zwar jeweils mittwochmittags die Übergabe statt. Es ist jedoch normal, dass die Schulleiterin und der Schulleiter auch am Donnerstag zusammenkommen, um sich mit den anderen Schulleitern der Schule Wehntal abzusprechen und an der Schulleiterkonferenz oder der Schulkonferenz teilzunehmen.

Zahlreiche Aufgaben

Wer eine Schule leitet, hat zweifelsohne viel Verantwortung zu tragen. Die Schulleitung ist für eine Vielzahl an Aufgaben zuständig. Ihr obliegen unter anderem das Erstellen der Stundenpläne, Personal- und Finanzfragen, Disziplinarisches, Schulentwicklung. Auch die Kommunikation, die interne und die externe Kontaktpflege sowie die regelmässige Teilnahme an Sitzungen mit anderen Vertreterinnen und Vertretern des Schulfeldes gehören dazu. Obschon erste Versuche mit geleiteten Schulen im Kanton Zürich bereits vor über 20 Jahren gestartet und Schulleitungen 2008 flächendeckend eingeführt wurden, blieben die Handlungsfelder auf der neuen Hierarchiestufe während der ersten Jahre unbestimmt. Auch die Stellung zwischen Schulpflege und Lehrpersonen und der Umfang an Kompetenzen variierten von Schulgemeinde zu Schulgemeinde.

Heute ist die Rolle der Schulleitung klarer umrissen, die Aufgaben sind in einem ausführlichen Berufsleitbild festgehalten. Dennoch bleibt die Verortung im Schulfeld schwierig: «Die Schulleitungen sind wie der Schinken im Sandwich», sagt Ogi. «Man weiss nie, ob er zum Boden oder zum Deckel gehört.» Die Schulpflege sei weiterhin von enormer Bedeutung. Je nachdem, ob sie sich als strategische oder operative Behörde verstehe, sei der Handlungsspielraum der Schulleitungen ein anderer. Im Fall der Sek Schmittenwis klappe die Zusammenarbeit sehr gut, die Schulleitung geniesse das Vertrauen der Schulpflege, zugleich sei sich diese ihrer Verantwortung bewusst. Ogi spricht von «paradiesischen Verhältnissen».

Schwieriger Start

Ende der 1990er-Jahre gehörte das Schmittenwis zu den ersten geleiteten Schulen im Kanton Zürich. Nachdem er bereits in den 1980er-Jahren als Reallehrer hier gearbeitet hatte, kehrte Ogi 1993 nach Niederweningen zurück. Im Rahmen des Versuchs «Teilautonome Volksschulen» (TaV) übernahm er 1997 mit zwei weiteren Kollegen die Leitung der Sek Schmittenwis.

«Es war ein schwieriger Start. Die Schule liess sich damals nur in einem Dreierteam leiten», erinnert sich Ogi, «denn der Widerstand von Lehrpersonen gegen eine geleitete Schule war massiv.» Vielleicht noch mehr als heute sahen sich Lehrerinnen und Lehrer damals zuallererst als Einzelkämpferinnen und -kämpfer. Ihre Kernaufgabe, das Unterrichten, bewältigten sie alleine, und sie handelten weitgehend selbstständig, unabhängig. Da die basisdemokratisch organisierte Schulkonferenz stets das letzte Wort hatte, war es für die neue Schulleitung nicht einfach, sich Gehör zu verschaffen und in der Schulentwicklung Akzente zu setzen. Ogi liess sich von den anspruchsvollen Startbedingungen jedoch nicht abschrecken, im Gegenteil: Bis heute ist er dem Schmittenwis treu geblieben. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Leitungstrio eine Co- Leitung, seit 2011 führte Ogi die Schule alleine.

Gemeinsame Wertebasis

Damals war die eigene Pensionierung für Ogi längst kein entlegenes Thema mehr. Der erfahrene Schulleiter, dem die Weiterentwicklung der Schule stets besonders am Herzen lag und der zuletzt das Konzept «Sek 2015» mit niveaudurchmischten Stammklassen eingeführt hat (vgl. auch Schulblatt 5/2017), wollte die Zukunft der Schule nicht dem Zufall überlassen: «Die Schulleitung ist eine Schlüsselstelle im Schulbetrieb. Falls eine Nachfolge nicht sorgfältig geplant wird, kann viel kaputtgehen.» Vor einigen Jahren begann er deshalb, sich über seine Nachfolge Gedanken zu machen. Idealerweise sollte eine Person die Leitung übernehmen, die mit den schulischen Entwicklungen im Schmittenwis vertraut ist, die das Team kennt und dessen Vertrauen geniesst. Wieso? «Lehrpersonen sind verantwortliche Führungsleute. Ein Entscheid in deren Kerngeschäft Unterricht kann niemals einfach von oben verordnet, geschweige denn durchgesetzt werden», sagt Ogi.

In Susanne Gasser fand Ogi seine Wunschkandidatin. Sie verfügt über langjährige Unterrichtserfahrung, arbeitet seit 2005 in Niederweningen. 2007 wurde sie Klassenlehrerin, übernahm bald Teamverantwortung, leitete ein Jahrgangsprojekt. Sie hat mit viel Herzblut unterrichtet, zugleich aber auch gemerkt, dass ihr Führungsaufgaben lagen und Spass machten. Das erkannte auch der Schulleiter. Er ermunterte sie, die Ausbildung zur Schulleiterin zu machen und seine Stellenpartnerin zu werden. Auch die Chemie stimmte zwischen den beiden. «Uns verbindet eine gemeinsame Wertebasis», sagt Ogi. Gleichzeitig geniesst die Führung die volle Unterstützung der Lehrpersonen. Von ihnen erhielt Gasser viele positive Rückmeldungen. «Das Team gegen mich zu haben, wäre unerträglich gewesen.»

Es gilt das Kollegialprinzip

Gasser schätzt es, auf einen erfahrenen Stellenpartner wie Ogi zählen zu können. Dadurch könne sie unbeschwerter an ihre Aufgabe herangehen. Trotzdem dürfe sie auch gestalten. Ogi habe einen anderen Blick auf die Dinge. «Und er bewahrt mich davor, in allzu viele Fettnäpfe zu treten.» Der Angesprochene gibt das Lob gerne zurück. «Die frischen Ideen, die Susanne Gasser in die Schulleitung trägt, sind eine Bereicherung. Sie sind auch nötig, um eine gute Stabsübergabe vorzubereiten.»

Die beiderseitige Zusammenarbeit, da sind sich Gasser und Ogi einig, verläuft bisher reibungslos. Da es im Schmittenwis bereits zuvor klare Strukturen und Verantwortlichkeiten gab, ist die Situation erheblich einfacher, wie Ogi sagt. Viele Abläufe seien standardisiert. «Anderseits kennen wir uns so gut, dass wir vieles auf einer informellen Basis regeln können.» Es gilt das Kollegialprinzip: Grundsätzliche Diskussionen finden stets unter vier Augen statt, gegen aussen tritt die Schulleitung geeint auf. Soweit möglich, setzen Gasser und Ogi zudem auf eine klare Aufgabenteilung. Während er sich zum Beispiel um die finanziellen Belange kümmert, ist sie für die personellen Fragen zuständig. Viele zentrale Aufgaben, darunter die Jahresplanung, Schulentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und die Vorbereitung von Sitzungen, nehmen die beiden indes gemeinsam wahr.

Etabliert und akzeptiert

Die Schulleitungen lassen sich nicht mehr mit jenen vor zehn Jahren vergleichen. «Es hat sich unglaublich viel verändert», sagt Ogi. «In der heutigen Welt würde eine Schule ohne Schulleitung gar nicht mehr funktionieren», ist er überzeugt. «Die Schulleitungen sind gut etabliert und allseits akzeptiert», stellen Gasser und Ogi gemeinsam fest. «Sie repräsentieren die Schule, haben eine offizielle Funktion – und geben der Schule ein Gesicht.» Schulleitungen hätten aber auch eine wichtige Entlastungs- und Schutzfunktion für die Lehrpersonen, denn die Anforderungen ans System Schule seien weiter gestiegen.

Ogi plant, noch bis 65 weiterzuarbeiten. Für Gasser ist schon jetzt klar, dass sie an der Form der Co-Leitung nach Ogis Pensionierung festhalten will. Schon deshalb, weil für sie als Mutter zweier kleiner Kinder eine Vollzeitstelle ohnehin nicht infrage komme, sagt sie. Mit der Nachfolge beschäftigen sich die beiden bereits heute intensiv, damit sie zu gegebener Zeit der Schulpflege einen passenden Vorschlag unterbreiten können. «Ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden werden», sagt Gasser.

    
    

Vom Versuch zur Institution

Im Rahmen des Pilotprojekts «Teilautonome Volksschulen» (TaV) starteten 1997 die ersten sieben Schulgemeinden im Kanton Zürich mit geleiteten Schulen. Das Interesse am Versuch war gross, am Ende der sechsjährigen Pilotphase waren 100 Schulgemeinden beteiligt. Im Volksschulgesetz vom 7. Februar 2005 wurde die Schulleitung fest verankert, die flächendeckende Einführung war bis zum Schuljahr 2008/09 abgeschlossen.

Schulleiterinnen und Schulleiter waren zu Beginn vorwiegend als Lehrpersonen tätig und nur in einem kleinen Pensum als Schulleitende angestellt. Ihr Beschäftigungsgrad ist in 20 Jahren stetig gestiegen. 2017 arbeiteten 71 Prozent von ihnen zwischen 61 und 100 Prozent als Schulleitende, mehr als 35 Prozent gar zwischen 91 und 100 Prozent. Seit 2014 haben sie keine Unterrichtsverpflichtung mehr – 2017 waren bereits mehr als 70 Prozent nicht mehr als Lehrpersonen tätig. Ebenfalls seit 2014 müssen sie über kein Lehrdiplom mehr verfügen. Die Schulleitungsausbildung wurde permanent weiterentwickelt. Zu Beginn umfasste sie 180 Stunden und führte zu 6 ECTS-Punkten. 2005 startete die Schulleitungsausbildung «Führen einer Bildungsorganisation» (12 ECTS-Punkte, 360 Stunden). Heute sind es 540 Stunden und 18 ECTS-Punkte. Sie wird laufend weiterentwickelt und ist auch Teil eines DAS «Schulführung advanced» und eines MAS «Bildungsmanagement» oder «Bildungsinnovation». [jo]

Zurück zu Schulblatt