Viele Lernende auf weiter Flur

29.06.2018 - Mitteilung

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Trotz zuweilen negativer Schlagzeilen und immer weniger Betrieben sind Lehrstellen im Berufsfeld Landwirtschaft gefragt. Dafür gibt es gute Gründe, wie ein Besuch auf einem Lehrbetrieb zeigt.

Text: Andreas Minder   Foto: Dieter Seeger

Neue Forch, Halt auf Verlangen. Der Hof von Christian Mathys hat einen eigenen Bahnhof, mit der Forchbahn erreicht man ihn von Zürich aus in knapp 20 Minuten. Noch näher als die Züge fahren die Autos am Betrieb vorbei. Die Häuser von Zumikon und Forch schliessen im Westen und Osten an die 44 Hektaren Land an, die Mathys bewirtschaftet. Der Betrieb liegt mitten in der Agglomeration. Das ist gut für den Direktverkauf. Die Beeren, die der Biobauer produziert, kann er zu 95 Prozent im Hofladen verkaufen. Die Nähe zum Siedlungsgebiet verlangt aber auch Rücksichtnahme und braucht Nerven. Am Samstag bringt Mathys keine Gülle aus und immer wieder muss er Städterinnen und Städtern erklären, weshalb sie nicht durch ein Feld mit kniehohem Gras trampeln sollten.

Arnold Durrer absolviert auf diesem Betrieb das zweite Lehrjahr der Grundbildung zum Landwirt EFZ. Der Bauernsohn ist im obwaldischen Kerns aufgewachsen, in der abgelegenen Wendelsau. 5 Hektaren Land, 11 Kühe, 15 Stück Jungvieh. Der kleine Hof wirft zu wenig ab für die Familie. Sein Vater arbeitet Vollzeit auswärts als Verkäufer von Stalleinrichtungen. Der kleine Arnold und seine vier Geschwister mussten von Kindesbeinen an mitanpacken in Feld und Stall, ohne sie wäre es nicht gegangen. Verleidet hat ihm das die Landwirtschaft nicht, im Gegenteil. «Bauern war mein Bubentraum», sagt der 22-Jährige. Freude machen ihm die abwechslungsreiche, handwerkliche Arbeit und das «selber Regieren». Man sei sein eigener Chef. Trotzdem machte Arnold Durrer nach der Schule zuerst die vierjährige Lehre als Landmaschinenmechaniker. «Von unserem Betrieb kann man nicht leben», sagt er. «Ohne zweites berufliches Standbein geht es nicht.»

Als Zweitausbildung beliebt

«Die Grundbildung zum Landwirt wird immer häufiger als Zweitausbildung gewählt », sagt Erik Meier, Leitung Grundbildung Landwirtschaft & Tierberufe am Strickhof. An der Zürcher Berufsfachschule für die landwirtschaftlichen Berufe haben mittlerweile rund 60 Prozent der Lernenden vorher schon eine andere Ausbildung abgeschlossen. Wie im Fall von Arnold Durrer kann ein Grund dafür sein, dass der Betrieb, den man dereinst übernehmen möchte, nicht genug hergibt oder sogar in der Existenz bedroht ist. Es gebe aber noch andere Ursachen, sagt Ursula Jenni, die im Kanton Zürich die Aufsicht über die betriebliche Bildung in der Landwirtschaft leitet. In Bauernfamilien könne es vorkommen, dass jenes Kind, das den Hof hätte weiterführen sollen, es sich anders überlege und ein Geschwister einspringe, das bereits einen anderen Beruf gelernt habe. Weiter gibt Jenni zu bedenken, dass die landwirtschaftliche Grundbildung körperlich und wegen der langen Arbeitszeiten relativ streng sei. Dazu komme, dass die Lernenden in der Regel auf dem Lehrbetrieb wohnten und lebten. Wer schon etwas älter sei, komme damit oft besser klar. Einen weiteren Grund sieht Jenni in der generell gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz von Zweitausbildungen. Das erleichtere es, eine zweite Lehre anzuhängen, wenn man merke, dass einem der Erstberuf nicht wirklich zusage. Dies umso mehr, als sich die dreijährige Grundbildung um ein Jahr verkürzt, wenn jemand schon einen Abschluss der Sekundarstufe II mitbringt.

Die Organisation der Arbeitswelt für das Berufsfeld Landwirtschaft (OdA AgriAliForm), die die Bildungsziele und -inhalte der verschiedenen Aus- und Weiterbildungen festlegt, hat letztes Jahr darüber informiert, dass sich die Zahl der Lernenden im Beruf Landwirt in den letzten sechs Jahren um 11,5 Prozent von 2731 auf 3045 erhöht hat. Als Gründe für den Anstieg nennt die OdA in der Medienmitteilung ähnliche Punkte wie Arnold Durrer: «Die Arbeit in und mit der Natur, der Umgang mit Tieren, dem Boden, den Maschinen, die Vielfalt und die hohe berufliche Selbstständigkeit sprechen die Jugendlichen offensichtlich an.»

Immer mehr Frauen

Am Hof von Christian Mathys lässt sich veranschaulichen, was Vielfalt heissen kann. 40 braune und rotgefleckte Kühe wollen gemolken, gefüttert, gepflegt, beobachtet und verarztet, ihre Kälber getränkt und versorgt werden. Auf den Äckern wachsen Mais und Körnerleguminosen – darunter versteht man eiweisshaltige Bohnen-, Erbsen- und Lupinenarten – als Futter für das liebe Vieh heran, Hirse und Winterweizen für die menschliche Ernährung. Neben dem Haus stehen in lange Reihen Himbeeren, Brombeeren und Erdbeeren. Die Heidelbeersträucher auf dem nächsten Feld sehen dieses Jahr «schitter» aus, für sie war es zu trocken. Kirschbäume wachsen in Reih und Glied unter weisser Folie, damit die süssen Früchte nicht von Hagel und gefrässigen Vögeln attackiert werden. Um allen Kulturen, Tieren und Maschinen die richtige Behandlung angedeihen zu lassen, braucht es viel Wissen, viel Know-how, viel Planung. Dazu kommt jede Menge Papierkram, das Ein- und Verkaufen. «Und es braucht ‹soft skills›», fügt Mathys an. Er denkt dabei an die Führung von Mitarbeitenden – die häufig Familienangehörige sind – und an den Umgang mit den Nachbarn aus den Blöcken und Einfamilienhäusern, mit denen man sich zumindest arrangieren und noch besser gut verstehen sollte.

Hohe Anforderungen also, die zugleich auch die Trümpfe des Bauernlebens sind. Sie stechen immer öfter auch bei jungen Menschen, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind. Erik Meier vom Strickhof schätzt, dass rund ein Drittel der Lernenden keine landwirtschaftliche Herkunft hat. «Sie sind keine Exoten mehr», sagt Ursula Jenni dazu. Und Frauen keine Exotinnen, könnte man ergänzen, denn es gibt auch immer mehr Frauen, die den Beruf der Landwirtin entdecken. In Zürich lag der Anteil weiblicher Lernender in den letzten Jahren jeweils zwischen 20 und 25 Prozent.

Gut eingependeltes Angebot

Lernende Landwirte wechseln jedes Jahr den Betrieb. Lehrstellen gibt es genug. «Wer will, findet auch etwas», sagt Ursula Jenni über die Situation im Kanton Zürich. Es blieben immer ein paar Lehrstellen frei, aber doch nicht so viele, dass Lehrbetriebe regelmässig frustriert und ohne Lernende zurückblieben. «Es hat sich gut eingependelt.» Das bestätigt Christian Mathys, der jeweils zwischen einer und einem halben Dutzend Anfragen für seine Lehrstelle bekommt. Wenn sich bis Ende September niemand gemeldet hat, der den Anforderungen genügt und sich das Leben mit der fünfköpfigen Familie und auf einem sehr lebhaften Betrieb vorstellen kann, schaltet er ein Inserat im «Schweizer Bauer». So erfuhr Arnold Durrer vom Hof auf der Forch. Nach zwei Schnuppertagen war klar: Es passt. «Es ging sehr ring», sagt er über seine Lehrstellensuche. Christian Mathys war der Erste, den er für das zweite Lehrjahr angefragt hatte. Das dritte Lehrjahr wird er bei einem Lehrmeister absolvieren, der ihm die Stelle von sich aus angeboten hatte.

Und nach der Lehre? Was passiert mit den vielen ausgebildeten Landwirtinnen und Landwirten? Es gibt immer weniger Bauernbetriebe. Im Kanton Zürich ging ihre Zahl allein seit dem Jahr 2000 um gut 1300 (rund 28 Prozent) zurück. «Die Betriebsübernahme sollte für die Jugendlichen nicht im Fokus stehen», sagt Martin Schmutz, der beim Schweizer Bauernverband den Geschäftsbereich Berufsbildung leitet. Der Beruf eröffne eine Vielzahl von Möglichkeiten in der Branche selber, aber auch in den vor- und nachgelagerten Bereichen und ganz anderen Berufsfeldern. «Alle Absolventinnen und Absolventen werden nach der Ausbildung vom Markt ‹aufgesogen›. Die Nachfrage nach guten Berufsleuten ist aktuell trotz steigender Lernendenzahlen immer noch grösser als das Angebot.»

Arnold Durrer will nach dem Lehrabschluss wieder als Landmaschinenmechaniker arbeiten: «Es ist mir noch nicht drum, den Betrieb zu übernehmen.» Sein Vater sei auch noch zu jung fürs Altenteil. Zudem ist für den jungen Mann noch ungewiss, ob er den Hof überhaupt je führen wird. Er sei etwas gar klein. «Wenn er zwei Hektaren grösser wäre, würde ich sicher einsteigen, aber so …» Sorgen um die berufliche Zukunft muss er sich so oder so keine machen.

   
    

Vielfältige Landwirtschaftsberufe

Zum Berufsfeld der Landwirtschaft werden folgende Berufe gezählt:
– Landwirt/in EFZ
– Agrarpraktiker/in EBA
– Winzer/in EFZ
– Gemüsegärtner/in EFZ
– Geflügelfachmann/-frau EFZ
– Obstfachmann/-frau EFZ
– Weintechnologe/-login EFZ
Im Kanton Zürich ist die Grundbildung zum Landwirt oder zur Landwirtin EFZ
mit Abstand die beliebteste Lehre im Berufsfeld Landwirtschaft. In den letzten
sieben Jahren schwankte die Anzahl der Lernenden in diesem Beruf zwischen
160 und 195. Ein Aufwärtstrend lässt sich – anders als in der gesamten Schweiz –
nicht feststellen, aber auch kein Abwärtstrend. Angehende Agrarpraktikerinnen
und -praktiker gab es im gleichen Zeitraum zwischen 20 und 30. Ihre Ausbildung
dauert zwei Jahre. Die übrigen Berufe kamen im Jahr 2017 zusammen auf
34 Lehrverhältnisse.
Die Grundbildung Landwirt EFZ dauert drei Jahre. Üblicherweise wechselt ein
Lernender nach einem Jahr den Lehrbetrieb. Bringt er ein landwirtschaftliches
Berufsattest (EBA), ein Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder eine Maturität mit, verkürzt
sich die Ausbildung um ein Jahr. Die Lehre kann mit dem Schwerpunkt
Biolandbau absolviert werden. In den letzten Jahren wählte jeweils rund ein
Sechstel der Lernenden diesen Schwerpunkt. Sie verbringen mindestens die
Hälfte ihrer Lehrzeit auf Biobetrieben. Am Strickhof wird Pflanzenbau und Tierhaltung
im dritten Lehrjahr in einer separaten Bioklasse unterrichtet. [ami]

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