Schnuppern an der Uni

05.01.2018 - Mitteilung

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Der Wechsel vom Gymnasium an die Universität ist ein grosser Schritt. Dank des Projekts UZH-GYM des Studierendenverbandes erhalten Maturanden wichtige Informationen und erste Einblicke.

Text: Jacqueline Olivier  Foto: Hannes Heinzer

Den Weg zum Lichthof der Uni Irchel beschreibt er wie ein Habitué. Kein Wunder: Noah Hergesell ist innerhalb weniger Tage bereits zum dritten Mal auf dem Gelände unterwegs. Für den Schüler des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums Rämibühl (MNG) stehen im Frühjahr 2018 die Maturitätsprüfungen an. Welches Studium er danach in Angriff nehmen will, darüber ist er sich noch nicht ganz im Klaren. Er schwankt zwischen Rechtswissenschaften, Medizin und Geografie. Deshalb möchte er die drei ganz unterschiedlichen Studienfächer besser kennenlernen.

Eben kommt er aus einer Vorlesung der physischen Geografie – in angeregter Unterhaltung mit einer Studentin. Sanne Schnyder ist sein «Buddy». Sie studiert im dritten Semester Geografie und nimmt Noah Hergesell in die Vorlesungen mit, die auf ihrem heutigen Tagesprogramm stehen, beantwortet seine Fragen, erklärt ihm, wo er an der Uni welche Informationen bekommt.

Das Buddy-System ist ein Angebot im Rahmen des Projekts UZH-GYM des Studierendenverbands der Universität Zürich (VSUZH). Es erlaubt Maturandinnen und Maturanden, bereits vor Studienbeginn Uni-Luft zu schnuppern, mehr über einzelne Studienfächer sowie über organisatorische Belange zu erfahren und erste Kontakte zu knüpfen. Das zweite Standbein des Programms bilden Präsentationen an den Gymnasien durch jeweils drei Studierende unterschiedlicher Fächer. Sie erzählen von ihren Erfahrungen – wie man einen Stundenplan zusammenstellt, welche Fächerkombinationen sie gewählt haben, wie sich das Lernen auf Prüfungen an der Hochschule von jenem am Gymnasium unterscheidet. Ausserdem sprechen die Präsentatorinnen und Präsentatoren Themen wie das Bachelor-Master-System oder Präsenzpflichten an und stellen verschiedene Studierendenorganisationen sowie das Buddy-System vor.

Von 5 auf 16 Studienfächer

UZH-GYM sei gut angelaufen, sagt Projektleiterin Luisa Lichtenberger, Jus-Studentin im fünften Semester und Vorstandsmitglied des Studierendenverbandes. 2016/17 wurde das Pilotprojekt mit Unterstützung der Universitätsleitung im Kanton Zürich gestartet. Für den Anfang beschränkte man sich auf fünf Studienfächer: Psychologie, Wirtschaft, Recht, Medizin und Biologie. «Die Rückmeldungen nach dem ersten Jahr waren sehr positiv», erzählt Luisa Lichtenberger, «sowohl von den Buddys und den Präsentatoren als auch von den Schulen, an denen Präsentationen stattfanden.» Deshalb wurde das Projekt erweitert: Buddys stehen nun für 16 Fächer zur Verfügung, auch für weniger populäre wie Kunstgeschichte oder Erziehungswissenschaften, die Gymnasiasten zunächst nicht unbedingt im Blick hätten, wie die Projektleiterin meint. Auch der geografische Radius wurde erweitert – auf die Kantone Aargau, Thurgau, St. Gallen und Schaffhausen.

Im Kanton Zürich hätten inzwischen fast alle Kantonsschulen die Präsentationen innerhalb ihrer eigenen Studien- und Laufbahnkonzepte auf dem Programm, sagt die Projektleiterin, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung. Während die einen sie für alle Maturandinnen und Maturanden als obligatorisch erklären, steht es diesen andernorts frei, die Veranstaltung zu besuchen. Letzteres habe sicher den Vorteil, dass die teilnehmenden Jugendlichen interessiert seien und darum wirklich profitierten, meint die Projektleiterin. Doch auch bei den anderen bleibe sicher etwas hängen. «Was man einmal gehört hat, hat man gehört, selbst wenn das Studium für manche wohl noch weit weg ist und sie sich voll und ganz auf die Matur konzentrieren.» Regelmässig nutzten ausserdem einige Schülerinnen und Schüler den Anlass, um sich gleich vor Ort für das Buddy-System anzumelden.

Ein «megacooles» Programm

Für Noah Hergesell und Sanne Schnyder geht es als Nächstes zur Einführungsstunde für eine Exkursion auf den Üetliberg. Der Mittelschüler nimmt ganz selbstverständlich zwischen den Studentinnen und Studenten Platz. Der Saal ist eng, die jungen Leute sitzen dicht gedrängt. In den ersten zwei Semestern, erzählt die Banknachbarin, fänden hier die meisten Vorlesungen statt. Dann lerne man sich ja rasch kennen, witzelt der Gast. Bevor die Tutorin mithilfe einer Präsentation und in rasantem Tempo einige Informationen über Entstehung und Beschaffenheit des Üetlibergs sowie zu Organisation und Ablauf der Exkursion vermittelt, hat Sanne Schnyder gemeinsam mit einem Mitstudenten noch eine Botschaft an die Anwesenden: Gesucht werden Helferinnen und Helfer für das bevorstehende Geo-Fest.

Die Unterschiede sind gross

Nach der Stunde haben alle Hunger, es ist schon 13 Uhr. Im Café Atrium lockt das Asia-Buffet. Schnell sind zwei Tische zusammengerückt, an denen sich die Gruppe um Sanne Schnyder und Noah Hergesell niederlässt. Er finde das Programm «megacool», erzählt der 18-Jährige, der dank des Buddy-Systems schon Vorlesungen der Rechtswissenschaften und der Medizin besucht hat. «Man lernt Studenten kennen, bekommt von ihnen Tipps und Tricks.» So habe er beispielsweise erfahren, dass sich die Studierenden der Rechtswissenschaften viel über Doodle austauschen und man diese Plattform deshalb unbedingt auf seinem Laptop oder Tablet haben sollte. Auch in einer Geografievorlesung war er schon zu einem früheren Zeitpunkt gesessen, diese sei jedoch in Bezug auf ein allfälliges Studium zu wenig aussagekräftig gewesen. Darum hat er heute Morgen ein weiteres Mal den Weg zum Irchel eingeschlagen.

Sanne Schnyder wäre froh gewesen, das Angebot von UZH-GYM hätte bereits bestanden, als für sie der Wechsel an die Uni bevorstand. «Am Anfang ist man hier völlig überfordert», sagt sie. Es gebe zwar für die Neulinge die Erstsemestrigen-Tage, aber diese dienten mehr der Orientierung innerhalb der Gebäude und dem Kennenlernen von Fachvereinen und anderen studentischen Organisationen. Aber: «Der Unibetrieb ist grundsätzlich so anders als das Leben am Gymnasium; wer vorher schon erste Eindrücke davon gewonnen hat, ist auf jeden Fall besser gewappnet.» Zudem hätten viele Maturanden falsche Vorstellungen vom Stoff, der in den gewählten Studienfächern vermittelt wird. «Auch dieser unterscheidet sich teilweise stark von dem, was im gleichen Fach am Gymnasium gelehrt wird. In Geografie zum Beispiel basiert rund ein Drittel der Pflichtfächer auf den Bereichen Fernerkundung und geografische Informationswissenschaften. Davon hatte ich zuvor kaum Kenntnisse.» Noah Hergesell hat zwar noch keinen Entscheid hinsichtlich seines zukünftigen Studienfachs getroffen, hatte inzwischen jedoch zumindest eine Ahnung von dem, was auf ihn zukommen wird: «An der Uni werden wesentlich mehr Fachbegriffe verwendet, das Tempo ist hoch, man muss aufmerksam sein. Und als Student hat man viel Eigenverantwortung.» Respekt vor dem Wechsel habe er schon, räumt er ein. Dank der Kontakte, die er an der Uni geknüpft hat, weiss er nun aber, «dass ich nicht allein sein werde, wenn ich hier anfange».

Wie gross die Nachfrage nach Buddys seitens der Mittelschülerinnen und -schüler ist, hängt vom jeweiligen Fach ab. Noah Hergesell findet, es sollten grundsätzlich mehr Maturanden das Angebot nutzen, und rührt bei seinen Kameraden am MNG kräftig die Werbetrommel. Als Klassenchef habe er zudem allen empfohlen, an der Präsentation von UZH-GYM, die in zwei Tagen an seiner Schule stattfindet, teilzunehmen.

Eigenverantwortung ist zentral

Für die Präsentation an der Kantonsschule Freudenberg war ein solcher Aufruf nicht nötig – dort war der Anlass für alle Sechstklässlerinnen und Sechstklässler verpflichtend. Laura Bitterli, die im Hauptfach Geschichte und im Nebenfach Geografie studiert, war als Präsentatorin vor Ort, gemeinsam mit zwei weiteren Studierenden, die Psychologie und Erziehungswissenschaften respektive Germanistik belegen. Vor rund 100 Schülerinnen und Schülern erklärten sie, wie man sich an der Universität immatrikuliert, wie man Vorlesungen bucht, welche Kosten anfallen, wie man ein Studium finanzieren kann, wo man Informationen oder Hilfe bekommt, wie man günstige Wohnungen findet und so weiter. Auch ihre Stundenpläne haben sie den Schülern gezeigt und auf das Buddy-System hingewiesen. Und ganz besonders betont haben sie die Selbstständigkeit, die für ein Studium vorausgesetzt wird, denn hierfür das Bewusstsein zu wecken, sei fast das Wichtigste, meint Laura Bitterli. «An der Uni läuft einem niemand hinterher, um Verpasstes muss man sich selbst bemühen.»

Wie gross das Interesse der Schüler an der Präsentation war, kann sie nicht einschätzen, findet aber: «Wer nicht zuhört, ist selber schuld. Eigenverantwortung beginnt bereits, wenn es darum geht, sich zu informieren.» Im Januar wird sie bei einer weiteren Präsentation mitwirken, darüber hinaus engagiert sie sich als Buddy. «Ich bin Fan von diesem Projekt», sagt sie. Projektleiterin Luisa Lichtenberger geht es genauso. «Jeder Studi war mal neu an der Uni und hätte sich gewünscht, schon früher einen Einblick erhalten zu haben.» Ausserdem gehe es darum, Studienabbrüche zu vermeiden. «Studierende sollten sich bezüglich ihres Studienfachs sicher sein und besser ins erste Semester starten.»

   
     

UZH-GYM soll institutionalisiert werden

Die Idee von UZH-GYM entstand in einem Gespräch des Vorstands des Studierendenverbands der Universität Zürich (VSUZH) und des damaligen Prorektors Ottfried Jarren. Im Mai 2016 stellte der VSUZH einen Antrag an die Universitätsleitung zur Unterstützung eines Pilotprojekts. Nachdem dieser Antrag genehmigt worden war, holte der Verbandsvorstand die Fachvereine ins Boot – die Studierendenorganisationen der einzelnen Studienfächer. Über diese werden Buddys sowie Präsentatorinnen und Präsentatoren angeworben. Letztere werden für ihren Einsatz durch die Universität entschädigt, Buddys erhalten über den Verbandsvorstand Gutscheine für eine beliebte Uni-Bar. Laut Projektleiterin Luisa Lichtenberg ein Zeichen der Wertschätzung, die Studierenden, die sich im Projekt engagieren, täten dies aus Überzeugung, nicht wegen des finanziellen Anreizes. Seit einem Jahr wird Luisa Lichtenberger von der Geschichtsstudentin Nina Blaser unterstützt. Diese ist bei der Zentralen Studienberatung für die Mitarbeit bei UZH-GYM in einem Teilzeitpensum angestellt und gehört somit zum administrativen Personal der Universität. Mit dieser Verknüpfung soll das Projekt an der Hochschule stärker verankert und institutionalisiert werden. Ausserdem haben die Projektleiterin und ihre Mitarbeiterin Kontakt zum Berufsinformationszentrum (BiZ) in Oerlikon, wo ebenfalls auf das Angebot von UZH-GYM hingewiesen wird. [jo]

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