Schimpfen ist keine Option

11.05.2018 - Mitteilung

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Ist Lob und Tadel ein geeignetes pädagogisches Mittel? Kindergärtnerin Michaela Norrmann versucht, möglichst differenzierte Rückmeldungen zu geben. Dafür setzt sie auf Beobachtung und gezielte Interventionen.

Text: Reto Heinzel    Fotos: Dieter Seeger

Es ist Mittwoch vor Ostern. Kurz nach halb neun herrscht im Kindergarten Flaach bereits emsige Betriebsamkeit. Die Klasse von Michaela Norrmann ist im Element. Viele Kinder spielen in kleineren Gruppen, einige basteln am angefangenen Osternestli weiter, andere zeichnen oder bauen Holztürme. Die Kindergärtnerin beobachtet das muntere Treiben aufmerksam. «Ein Bub ist heute etwas impulsiv», stellt sie fest, «auf ihn werde ich besonders achten müssen.» «Wenn ich sehe, dass er sich vergisst, werde ich zu ihm hingehen und stehen bleiben. Er soll einfach merken, dass ich da bin.» Dies nütze meistens. Schimpfen sei aber keine Option, betont sie. Wenn immer möglich sehe sie davon ab.

Catherine Lieger hat Norrmann während der Ausbildung zur Kindergärtnerin als Mentorin begleitet. Mit Lob und Tadel erreiche man wenig, sagt sie, es seien veraltete Konzepte. «Lehrpersonen sollten heute in der Lage sein, stets eine differenzierte Rückmeldung zu geben», sagt die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Die Lehrperson müsse darauf bedacht sein, Tadel zu verhindern. Das dürfte im Alltag nicht immer ganz einfach sein.

Wirksame Interventionen

Wie sieht dieser Alltag im Kindergarten Flaach aus? Norrmann geht still durch den Raum, da und dort wird sie um Rat gefragt oder um Unterstützung gebeten, gelegentlich vermittelt sie auch in Konflikten. Eine Bubengruppe hat am Boden ein Spielfeld aus Holzklötzen gebaut und spielt jetzt «Eishockey». Als nach einigen Minuten der Lärmpegel stark ansteigt, setzt sich die Kindergärtnerin zu den Buben auf den Boden. Sie nimmt zwei kleine Holzfiguren in die Hand und beginnt damit ein kleines Rollenspiel. Die Kinder reagieren sofort und steigen ins neue Spiel ein. Mit einer kurzen Intervention ist es ihr gelungen, das Spiel in eine neue Richtung zu lenken. Die Situation beruhigt sich. Norrmann wird dieses Mittel im Laufe des Morgens wiederholt anwenden. Auf diese Weise gelingt es ihr, den Kindern Grenzen zu setzen, ohne dass sie einzelne Kinder tadeln muss.

Die gezielten Interventionen, die Norrmann in ihrer Klasse einsetze, seien sehr wirksam, sagt Lieger. «Sie ermöglichen, dass der Lernprozess gut weiterläuft.» Dazu müsse man wissen: Ein negatives Feedback bleibe viel stärker haften als ein Lob. Da könne man viel kaputt machen. Anderseits tue ein ehrlich gemeintes Lob jedem Menschen gut. «Dafür muss auch Platz sein. Wenn das unterdrückt wird, geht viel Lebensfreude verloren.»

Für Lob hat es auch im Flaachemer Kindergarten Platz. Norrmann bemüht sich allerdings stets, differenzierte Rückmeldungen zu geben. Trotzdem entfährt ihr im Laufe des Morgens durchaus einmal ein spontanes «super», «sehr gut» oder «toll gemacht». Weshalb ist es ihr eigentlich so wichtig, in dieser Hinsicht Zurückhaltung zu üben? «Mir geht es vor allem darum, nicht in stereotype Muster zu verfallen», sagt sie. Sie wolle keine unbedachten Äusserungen machen, sondern auf jedes einzelne Kind eingehen. «Mein Herzensanliegen ist es, die Kinder ganz viel selber machen zu lassen. Sie sollen sich als selbstwirksam erleben.»

Spielerische Erkundungen

Der Kindergartenalltag in Flaach hat recht wenig mit dem zu tun, was man sich gemeinhin unter einem «traditionellen» Ablauf vorstellt. Hier steht das freie Spiel im Zentrum. Bereits während der Auffangzeit beginnen die Kinder damit. Die Kindergärtnerin verzichtet heute darauf, zu Beginn der Stunde eine Zäsur zu setzen, sodass die Kinder ihre spielerischen Erkundungen nahtlos fortsetzen können. «Der Kindergarten ist ein Lernraum. Die Kinder sollen hier möglichst viel Zeit spielend und entdeckend verbringen können», sagt sie. Die durch den Raum wuselnden Kinder hat sie jederzeit im Blick, sie ist bereit, auf Veränderungen zu reagieren oder Lernimpulse zu geben.

Die Augen und Ohren über Stunden permanent nach allen Seiten offen zu halten – das ist anspruchsvoll und anstrengend. Doch die 41-jährige Quereinsteigerin und frühere Handarbeitslehrerin bleibt gelassen, spricht stets in einem ruhigen Tonfall, aus dem gleichzeitig Bestimmtheit klingt.

Während mehr als einer Stunde bleibt die Atmosphäre lebendig, doch weitgehend entspannt. Dann ruft die Lehrerin die Kinder zusammen. Die Klasse spricht einen kurzen Vers, danach wird gemeinsam aufgeräumt. Schliesslich finden sich alle im Kreis ein. Zwei Kinder rollen das Znünitaxi mit Nüssen und zuvor geschnittenen Früchten herein. Nacheinander darf sich jedes Kind fünf Stücke nehmen und am Platz essen. Beim nächsten Mal werden es sieben Stücke sein. «Ich bemühe mich immer wieder, alltägliche Routinen zu nutzen, damit die Kinder Kompetenzen wie beispielsweise hier das Zählen erwerben können», sagt Norrmann.

Das Selbstvertrauen stärken

In der Morgenmitte folgt eine kleine Kreissequenz. Hier dürfen die Kinder selbst Entwickeltes und Gebasteltes vorzeigen, vorspielen oder vorsingen. Heute haben zwei Mädchen ein kleines Perkussionsduett eingeübt, ein Bub präsentiert einen selbst gebastelten Propeller, ein scheues Mädchen erklärt mit kaum hörbarer Stimme die Funktionsweise der von ihr erfundenen «Eierfärbemaschine». Die Kinder hören einander zu. Es geht nicht darum, die einzelnen Darbietungen zu bewerten, sondern darum, das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. Jedes soll so genommen werden, wie es ist.

Nach dem Züni ist es Zeit für die Pause im Freien. Die munteren «Räupli» und «Summervögeli» flitzen aus dem Haus. Auf dem Vorplatz zeichnen sie mit Kreide, spielen Fangen, verstecken sich im Holzhäuschen oder klettern auf einen der kleineren Bäume. Norrmann geht herum und übt die Pausenaufsicht aus. Sich irgendwo hinzusetzen, kommt für sie nicht infrage. Nach einer knappen halben Stunde kehrt die Klasse wieder ins Haus zurück. Den Rest der Stunde verbringt die Gruppe noch einmal im Kreis. Gemeinsam werden farbige Eier gefilzt, die dann im Osternestli Platz finden werden. Die fertigen Basteleien werden sie morgen nach Hause nehmen können. Eine kurze Feedbackrunde, in der die ungewohnten, glitschig-weichen Filzerfahrungen geteilt werden, rundet den Vormittag ab.

Klare Grundregeln

Es war ein Morgen, an dem zwar einzelne Kinder ermahnt werden mussten, sich an Abmachungen zu halten, abgesehen davon jedoch kaum ein tadelndes Wort gefallen ist. Wie ist das möglich? «Ein Patentrezept habe ich nicht», sagt Norrmann. «Ich versuche einfach, konsequent zu sein.» Die Grundregeln seien den Kindern klar. Ganz zentral: Niemand auslachen, niemand ausschliessen. «Falls diese Regeln gebrochen werden, bespreche ich das mit allen Beteiligten. Dabei nehme ich die Rolle als Moderatorin ein, stelle Fragen. Nach Lösungen suche man grundsätzlich gemeinsam. «Strafen», betont sie, «gibt es fast nie.»

Ihre Herangehensweise habe viel mit ihrer inneren Haltung zu tun, sagt Norrmann. Sie sieht sich als Leitwölfin, die für das Wohl ihrer Jungtiere sorgt. Woher kommt das? «Das Gemeinschaftliche war mir schon immer wichtig, dazu gehört auch ein respektvoller Umgang miteinander», sagt sie. Zudem habe sie schon immer sehr viel über ihr eigenes Tun nachgedacht. Während der Kindergartenausbildung habe sie dann rasch erkannt, wie wertvoll das Freispiel sei. «Es braucht manchmal Mut, den Kindern einen solchen Freiraum zu geben, aber es lohnt sich», ist Norrmann überzeugt.

PH-Dozentin Lieger zeigt sich beeindruckt von der Art und Weise, wie die Quereinsteigerin den Unterricht gestaltet. Die Kindergärtnerin gebe «die richtigen didaktischen Antworten auf die heutigen Fragen», sagt die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Lieger denkt vor allem an das von Norrmann hochgehaltene Freispiel. «Es ermöglicht, dass das Kind dort gefördert wird, wo es gerade steht.» Lieger wünscht sich, dass das Freispiel wieder an Bedeutung gewinnt. Gerade in unserer heutigen Zeit sei das wichtig. «Viele Kinder, die in den Kindergarten kommen, wissen gar nicht mehr, wie man spielt», sagt sie. «Sie können sich kaum mehr spielend beschäftigen. Das ist eine der Hauptschwierigkeiten, mit denen heutige Kindergärten konfrontiert sind.»

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