Nachrichten fallen nicht vom Himmel

09.03.2018 - Mitteilung

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Wie entstehen «News», wo findet man verlässliche Informationen? An den Jugendmedientagen «YouNews» erhielten Sekundarschülerinnen und –schüler die Gelegenheit, hinter die Kulissen des Schweizer Fernsehens SRF zu blicken.

Text: Luzia Schmid Fotos: Dieter Seeger

Facebook, Instagram, Twitter – Jugendliche bewegen sich heute immer häufiger in sozialen Netzwerken. Sich verabreden, die Hausaufgaben besprechen oder Fotos und Videos austauschen machen sie über Kurznachrichtendienste wie WhatsApp, Skype oder Messenger. Praktisch alle 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz besitzen gemäss der jüngsten Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ein Handy. Was auf der Welt geschieht, erfahren sie auf ihrem Gerät in der Hosentasche. In Zeiten von Fake-News und Insta-Storys reimen sich Jugendliche so immer mehr ihr eigenes Bild der Welt zusammen.

«Nie war eine hohe Medienkompetenz für Jugendliche wichtiger als heute», sagt deshalb auch Viviane Manz, Produzentin bei der «Tagesschau» beim Schweizer Fernsehen SRF. «Die jungen Leute müssen mehr denn je wissen, wie News entstehen. Sie müssen lernen, wo sie verlässliche Informationen finden können.» Der grosse Wandel, welcher derzeit in den Medien stattfindet, stellt auch Eltern und Lehrer vor grosse Herausforderungen. «Jugendliche sind extrem kompetent in Sachen Gadgets, in technischen Fragen und dem Internet», sagt Manz. Auf der anderen Seite wüssten sie aber immer weniger, was hinter dem Journalismus überhaupt steckt. «Sie bewegen sich auf ganz anderen Kanälen.»

Beitrag zur Medienbildung

Aus diesem Grund sass die «Tagesschau»- Produzentin im vergangenen Jahr mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Medienhäusern zusammen und brütete über einem Medien-Projekt speziell für Jugendliche. «Wir wollten einen Beitrag leisten zur Medienbildung», sagt Manz. Mit dem «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin und dem Leiter Digital und Newsnet beim «Tages-Anzeiger», Michael Marti, lancierte sie die Jugendmedientage «YouNews – Jugendliche machen Medien». Ziel war es, Sekundarschülerinnen und -schülern die Gelegenheit zu bieten, die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten aus nächster Nähe mitzuerleben. Sie wollten den Jugendlichen aufzeigen, wie traditionelle Medien zur Meinungsbildung in der Demokratie beitragen. «Wir wollten ihnen zeigen, dass Nachrichten nicht einfach vom Himmel fallen», sagt Manz.

Feilschen um jedes Bild

Schliesslich bekamen 13 Schulklassen und zusätzlich 18 Jugendliche Mitte Januar die Gelegenheit, bei diesem Projekt mitzuwirken. Sie waren im Vorfeld aufgerufen worden, sich mit einem Vorschlag für einen konkreten Zeitungs-, Radio- oder TV-Beitrag zu bewerben. Insgesamt hatten sich 68 Schulklassen und 53 Jugendliche mit Ideen gemeldet. Bei SRF waren neben der «Tagesschau» auch Radio SRF3, Virus oder Zambo dabei. Aber auch das Online-Portal Watson, der «Tages-Anzeiger», Radio Argovia oder die Journalistenschule MAZ luden Schulklassen ein. Unterstützt wurden die Medientage zudem vom Verein Qualität im Journalismus. Die Jugendlichen sollten während dieser Woche nicht einfach zuschauen, sondern Hand in Hand mit den Redaktorinnen und Redaktoren einen eigenen Beitrag erarbeiten.

Und so sitzen Patric, Andri, Nicolas und Svenja an diesem Januarmorgen zusammen mit der «Tagesschau»-Moderatorin und Reporterin Monika Schoenenberger und dem Cutter im kleinen Schnittraum im Fernsehstudio eng beieinander und feilschen um jede Szene und jede Minute ihres Beitrags. «Berufswahl im Zeitalter der Digitalisierung» soll in der Hauptausgabe am Abend ausgestrahlt werden. Die vier Sekschüler aus Aeschi bei Spiez BE sind mit Herzblut bei der Sache. «Ich bin beeindruckt, wie viel Aufwand hinter dieser Arbeit steckt», sagt der 14-jährige Andri. Nun hätten sie zwei Tage lang gefilmt, ebenso lang seien sie bereits am Schnitt, und am Schluss komme ein Beitrag von drei Minuten Länge heraus. «Es war sehr spannend zu sehen, wie die Informationen entstehen», sagt auch Patric. Zusammen mit Andri hatte er zu Hause in der Garage ein Bewerbungsvideo aufgenommen, das die Jury schliesslich überzeugte. Vom Lehrer, der eine eigene kleine Videofirma betreibt, hatten die beiden die nötige Ausrüstung erhalten. Zu viert dürfen sie schliesslich die Medienwoche beim Schweizer Fernsehen absolvieren. Svenja und Nicolas begleiten das Projekt auf Social Media. Auf einem eigens erstellten Instagram-Kanal dokumentieren sie jeden Arbeitsschritt, verlinken kurze Videosequenzen und Bilder, damit die Mitschülerinnen und Mitschüler in Aeschi quasi live an der Medienwoche teilhaben können.

Seriöse Quellen erkennen

Während die vier Jugendlichen aus dem Berner Oberland ihrem Beitrag den letzten Schliff verpassen, erfahren ein paar Räume weiter zwei Schulklassen aus dem zürcherischen Dürnten, wie SRF zu verhindern versucht, dass gefälschte Bilder ausgestrahlt werden. Giovanni Peduto vom SRF-Netzwerk Faktencheck lässt die 15-Jährigen gerade erraten, ob der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis 2015 tatsächlich in einem Video den Mittelfinger gezeigt hatte oder ob es sich dabei um eine Fälschung handelte. Seit einigen Monaten überprüfen bei SRF Leute aus der Dokumentation, der Bildredaktion und aus den verschiedenen News-Redaktionen regelmässig die Echtheit von Bildern. Innerhalb kürzester Zeit versuchen sie herauszufinden, ob ein Video echt ist oder nicht. Wie sie das machen, erklärt Peduto den Schülerinnen und Schülern aus dem Zürcher Oberland anhand von Beispielen. Wichtig sei dabei immer die Quelle, sagt der Fachmann. Es gebe glaubwürdige und solche, die bekannt seien für Manipulationen. «Anonyme Bilder auf Facebook ohne Quelle etwa sind nicht vertrauenswürdig.» So sei es auf Social- Media-Plattformen auch sehr einfach, gefälschte Bilder zu verbreiten, warnt Peduto. Dies sei problematisch, weil sich dort immer mehr Menschen informierten. Der Dokumentalist erklärt den Jugendlichen zudem, dass man immer überlegen müsse, welche Motivation hinter der Veröffentlichung eines Bildes oder einer Meldung stehe. «Was bezweckt die Person mit dem Bild?» Hätten sie Zweifel an der Echtheit, suchten sie nach Zeugen oder Beweisen dafür. Das ist etwa möglich mit den Metadaten eines Videos oder Bildes, wo ersichtlich ist, wann und wo dieses aufgenommen wurde. Aber auch solche Daten könnten manipuliert werden, sagt der Spezialist. «Im Zweifelsfall verzichten wir auf eine Verbreitung.»

Mittlerweile steht die Mittagsausgabe der «Tagesschau» bevor. Die vier Jugendlichen aus dem Kanton Bern stehen nervös im Regieraum. Sie dürfen die Sendung von dort aus mitverfolgen. Bereits jetzt wird ein Beitrag ausgestrahlt, in welchem das Projekt «YouNews» und die Arbeit der Sekschüler vorgestellt werden. «Ich werde die «Tagesschau» in Zukunft mit ganz anderen Augen verfolgen», sagt Patric. Sie hätten so viel erfahren und gelernt in dieser Woche.

Mehr Themen für Junge

«Die Jugendlichen haben uns Löcher in den Bauch gefragt», sagt auch «Tagesschau»-Moderatorin Monika Schoenenberger, die mit den 14-Jährigen zusammen den Beitrag gedreht hat. «Sie waren differenziert, aufgeweckt und sehr interessiert.» Es sei eine grosse Freude gewesen, das riesige Engagement für den Journalismus, die Politik und die Welt zu erleben. Und so soll es auch nicht bei dieser einen Jugendmedienwoche bleiben. «Es war zwar nur ein winziger Tropfen auf den heissen Stein», sagt Mitinitiantin Viviane Manz. Man habe als kleines Projekt angefangen und nun durchwegs positive Feedbacks erhalten. «Wir wollen die Aktion unbedingt wiederholen – und wenn möglich ausbauen.» Die Arbeit mit den Jugendlichen sei inspirierend gewesen. «Wir werden auch für unsere Arbeit etwas daraus mitnehmen.»

Was dies etwa sein könnte, zeigt sich bei einem Gespräch zwischen den Sekschülern aus Dürnten und «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin. Die Jugendlichen wünschen sich im Fernsehen mehr Themen, die junge Menschen interessieren. Zudem fänden sie es besser, wenn es mehr Beiträge gäbe, die in einer jugendlichen Sprache formuliert wären. Und eine 15-Jährige sagt: «Mehr Emotionen würden uns auch gefallen.»

   
      

Eine gute Basis schaffen

«Jugendliche verfügen heute über eine hohe Medienkompetenz, was das Handling betrifft», sagt Medienpsychologe Daniel Süss, Leiter des Psychologischen Instituts der ZHAW. «Sie orientieren sich problemlos in den Online-Welten – sind dort aber vor allem unterhaltungsorientiert unterwegs.» Weniger ausgeprägt sei bei den Jugendlichen hingegen das Wissen über den Journalismus. «Mängel bestehen, was das Einschätzen von glaubhaften Quellen betrifft oder die Kenntnis darüber, wie Informationen entstehen», sagt Süss. Jugendmedientage, bei denen die Schülerinnen und Schüler selbst ausprobieren könnten, seien deshalb eine gute Gelegenheit, um hinter die Fassade zu blicken. Süss und sein Team beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Jugendliche und Medien. Seit 2010 untersuchen die Forschenden alle zwei Jahre in der sogenannten JAMES-Studie den Umgang der 12- bis 19-Jährigen mit Medien. JAMES steht für Jugend, Aktivitäten und Medien – Erhebung Schweiz. Dabei werden jeweils über 1000 Jugendliche aus den drei grossen Sprachregionen befragt. Bei der Medienkompetenz gehe es darum, die Stärken und Schwächen der Medien zu kennen, sagt Süss. «Die Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wo sie verlässliche Informationen erhalten können.» Dabei seien sowohl die Eltern als auch die Schulen gefordert. Der Medienpsychologe verweist dabei auf den Lehrplan 21, wo das Fach Medien und Informatik einen eigenen Platz erhalten hat. «Es ist zu erwarten, dass damit eine gute Basis geschaffen wird und das Thema systematisch aufgebaut wird über die Schulstufen.» [sd]

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