Mehr Zeit für Lernende und Betriebe

11.05.2018 - Mitteilung

Zurück zu Schulblatt

Jugendliche, die eine Berufsmaturität machen, sollen im Kanton Zürich besser unterstützt werden. Dank eines neuen Modells können sie ihre Ausbildung flexibler gestalten. Die ersten Erfahrungen sind ermutigend.

Text: Andreas Minder Foto: zvg

Wer sich parallel zur Lehre auf die Berufsmaturität (BM 1) vorbereitet, geht einen anspruchsvollen Weg. Ausser der beruflichen Praxis und dem «normalen» Berufsschulstoff müssen die Lernenden zusätzliche allgemeinbildende Kenntnisse erwerben. Ein reichlich gedrängtes Programm, vor allem für die dreijährigen Lehren. Die vorgeschriebenen mindestens 1440 Lektionen BM-Unterricht müssen in drei Jahre Grundbildung gequetscht werden. Viele Lernende überlegen es sich zweimal, ob sie sich solchem Druck aussetzen wollen. Schliesslich gibt es auch die Möglichkeit, sich den Stoff anschliessend an die Lehre anzueignen (BM 2). Zudem gibt es eine ganze Reihe von Lehrbetrieben, die von der integrierten Berufsmaturität nicht viel halten, weil die Lernenden mehr Zeit in der Schule verbringen. Diese Skepsis hinterlässt Spuren in der Statistik. Seit zehn Jahren dümpeln die Lernendenzahlen in der lehrbegleitenden BM vor sich hin beziehungsweise sinken leicht.

Das widerspricht dem politischen Willen sowohl auf eidgenössischer als auch auf kantonaler Ebene, die Attraktivität der Berufsmaturität zu steigern. «Wir wollen Jugendliche, die eine Berufsmaturität absolvieren, besser unterstützen», sagt Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes (MBA). Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es mehr Flexibilität in der Ausbildung. «Ein solches Modell existiert im Kanton Zürich bereits», sagt Schatzmann.

Vier statt drei Jahre

Mitte 2014 begann man im Kanton Zürich damit, solche flexiblere Modelle zu entwickeln. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Abteilung Berufsmaturität der Berufsbildungsschule Winterthur (BBW). Ihr stellvertretender Leiter Hans Jörg Humm erklärt, wieso: «Wir haben prozentual mehr dreijährige Lehren als die anderen Berufsmaturitätsschulen.» Am dringlichsten war der Handlungsbedarf bei den Laborantinnen und Laboranten, die im Kanton Zürich alle an der BBW zu Schule gehen. In der neuen Bildungsverordnung für diesen Beruf war die Lektionenzahl erhöht worden. Also noch mehr Stoff und noch mehr Druck. «Deshalb haben wir bei den Laboranten damit begonnen, ein neues Modell auszuarbeiten.» Eine wichtige Rolle hätten dabei die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) gespielt. «Die haben bei ihren Lehrbetrieben ausgelotet, was gewünscht und machbar ist.»

Die gewählte Lösung besteht darin, den BM-Stoff auf vier Jahre zu verteilen. So können ihn die Lernenden besser bewältigen und sie sind während der Ausbildungszeit 40 Tage mehr im Betrieb. Nach drei Jahren erwerben sie das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) und besuchen anschliessend noch ein Jahr lang einen Tag pro Woche die BMS. Als ausgelernte Fachkräfte können sie daneben 60 bis 80 Prozent arbeiten. Das kann, muss aber nicht im Lehrbetrieb geschehen. Beide Partner sind frei, nach dem Lehrvertrag einen Arbeitsvertrag abzuschliessen oder getrennte Wege zu gehen.

«Eine gute Sache»

Das Modell bestach. 2015/16 startete die erste Klasse an der BBW mit über 20 Laborantinnen und Laboranten. In den darauffolgenden Jahren meldeten sich so wenige für das herkömmliche dreijährige Modell an, dass es gar nicht mehr angeboten wurde. Fragt man bei den Lernenden und ihren Lehrbetrieben nach, wird verständlich, warum dies so ist. Andrea Turrin arbeitet im Institut für Chemie der Universität Zürich und steckt im zweiten Lehrjahr. «Die vierjährige BM ist eine gute Sache», sagt er. Er schätzt es, dass mehr Zeit für die praktische Ausbildung zur Verfügung steht. Der Stress sei geringer, sagt er. Er erwartet, dass dies nicht nur während der Lehre, sondern auch im Qualifikationsverfahren so sein wird, weil EFZ- und BM-Stoff nicht gleichzeitig geprüft würden. Sein Berufsbildner Hansueli Bichsel ist so überzeugt vom vierjährigen Modell, dass er es allen seinen Lernenden, die die BM erwerben wollen, empfiehlt. «Es reduziert die schulische Belastung vor allem im zweiten Lehrjahr spürbar.»

Natascha de Riedmatten macht ihre Lehre bei der Firma Kolb Distribution Ltd., die in Hedingen Chemikalien produziert. Für sie, die gerne lernt und sich gerne fordert, war von Anfang an klar, dass sie die BM anstreben wollte. Im Berufsinformationszentrum wurde ihr das vierjährige Modell empfohlen. Ein guter Rat, findet sie nach einem Jahr: «Der Stoff ist weniger gedrängt», sagt sie. Einen weiteren Vorteil erhofft sie sich vom vierten Jahr, in dem sie dank EFZ bereits gut verdienen wird: «Da werde ich für meine spätere Weiterbildung sparen können.» Neben de Riedmatten gibt es in der Firma Kolb eine zweite Lernende, die sich für das neue Modell entschieden hat. Sie steht im dritten Lehrjahr. Heiner Zürcher, der als Berufsbildner für die beiden jungen Frauen zuständig ist, findet aufgrund der bisherigen Erfahrungen ebenfalls positive Worte für die vierjährige BM: «Es ist weniger stressig – für uns und für die Lernenden.» Im dreijährigen Modell komme fast zwangsläufig etwas zu kurz. Zürcher geht davon aus, dass durch die Verlängerung die Quote jener, die aufgeben oder durchfallen, sinken wird.

Ob dem tatsächlich so ist, lasse sich jetzt noch nicht sagen, sagt Hans Jörg Humm von der BBW. Schliesslich steht die erste Abschlussprüfung erst bevor. Ebenfalls noch offen ist, ob und wie leicht die Lernenden für das vierte Jahr einen Arbeitgeber finden werden. Andrea Turrin und die Lernende, die bei Kolb im dritten Lehrjahr ist, würden gerne in ihren Lehrbetrieben bleiben. Sie wissen aber noch nicht, ob das möglich sein wird. Es hänge davon ab, ob eine Stelle für die jungen Berufsleute frei sei, sagen die beiden Berufsbildner.

Skepsis in anderen Berufen

Nach dem Erfolg bei den Laborantinnen und Laboranten lag es nahe, die verlängerte BM 1 auch für andere Lehren anzubieten. 2017/18 versuchte man es mit Berufen aus den Bereichen Baugewerbe, Natur, Landschaft und Lebensmittel. Im Ausbildungsmodell für diese Berufe hätten die Lernenden ihrem Lehrbetrieb sogar 60 Tage länger zur Verfügung gestanden. Hätten, denn es gab nur drei Anmeldungen, viel zu wenig, um eine Klasse zu bilden. Auch für das gegenwärtige Jahr sieht es nicht vielversprechend aus. Noch offen ist die Situation zurzeit für Fachfrauen/Fachmänner Betreuung (FaBe). Die vierjährige BM wird für diesen Beruf 2018/19 erstmals angeboten. Das Echo ist grösser als bei den anderen Branchen, aber ob es für eine Klasse reichen wird, ist laut Hans Jörg Humm noch ungewiss. Deshalb arbeitet die BBW derzeit an einer Lösung, die es möglich macht, dass die Lernenden des dreijährigen und des vierjährigen Ausbildungsmodells einen grossen Teil des BM-Unterrichts gemeinsam besuchen können. «Das Konzept ist so weit ausgearbeitet, dass wir im Sommer 2018 starten können.»

Hans Stadelmann, Beauftragter Berufsmaturität des MBA, vermutet einen Grund für das unterschiedliche Echo in den branchen- und berufstypischen Berufsmaturitätskulturen. Wo eine Weiterbildung an der Fachhochschule üblich sei – wie etwa in der Chemie –, kenne man die BM und erfahre wohl auch eher von Neuerungen. In Branchen wie beispielsweise dem Gartenbau spiele die BM, besonders die BM 1, hingegen eine geringere Rolle. Entsprechend sei hier das vierjährige Modell noch zu wenig bekannt. «Und zwar in den Betrieben wie in den Berufsinformationszentren.» Stadelmann hofft, dass sich dies mit der Zeit und gezielter Information ändern wird. Nicht auszuschliessen sei allerdings, dass in «berufsmaturitätsfernen» Berufen die Anreize des neuen Modells vielen Betrieben nicht genügten, um die BM 1 zu ermöglichen.

Damit das Modell zum Fliegen komme, sei es zentral, den Bedürfnissen der Branchen entgegenzukommen. «Wir müssen die OdA einbeziehen, sonst geht es nicht.» Diesem Grundsatz werde auch bei der Entwicklung weiterer flexibler Modelle nachgelebt. Bei den Lebensmitteltechnologinnen und -technologen laufe ein Versuch, in dem nach dem Erwerb des EFZ ein Teil des BM-Stoffes im Rahmen von Blockunterricht während eines zusätzlichen halben Jahres vermittelt werde. Für vierjährige Grundbildungen überlege man sich, ob die Lernenden die Möglichkeiten bekommen sollten, erst nach dem ersten Lehrjahr mit der BM zu beginnen.

«Der Schlüssel zur verstärkten Förderung der BM 1 liegt in der zeitlichen Entkopplung von Lehre und BM», sagt MBA-Chef Niklaus Schatzmann. «Wir müssen nicht das Niveau der BM 1, wohl aber die zeitliche Belastung senken, um die Attraktivität zu steigern.» Die Situation sei jedoch in den verschiedenen Berufsfeldern unterschiedlich, und es bedürfe noch einiges an Aufklärungsarbeit, um die neuen Modelle bekannter zu machen. «Ich zähle jedoch auf die bewährte Zusammenarbeit mit den Organisationen der Arbeitswelt und bin überzeugt, dass wir gemeinsam erfolgreich sein werden.»

 

  

  
   

Flexiblere Modelle in der berufsbegleitenden BM (BM 1 flex)

Die zeitliche Entkopplung zwischen Lehre und berufsbegleitender BM mittels flexiblerer Modelle (BM 1 flex) soll die Belastung der Lernenden senken und die BM 1 dadurch attraktiver machen. Zunächst gilt es, die bereits bestehenden neuen Angebote bekannt zu machen, die Chancen der BM 1 flex zu kommunizieren, Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten. Diese Erfahrungen sollen dann in die Entwicklung neuer Angebote einfliessen.

Gegenwärtig geprüft wird die Umsetzung der folgenden konkreten Massnahme: BM-Start im zweiten Lehrjahr gekoppelt mit BM-Abschluss ein Jahr nach Lehrabschluss. BM 1 und berufliche Grundbildung wären also nicht mehr parallel, sondern verschoben. [red]

Zurück zu Schulblatt