Mehr als Sprachförderung

29.06.2018 - Mitteilung

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Rund 10 000 Zürcher Kinder besuchen den Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK). Was geschieht in diesen Kursen? Wie sind sie organisiert? Das «Schulblatt» hat nachgefragt und zwei Klassen besucht.

Text: Bettina Büsser   Foto: Sophie Stieger

Mit Freude, sagt Osmon, komme er jeweils in den Kurs. Der Viertklässler verbringt die Pause vor dem Schulzimmer; gemeinsam mit seinen drei Kollegen ist er am «Blösle», spielt um Panini-Bildchen. Es ist Freitagnachmittag, halb vier, draussen ist schönes Wetter, und viele Kinder haben schulfrei. Osmon hingegen hat nun eine Lektion in albanischer Sprache und Kultur hinter sich, vor sich eine zweite. Würde er nicht lieber draussen spielen? «Ich gehe lieber in die Schule und lerne, als draussen zu spielen und nichts zu lernen. » Die Antwort lässt einen schmunzeln. Ob er sie auch einem Kollegen gegeben hätte?

Osmon besucht den albanischen Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) im Stadtzürcher Schulhaus Aemtler A. Nexhat Maloku ist sein Lehrer; er unterrichtet seit 26 Jahren im HSK-Bereich und ist seit 1996 auch Koordinator der albanischen Kurse. «Als Koordinator bin ich das Bindeglied zwischen dem albanischen Lehrerverband und der Bildungsdirektion, organisiere Weiterbildungen für die albanischen HSK-Lehrpersonen und stelle zum Beispiel Gesuche für Schulräume für unsere Kurse», sagt Maloku, der in Pristina studiert und eine Lehrbefähigung als Oberstufenlehrer hat. Er ist auch Präsident der Trägerschaft des albanischen HSK-Angebots, des albanischen Lehrer- und Elternverbands der Schweiz (ALEV). Dieser hat die Lehrmittel für den HSK-Unterricht in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) entwickelt. «Früher haben wir mit Büchern aus Albanien oder Kosovo gearbeitet, doch sie sind nicht geeignet für Kinder in der Schweiz», erzählt Maloku.

Hochalbanisch statt Dialekt

Zehn Schülerinnen und Schüler aus der 4. bis 6. Klasse sind an diesem Nachmittag im Schulzimmer im Aemtler A. Zu Beginn fragt Nexhat Maloku, wie sie die Frühlingsferien verbracht haben. Sie antworten, erzählen von Ferien in Mazedonien, in Frankreich – und es ist spürbar, dass manche von ihnen sich dabei ziemlich konzentrieren müssen. Denn der Unterricht findet in der Standardsprache Albanisch statt, während die Kinder zu Hause einen der beiden albanischen Dialekte sprechen. Das sei, sagt Maloku, ein Unterschied – ähnlich wie zwischen der deutschen Hochsprache und dem Schweizer Dialekt. «Es gibt Wörter, die ich nicht verstehe. Hochalbanisch zu sprechen, ist schwierig», sagt denn auch Osmon.

Den Schwerpunkt der heutigen beiden Lektionen bildet die Geschichte eines Autors aus dem Kosovo: Es geht um einen Jungen, dessen Vater im Ausland arbeitet und der sich dringend ein Buch wünscht, das er im Fenster einer Buchhandlung gesehen hat. Um es sich leisten zu können, arbeitet er als Schuhputzer. Maloku liest die Geschichte vor, unterbricht aber immer wieder für Übungen. So entwickeln die Schülerinnen und Schüler mögliche Fortsetzungen der Geschichte. Oder sie müssen selbst eine Geschichte mit Kernwörtern des Textes erfinden und aufschreiben. Die Kernwörter «Djali», «Libri», «Babai» und «Kurbeti», also «Junge», «Buch», «Vater» und «Auswanderung», stehen an der Wandtafel.

Am Ende der Lektionen teilt Maloku die Schülerinnen und Schüler in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe soll Argumente nennen, weshalb es gut ist, dass der Vater des Jungen im Ausland arbeitet, die andere sucht nach Gegenargumenten. So wird hin und her über Vor- und Nachteile der Arbeitsmigration diskutiert. «Kritisches Denken», so Maloku, ist das Ziel dieser Übung. Und natürlich Sprachtraining. Weitere Ziele des HSK-Unterrichts sieht Maloku in einer guten Integration und der Stärkung der «kulturellen Intelligenz »: «Es ist wichtig, dass die Schüler die breite Palette der Kulturen respektieren können.»

Respektvoller Umgang als Ziel

Ein ähnliches Ziel nennt auch MonikaEicke, Sektorleiterin Interkulturelle Pädagogik im Volksschulamt (VSA): «Der HSK-Unterricht soll zu einem respektvollen Miteinander beitragen. Er greift Erfahrungen und Kenntnisse aus unterschiedlichen sprachlichen und soziokulturellen Lebenswelten auf, vergleicht und erweitert diese. Damit stärkt er auch die Urteils- und Konfliktfähigkeit.» Als weitere positive Elemente des HSK-Unterrichts nennt sie die Förderung der Mehrsprachigkeit: «Ein Potenzial, das in der heutigen Gesellschaft und Berufswelt immer wichtiger wird. Allein im Kanton Zürich sprechen gegenwärtig mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, also rund 55 000, eine nichtdeutsche Erstsprache.» Kinder, die die Sprache ihrer Eltern beherrschten, falle es leichter, Deutsch zu lernen. Es unterstütze sie auch in ihrem Selbstbewusstsein. Und schliesslich stärke die Wertschätzung der eigenen Herkunft auch die soziale Integration der Kinder.

Doch nicht die sprachfördernde und integrative Funktion des HSK-Unterrichts hat in letzter Zeit Aufsehen erregt, sondern ein Fall aus dem Kanton Thurgau, bei dem Kinder im einem Theater eine türkische Schlacht nachspielten. Dieser Vorfall wurde von den Medien fälschlicherweise mit dem HSK-Unterricht in Verbindung gebracht. Nachträglich stellte sich heraus, dass der Anlass von Privaten organisiert worden war. Darauf angesprochen, betont Eicke, das VSA verlange, «dass der Unterricht politisch und konfessionell neutral ist». Es lägen keine Informationen von Gemeinden oder Eltern zu Unterrichtsinhalten vor, die nicht dem kantonalen Rahmenlehrplan für HSK entsprechen. Dieser Rahmenlehrplan legt, auf der Basis des Lehrplans der Volksschule, die Lernziele und Themen des HSK-Unterrichts fest und ist eine der Grundlagen für die Anerkennung der Trägerschaften durch die Bildungsdirektion. Politisch und konfessionell neutraler Unterricht ist bei der Anerkennung der Kurse zentrale Voraussetzung. «Diese wird», so Eicke, «alle drei Jahre überprüft.»

Obligatorische Weiterbildung

Das VSA ist nicht nur für die Anerkennung der HSK-Angebote zuständig, sondern führt auch zweimal jährlich eine Konferenz für die HSK-Koordinatorinnen und -Koordinatoren durch. «Für die HSK-Lehrpersonen ist der Besuch der obligatorischen Weiterbildungen eine Voraussetzung für ihre Zulassung. Ausserdem müssen sie über ausreichende Deutschkenntnisse, Niveau B1, verfügen und ein Lehrdiplom oder eine gleichwertige pädagogische Ausbildung im Herkunftsland oder in der Schweiz vorlegen können», sagt Eicke.

Hanna Karlsson zum Beispiel war Gymnasiallehrerin in Schweden. Nun gibt sie schwedischen HSK-Unterricht in Wädenswil, Herrliberg, Zürich und in Waltikon bei Zumikon. An diesem Mittwochnachmittag ist sie in Waltikon, an der Inter-Community School Zurich (ICS). Die meisten der Drittklässler, die sie hier unterrichtet, sind nicht ICS-Schülerinnen und -Schüler, sondern besuchen die Volksschule und reisen deshalb für den Kurs nach Waltikon. Da so die Pausenzeit knapp wird, gibt es vor dem eigentlichen Unterricht eine Übergangsphase: Karlsson liest aus dem Kinderbuch «Bara Tsatsiki » vor, während Manilyn, Héloise, Molly, Olivia und Edward noch etwas Zeit für einen Zvieri haben.

Dann aber wird gearbeitet. Zu Beginn der beiden Lektionen beantworten die Kinder die Fragen von Karlsson zu einer Geschichte, danach lesen sie reihum Texte aus einem Lehrbuch vor und müssen jeweils entscheiden, ob es sich dabei um Ausschnitte aus «Skönlitteratur» (Roman) oder «Faktaböcker» (Sachbuch) handelt. Danach werden die Adjektive zum Thema. Karlsson fragt nach, ob sie diese «in der Schule» bereits behandelt haben. Gemeinsam stellen die Schülerinnen und Schüler eine Liste mit Adjektiven zusammen, füllen dann im Lehrbuch Adjektive in Sätze ein oder kreisen diese in einer Liste mit verschiedenen Wörtern ein. Wer eine Übung im Lehrbuch fertig hat, beginnt mit der nächsten. «Oft mache ich in dieser Phase der Lektion ein Spiel mit ihnen », wird Karlsson später sagen: «Doch jetzt haben sie so konzentriert gearbeitet, dass ich nicht unterbrechen wollte.»

Der Unterricht endet mit Musik: Karlssons Klasse trifft sich im Nebenzimmer mit den Schülerinnen und Schülern aus zwei anderen Schwedisch-Klassen – und gemeinsam singen und üben sie schwedische Lieder.

    
    

Unterricht in 27 Sprachen

Erste Kurse in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) entstanden in den 1930er-Jahren, initiiert von politischen Flüchtlingen aus Italien. In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelten Elternvereine anderer Nationen ähnliche Angebote. Heute gibt es im Kanton Zürich HSK-Unterricht in 27 Sprachen. Es handelt sich um ein fakultatives Angebot für Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache, das ergänzend zum Unterricht der Volksschule stattfindet. Die Noten für den HSK-Unterricht werden ins Zeugnis eingetragen.

HSK-Kurse müssen von der Bildungsdirektion anerkannt werden und die Lehrpersonen haben bestimmten Vorgaben zu entsprechen. Organisiert und finanziert werden die Kurse entweder von den Botschaften/Konsulaten der Herkunftsländer oder von privaten Trägerschaften. Der Kanton beteiligt sich nicht an der Finanzierung, die Schulgemeinden unterstützen sie, indem sie nach Möglichkeit Schulräume und Infrastruktur unentgeltlich zur Verfügung stellen. Aktuell besuchen im Kanton Zürich rund 10 000 Schülerinnen und Schüler in rund 880 Kursen den HSK-Unterricht. Am meisten nachgefragt wurden dabei Italienisch (2331 Schüler/-innen), Portugiesisch (1316 Schüler/-innen) sowie Tamilisch (774 Schüler/-innen). [bb]

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