Kleine Kinder, grosse Vielfalt

24.08.2018 - Mitteilung

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Die Unterschiede zwischen Kindergartenkindern können gross sein. Wie lässt sich im Schulalltag damit umgehen? Die Teilnehmenden einer Tagung an der Pädagogischen Hochschule haben nach Antworten gesucht.

Text: Reto Heinzel   Fotos: Sabina Bobst

Kein Kind gleicht dem anderen. Ein vierjähriges Mädchen kann beim Kindergarteneintritt an einem ganz anderen Punkt in der Entwicklung stehen als sein gleichaltriges Sandkastengschpändli. Mit steigender Heterogenität wird die Arbeit der Kindergartenlehrpersonen jedoch anspruchsvoller, unübersichtlicher, schwieriger. Eine zentrale Frage lautet daher: Wie soll man Unterschieden begegnen, wie professionell damit umgehen?

Diesen und anderen Fragen rund um den Übergang in den Kindergarten widmeten sich die Teilnehmenden einer Tagung des Volksschulamts (VSA) von Ende Juni. Unter dem Titel «Unterschiedlich unterwegs in den und im Kindergarten» kamen an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) über 360 Kindergartenlehrpersonen, Fachleute Kinderbetreuung, Heilpädagogen, Spielgruppenleiterinnen, Mitarbeitende der Bildungsdirektion und Verbandsmitglieder zusammen. Am Morgen standen verschiedene Vorträge auf dem Programm, während am Nachmittag spezifische Themen in sogenannten Fokusrunden vertieft wurden.

Ein Gesamtbild zeichnen

Die Veranstaltung war bereits Wochen vor Anmeldefrist restlos ausgebucht. Ein klares Zeichen dafür, dass hier zentrale Fragen der gegenwärtigen Bildungsdebatte zur Sprache kamen. «Unser Ziel ist es, ein Gesamtbild der vielfältigen Situation bei Kindergarteneintritt zu zeichnen», sagte Yvonne Ehrensperger, eine der beiden Organisatorinnen aus dem VSA, im Vorfeld. Gleichzeitig hofften sie und ihre Kollegin Verena Ungricht, die laufende Diskussion über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung zu stärken.

Auf den grossen Wert der frühkindlichen Bildung wies Bildungsdirektorin Silvia Steiner in ihrer Begrüssungsansprache hin. Für sie sei unbestritten, dass man sich schon vor dem Kindergarten mit Heterogenität befassen sollte. «Wir müssen in einem ersten Schritt bei den Eltern und Familien ansetzen, und dies müssen wir vor dem Kindergartenalter machen.» Die Regierungsrätin lobte etwa die Unterstützungsangebote der Kinderund Jugendhilfezentren (kjz). Sie tragen viel zur Stärkung der Familien bei, erkennen aber auch frühzeitig Unterstützungsbedarf gerade von Kindern mit entwicklungspsychologischen und gesundheitlichen Auffälligkeiten. Die kjz böten zudem die Chance, den Eltern vor Augen zu führen, «dass im Vorschulbereich und auch in der Betreuung wertvolle Arbeit geleistet wird». Das Angebot der kjz, sagte Steiner, müsse man deshalb «weiterhin unterstützen und wo nötig ausbauen und intensivieren».

Den Fokus auf die Zeit vor dem obligatorischen Schuleintritt legte auch die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm. Sie bezeichnete diese Phase als «Herzstück der Entwicklung», die in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden könne. Mit Blick auf die aktuelle Forschung sagte sie, dass wenn die Qualität der frühkindlichen Bildungsangebote hoch und gleichzeitig die familiäre Situation gut sei, die Entwicklungsunterschiede beim Kindergarteneintritt bis zu einem Jahr betrügen. Damit verbunden sei die Gefahr, dass die sozialen Ungleichheiten sich während der frühkindlichen Bildung eher vergrösserten als verkleinerten.

Wie vor ihr Bildungsdirektorin Steiner wies auch Stamm auf die grosse Bedeutung der Familie in der frühkindlichen Phase hin. «Die Familie hat die Bildungsmacht », sagte Stamm. Denn Kinder aus bildungsaffinen und privilegierten Familien hätten gegenüber Gleichaltrigen aus bildungsfernen Familien einen klaren Startvorteil, da sie ganz gezielt gefördert würden und schon früh einen Habitus erlernten, der mit den Bildungsidealen der Schule übereinstimme. Stamm bezeichnete dieses Phänomen als «Matthäus-Effekt » – in Anlehnung ans Matthäus- Evangelium, wo es heisst: «Wer hat, dem wird gegeben». Der Matthäus-Effekt stehe für ein grosses Dilemma. Kinder mit besseren Lernvoraussetzungen profitierten demnach mehr von Bildungsangeboten als Kinder mit schlechteren Voraussetzungen. Dadurch komme es zu Schereneffekten, die sich bei jedem Übergang verstärkten. «Deshalb ist der Übergang in den Kindergarten so wichtig.» Frühkindliche Bildung sei eine wichtige Strategie, um «soziale Ungleichheiten weniger ungleich zu machen». Kinder, so Stamm, würden in Familien hineingeboren, die sie nicht wählen können. Ihrer Meinung nach muss man nach Wegen suchen, wie man Familien systematischer und verpflichtender unterstützen könnte. Wichtig sei aber auch, dass die Eltern den Sinn eines Projektes sehen.

Das bisweilen spannungsreiche Verhältnis zwischen Eltern und Schule beschrieb Muriel Degen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Marie Meierhofer Institut für das Kind. Mit dem Eintritt in den Kindergarten werde das bisherige Erziehungsprimat der Eltern durch eine ausserfamiliäre Institution ergänzt, sagte sie. Es entstehe ein Spannungsfeld zwischen elterlicher Selbstbestimmung und schulischer, sprich: staatlicher Mitsprache. Die Beziehung zwischen Elternhaus und pädagogischen Institutionen gleiche einer «Grenz(be)ziehung». Ganz wichtig sei deshalb, dass beim Eintritt in den Kindergarten die verschiedenen Rollen und Erwartungen der Beteiligten geklärt werden.

Insgesamt beleuchteten ein halbes Dutzend Referentinnen und ein Referent das Thema aus unterschiedlicher wissenschaftlicher Warte. Die Fachleute sprachen die gesellschaftlichen Herausforderungen, Probleme, Chancen an und formulierten Empfehlungen. Sie alle machten deutlich, dass ein gelingender Übergang von der Vorschul- in die Schulzeit auch bedeutet, jedes Kind dort abzuholen, wo es in seiner Entwicklung effektiv steht. Oskar Jenni, leitender Entwicklungspädiater am Kinderspital Zürich, rief dazu auf, umsichtig mit Heterogenität umzugehen, um schwerwiegende Folgen zu verhindern. Konkret riet er zu einer stärkeren Flexibilisierung hinsichtlich Rückstellungen, Repetitionen und Akzelerationen. Diese Massnahmen müssten im Interesse des Kindes individualisiert werden. Vor allem gelte es, übersteigerte Leistungsanforderungen an das Kind zu vermeiden.

      
      

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin:

«Wenn wir die frühkindliche Bildung ausbauen, hat das nicht nur den Vorteil, dass wir allfälligen Schwierigkeiten im Kindergarten frühzeitig begegnen können. Wir betreiben damit auch Prävention gegen Lehrabbrüche und Jugendarbeitslosigkeit. Kinder, die im Kindergarten gut Tritt fassen, haben gute Chancen, es auch in der Schule zu packen. Im Frühbereich kommt neben den kjz dem Gesundheitswesen eine wichtige Rolle zu, also den Kinderärztinnen und -ärzten, aber auch der Mütter- und Väterberatung. Weil diese Angebote nicht verpflichtend sind, müssen wir bei den Eltern ansetzen. Sie sind die Schlüsselpersonen, die wir ermutigen müssen, die bestehenden Angebote zu nutzen. Wir müssen sie befähigen, ihren Kindern den besten Start in den Kindergarten zu ermöglichen.»

Gabriella Bazzucchi, Vorstand Lehrpersonenkonferenz der Volksschule des Kantons Zürich (LKVZ):

«Das grosse Interesse an der Tagung zeigt doch, wie wichtig es ist, wie wichtig der Frühbereich und im Anschluss der Kindergarten als erste Schulstufe ist. Für uns ist aber auch klar, dass dafür der Lohn stimmen muss. Eine Lösung in dieser Frage ist nach dem Bundesgerichtsurteil schwierig geworden. Ich setze deshalb meine Hoffnung auf das, was bereits angestossen und auch an dieser Tagung zur Sprache gekommen ist: Es geht nicht darum, ob im Kindergarten Hochdeutsch oder Mundart gesprochen, ob und wie viel gespielt wird, sondern um die Anerkennung als gleichwertige Schulstufe. Das muss sich ändern. Dann wäre auch die Problematik von Übergängen während der Schulzeit gelöst. Dem Übergang in den Kindergarten ist jedoch ein besonderes Augenmerk zu schenken. Hier bleibt noch viel zu tun.»

Brigitte Fleuti, Präsidentin Verband Kindergarten Zürich (VKZ):

«Das Thema der Tagung ist ja nicht neu, doch es scheint, dass das Bewusstsein dafür jetzt in der Gesellschaft angekommen ist. Die Kindergartenstufe ist von zentraler Wichtigkeit. Sie ist der Start für die Schulkarriere. Die Tatsache, dass es Schereneffekte gibt und nicht alle Kinder gleichermassen von den Bildungsangeboten im Kindergarten profitieren, zwingt uns zum Handeln. Die Gesellschaft hat ein grosses Interesse, dass diesbezüglich gute Lösungen entwickelt werden. Wichtig ist, die Rahmenbedingungen des Kindergartens genauer anzuschauen. Eine rasch umsetzbare Möglichkeit sehe ich im Einsatz von Klassenassistenzen. Damit liesse sich mit einem verhältnismässig geringen Einsatz ein grosser Gewinn für die Kinder erzielen.»

Marianne Ryf, Geschäftsleiterin der Fachstelle Kinder & Familien, Ennetbaden:

«In der von mir geleiteten Fokusrunde zum Thema ‹Gelingende Übergänge› versuchte ich aufzuzeigen, dass es mehr Austausch und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bildungsstufen braucht. Kita, Kindergarten und Schule – das sind einzelne Inseln, die heute noch zu wenig miteinander kooperieren. Meiner Meinung nach muss man noch stärker vom Kind her denken. Dazu braucht es zwingend ein umfassendes Bildungsverständnis, das auch den Vorschulbereich einschliesst. Es gibt verschiedene Gemeinden, die bereits anderthalb Jahre vor dem Kindergartenstart Informationsveranstaltungen für Eltern durchführen. Diese frühen Kontaktaufnahmen sind wichtig, für die Eltern wie für die Kinder. So gelingt es, den Boden für einen gelingenden Übergang zu legen.»

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