"Ich will etwas bewegen"

09.03.2018 - Mitteilung

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Warum der Amtschef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, Niklaus Schatzmann, zunächst nicht in die Verwaltung wollte. Und weshalb er auf offene Türen setzt.

Text: Reto Heinzel Foto: Stephan Rappo

«Ich bin begeisterungsfähig», sagt Niklaus Schatzmann über sich selbst. Man glaubt ihm sofort. Wenn der 48-Jährige über seine berufliche Vergangenheit spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Fast 20 Jahre war er Rektor und Mittelschullehrer an der Kantonsschule Freudenberg, und das «mit Leib und Seele», wie er betont. Das Unterrichten, der tägliche Kontakt mit jungen Menschen sei «eine Art Lebenselixier» gewesen, eine ständige Bereicherung und willkommene Abwechslung zu den zwar vielfältigen, doch eher bürolastigen Aufgaben und Pflichten eines Rektors.

Der Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts (MBA) sitzt am Besprechungstisch seines Büros an der Zürcher Ausstellungsstrasse. Mit ansteckender Begeisterung erzählt er vom «Jungbrunnen Schule». Er spricht schnell, reiht Gedanke an Gedanke, dazwischen blitzt immer wieder ein herzliches, mitunter verschmitztes Lachen auf. Neben seinem Schreibtisch steht ein riesiges Modell der Saturn-V-Rakete, die 1969 die ersten Menschen auf den Mond beförderte. Nur wenige Stunden nach der Mondlandung wurde Schatzmann geboren.

«Kultur des Dialogs»

Es war Anfang 2017, als Schatzmann sich einer Frage stellen musste: Wie soll es weitergehen? Während 10 Jahren hatte er der Kantonsschule Freudenberg ein Gesicht gegeben. Doch die Tage als Rektor waren gezählt. Wegen der geltenden Amtszeitbeschränkung hätte er den Posten 2019 räumen müssen. Bis zur Pensionierung als Mittelschullehrer weiterzuarbeiten, das konnte er sich dann doch nicht recht vorstellen. Und so bewarb er sich für die Leitung des MBA.

Als passionierter Lehrer und Rektor sei er einem «Seitenwechsel» in die Verwaltung zunächst eher skeptisch gegenübergestanden, gesteht er. Zu weit weg von den Jugendlichen. Dass der Job als MBA-Chef dennoch spannend und vielseitig sein könnte, davon habe er erst während des Bewerbungsverfahrens eine genauere Vorstellung erhalten. «In diesem Moment hat es mir den Ärmel reingenommen.»

Seit Anfang September leitet der promovierte Historiker die Geschicke des MBA, ist Chef von gegen 140 Mitarbeitenden. Welchen Eindruck hat er in den ersten Monaten gewonnen? «Ich habe erkannt, wie sehr mein Blick auf die Verwaltung früher doch eingeengt und von Vorurteilen geleitet war», sagt Schatzmann. Er sei beeindruckt, «wie viel engagierte Menschen hier arbeiten, die sich mit Herzblut und mit ausserordentlicher Sorgfalt für die Bildung einsetzen – für die Jungen, für die Schulen». Es sei seine Mission, dieses Engagement nach aussen sichtbar zu machen.

Um das zu erreichen, setzt Schatzmann auf die Kraft der Kommunikation: «Türen und Herzen öffnen, Beziehungen pflegen, vernetzen.» Das habe er sich vorgenommen. Er sei als Kommunikator und Moderator angetreten, der zuhöre, Interesse bekunde, bestärke, unterstütze und vermittle. Und er wolle den Leuten Mut machen, den bestehenden Handlungsspielraum auszuschöpfen und auch mal etwas Neues zu wagen. «Ich will eine Kultur des Dialogs und der Offenheit fördern.» Ein besonderes Anliegen ist ihm die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Anspruchsgruppen und den anderen Ämtern der Bildungsdirektion. Ein Beispiel: Gemeinsam mit dem Volksschulamt und dem Amt für Jugend und Berufsberatung habe man im Oktober beschlossen, das Thema Übergänge gemeinsam anzugehen. «Gut funktionierende Übergänge zwischen den Schulstufen bringen viel Ruhe ins System.»

Mit seiner Strategie der offenen Tür hofft Schatzmann, etwas bewegen zu können. «Vielleicht nicht kurzfristig, dafür umso nachhaltiger.» Der Start scheint geglückt. Die Rückmeldungen, die er bis jetzt erhalte, seien positiv – und das von allen Seiten. Überschätzen will er seinen Einfluss allerdings nicht. «Ich bin mir bewusst, dass ich im gut geschmierten Räderwerk der Verwaltung nur ein verhältnismässig kleines Rädchen bin.»

Lange Reformprozesse

«Beim Amtsantritt habe ich gesagt: Mein Ziel ist, dass jeder und jede gerne ins Büro geht. Wenn die Stimmung gut ist, dann lassen sich auch anstehende Probleme viel besser lösen.» Herausforderungen gibt es genug. Wie reagiert man auf das anhaltende Bevölkerungswachstum? Wie viel Schulraum brauchen wir? Wie viele Lehrstellen und welche? Der rasante wirtschaftliche Strukturwandel, der Rückgang der traditionellen industriellen Berufe, die fortschreitende Digitalisierung – all das werde das MBA in Zukunft stark beschäftigen.

Handlungsbedarf sieht Schatzmann derzeit vor allem bei der beruflichen Grundbildung: «Hier stehen viele Entwicklungen an, auf die wir reagieren müssen», sagt er. Justierungen müssten künftig schneller möglich sein, die Reformprozesse dauerten heute sehr lange. Die Berufe und Anforderungen veränderten sich rasch. Dies führe dazu, dass in gewissen Branchen die Bedürfnisse der Wirtschaft und die Berufsausbildung auseinanderdrifteten. Der 2016 gestartete, breit abgestützte Prozess «Berufsbildung 2030» zeigt laut Schatzmann recht gut auf, wohin die Reise gehen und wie eine zukunftsfähige Strategie für die Schweizer Berufsbildung aussehen könnte.

Allerdings stehen derzeit vor allem die Gymnasien im Fokus der Öffentlichkeit. Hat Schatzmann eine Erklärung dafür? «Das dürfte daran liegen, dass es die höchste Bildungsstufe ist und viele Eltern hoffen, dass sie die eigenen Kinder dereinst dort hinschicken können.» Das System an sich bezeichnet er als «sehr stabil und qualitativ hochstehend». Damit das so bleibe, sei es wichtig, dass die Gymiquote nicht erhöht werde.

Auch wenn er für seine Doktorarbeit über Hexenprozesse in der Leventina tief in die historischen Dokumente eintauchte – der MBA-Chef ist keiner, der am liebsten im stillen Kämmerlein arbeitet. Während unseres Gesprächs bleibt die Türe zum Vorzimmer weit geöffnet. Er schätze das sehr und habe das bereits sein ganzes Leben so gehandhabt: «Wenn die Türe offen ist, dürfen die Leute reinkommen. Zu jeder Zeit.»

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