Gut investierte Zeit

26.10.2018 - Mitteilung

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Der schulische Elternkontakt gehört zum Lehrberuf wie das Unterrichten in der Schule. Eine Vertrauensbasis von Schule und Elternhaus ist von grosser Bedeutung für den Lernerfolg und die schulische Motivation der Schülerinnen und Schüler.

Text: Walter Aeschimann   Cartoons: Ruedi Widmer

Ein Kind meldet sich nie zu Wort, eines sitzt quicklebendig auf dem Stuhl. Ein Knabe mault stets frech zurück, ein Mädchen hat als gute Rechnerin plötzlich Mühe mit den Zahlen und eines kommt dauernd verspätet in die Schule. Die verantwortliche Klassenlehrperson hat schon vieles unternommen. Verändert hat sich nichts. Nun sucht sie das Gespräch mit den Eltern.

Das sogenannte Problemgespräch ist nur eine von vielen Möglichkeiten des schulischen Elterngesprächs. Im Erstgespräch etwa lernen Lehrpersonen vorerst die Eltern und die Lebensumstände des Kindes kennen. Im Standortgespräch besprechen sie den Entwicklungsstand und die Möglichkeiten beim Übertritt des Kindes in die Primarstufe, in die 4. Klasse oder in die Sekundarstufe. Schliesslich haben gewisse Schulen und Klassenlehrpersonen auch eigene Begegnungskulturen entwickelt, um neben den offiziellen noch andere, persönlichere Kontakte mit den Eltern zu knüpfen und zu fördern. Auf dieser Ebene verlaufen die Gespräche normalerweise wenig heikel, meistens kooperativ, manchmal freundschaftlich. Das Problemgespräch hingegen ist für alle Beteiligten belastend. Die Lehrperson muss für verschiedene Reaktionen dokumentiert und vorbereitet sein: auf Lob, Unterstützung und Kooperation, auf unerwartete Anklagen, Rückweisung oder Verständnisschwierigkeiten. Sie muss zudem den Perspektivenwechsel vollziehen. Für Eltern ist es schwierig, wenig positiven Rückmeldungen sachlich zu begegnen. Aus Sorge und Empfindlichkeit reagieren sie auch mit Ablehnung, werden hilflos oder brechen in Tränen aus.

Respekt vor Elternkontakten

Brigitte Stirnemann arbeitet im Zentrum Person & Profession der Abteilung Weiterbildung & Beratung an der PH Zürich. Aus zahlreichen Gesprächen weiss sie, dass Lehrpersonen «ziemlichen Respekt vor Elternkontakten» haben. Das zeigt auch der Umstand, dass einige Lehrpersonen mit dem «Schulblatt» nicht über das Thema sprechen wollten – es sei «zu heikel». Heikel deshalb, weil Lehrpersonen nicht wissen können, wie die Eltern reagieren. Das Elterngespräch ist schon in der Ausbildung eine Herausforderung. Während der Umgang mit den Kindern in den Praktika geübt werden kann, ist eine Gesprächssituation mit Eltern schwierig zu simulieren. Das bedeutet nicht, in der Ausbildung gänzlich darauf zu verzichten: «Die geeignete Gesprächsführung lässt sich gut trainieren und ist lernbar», sagt Stirnemann.

Im Modul Kommunikationstraining an der PH Zürich lernen die Studierenden präventive Aspekte des Elterngesprächs kennen. Das beinhaltet etwa die Einladung, die Vorbereitung auf ein Gespräch oder Techniken für einen gelingenden Gesprächsverlauf. Die Kompetenzen werden im Wahlmodul zum Elterngespräch ausgebaut und schliesslich auch im Modul «Training Konfliktmanagement» thematisiert. Letzteres findet gegen Ende der Ausbildung statt und ist insofern gut platziert, als die Studierenden womöglich schon Erfahrungen in den Quartalspraktika gesammelt haben. Schliesslich kann das Elterngespräch auch im Mentorat angesprochen werden. Die Studierenden selber reagieren unterschiedlich auf die Ausbildung. Einige finden, man hätte viel mehr machen müssen. Andere haben den Eindruck erhalten, dass es mit den Eltern immer schwierig werde.

Den Aufwand nicht scheuen

«Grundsätzlich ist der Kontakt mit den Eltern nicht schwierig», sagt Stefan Mäder, Primarlehrer an der Schule Uetliberg, nach 17 Jahren beruflicher Tätigkeit. Als er vor 20 Jahren sein Studium absolvierte, war das Elterngespräch kein Thema. Er habe vieles «on the job» gelernt. Als Junglehrer habe er jeweils «um den heissen Brei» herumgeredet, wenn er eine unangenehme Situation thematisieren musste. Inzwischen ist er überzeugt, dass man den Eltern damit nicht entgegenkommt. Er habe sehr gute Erfahrungen mit einer «offensiven Kommunikation» gemacht. Dies bedeutet auch, möglichst viele Informationen über die Schule oder seinen Unterricht preiszugeben.

Offensiv meint hingegen nicht direkt und unverblümt. Mäder, der sich in den Kreisschulbehörden und in schulischen Pilotprojekten engagiert, achtet im Elterngespräch bewusst auf die Wahl der Worte. Er übt nicht Kritik, sondern gibt Anregungen und überlegt sich, ob gewisse Äusserungen dem Kind zu Hause schaden und zur Bestrafung führen könnten. Das möchte er vermeiden. Für ihn ist Elternarbeit «eine Kernkompetenz für jede Lehrperson und gut investierte Zeit». Das bedeute aber, den Aufwand nicht zu scheuen. Mit gewissen Eltern sei er fast täglich in Kontakt, via Telefon oder mit einer kurzen E-Mail. Die Qualität seiner Gespräche habe auch zugenommen, seit er eigene Kinder habe. Ausserdem läuft er mit den Erstklässlern im ersten Monat mit der ganzen Klasse den Schulweg eines Kindes ab bis zum Elternhaus. Dort wird die Klasse empfangen und darf – wenn das Kind und die Eltern es erlauben – auch dessen Zimmer anschauen.

Die Vertrauensbasis sichern

Dani Kachel ist Sekundarlehrer und Präsident des Vereins Sekundarlehrkräfte des Kantons Zürich (SekZH). «Das Elterngespräch stellt die grundsätzliche Vertrauensbasis mit dem Elternhaus sicher», sagt er. Diese Basis sei von grosser Bedeutung für den Lernerfolg und die schulische Motivation der Schülerinnen und Schüler. Dabei sei besonders wichtig, wie die Eltern zu Hause über die Lehrpersonen redeten. Wenn die Eltern abschätzig über die Lehrperson sprechen würden, sinke die Achtung der Schülerinnen und Schüler für die Lehrperson und die Beziehungsqualität nehme rapide ab. «Diese matchentscheidende Mitverantwortung ist vielen Eltern noch nicht genügend bewusst.»

Das spezifische Ziel auf Sekundarstufe sei es, mit den Eltern eine passende Anschlusslösung für den Schritt in die Berufswelt zu finden. «Wenn dieses Findungsprojekt zum gemeinsamen Projekt von Schülern, Schülerinnen, Lehrpersonen und Eltern wird, dann ist auch das Schulische wesentlich einfacher zu erreichen. » Die Eltern wollen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind und eine gute Lehre machen. Dafür sei eine intakte Beziehung wichtig. Zumindest sollte die Überzeugung vorhanden sein, dass Schule und Eltern dasselbe Ziel haben. Je nachdem sei ein mehr oder weniger intensiver Kontakt nötig.

Viel Kontakt im Kindergarten

«Die Eltern sollen zu Beginn der Schullaufbahn auch empfangen werden. Sie sollen das Gefühl erhalten, dass sie dazugehören », sagt Judith Wick. Sie war Kindergärtnerin und schulische Heilpädagogin. Seit Kurzem ist sie pensioniert. Im Kindergarten sei der Elternkontakt automatisch intensiver. Eltern bringen ihre Kinder öfter in die Schule. Lehrperson und Eltern reden vor der Eingangstür oder auf dem Flur. Dabei könnten unbefangen auch schulische Themen angesprochen werden. Wenn Judith Wick als Heilpädagogin zum Elterngespräch eingeladen hatte, wurde meistens über sonderpädagogische Massnahmen für das Kind gesprochen. Diese Gespräche verlaufen häufig standardisiert und sind komplexer. Neben der Klassenlehrperson und den Eltern mit dem Kind kann auch die Schulpsychologin anwesend sein. Als Vorbereitung füllen Lehrperson und Eltern das entsprechende Formular «Schulisches Standortgespräch» der Bildungsdirektion aus.

Judith Wick hat die Erfahrung gemacht, dass in diesen Gesprächen «die Beziehungsarbeit sehr wichtig» ist. Die Eltern seien meistens kooperativ und dankbar für die Anregungen. Sie hätten schon Ähnliches bei ihrem Kind beobachtet wie die Lehrperson und müssten eher beraten, beruhigt, manchmal auch getröstet werden. Seien Eltern einmal uneinsichtig, habe sich Konsequenz bewährt. Etwa bei jenem Vater, der den übermässigen Medienkonsum seines Sprösslings nicht wahrhaben wollte. Nach dem vierten Elterngespräch habe ihr der Vater stolz mitgeteilt, dass er den Medienkonsum seines Kindes drastisch eingeschränkt habe.

Eltern wollen Einfluss nehmen

Der Umgang mit den Eltern habe sich verändert, finden alle angefragten Fachpersonen. Früher wurde die Institution Schule von den Eltern weniger in Frage gestellt. Heute würden die Themen rund um den gerechten Umgang mit dem eigenen Kind viel zentraler. «Es sei dennoch eine wichtige Aufgabe der Lehrperson, den Kindern Reibungsflächen zu bieten, mit allen Konsequenzen », findet Dani Kachel. Dass auch Widersprüche und Spannungen entstehen könnten, sei folgerichtig und notwendig. Damit gelte es umzugehen und den Eltern auch entsprechend – wenn nötig nicht im Beisein des Kindes – zu kommunizieren.

Der zunehmende Einfluss der Eltern auf die Schule kann auch in Kontrolle münden. Brigitte Stirnemann erinnert sich an einen Junglehrer, der bei ihr im Beratungsgespräch «völlig konsterniert» gewesen sei. Einige Eltern hätten seine Prüfungen verglichen und kontrolliert und er habe sich stets erklären müssen. Er schrieb zusätzlich jeden Monat eine informierende Rundmail an die Eltern. Auch dies sei nicht recht gewesen. Die Eltern fanden es eine Zumutung, dass sie diese Mails lesen mussten. Sie erwarteten vom Lehrer, dass er persönlich informiere. «Es ist für Lehrpersonen eine Herausforderung, auf die zum Teil sehr unterschiedlichen Erwartungen zu reagieren», sagt Stirnemann.

Das Wohl des Kindes im Zentrum

Die Dozentin rät Lehrpersonen, den Aspekt des Elternkontaktes schon bei der Stellensuche zu bedenken. Sie sollen sich bewusst überlegen, in welchem Umfeld sie arbeiten möchten – eher mit bildungsfernen oder bildungsorientierten Eltern. «Wir vermitteln den Studierenden, dass viele unterschiedliche Elternkontakte und Gesprächsverläufe möglich sind», sagt Stirnemann. Eltern beispielsweise, die in ihrem Berufsumfeld stets kämpfen müssen, bringen diesen Stil auch mit ins Gespräch. Gibt es Konflikte mit den Eltern, sollte die Schulleitung zwingend informiert und bei späteren Gesprächen eingebunden werden. Und schliesslich, wenn kulturelle oder sprachliche Schwierigkeiten entstehen könnten, sollte auch ein Kulturvermittler einbezogen werden – nicht etwa ein älteres Geschwister.

Das einzig richtige Elterngespräch gib es wohl nicht. Nur eines sollte immer beachtet werden. Letztlich braucht es die gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung aller beteiligten Personen, damit der zentrale Aspekt nicht untergeht. «Ein gutes Gespräch hat dann stattgefunden, wenn am Schluss das Gefühl aufgekommen ist, dass das Wohl des Kindes im Zentrum stand», sagt Stefan Mäder.

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