Eintauchen in unbekannte (Berufs)welten

09.03.2018 - Mitteilung

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15 Informatik-Lernende verbrachten drei Praktikumswochen in der chinesischen Metropole Shanghai. Sie lernten ein IT-Paralleluniversum und eine ganz andere Kultur kennen.

Text: Andreas Minder   Fotos: zvg

Als Alessandro Pugliese am frühen Nachmittag im «Shanghai Pudong International» aus dem Flugzeug stieg, verschlug es ihm den Atem: Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so heiss und feucht sein könnte. Es sollte nicht die einzige Überraschung bleiben, die er in den nächsten drei Wochen in der chinesischen Millionenstadt erleben würde. Pugliese und 14 weitere angehende Informatikerinnen und Informatiker der Technischen Berufsschule Zürich nahmen vom 1. bis zum 21. Oktober 2017 an einem Mobilitätsprogramm in Shanghai teil.

Untergebracht waren sie in einem Hotel auf dem Campus der Donghua University. Am ersten Tag lernten sie die Unternehmen kennen, für die sie arbeiten würden. Zum Beispiel «Agora», eine Firma, die Co-Working-Arbeitsplätze an Startups vermietet. Für dieses Unternehmen entwickelte eine Gruppe der Schweizer Lernenden ein Gerät, das die Raumtemperatur misst. Ein zweites Team programmierte für die bei Agora eingemietete «Atlas A.I. Tech» eine Smartphone-App, die Fahrwege und -weise von Autofahrern erfasst. Die dritte Lernendengruppe nahm die digitale Marketingstrategie der Firma Integrated Chinese Life unter die Lupe und entwickelte deren Online-Auftritt weiter.

«Es war herausfordernd», sagt Sheryl Baumgärtner. Die Lernende der Credit Suisse war im Team, das sich um die Messung der Raumtemperatur kümmerte. Schwierig war namentlich, dass in China nicht wie hierzulande üblich in einer Windows- Umgebung, sondern mit dem Betriebssystem Linux und den dazugehörigen Programmen gearbeitet wird. Trotzdem: Am Schluss funktionierte die Temperaturmessung, wenn auch «mit ein paar Macken». Auch für Alessandro Pugliese, in Ausbildung bei Acer Computer in Dietikon, war das Entdecken des Linux-Universums eine der wertvollsten beruflichen Erfahrungen. Pascal Tschümperlin fand den Einblick in die junge, internationale und dynamische Start-up-Szene sehr interessant. Als Lernender bei Swissphone, einer Firma, die Alarmierungsnetzwerke herstellt, kannte er den Arbeitsalltag in einem grossen Betrieb.

Brücken bauen

Organisatorin der Chinareise ist Min Wang. Die gebürtige Chinesin lebt im Kanton Zürich und hat vor zwei Jahren die Firma Route2China gegründet, die Arbeits- und Studienaufenthalte in ihrem Herkunftsland organisiert. Das Programm für die Lernenden hat sie zusammen mit einem Businesspartner in China – einer Firma, die von einem Schweizer geleitet wird – auf die Beine gestellt. «Ich sehe mich als Brückenbauerin», sagt Min Wang. In China sei nicht alles perfekt, aber es spiele eine immer wichtigere Rolle in der Welt. «Deshalb ist es wichtig, das Land zu verstehen.» Sie habe schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre eher düsteren Vorstellungen nach einem Besuch korrigiert hätten.

Sheryl Baumgärtner bestätigt das. «Die Chinesen sind extrem freundlich und offen.» Zuweilen fast zu offen, findet sie. Man spreche zum Beispiel ganz ohne Zurückhaltung darüber, wie viel man verdiene. Auch Social-Media- und andere Koordinaten würden sehr freigebig ausgetauscht. Alessandro Pugliese war von der Ruhe und der Sicherheit in der Stadt und im öffentlichen Verkehr überrascht und angetan. Man habe sich ohne Weiteres draussen bewegen können. «Das Gefährlichste war der Verkehr.» Einschränkend wirkte die Sprache. Denn ausserhalb des Coworking Space war mit Englisch nichts zu machen. «Wir mussten uns mit Händen und Füssen verständigen.» Gegen Ende des Aufenthalts kamen ein paar Brocken Chinesisch dazu. Zum Programm gehörten auch Sprachlektionen, in denen die jungen Leute lernten, wie man ein Busbillett kauft oder etwas zu essen bestellt.

Dass in China ein repressives Regime herrscht, wurde für die Lernenden fast nur im Internet spürbar. Google und andere im Westen beliebte Websites sind gesperrt. Während der Arbeit liess sich dies via eine verschlüsselte Verbindung zu einem Server in Hongkong umgehen. Privat war es allerdings schwieriger, an den restriktiven Firewalls der Regierung vorbeizukommen, erzählt Sheryl Baumgärtner. So lernten sie Baidu, das chinesische Google, und die Pendants zu den sozialen Netzwerken Facebook, Twitter und YouTube kennen. Die jungen Berufsleute bewegten sich aber nicht nur im digitalen, sondern auch im analogen China. In der Metro, in Parks, Shops, Restaurants und an Essensständen auf der Strasse begegneten sie einer unbekannten Welt. «Vieles ist komplett anders, interessant und faszinierend», sagt Pascal Tschümperlin.

Die Idee für einen Auslandaufenthalt von Schweizer Lernenden in China entstand an einem Anlass von Movetia, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität. Min Wang lernte dort Lehrpersonen der Technischen Berufsschule Zürich kennen und knüpfte Kontakte zu Vertretern des Mittelschul- und Berufsbildungsamts des Kantons Zürich (MBA). Gemeinsam wurde das «Work and study program Shanghai» entwickelt, das auf grosses Echo stiess. Über fünfzig Lernende meldeten ihr Interesse an. In einem Brief mussten sie begründen, weshalb sie nach China reisen wollten. «Die Motivation war das Schlüsselkriterium», sagt Min Wang, die die Bewerber prüfte. Nötig waren ausserdem gute Englischkenntnisse. An einem Vorbereitungstreffen klärte Wang die Offenheit und die Teamfähigkeit der Interessenten ab.

Belohnung für gute Leistungen

Einverstanden sein mussten auch die Lehrbetriebe. «Es gibt solche, die der Mobilität skeptisch gegenüberstehen, deren Nutzen und Mehrwert nicht erkennen», sagt Isabelle Sterchi Pelizzari, die im MBA das Shanghai-Projekt unterstützte und koordinierte. Wenn eine Lernende oder ein Lernender mit Kenntnissen über das chinesische IT-Ökosystem und mehr interkultureller Kompetenz zurückkehrt, sei das primär für deren eigene Karriere vorteilhaft. «Entscheidend sind die Vorbereitung und die Koordination mit allen Beteiligten: Eltern, Lernenden, Lehrbetrieb, Ausbildner, Berufsfachschulen und Lehrpersonen», sagt Sterchi Pelizzari.

In den Betrieben der 15 Chinafahrenden war dies nicht nötig. «Es macht uns stolz, wenn einer unserer Lernenden bei einem solchen Projekt mitmachen kann», sagt Nadine Brunner, Marketingmanager von Acer Schweiz. Die Initiative für einen Aufenthalt müsse allerdings vom Lernenden kommen, so wie das bei Alessandro Pugliese der Fall gewesen sei. «Wenn Interesse besteht, schauen wir, dass wir sie im höchstmöglichen Masse unterstützen können.» Bei der Credit Suisse, dem Lehrbetrieb von Sheryl Baumgärtner, geht es auch ums Image: «Wir zeigen mit unserer Teilnahme, dass wir ein attraktiver, zukunftsorientierter Arbeitgeber sind», erklärt Christian Heintz, Lehrlingsverant- wortlicher IT. Ein zweites Motiv: «Wir wollen speziell engagierte Nachwuchstalente fördern und belohnen.» Zudem seien die Fähigkeiten, die im Ausland erworben würden, für eine global tätige Firma wie die Credit Suisse unmittelbar nützlich. Und schliesslich gehe es auch darum, die Aufmerksamkeit für das duale Schweizer Berufsbildungssystem international zu erhöhen.

Der Aufenthalt der jungen Leute in Shanghai hat genau das geschafft. Sie habe von allen Seiten sehr positives Feedback bekommen, sagt Organisatorin Min Wang. Sie und die Projektbetriebe seien beeindruckt gewesen, wie selbstständig und verantwortungsvoll die Lernenden an die Arbeit gegangen seien. «Sie konnten sofort loslegen, obwohl sie erst neue Programmsprachen lernen mussten.» Bei so viel positiven Erfahrungen wundert es nicht, dass ein weiterer Durchlauf des China-Austauschs für 2018 bereits in Planung ist, an dem zusätzlich Lernende aus weiteren Kantonen teilnehmen werden. Es werden sich also noch andere Schweizer Lernende über das schwüle Klima in Shanghai wundern können.

     
   

Mobilität in der Berufsbildung etablieren

2016 verabschiedeten Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung an der kantonalzürcherischen Konferenz Berufsbildung Grundsätze zur Etablierung einer Mobilitätskultur in der Berufsbildung. Vor allem in den Berufsfachschulen seien diese auf offene Ohren gestossen, sagt Isabelle Sterchi Pelizzari von der Kontaktstelle Talentförderung in der Berufsbildung des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Nun gehe es darum, auch die anderen Beteiligten, also Betriebe und Verbände, zu sensibilisieren.

Im Rahmen des Projektes Talentförderung in der Berufsbildung unterstützte der Berufsbildungsfonds des Kantons Zürich in den Jahren 2016 und 2017 Lehrbetriebe, die an Mobilitätsprojekten teilnahmen, mit einem finanziellen Pauschalbeitrag. Neben dem China-Projekt wurden so zum Beispiel in der Gastronomie Berufspraktika gefördert. Die besten Köche im Kanton konnten während eines Monats in einem Restaurant der Spitzengastronomie im In- und Ausland Berufserfahrungen sammeln. Mobilitätsprojekte können von Movetia, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität, finanziell unterstützt werden. Dort wird man seitens MBA nun einerseits das Shanghai-Projekt, andererseits ein Projekt für Weiterbildungen für Berufsschullehrpersonen im Ausland einreichen. [ami]

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