Eine Schule (er-)findet sich selbst

26.10.2018 - Mitteilung

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Zum ersten Mal seit 40 Jahren wurde am ersten Schultag nach den Sommerferien eine neue Kantonsschule eingeweiht. Wie ist sie angelaufen? Ein Besuch in Uetikon am See, Mitte September, knapp vier Wochen nach der Eröffnung.

Text: Jacqueline Olivier   Fotos: Sophie Stieger

Es liegt in der Luft, das Neue, Frische, man riecht es, sobald man das Gebäude betritt. Und man sieht es auch: Die blitzblanken Fussböden, die fast leeren Korridore, die strahlend weissen Wände weisen keinerlei Gebrauchsspuren auf. Immerhin: In den Gängen hängen da und dort, eng neben- und übereinander, Porträtfotos von den Schülerinnen und Schülern sowie von den Lehrerinnen und Lehrern. Die Selfies, entstanden während der Sommerferien, verleihen der erst wenige Wochen alten Kantonsschule Uetikon am See eine persönliche Note.

«Total cool» sei es hier, sagt Lauro Walser, Schüler der Klasse 3a. Der 14-Jährige aus Männedorf hat diesen Sommer von der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon, wo er das Untergymnasium besuchte, nach Uetikon gewechselt. «Nur Vorteile» bringe ihm das. So falle täglich etwa eine Stunde Reisezeit weg, und der Unterricht beginne später. «Vorher musste ich um 6.30 Uhr aus dem Haus, jetzt kann ich um 7.45 Uhr noch im Pyjama zu Hause sitzen, weil die Schule erst um 8.15 Uhr anfängt.» Tatsächlich musste die neue Kanti ihren Stundenplan jenem der in unmittelbarer Nähe gelegenen Volksschule anpassen, mit der man die Sportanlage teilt. Aufgrund des kurzen Schulwegs, den er mit dem Velo zurücklegt, sind Lauros Tage trotzdem nicht länger.

Pool-Tag ist «mega interessant»

Lauros Klassenkameradin Luisa Stoll, die ebenfalls in Männedorf wohnt, kommt sogar zu Fuss und benötigt lediglich fünf Minuten. Weniger als zuvor für den Weg zum Sekundarschulhaus. Ein wichtiger Pluspunkt, sagt die 16-Jährige, die zunächst noch mit der Kantonsschule Stadelhofen geliebäugelt hatte. Gelockt hat sie schliesslich aber nicht nur die kurze Distanz, sondern auch der Umstand, dass sie in Uetikon zu den ersten Schülerinnen und Schülern einer ganz neuen Schule gehören würde. Mit lediglich zwei 1. und zwei 3. Klassen sei es hier im Moment noch ausgesprochen familiär. «Ausserdem ist der Stundenplan sehr attraktiv dank Fächern wie Rhetorik, Wissenschaftliche Texte oder Naturwissenschaftliches Forschen.»

Dieses Angebot weiss auch Lauro zu schätzen. Und etwas neidisch ist er auf jene Schüler, die hier bereits das Untergymi absolvieren können, so wie sein jüngerer Bruder. Diese haben nämlich im Vergleich zu den Schülern in Wetzikon weniger Lateinstunden und bereits in der ersten Klasse Robotik. «Das hätte mir auch gefallen.» Dafür steht für ihn, Luisa und alle Schüler der 3. Klassen, unabhängig vom gewählten Profil, in diesem Jahr ICT/ Informatik auf dem Programm. Besonders spannend finden Lauro und Luisa überdies den sogenannten Pool-Tag: Jeweils am Dienstag findet der Unterricht losgelöst vom Stundenplan statt und bietet die Möglichkeit für fächerübergreifende Projekte. Tags zuvor spannten beispielsweise die Lehrpersonen in Biologie und Bildnerischem Gestalten zusammen. «Jede Gruppe hatte ein anderes Thema und wir haben selbstständig vier Lektionen ohne Pause gearbeitet», erzählt Luisa, «solche Dinge sind mega interessant.» Und sie nickt zustimmend, als Lauro sagt: «Man merkt, dass die Lehrpersonen hier etwas Cooles machen wollen.»

Gute Stimmung im Team

Patricia Würscher und Aline Widmer sind zwei dieser Lehrpersonen und voll des Lobes, was die Stimmung und die Arbeit an der Schule betrifft. «Hier sind alle so motiviert, das trägt einen mit», sagt Patricia Würscher, die schon bei den Vorarbeiten mit an Bord war. Im Januar 2017 habe sie erstmals Wind von der Sache bekommen, «im August haben wir angefangen, die Lehrpläne zu erarbeiten.» Zwei Tage die Woche verbringt die Französisch- und Klassenlehrerin, die auch noch an der KZO tätig ist, in Uetikon, das funktioniere gut für sie. Biologielehrerin Aline Widmer hingegen, die auf den Schulstart an den Zürichsee gekommen ist, hier sieben Lektionen und ansonsten an der Neuen Kantonsschule Aarau unterrichtet, findet es nicht ohne, in zwei Kantonen nach ganz unterschiedlichen Lehrplänen zu arbeiten. Zudem ist das Untergymnasium für sie Neuland. Doch sie ist begeistert vom Pioniergeist, der die Schule prägt, von den kurzen Wegen zwischen den Kollegen – «hier muss man niemanden anrufen, man findet sich» –, von der guten Zusammenarbeit zwischen den Fachschaften.

Den Pool-Tag heben beide Lehrerinnen als besonders innovativ hervor. Patricia Würscher findet ebenso die Themenwochen «inspirierend». Die erste findet im Oktober statt, wird sich um Themen in und um Zürich drehen und eine zweitägige Schulreise ins Entlebuch mit Übernachtung in Bern einschliessen – für alle vier Klassen. Aufgrund der knappen Zeit seit der Eröffnung der Schule bis Anfang Oktober hat die Schulleitung diese Reise vorbereitet, die anderen Tage gestalten die Fachlehrer. Hier wie in den übrigen Unterrichtsgefässen gilt: «Die Struktur ist gegeben, aber wir können jetzt die Inhalte einfüllen», erzählt Patricia Würscher, «das ist toll, das habe ich noch nie so gemacht.» Die Schulleitung, betont Aline Widmer, erlebe sie dabei sehr unterstützend, «als Lehrerin habe ich eine Stimme, das schätze ich sehr.» Und auch das Team harmoniere bestens, nimmt ihre Kollegin den Faden wieder auf, spreche sich beispielsweise über einen eigens eingerichteten Whats- App-Chat ab für die 10-Uhr- oder die Mittagspause – «damit niemand alleine im Lehrerzimmer sitzt.»

Natürlich wird dies alles nicht so bleiben, das ist den Lehrerinnen bewusst. In einigen Jahren wird das Haus voll sein, dann wird vieles nicht mehr machbar sein, was heute noch möglich ist. Das sei aber nicht schlimm, denn die Schule werde sukzessive wachsen, sodass man sich von Jahr zu Jahr an die neuen Gegebenheiten anpassen könne.

Schüler sollen mitreden

In dieser Hinsicht musste auch Prorektor Jürg Berthold umdenken. «Ich bin ursprünglich davon ausgegangen, dass wir eine Schule gründen und diese dann auf den vollen Bestand anwachsen lassen.» Inzwischen sei ihm klar geworden, dass dies nicht funktioniere, dass steigende Schüler- und Lehrerzahlen die Schule in den ersten Jahren immer wieder veränderten. Darum sei der Schulleitung die Idee der Schule des Wandels so wichtig, die als erster Punkt im Leitbild festgehalten wurde. Eine Schulreise mit Übernachtung für alle werde wohl schon im nächsten Schuljahr, mit doppelt so vielen Schülern, nicht mehr durchführbar sein. «Dafür bietet eine grössere Schule andere Optionen, etwa ein umfassendes Wahlund Freifachangebot.» Lehrpersonen, die an der Kantonsschule Uetikon arbeiten wollten, müssten deshalb mehr als andere bereit sein, sich immer wieder auf Neues einzulassen und auch ihren Beitrag an das Schulleben und die Schulkultur zu leisten. Das Gleiche gelte übrigens für die Schülerinnen und Schüler. «Sie verbringen einen grossen Teil ihrer Zeit an der Schule, und wir möchten, dass sie diesen Lebensraum mitgestalten, dass sie sich einbringen und mitbestimmen – nicht nur über die Schülerorganisation.» Schulpolitisches Engagement nennt es der Prorektor, Ideen dafür, wie dieses aussehen könnte, gebe es bereits einige.

Von Anfang an eingeführt wurde das IT-System, das alle Lehrpersonen online miteinander vernetzt. Für die Schulleitungssitzungen gibt es einen «Planner», in den Themen eingetragen oder Fragen an die Schulleitung gestellt werden können. Deren Antworten sind dann für alle sichtbar. Ab der dritten Klasse arbeiten auch die Schülerinnen und Schüler mit ihren eigenen Geräten – sogenannten Convertibles –, für jedes Fach haben sie ein Notizbuch, über das Programm One Note können die Lehrpersonen ihnen Aufgaben zuteilen, sie mit Material versorgen, ihre Arbeiten kontrollieren, Kommentare dazu schreiben und so weiter.

Ein wichtiges Thema ist laut Jürg Berthold zurzeit die Teambildung: Aufgrund der kleinen Pensen der Lehrpersonen sehe man sich nicht so oft und versuche deshalb, Begegnungen bewusst zu fördern. Darüber hinaus geht es für die Schulleitung jetzt schon darum, in den Planungsgremien für die definitive Schule, die in zehn oder zwölf Jahren am See eröffnet werden soll, ihre Sicht und ihre Anliegen einzubringen und sich deshalb mit Fragen zu beschäftigen wie: Welche Räume und welche Infrastruktur wird man in zehn Jahren benötigen?

Aktion «Tasty Toast Tuesday»

Lauro und Luisa werden dannzumal längst nicht mehr an der Schule sein. Für sie zählt das Hier und Jetzt – und das passt. Natürlich laufe so kurz nach der Eröffnung nicht immer alles rund, gebe es auch mal Pannen. Lauro meint dazu lakonisch: «Wir haben dadurch immer etwas zu lachen, auch die Lehrer.» Noch etwas schwierig ist die Verpflegungssituation am Mittag. Das Provisorium verfügt über keine Mensa, die Schüler könnten sich zwar jeweils online einen Platz am Mittagstisch der Volksschule reservieren, das machten aber die wenigsten, sagen die beiden. Ihre Klasse gehe meistens in den Coop einkaufen, allerdings, so Luisa, müsse man schnell sein, wenn man dort noch etwas bekommen wolle. Sie ist jedoch zuversichtlich, dass man im Laden schon noch merken werde, dass man für die vielen neuen Schüler grössere Mengen bereitstellen müsse.

In der Zwischenzeit sind auch Schulleitung und Lehrpersonen, die die Lage erkannt haben, nicht untätig. Tags zuvor, einem Dienstag, stellten sich einige von ihnen an vier extra angeschaffte Sandwichtoaster und verköstigten die über 100 Schülerinnen und Schüler mit Gratistoasts und Apfelsaft. Beides fand reissenden Absatz. Der erste «Tasty Toast Tuesday » dürfte deshalb sicher in der einen oder anderen Form eine Fortsetzung finden. Und die Schüler werden in ihrem Videoblog auf der Schul-Website, der nach den Herbstferien startet und das Leben an der neuen Kanti filmisch dokumentieren wird, sicher darüber berichten.

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