Die olympischen Spiele der Arbeit im Wandel

24.08.2018 - Mitteilung

Zurück zu Schulblatt

Vor 50 Jahren fanden die Berufsweltmeisterschaften erstmals in der Schweiz statt. Eine ehemalige Weltmeisterin und ein Weltmeister erinnern sich.

Text: Andreas Minder   Fotos: zvg

«Das Wunderkind aus Bremgarten», schrieb der Berner «Bund» unter das Bild, das Silvia Felix bei der Siegerehrung der Möbelschreiner auf dem obersten Treppchen zeigt. Ihr Sieg sei das «wohl überraschendste und am meisten beachtete Resultat» der Berufsweltmeisterschaften, die 1968 in Bern stattfanden. Eine Weltmeisterin in einem Männerberuf; das hatte es noch nie gegeben. Felix war neben den Damencoiffeusen die einzige Frau, die überhaupt teilnahm.

260 Teilnehmer aus 14 europäischen und asiatischen Ländern waren im Juli 1968 in den Räumen der Gewerbeschule und der Lehrwerkstätte Bern in 28 Berufen gegeneinander angetreten. Ein bescheidener Anlass, vergleicht man ihn mit den heutigen «WorldSkills Competitions». Letztes Jahr kämpften in Abu Dhabi über 1300 junge Berufsleute aus 58 Ländern in 51 Berufen um Medaillen. Trotzdem: Auch die ersten Berufsweltmeisterschaften in der Schweiz waren schon ein beachtlicher Anlass. Er dauerte acht Tage. An der Eröffnung im Kursaal marschierten die Delegationen zu den Klängen ihrer Nationalhymne ein. Presse, Radio und Fernsehen waren vor Ort, das diplomatische Corps und Regierungsvertreter machten Rundgänge durch die Werkstätten, die Offiziellen wurden im Rathaus durch den Kanton und die Stadt Bern empfangen. An der Rangverkündigung verteilte der Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, Bundesrat Hans Schaffner, die Medaillen. Keiner anderen Equipe konnte er mehr Edelmetall übergeben als jener aus der Schweiz: Sie holte acht Gold-, vier Silber und vier Bronzemedaillen.

Der Weg nach Bern

Einer, der damals etwas zum Triumph beitrug, war Felix Stüssi. Er holte bei den Goldschmieden … Gold. Sein Lehrmeister hatte ihn zu den Schweizermeisterschaften angemeldet. Dies sei gleichzeitig seine einzige Vorbereitung für die Weltmeisterschaft gewesen, erzählt er lächelnd. Silvia Felix musste eine Hürde mehr nehmen und sich erst in der Lehrwerkstätte Bern durchsetzen. Die Schule galt damals als Kaderschmiede für die Söhne von Schreinermeistern. Und sie nahm Frauen auf, zum Glück für Silvia Felix. Eine «normale » Lehrstelle zu finden, hätte für ein Mädchen schwierig werden können. Am Anfang hatte sie Mühe und wäre fast rausgefallen. «Aber als wir wirklich zu schreinern begannen, nahm es mir den Ärmel rein.» In der schulinternen Ausscheidung liess sie alle hinter sich und auch an den Schweizermeisterschaften überflügelte sie die männliche Konkurrenz. Damit war sie für die Weltmeisterschaften qualifiziert. Vorher machte sie noch die Lehrabschlussprüfung und blieb danach bis zum Wettkampf als Assistentin an der Lehrwerkstätte: «So konnte ich nebenbei noch üben und Unsicherheiten ausmerzen.»

Wer heute an die WorldSkills will, muss mehr tun. Je nach Beruf sei das Verfahren unterschiedlich, sagt Ueli Müller, Generalsekretär von SwissSkills. Die meisten Organisationen der Arbeitswelt (OdA) hätten jedoch einen mehrstufigen Selektionsprozess, in dessen Verlauf die besten Wettkampftypen herausgesiebt würden. Im Beruf gut zu sein, genüge nicht mehr. «Die Leute müssen Biss, Durchhaltewillen und einen Killerinstinkt haben», sagt er. «Es ist Spitzensport.» Zur fachlichen Vorbereitung durch die OdAs kommen Teamweekends von SwissSkills, an denen Mentaltraining und Teambildung betrieben werden.

Am Beispiel der Schreiner lässt sich zeigen, wie viel die jungen Berufsleute leisten müssen. Bis feststeht, welcher Möbelschreiner und welcher Massivholzschreiner an die Weltmeisterschaft gehen darf, müssen die Kandidaten vier Selektionshürden nehmen und 50 bis 60 Trainingstage absolvieren – einen beträchtlichen Teil davon in der Freizeit. Am Anfang stehen die kantonalen Sektionsmeisterschaften, an denen jeweils rund 1000 Lernende teilnehmen. Die hundert Bestklassierten sind zu drei überregionalen Schreiner-Meisterschaften zugelassen. Insgesamt neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer qualifizieren sich für die Schreiner-Nationalmannschaft und treten an drei je eintägigen Anlässen gegeneinander an. Aufgrund der Resultate an diesen Wettkämpfen und des Abschneidens an den Schweizermeisterschaften wird bestimmt, wer an die Weltmeisterschaften darf. Die zwei Auserkorenen bereiten sich dann zwei bis drei Monate in Betrieben von Schweizer WorldSkills-Experten weiter vor.

Ohne übertriebenen Ehrgeiz

Am Dienstag, 9. Juli 1968, um 8 Uhr morgens machten sich Silvia Felix und Felix Stüssi ans Werk. Vier Tage lang arbeiteten sie an ihren Aufgaben, jeweils bis 17.45 Uhr. «Es machte einfach Spass, mitzumachen, ich hatte keinen Stress», erzählt Felix Stüssi. Auch Silvia Felix war ruhig, selbst ein Fehler brachte sie nicht aus dem Konzept. «Ich habe ihn korrigiert und die Sache durchgezogen.» Sie sei das Ganze locker und ohne übertriebenen Ehrgeiz angegangen. Die Anspannung hielt sich möglicherweise auch deshalb in Grenzen, weil es wenig Zuschauer gab. «Es kamen mehrheitlich Eingeweihte vorbei, ein paar Berufsleute, Presse; kein Vergleich mit dem Publikumsaufmarsch von heute», sagt Silvia Felix.

Der Arbeitsplatz von Silvia Felix lag neben dem Teilnehmer aus Japan. Sie staunte über seine Arbeitsweise. Seine Hobelbank hatte keine Beine, er sass zum Arbeiten am Boden. Auf einer Decke hatte er seine vielen und sehr speziellen Werkzeuge ausgebreitet. Vor allem in der Mittagspause habe man mit den anderen Wettkämpfern auch mal palavert, erinnert sich Silvia Felix. Allerdings seiendie Sprachen ein Hindernis gewesen. «Aber wir hatten es gut miteinander und haben uns auch gegenseitig geholfen.» Felix Stüssi tauschte sich vor allem mit dem deutschen Kollegen aus, der am Schluss als Zweiter neben ihm auf dem Podest stand. «Mit ihm habe ich heute noch Kontakt.»

Ab Freitagabend war es vorbei. Die Werkstücke wurden abgegeben, die Teilnehmenden fuhren auf den Gurten zu Nachtessen und «geselligem Zusammensein », wie es im Programm hiess. Am nächsten Tag schlossen auch die Experten ihre Arbeit ab und kamen zum Schluss, dass Stüssi und Felix die Besten ihres Fachs seien. Das überraschte beide – und freute sie. «Es war ein Geschenk», sagt Stüssi. Der Moment, als ihm der Bundesrat vor den Augen der Eltern die Medaille überreichte, sei sehr bewegend gewesen.

Auch menschlich eine Elite

Der Berichterstatter des «Bunds» war von den Wettkämpfen begeistert. Eine berufliche und menschliche Elite habe qualitativ hervorragende Arbeit geleistet. Sie habe bewiesen, dass die Facharbeit auch Befriedigung und innere Erfüllung bringen könne. «Das in einer Zeit weltweiter Jugendunruhen feststellen zu dürfen ist tröstlich – und bildet zugleich ein notwendiges Gegengewicht zu den unerfreulichen Ausschreitungen in anderen Städten.»

Der Rummel um die Berufsweltmeister dauerte nicht lange. Silvia Felix spricht von einer «Eintagsfliege». Und bei der Stellensuche habe ihr der Titel nicht wirklich geholfen. «Ich war die erste Frau, die in Bern eine Stelle als Schreinerin suchte.» Schliesslich klappte es doch und sie war daraufhin zehn Jahre lang praktisch tätig. Fünf Jahre nach Lehrabschluss machte sie die Meisterprüfung und wurde schliesslich Berufsschullehrerin. Wenn sie gelegentlich wieder selber Hand ans Holz legen will, fährt sie ins Albulatal, wo sie ein kleines «Hobbybudeli» besitzt.

Für Felix Stüssi war der Erfolg an der Weltmeisterschaft ein Türöffner. Er habe so eine Stelle bei einem renommierten Goldschmied in Vancouver gefunden. Dort lernte er den Schmuck der Indianer an der kanadischen Westküste kennen. Später leitete er vier Jahre lang eine Werkstatt in Lesotho und setzte sich mit der Formensprache der dortigen Schmuckkünstler auseinander. Diese Erfahrung bewog in dazu, Ethnologie zu studieren. Danach eröffnete er in Freiburg eine eigene Schmuckwerkstatt. Dort stellt er nicht nur seine Objekte her, sondern gibt sein Wissen auch als Kursleiter weiter. Jeweils in den Sommermonaten organisiert er in Braunwald Workshops und Kurse.

Silvia Felix ist seit einigen Jahren pensioniert. Ihr Beruf interessiert sie aber nach wie vor. «Wann immer ich kann, besuche ich internationale Berufsmeisterschaften », sagt sie. Sie weiss deshalb auch, dass sie bis heute die erste und letzte Schreinerweltmeisterin geblieben ist. Doch wer weiss, vielleicht ändert sich das an den nächsten WorldSkills. Zur aktuellen Schreiner-Nationalmannschaft gehört eine Frau.

     
     

Berufsmeisterschaften: Schaufenster der Berufsbildung

Vom 12. bis 16. September finden die SwissSkills 2018 in Bern statt. In 75 Berufen kämpfen rund 1100 junge Berufsleute um Medaillen. 60 weitere Berufe präsentieren sich auf dem Ausstellungsgelände Bernexpo dem Publikum. Es werden über 150 000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Für Jugendliche unter 22 Jahren ist der Eintritt gratis.

Dezentrale Schweizermeisterschaften in einzelnen Berufen gibt es seit über 100 Jahren. 2014 wurden sie erstmals gemeinsam und zentral in Bern durchgeführt. Koordiniert wird der Grossanlass von der Stiftung SwissSkills, in der alle massgeblichen Organisationen der Arbeitswelt vertreten sind. Diese stecken viel Geld und unzählige Stunden Freiwilligenarbeit in die Organisation und Durchführung der Wettbewerbe. Die Infrastruktur und die Projektleitung der Meisterschaften werden zu einem grossen Teil von Bund, Kanton und Stadt Bern finanziert. Gut ein Viertel dieser Kosten werden von privaten Sponsoren und Stiftungen getragen. 2018 beläuft sich das Budget der Veranstaltung auf 16.5 Millionen Franken.

Die besten Schweizer Berufsleute messen sich jährlich auch an internationalen Meisterschaften. Abwechselnd finden die EuroSkills und die WorldSkills statt. Vom 26. bis 28. September dieses Jahres finden die Europameisterschaften in Budapest statt. Die nächsten Berufsweltmeisterschaften werden vom 22. bis 27. August 2019 im russischen Kazan durchgeführt. [ami]

Zurück zu Schulblatt