Der etwas andere Schulalltag

05.01.2018 - Mitteilung

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Freie Sitzordnung, wenig Frontalunterricht und selbstbestimmtes Lernen. Unterricht nach dem Churermodell sieht etwas anders aus. Ein Augenschein an der Schule Niederuster.

Text: Charlotte Spindler Fotos: Hannes Heinzer

Zu Beginn jeder Lektion ein kurzer Input im Kreis, freie Sitzordnung statt einem eigenen Platz, kaum Frontalunterricht und selbstbestimmtes Lernen nach Niveau – nach dem Churermodell sieht der Schulalltag ein bisschen anders aus. Die Veränderungen sind erst auf den zweiten Blick erkennbar, doch der Erfolg ist spürbar: «Meine Fünftklässlerinnen und Fünftklässler sind mit Lerneifer bei der Sache», konstatiert Mittelstufenlehrerin Denise Guldener. Sie und ihre Kollegin von der Parallelklasse im Schulhaus Niederuster haben vor zwei Jahren eine Weiterbildung bei Reto Thöny besucht, der das Churermodell entwickelt hat (s. Kasten).

Als Denise Guldener im August 2016 eine vierte Klasse übernahm, stellte sie ihr geräumiges Klassenzimmer während der Ferien kurzerhand um. Am ersten Schultag fanden die Kinder ein Schulzimmer der etwas anderen Art vor. Seither sind vor der Wandtafel nun sechs Sitzbänklein aufgestellt, so, dass die 23 Kinder in einer Runde sitzen können. Dank einer geschickten räumlichen Trennung gibt es neu einen abgetrennten Arbeitsbereich mit Gruppentisch und eine Schülerbibliothek mit Sitzgelegenheiten. Die Schultische stehen verteilt im Zimmer; sie ermöglichen das Arbeiten allein, zu zweit oder auch zu viert. Zwei Tische stehen sich gegenüber, aber mit Trennwand: Wer ungestört arbeiten möchte, nimmt hier Platz und kann sich zusätzlich mit einem Kopfhörer ausrüsten. Mehrere Regale, in den Raum gestellt, nehmen Ordner, Bücher, Hefte und Arbeitsmaterial auf.

Binnendifferenzierung

«Der Raum wird zum 3. Pädagogen.» So steht es auf der Website www.churermodell. ch. Es ist demnach nicht einfach ein grosses Stühle- und Tischerücken, sondern eine Binnendifferenzierung im Unterricht, die mit der Umgestaltung des Klassenzimmers einhergeht und dadurch erst ermöglicht wird. In Denise Guldeners Klasse sitzen wie in vielen anderen Klassen Kinder mit ganz unterschiedlichen Niveaus: Es hat Kinder, die integriert gefördert werden, und andere, die einen Morgen die Begabtenförderung, das sogenannte Förderband, besuchen. Acht Stunden pro Woche ist Kathrin Pfister, Schulische Heilpädagogin, in Denise Guldeners Klasse, sie nimmt an den Inputs teil, arbeitet mit einzelnen Kindern individuell am Stoff oder begleitet sie, wenn sie schriftliche Aufgaben lösen. Die Zusammenarbeit ist eingespielt, die Anwesenheit der Heilpädagogin erleichtert es, unterschiedliche Unterrichtsformen auszuprobieren.

Individuelle Lernziele

Feste Plätze gibt es nicht mehr. Nach dem Input im Kreis, wo das Thema der Lektion und die wichtigen Lernziele besprochen werden, wählen die Kinder, wo sie während der Stunde sitzen möchten; ihre Hefte, Bücher und Arbeitsblätter holen sie aus den Fächern in den Regalen, die mit ihren Namen beschriftet sind. An diesem Montagmorgen eröffnet Denise Guldner eine Mathematik-Lektion, indem sie ihren Schülerinnen und Schülern Rechnen mit mehrstelligen Zahlen nahebringt. «Ich kann erkennen, welche Rechenwege sich für welche Rechnungen eignen», hat sie als Lernziel auf eine laminierte Vorlage geschrieben. Farbige Kärtchen enthalten Rechenaufgaben mit unterschiedlichen und klar gekennzeichneten Niveaus, die danach im Kreis gelöst werden. Die Kinder schreiben ihre eigenen Lösungswege auf Whiteboards. An der Ruhe im Raum ist die Konzentration erkennbar; der Kreis vermittelt das Gefühl des Zusammenseins, der gemeinsamen Arbeit an einem Thema.

Der Input dauert jeweils 5 bis 15 Minuten, danach arbeiten die Kinder an den verschiedenen Aufgaben, welche auf einem Plan mit dem Schwierigkeitsgrad festgehalten sind. Ein Punkt kennzeichnet einfachere Aufgaben, mit zwei Punkten wird eine mittlere Schwierigkeitsstufe markiert, und bei drei Punkten wird’s dann schon recht knifflig, und teilweise ist der Inhalt auch etwas vom Stoff losgelöst. Gelöste Aufgaben kann die Schülerin oder der Schüler sich zur Übersicht auf dem Plan anstreichen, und wenn jemand sich zwischendurch an eine anspruchsvollere Aufgabe wagt, kann er das. Dieses System gilt auch für die anderen Fächer, in denen Denise Guldener nach dem Churermodell unterrichtet, neben Mathe sind es Deutsch und Mensch/Umwelt. In Französisch und Englisch hat Denise Guldener einen geführteren Unterricht gewählt, aber Elemente aus dem Churermodell übernommen – in der Umsetzung des Churer- modells herrscht grosse Flexibilität.

Selbstgesteuertes Arbeiten an ihren Aufgaben ist den Kindern inzwischen vertraut; sie helfen einander, immer im Flüsterton, und wer nicht weiterweiss, kann sich mittels «Verkehrszeichen» an die Lehrerin wenden: «Hilfe erwünscht» oder «bitte korrigieren». Die Aufgaben sind so konzipiert, dass sich niemand über- oder unterfordert fühlen muss und vielleicht auch Lust hat, sich an einer schwereren Frage zu versuchen. Wer nicht fertig wird oder weiterarbeiten will, macht dies in der nächsten Stunde oder nimmt die Aufgaben nach Hause.

Entspannter in der Schulstunde

Nach der Pause geht es weiter mit Mensch/Umwelt; Thema sind Klima und Wetter. Auch hier hat Denise Guldener für den Input Kärtchen vorbereitet, ebenso farbige Aufgabenblätter nach dem Punkte- System. «Mit dem Prinzip der kurzen Inputs im Kreis wird mehr Zeit zum selbstständigen Arbeiten frei», sagt Denise Guldener. «Es bedeutet für mich entschieden mehr Vorbereitungszeit pro Lektion. Aber gleichzeitig ist es auch entspannend, so zu unterrichten. Die Kinder haben ihren Übersichtsplan, sie wissen, was sie tun können, und sie sind motiviert. Die verschiedenen Niveaus ermöglichen es zu differenzieren, ohne dass jemand das Gefühl haben muss, weniger zu leisten. Natürlich muss ich bei den Prüfungen die unterschiedlichen Leistungsniveaus berücksichtigen und die Prüfung entsprechend aufbauen.»

Wie Reto Thöny, Vizedirektor der Stadtschule Chur, der das Modell entwickelt hat, ausführt, war es zunächst das Ziel, den Übergang vom Kindergarten zur Schule besser zu gestalten. «Wir haben dann gemerkt, dass sich durch diese Anlage Möglichkeiten ergeben, um in der Schule Themen wie Umgang mit Heterogenität, Verhaltensauffälligkeiten, Aktivierung der Schülerinnen und Schüler, Steuerung und Partizipation, Bewegung im Unterricht und die Frage der Lernbegleitung zu bewältigen.»

Passend für alle Stufen

Silvia Pool Maag, die an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) eine Professur für Inklusion und Diversität hat und das «Forum Inklusion» leitet, konstatiert ein grosses Interesse von Lehrperson am Churermodell. Wie viele Klassen heute nach dem Modell arbeiten oder Elemente davon übernommen haben, weiss sie nicht. Silvia Pool Maag hat das Churermodell in der Praxis intensiv studiert. «Es bietet ein grosses Potenzial für inklusive Bildung», sagt sie. «Es passt für alle Stufen und fördert bei den Kindern Eigeninitiative und überfachliche Kompetenzen. Die Tragfähigkeit heterogener Klassen wird erhöht.»

Mit der Umgestaltung des Klassenzimmers entsteht eine Lernlandschaft, die eine hohe Lernintensität sowie neue Handlungsspielräume für Lehrpersonen und Lernende schafft, wie Silvia Pool Maag erklärt. «Der Raum, die soziale Architektur und die Lernangebote strukturieren das Lernen zusätzlich. Es gibt neben den variablen Lernaufgaben ein permanentes Lernangebot. Das Lernmaterial liegt an einem bestimmten Ort im Klassenzimmer über längere Zeit bereit, wann immer die Kinder auf Gelerntes zurückgreifen, es vertiefen und üben möchten; die Kinder holen sich selbst, was sie brauchen. Die Lehrperson beobachtet das Lernen und kennt den Wissensstand jedes Kindes: wenn ein Kind Unterstützung braucht, kann sie gezielt darauf eingehen. Auch Förderung im Einzel- oder Gruppensetting ist möglich, weil die anderen Kinder selbstständig an ihren Aufgaben arbeiten.»

   
     

Das Churermodell ermöglicht Binnendifferenzierung

Das Churermodell wurde vor sechs Jahren entwickelt. Es beruht auf vier Elementen: Das Klassenzimmer wird zur Lernlandschaft umgestellt; jede Lektion beginnt mit einem kurzen Input im Kreis; die Kinder arbeiten mit Lernaufgaben. Sie wählen ihre Plätze frei.

Die ersten beiden Elemente schaffen eine neue Struktur für den Unterricht. Das dritte Element legt fest, dass die Schülerinnen und Schüler ihrem Niveau entsprechend arbeiten können; die Heilpädagogin oder weitere (Fach-)Lehrpersonen können die schwächeren Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen. Die freie Platzwahl ermöglicht Rahmenbedingungen für das Lernen miteinander und voneinander. In diesem Lernsetting ist integrative Begabtenförderung möglich und wird integrativer Unterricht erleichtert.

Das Churermodell ist auf allen Stufen einsetzbar und mit dem Lehrplan 21 kompatibel. In der Bündner Kantonshauptstadt unterrichten heute 40 Prozent der Schulen danach. Seit 2014 wird es im Kanton Zürich in einzelnen Schulgemeinden umgesetzt. [cs]

Die PHZH bietet Tageskurse für Lehrpersonen an, die das Churermodell umsetzen möchten, ausserdem Weiterbildungen und Begleitungen für Schulhausteams. Infos:

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