«Unser Vorschlag – das gebe ich zu – ist mutig»

26.10.2018 - Mitteilung

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Aus den heutigen Berufsfachschulen sollen Kompetenzzentren werden. Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, erklärt, was das heisst, welches die Ziele sind und warum er von diesem Schritt überzeugt ist.

Interview: Jacqueline Olivier   Foto: Marion Nitsch

Warum braucht es in der Berufsbildung Kompetenzzentren?

Im Kanton Zürich gibt es 18 kantonale und 11 privat geführte Berufsfachschulen, an denen insgesamt 42 000 Lernende aus rund 220 Berufen unterrichtet werden. Über 30 dieser Berufe sind heute mehreren – teilweise bis zu sechs – Schulstandorten zugeteilt. Diese Zuteilung ist historisch gewachsen: Bis Ende der 1980er- Jahre wurden die Berufsschulen von den Gemeinden geführt und die Berufe unterrichtet, die in der regionalen Wirtschaft stark vertreten waren. In Bülach beispielsweise, das nahe am Flughafen gelegen ist, besuchten viele Lernende in technischen Berufen die Schule, in Rüti, wo es viele Industriebetriebe gab, waren vor allem industrielle Berufe vertreten und so weiter.

Warum will man nun an diesem lange Gewachsenen rütteln?

Die alte Verteilung ist heute für die Schulen nicht mehr optimal. Viele Schulen haben das Problem, dass sie aufgrund der Veränderungen in der Arbeitswelt aus gewissen Berufen nur noch wenige Schülerinnen und Schüler haben und diese nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll beschulen können. Darunter leidet letztlich auch die Strahlkraft einer Schule: Wenn man nur noch eine Klasse führt pro Jahrgang, ist dies für niemanden befriedigend. Indem wir nun versuchen, die Berufe sinnvoll zu bündeln, wollen wir die Schulen fit machen für die Zukunft.

Was heisst «sinnvoll bündeln»?

Die geplanten Kompetenzzentren haben zum Ziel, dass die Schulen ein fachliches Know-how in Bezug auf die unterrichteten Berufe entwickeln können, sie sind dann eben Kompetenzzentren in ihrem Bereich. Dies dient nicht nur der Unterrichtsqualität, sondern eröffnet den Schulen auch neue Möglichkeiten – beispielsweise spannende Weiterbildungen anbieten zu können. Und wenn die Berufe so gebündelt werden können, dass die Zahl der Lernenden an einer Schule entsprechend hoch ist, werden Ressourcen frei, um die Infrastruktur auf einem aktuellen Stand halten zu können.

Was gilt es bei der Bildung der Kompetenzzentren zu beachten?

Vor allem bei Berufen mit sehr hohen Lernendenzahlen werden wir nicht alles an einem Ort konzentrieren. Es gilt immer abzuwägen, was verhältnismässig und sinnvoll ist. Berufe wie beispielsweise das KV oder die Elektroinstallationsberufe müssen weiterhin an mehreren Standorten angeboten werden.

Ist es auch denkbar, Berufe auf mehr Standorte zu verteilen?

Es gibt tatsächlich Berufe, die boomen, die heute aber an nur einem Standort unterrichtet werden. Ein Beispiel sind die Sozialberufe. Fachangestellte Betreuung etwa werden heute an nur einem einzigen Standort beschult, die Lernendenzahlen nehmen aber jedes Jahr um 100 bis 150 Lernende zu. Da ist zu überlegen, ob eine Verteilung angebracht wäre.

Gerade für die Gesundheitsberufe hat man vor über zehn Jahren mit dem Careum Bildungszentrum in Zürich und dem Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen – dem ZAG – in Winterthur Kompetenzzentren geschaffen. Dienen sie als Vorbild?

In die Richtung von Careum und ZAG könnten die neuen Kompetenzzentren gehen, auch die Wirtschaftsschule KV Zürich ist bereits ein Kompetenzzentrum, hier wird sogar nur ein Beruf unterrichtet. Das heisst aber nicht, dass ein solches Modell für alle Schulen funktioniert. Ein Monopol bedeutet immer auch ein gewisses Klumpenrisiko. Gerade bei Schulen auf dem Land wird man sich gut überlegen müssen, ob man nicht bewusst auf zwei Berufsfelder setzen will. So könnte man auf Veränderungen in der Arbeitswelt besser reagieren und Rückgänge von Lernendenzahlen im einen Berufsfeld mit Zugängen im anderen auffangen.

Ziele und Eckwerte sind formuliert und vom Bildungsrat gutgeheissen, am Kick-off von Ende September wurden die Pläne des MBA präsentiert. Worüber kann überhaupt noch diskutiert werden?

Was wir vorgelegt haben, ist lediglich eine Diskussionsgrundlage. Jetzt beginnt die Diskussion, und diese wollen wir transparent und unter Einbezug aller Betroffenen führen – mit den Schulleitungen, den Schulkommissionen, den Organisationen der Arbeitswelt ebenso wie mit den einzelnen Schulen und den Lehrpersonen sowie mit den Anbietern der überbetrieblichen Kurse. Ihre Rückmeldungen werden wir einarbeiten. Erst dann geht ein Lösungsvorschlag nochmals in die Vernehmlassung. Unser Vorschlag, das gebe ich zu, ist mutig – sozusagen ein maximaler Vorschlag für eine Reorganisation, welche die Schulen für ein paar Jahrzehnte auf eine solide Basis stellen soll. Unsere Hoffnung ist es, alle davon überzeugen zu können, dass sich dieser Mut auszahlen wird, weil man viele Probleme gleichzeitig und nachhaltig lösen kann.

Und wenn dies nicht gelingt?

Dann wird es bei einer «Pflästerlipolitik» bleiben, mit der man mal an der einen, mal an der anderen Schule versuchen wird, etwas zu verbessern. Das wäre sehr bedauerlich.

 

«Eine Reduktion der Schülerzahl – wenn man sie richtig macht – verschafft Luft»

 

Es handelt sich nicht um den ersten Anlauf einer neuen Berufszuteilung, frühere Versuche sind gescheitert. Was spricht dafür, dass es dieses Mal klappt?


Dafür spricht unter anderem, dass dieses Mal der Wunsch nach einer Lösung von den Schulen ans Amt herangetragen wurde. Bei den letzten Anläufen ging die Initiative jeweils vom Amt aus. Inzwischen haben die Schulen selbst Handlungsbedarf erkannt und zwischen 2015 und 2017 nach Lösungen gesucht – allerdings auf freiwilliger Basis und mit dem Ziel, dass die einzelnen Schulen am Schluss gleich viele Lernende zugeteilt bekommen, wie sie abgeben sollten. Das war schlicht nicht realistisch. Wenn in einem so komplexen System nur eine Schule nicht mitmacht, fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen.

Keine Schule wird freudig einer Reduktion ihrer Lernenden zustimmen.

Die Schulen gehen stets davon aus: Je weniger Lernende, desto eingeschränkter der Spielraum. Das stimmt aber nicht. Eine Reduktion der Schülerzahl – wenn man sie richtig macht – verschafft Luft. Wenn man mit weniger Berufen die Klassen besser füllen kann, erhält man mehr finanzielle Freiräume. Diese kann man für Verbesserungen der Infrastruktur oder für Entwicklungsprojekte nutzen. Diese Erkenntnis, denke ich, ist in jenem Prozess gereift. Und ein weiteres positives Resultat war, dass man begonnen hat, miteinander zu reden. Das heisst, auch wenn der Prozess zu keinem Resultat geführt hat, war er doch vertrauensbildend und hat den Wunsch gestärkt, etwas zu unternehmen. Dies ist der eine Grund, warum ich zuversichtlich bin.

Und der andere Grund?

Wir arbeiten von Anfang an mit allen Beteiligten zusammen. Wir werden zum Beispiel sehr bald schon mit den Lehrpersonen das Gespräch suchen, und es steht bereits fest, dass sich ein Teilprojekt mit Personalfragen beschäftigen wird. Dort wird nicht nur die Lehrpersonenkonferenz Berufsschulen, sondern auch der VPOD – der Verband des Personals öffentlicher Dienste – mit im Boot sein. So möchten wir von Anfang an Ängste und Befürchtungen aufnehmen und gute Lösungen für die Betroffenen finden. Denn es ist klar, dass Lehrpersonen an andere Schulen wechseln müssen.

Wie war denn die Stimmung an der Kick-off-Veranstaltung, gab es bereits erste Reaktionen?

Es war eine sehr konstruktive Stimmung. Die Schulen wollen eine Veränderung. Aber wie so oft liegt der Teufel im Detail. Deshalb braucht es jetzt eine breite Diskussion und Gespräche mit jeder einzelnen Schule.

Was ist mit den Lernenden – werden sie teilweise längere Schulwege in Kauf nehmen müssen?

Es kann sein, dass sie teilweise leicht längere Schulwege in Kauf nehmen müssen, es gibt aber auch Lernende, die einen kürzeren Weg haben werden. Wir werden uns aber gut überlegen, wie lang diese Schulwege sein können.

Inwiefern werden die Lernenden von den neuen Kompetenzzentren profitieren?

Wir hoffen, dass sie von besserer Infrastruktur profitieren, von gestärktem und gesichertem Know-how des Lehrkörpers, von attraktivem und modernem Unterricht, allenfalls auch von neuen Unterrichtsformen – auch dafür benötigen die Schulen Ressourcen und Zeit, die sie heute oft nicht haben. In grossen Fachschaften ist diesbezüglich mehr möglich. Ein Beispiel hierfür ist das neue Unterrichtskonzept, das die Berufsschule Dietikon nun einführt mit selbstorganisiertem und digitalisiertem Lernen. Diese Berufsschule ist heute schon ein Kompetenzzentrum für Logistikberufe, dadurch hatte es die Möglichkeit, ein solches Konzept zu erarbeiten und zu finanzieren. Das kommt den Lernenden und den Lehrbetrieben klar zugute.

Wo sehen Sie für die nun beginnenden Gespräche die grössten Herausforderungen?

Die grössten Herausforderungen werden wohl bei den Schulen liegen, an denen liebgewordene Berufe mit langer Tradition aus dem Schulportfolio verschwinden sollen. Dort wird es darum gehen, die Vorteile aufzuzeigen, die eine Reduktion des teilweise sehr bunten Angebots mit sich bringen würde. Ganz wichtig wird es sein, die Lehrpersonen im Boot zu haben, und auch, den Leuten klarzumachen, dass es sich bei dem Projekt nicht um ein Sparprogramm, sondern um ein Schulentwicklungsprojekt handelt, das Freiräume schaffen und die Arbeit für die Lehrpersonen wie auch für die Schulen einfacher machen sollte.

     
     

Projekt gestartet

Mit einem Kick-off wurde das Projekt Kompetenzzentren am 20. September 2018 gestartet. In der Aula der Technischen Berufsschule Zürich (TBZ) wurde Vertreterinnen und Vertretern der Schulen, der Organisationen der Arbeitswelt sowie der Lehrpersonen das Grundlagenpapier präsentiert. Auf Basis dieses Vorschlags können sich nun alle Anspruchsgruppen äussern und sich mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung einbringen. Das Grundlagenpapier sowie weitere Informationen sind im Internet abrufbar. [red]

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