«In fünf Jahren ist die Kanti Uetikon etabliert»

11.05.2018 - Mitteilung

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Am 20. August startet die Kantonsschule in Uetikon am See. Welche Vision hat Gründungsrektor Martin Zimmermann, wo will er Akzente setzen und was bleibt bis zur Eröffnung zu tun?

Text: Jacqueline Olivier Foto: Hannes Heinzer

Nach den Sommerferien wechseln Sie als Rektor von der Kantonsschule Zürcher Oberland nach Uetikon am See. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Ich war 30 Jahre in Wetzikon, davon 15 Jahre in der Schulleitung – die Abläufe an dieser Schule sind gut eingespielt. Jetzt kann ich in Uetikon am See gemeinsam mit einem neuen Team etwas von Grund auf aufbauen. Die Möglichkeit, eine neue Schulkultur zu gestalten respektive zu sehen, was entsteht, wenn verschiedene Vorstellungen von «guter Schule» zusammentreffen, finde ich reizvoll.

Sie sind Anfang Jahr zum Team in Uetikon gestossen; wo konnten und können Sie noch mitgestalten?

Im gesamten pädagogischen Bereich, etwa bei Fragen der Notengebung, des Umgangs mit Eltern und Schülern, der Mitbestimmung der verschiedenen Beteiligten und so weiter. Hier gibt es noch viel zu tun. Ebenso in den Bereichen Schulkultur und Kommunikation.

Welche Kultur wünschen Sie sich für die Kantonsschule Uetikon?

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Man vertraut einander, hört aufeinander, ist daran interessiert, was in den Fächern besprochen wird. Man soll die Schule als eine Gemeinschaft, einen Lebensraum erleben, zu dem jeder seinen Teil beiträgt.

Diesen Anspruch haben vermutlich alle Schulen?

Wir werden natürlich die Mittelschule nicht neu erfinden. Vieles, was in unserem Leitbild stehen wird, scheint auf den ersten Blick wohl selbstverständlich. Etwa, dass Lehrpersonen interessiert sein sollen am Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler. Aber das ist nicht selbstverständlich. Es gibt an den Mittelschulen genügend Lehrerinnen und Lehrer, die der Meinung sind: Ich unterrichte, die Verantwortung für den Lernerfolg liegt beim Schüler oder bei der Schülerin. Das stimmt zwar, aber das Interesse der Lehrperson ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Schüler diese Verantwortung tatsächlich übernehmen.

Gibt es auch etwas, das «typisch Uetikon» sein wird?

Ein erster Punkt in unserem Leitbild wird lauten, dass die Kantonsschule Uetikon stark auf Wandel angelegt ist – einerseits, was den Ort betrifft, der in zehn oder zwölf Jahren vom Provisorium im Dorf an den definitiven Standort am See verlegt wird, andererseits punkto Digitalisierung, die einen gewissen Paradigmenwechsel an den Schulen erfordert. Darum möchten wir uns als Schule von Anfang an darauf ausrichten, beweglich zu sein. Wer hier tätig ist, muss bereit sein, sich auf den Wandel einzulassen und Neues zu versuchen. Wenn das Neue nicht funktioniert, muss man aber auch wieder umschwenken können.

In einem Kurzinterview auf der Schulhomepage sagen Sie, dass Sie gymnasiale Tradition mit neuen Unterrichtsformen kombinieren möchten. Was bedeutet für Sie gymnasiale Tradition?

Unter gymnasialer Tradition verstehe ich eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Welt – quasi als Antipode zum Internet, wo alles jederzeit abrufbar ist. Es geht darum, eine Bildungsidee hochzuhalten, die davon ausgeht, dass sich ein Mensch eine eigene Identität erarbeitet, indem er sich mit verschiedenen Wissensgebieten auseinandersetzt, verschiedene Denkweisen und Perspektiven reflektiert, Zusammenhänge herstellt sowie eigene Sichtweisen und Lösungen entwickelt.

Und welche neuen Unterrichtsformen schweben Ihnen vor?

Bisher sind es bloss Ideen. Eine Idee ist beispielsweise, an bestimmten Tagen oder Halbtagen den Stundenplan aufzulösen und stattdessen freiere Arbeitsformen anzubieten – eine Art Lernateliers oder Sprechstunden der Lehrpersonen. Eine andere betrifft Themenwochen, bei denen auch die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler gefragt wäre. Das verändert den Unterricht, deshalb werden wir solche Ideen im Team besprechen. Die Bereitschaft der Lehrpersonen ist eine wichtige Voraussetzung, ausserdem ist vermutlich nicht jede Unterrichtsform in allen Fächern gleich gut umsetzbar.

Sollen allfällige neue Unterrichtsformen gleich von Anfang an erprobt werden?

Kaum. Wir starten mit zwei 1. und zwei 3. Klassen, da ist noch nicht alles möglich. Der Lehrplan sieht gewisse Projekte und Themenwochen in der 4. und 5. Klasse vor, das muss sich also noch entwickeln. Ausserdem haben die meisten unserer ersten Schüler zunächst eine Probezeit zu bestehen, da ist Zurückhaltung geboten. Die Kantonsschule Uetikon soll keine Laborschule, sondern primär eine verlässliche Schule sein.

Am rechten Zürichseeufer leben viele gut situierte und bildungsnahe Familien. Wie sehr richten Sie die Schule auf die Erwartungen dieser Bevölkerung aus?

Kundenorientierung ist uns selbstverständlich wichtig. Die Eltern sollen wissen, dass uns interessiert, was sie denken. Dass sich die Schülerinnen und Schüler dieser Region von jenen anderer Regionen grundsätzlich unterscheiden, denke ich aber nicht. Wir gehen an allen Mittelschulen davon aus, dass die Schüler begeisterungsfähig sind und interessiert an den Phänomenen, die in den verschiedenen Fächern untersucht werden. Das heisst, im Unterricht haben wir es hier wie dort einfach mit Jugendlichen zu tun. Wie diese sich selber wahrnehmen, wie sie die Schule und die Lehrer beurteilen, da mag der familiäre Hintergrund oder die Region, in der man aufwächst, eine Rolle spielen. Deshalb muss der Kontakt mit den Eltern offen und unbürokratisch sein, denn bestimmt besteht von ihrer Seite ein Anspruch, mitgestalten zu wollen.

Einen klaren Akzent setzt die Kantonsschule Uetikon im mathematisch- naturwissenschaftlichen Bereich mit zwei neuen Fächern – Technik sowie Naturwissenschaftliches Forschen. Ist dies ein «Zückerchen» für die anspruchsvolle Kundschaft in der Region?

Wir können uns einfach vorstellen, dass ein solcher Akzent hier gut ankommt. Wir möchten diesen bewusst pflegen, so wie beispielsweise die Kanti Küsnacht den künstlerischen Akzent pflegt. So entsteht für die Schülerinnen und Schüler eine echte Wahl. Zudem entsprechen die Themen Robotik und Umgang mit Computern heute einem grossen Bedürfnis.

Hat man denn in der Region nur darauf gewartet, dass hier eine Mittelschule entsteht, oder muss man die Leute «abholen»?

Eher Letzteres. Es ist sicher grosses Interesse vorhanden, das habe ich bisher überall gespürt: bei der Grundsteinlegung, an der Informationsveranstaltung, anlässlich einer Einladung in einem Rotary-Club oder an einer öffentlichen Veranstaltung im Nachbardorf Männedorf. Da waren jeweils viele Leute anwesend und es kam klar zum Ausdruck, dass man sich auf die neue Mittelschule freut. Seitens der Jugendlichen hingegen ist auch Skepsis zu spüren, gerade von jenen, die ans Kurzgymnasium wechseln. In dem Alter ist der Reiz, nach Zürich in die Schule gehen zu können, natürlich gross.

Wie wollen Sie dem begegnen?

Es wird für uns am Anfang sicher eine Herausforderung sein, die Trümpfe eines Kanti-Lebens vor Ort ausspielen zu können. Das braucht etwas Zeit, denn im Moment ist dieses Kanti-Leben natürlich noch lückenhaft, es fehlen die «Grossen», ein lebhafter Betrieb oder eine spürbare Schulkultur, die den Schülern das Gefühl vermitteln könnten: Es ist cool hier, es gibt eine Gemeinschaft, es läuft etwas. Daran müssen wir arbeiten.

Wie werten Sie denn die Beteiligung an der ersten Zentralen Aufnahmeprüfung?

Die war zufriedenstellend; wir können die vier Klassen sehr gut füllen, müssen sogar einige Schülerinnen und Schüler umteilen. Ich bin überzeugt, dass die Schule bald noch mehr punkten wird, wenn sie erst einmal ihren Betrieb aufgenommen hat. Das Team setzt sich aus motivierten Lehrerinnen und Lehrern zusammen, die sich für eine gute und lebenswerte Schule engagieren und etwas bewegen wollen. Dieser Pioniergeist wird sich rasch bemerkbar machen und eine Ausstrahlung haben. In fünf Jahren, schätze ich, ist die Kanti Uetikon etabliert.

Die Lehrpersonen sind zurzeit von anderen Schulen «ausgeliehen», weil ihre Pensen in Uetikon noch klein sind. Was bedeutet dies für das Team?

Im Laufe des nächsten oder übernächsten Schuljahrs müssen sich die Lehrerinnen und Lehrer entscheiden, an welcher Schule sie unterrichten wollen. Die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Schule wir in Uetikon anstreben, wird einen solchen Entscheid wohl mit beeinflussen. Ausserdem stehen einige kurz vor der Pensionierung und es werden weitere Lehrpersonen hinzukommen – das Kollegium wird sich also ohnehin noch verändern. Eine wichtige Frage ist momentan, wie wir die aktuell rund 20 Lehrpersonen, die wenig an der Schule sein werden, miteinander in Kontakt bringen. Es gilt, möglichst regelmässige Berührungspunkte zu schaffen und diese auch zu institutionalisieren.

In wenigen Monaten wird die neue Kantonsschule eröffnet. Welche hauptsächlichen «Baustellen» gilt es bis zum Start noch zu bereinigen?

Die erste ist die tatsächliche Baustelle – also die Fertigstellung der beiden provisorischen Schulgebäude samt Umgebung. Daneben gilt es zahlreiche Abläufe zu definieren, die dann im Schulalltag funktionieren müssen. Eine knifflige Aufgabe wird der Stundenplan darstellen – aufgrund der Situation der Lehrpersonen, die jeweils zwischen zwei Schulen pendeln, und ihrer kleinen Pensen in Uetikon.

Wie wird die Schule am 20. August eröffnet?

Es wird einen offiziellen Festakt geben mit geladenen Gästen. Uns ist es jedoch wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler im Zentrum stehen. Sie sollen begrüsst werden und für sie soll nachher die Schule beginnen. Abends ist ein kleines Volksfest vorgesehen, ein Anlass, an dem das Schulhaus besichtigt werden kann und an dem man miteinander ins Gespräch kommt.

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