«Ich bin wie ein Stuhl im Zimmer»

26.10.2018 - Mitteilung

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Nicole Cannabona ist Klassenassistentin an zwei Bülacher Schulen: Sie unterstützt die Lehrkräfte und begleitet die Kinder.

Text: Bettina Büsser   Fotos: Stephan Rappo

Als nächste Farbe wünscht sich Katharina Orange. «Das wird aus Rot und Gelb gemischt », erklärt ihr Nicole Cannabona und rührt einige Spritzer der beiden Farben zusammen. Katharina tunkt den Pinsel ein und malt weiter. Gemeinsam mit der Klassenassistentin verziert das Kind einen Elefanten, der aus einem Pappteller gebastelt wurde.

Katharina und Nicole Cannabona arbeiten an einem Tisch im Kindergarten 1 der Schule Allmend in Bülach. Währenddessen sitzen die restlichen Kinder mit Kindergärtnerin Sandra Gantner im Kreis. Sie spielen zuerst ein Spiel, bei dem die Kinder eine bestimmte Farbe suchen müssen – «Ich sehe eine Farbe, die du nicht siehst» –, etwa auf den Kleidern ihrer «Gschpänli» oder auf den aufgehängten Zeichnungen. Später folgt ein Spiel, bei dem die Kinder die Plätze im Stuhlkreis wechseln müssen.
 

Spüren, wo Hilfe nötig ist

Dass Katharina und im Verlauf der Lektion noch zwei andere Kinder ausserhalb des Kreises mit Nicole Cannabona Elefanten bemalen, liegt daran, dass diese fertiggestellt werden müssen. Ein grosser Teil der Kinder hat bereits einen geschmückten Elefanten, bemalt von ihren Eltern am Elternabend. Diejenigen, deren Eltern nicht teilgenommen haben, verzieren ihren Elefanten nun selbst, Cannabona unterstützt sie dabei. Kindergärtnerin Sandra Gantner hat die Klassenassistentin darum gebeten.

Seit Herbst 2017 ist Nicole Cannabona bei Gantner und zwei weiteren Kindergärtnerinnen des Schulhauses tätig. Je einen Vormittag ist sie im Unterricht bei einer der Kindergartenklassen dabei, sie hilft, ist da, wenn Kinder unruhig werden, räumt auf, unterstützt die Kindergärtnerin. «Ich versuche zu spüren, wo meine Hilfe gebraucht wird», erzählt sie später, als die Kinder draussen spielen: «Ich schaue immer, dass ich vor Beginn der Lektion da bin und mich mit der Kindergärtnerin absprechen kann. Manchmal hat sie wie heute ganz konkrete Aufgaben für mich, manchmal bin ich einfach da und reagiere aus der Situation heraus.» Cannabona ist eine fröhliche und quirlige Frau, die sich gerne bewegt. Doch wenn die 44-Jährige als Klassenassistentin im Einsatz ist, nimmt sie sich zurück, wird ruhiger und leiser. «Es ist eine der Voraussetzungen für diese Arbeit, dass man sich etwas unterordnen kann», sagt sie. Wenn sie neu in eine Klasse komme, entstehe eine gewisse Unruhe, weil sie etwas Neues, Fremdes sei, doch das pendle sich ein: «Ich bin dann wie ein Stuhl im Zimmer: Ich gehöre einfach dazu.»

Als weitere Voraussetzungen für Klassenassistentinnen und -assistenten nennt sie Geduld, Einfühlungsvermögen, Offenheit und Verständnis für Kinder. Sie selbst hat zwei Söhne in ähnlichem Alter wie die Kindergartenkinder: Der ältere ist acht, der jüngere sechs. Vor der Geburt ihrer Kinder arbeitete die gelernte Polygrafin in der Druck- und Grafikbranche, war zuletzt Print-Production-Managerin in einer Werbeagentur. «Nach dem ersten Kind habe ich zuerst wieder 40 Prozent gearbeitet, dann auf 60 Prozent aufgestockt », erzählt sie: «Dann kam das zweite Kind, und mein älterer Sohn hatte gesundheitliche Probleme: Eine seltene Krankheit, die sich auswächst, aber dazu führt, dass er alle paar Wochen einige Tage lang Fieber hat.» Das liess sich nicht mit der Arbeit bei der Agentur vereinbaren – einer Arbeit, «bei der du um fünf noch nicht weisst, ob du um halb sechs wirklich heimgehen kannst».

Fehlendes Berufsbild

Ein paar Jahre lang war Nicole Cannabona Vollzeit-Familienfrau. Dann begann sie sich ihre weitere berufliche Zukunft zu überlegen. «Klar ist, dass ich momentan nicht in die Werbebranche zurück will», sagt sie – und dass sie in dieser Zeit zufällig von einer Freundin, die im Schulbereich arbeitet, vom Job der Klassenassistentin hörte. «Er ist ja weitgehend unbekannt, weil es auch kein Berufsbild gibt», ergänzt sie. Via eine andere Freundin hörte sie dann, dass im Schulhaus Allmend Klassenassistentinnen für den Kindergarten gesucht würden. Heute ist sie dort für neun Lektionen angestellt, dazu kommen drei Lektionen in einem anderen Bülacher Schulhaus bei einer ersten Klasse. «Für mich gibt es eigentlich nur schöne Seiten», sagt sie, angesprochen auf positive und negative Aspekte ihrer Arbeit. Zu schaffen machen ihr einzig Kinder mit schwierigen und bewegenden Schicksalen: «Es ist manchmal hart, Kinder zu sehen, deren Vergangenheit oder Alltag nicht dem entsprechen, was ich einem Kind wünschen würde.»

Mit ihrer aktuellen Tätigkeit verdiene sie sich ein Taschengeld, das sie spare, um später eine Aus- oder Weiterbildung zu finanzieren, sagt Cannabona weiter. Der Beruf, der sie am meisten reizen würde – Kindergärtnerin – kommt nicht infrage: Wenn sie, nach einem Vorbereitungsjahr, 2020 mit der vierjährigen Ausbildung beginnen würde, wäre sie beim Abschluss bereits 50-jährig. «Ich würde es extrem begrüssen, wenn es von der Klassenassistenz mal ein Berufsbild geben würde, vielleicht sogar mit einer Ausbildung», sagt sie deshalb. Im Moment besucht sie an neun Abenden einen Kurs für Klassenassistentinnen und Klassenassistenten an der Pädagogischen Hochschule in Zürich.

     
   

Klassen- oder Schulassistenz

Klassen- oder Schulassistentinnen und -assistenten unterstützen Lehrpersonen in ihrem Schulalltag. Sie betreuen und begleiten Schulkinder beim Lernen, Lösen von Aufgaben und als Ansprechperson. Sie können die Lehrpersonen auch bei administrativen Arbeiten entlasten. Ziel ihres Einsatzes ist die wirkungsvolle Unterstützung der pädagogischen Prozesse. Voraussetzung für eine Anstellung als Klassen- bzw. Schulassistenz sind unter anderem eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Mittelschulabschluss, gute Deutschkenntnisse (Niveau C1), grundlegende EDV-Kenntnisse, Erfahrung und Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Geduld und Belastbarkeit, gute Kommunikationsfähigkeiten und Sozialkompetenzen sowie ein sicheres Auftreten.[bb]

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