Wieder Tritt fassen

06.01.2017 - Mitteilung

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Was geschieht mit Jugendlichen, die aus der Spur geraten sind? Ein Besuch im Schul- und Berufsbildungsheim Albisbrunn und im Massnahmenzentrum Uitikon zeigt, wie krisengeschüttelte und straffällige Jugendliche zu einem Beruf finden.

Text: Reto Heinzel   Foto: Dieter Seeger
 

«Am Schluss war ich kaum noch in der Schule», sagt Vincenzo. «Ich wollte nicht mehr mitmachen, ich hatte genug. Und dann, in der 3. Sek, schmissen sie mich raus.» Der 18-jährige Luzerner in der grellorangen Arbeitsjacke sitzt an einem Tisch im Speisesaal des «La Table», des Personalrestaurants des Schul- und Berufsbildungsheims Albisbrunn. Wenn Vincenzo erzählt, lässt sich erahnen, wie schwierig seine familiäre Situation ist: Der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter ist krank. Irgendwann begann der Jugendliche, sich zu verweigern, sein Alltag wurde mehr und mehr durchs Kiffen bestimmt. Schliesslich erhielt er eine Beiständin.

Vincenzos Geschichte ist eine von vielen hier, jede ist anders, und doch machten viele der Jugendlichen ähnliche Erfahrungen. Was jede Lehrerin, jeder Lehrer kennt – den Umgang mit schwierigen Schülern –, findet sich hier in konzentrierter Form. In Einrichtungen wie dem Albisbrunn versuchen Lehrpersonen und Berufsbildende die Jugendlichen dabei zu unterstützen, wieder Tritt zu fassen.

Aus der Spur geraten

Von aussen betrachtet erscheint das Albisbrunn als Idyll im Grünen mit Postautoanschluss. Das Heim ist von Zürich her am schnellsten via Baar – also über Zuger Gebiet – zu erreichen. Das weitläufige Areal liegt am westlichen Abhang der Albiskette. Es ist ein kühler Morgen Anfang November. In diesem kleinen «Dorf» Albisbrunn herrscht schon seit dem frühen Morgen emsige Betriebsamkeit. An allen Ecken und Enden wird gelehrt, gelernt, gearbeitet. Die 1924 gegründete Einrichtung ist Wohn-, Lern- und Arbeitsort zugleich. Es ist eine offene Einrichtung, die Platz bietet für 56 männliche Jugendliche in Entwicklungskrisen.

Die meisten Jugendlichen sind zwischen 13 und 22 Jahre alt. Ungefähr ein Fünftel ist aus strafrechtlichen Gründen hier untergebracht. In den meisten Fällen wurde eine zivilrechtliche Massnahme durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB), die Jugendanwaltschaft oder die Schulpflege angeordnet, weil die Jugendlichen aus der Spur gerieten und in der Regelschule nicht mehr tragbar waren. Es gibt auch Jugendliche, die im Unterricht mitmachten, die aber aus derart desolaten Verhältnissen stammen, dass man sie der elterlichen Obhut entziehen musste. Der Heimeinweisung geht also stets ein längerer Prozess voraus, in den Lehrpersonen, Schulpflege, Schulpsychologischer Dienst und die Eltern eingebunden sind.

Im Albisbrunn versucht man zunächst das, was unter herkömmlichen Bedingungen nicht geklappt hat: den Schülern einen Sekundarschulabschluss zu ermöglichen. Unterrichtet wird in niveau- und altersdurchmischten Kleinklassen. Wer gegen Ende der Schulzeit nicht reif ist für die Berufswahl, noch keine Lehrstelle hat oder nach Lehrbeginn bereits gescheitert ist, kann die Berufsfindungsklasse besuchen. Die anderen entscheiden sich für einen der verschiedenen Lehrbetriebe auf dem Areal (siehe Kasten). «Kein Jugendlicher kommt freiwillig ins Heim. Das Thema Abhauen sprechen wir deshalb schon zu Beginn an», sagt Toni Schönbächler, der für die Ausbildung verantwortlich ist. «Als offene Institution sind wir darauf angewiesen, dass die Jugendlichen kooperieren.» Das gelinge in den meisten Fällen. Natürlich verweigere gelegentlich einer die Arbeit und bleibe einen Tag lang auf der Gruppe, so Schönbächler, doch zu Kurvengängen komme es selten. «Das hat auch damit zu tun, dass die Jugendlichen merken, dass wir sie auf ihrem Weg unterstützen wollen», ist der ehemalige Oberstufenschulleiter überzeugt.

Anspruchsvolle Startphase

Es gibt sechs altersdurchmischte Wohngruppen, die von Sozialpädagogen geleitet werden. Alle Neuankömmlinge kommen zunächst in die sogenannte Basisgruppe. Hier werden die Jugendlichen enger geführt als in den übrigen Gruppen, es herrschen auch strengere Regeln. Diese Einführungsphase ist vor allem für jene wichtig, die bisher noch nie in einem Heim gewohnt haben. «Es dauert eine gewisse Zeit, bis man sich an die hiesigen Regeln gewöhnt hat», sagt Schönbächler. Wie rasch dies gelingt, hängt neben dem Alter und dem Charakter auch von der persönlichen Geschichte ab. Ein 14-Jähriger, der keine Eltern mehr hat, mag dankbar sein für die Aufnahme. Ein 17-Jähriger aber, der ein halbes Jahr auf der Strasse gelebt hat, die Tag-Nacht-Umkehr kannte und schon länger null Bock auf irgendwas hat, kann den Betreuern viel abverlangen.

Anders als «da draussen» gibt es im Albisbrunn viel mehr Möglichkeiten, auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen. Sozialpädagogen, Psychotherapeuten, Berufsbildner und Lehrpersonen arbeiten eng zusammen, tauschen sich regelmässig aus. Die Sozialpädagogen sind für den Alltag zuständig. Sie begleiten die Jugendlichen, solange sie hier sind, und üben Aufgaben aus, die normalerweise die Eltern wahrnehmen. Sie sorgen dafür, dass die Jungs am Morgen rechtzeitig aus den Federn kommen und dass die Lichter abends rechtzeitig gelöscht werden. Vincenzo fiel das Leben hier von Anfang an schwer. Nach Gesprächen mit seiner Beiständin kam er, ohne jegliches Ziel vor Augen, im Sommer 2015 hier an. Er besuchte die Trainings- und Orientierungswerkstatt, um fit zu werden für eine Lehre. Er schnupperte in der Schreinerei, dann im Technischen Dienst, machte ein Praktikum im nahe gelegenen Seleger Moor. Die Arbeiten gefielen ihm, doch in der Wohngruppe fand er sich überhaupt nicht zurecht. Regelmässig stritt er sich mit den Sozialpädagogen, missachtete die Regeln, kiffte viel. In der wöchentlichen Psychotherapiestunde habe er damals viel loswerden müssen, sagt er. «Ich steckte in einer tiefen Krise.»

Plötzlich machte es klick

Tatsächlich sei es Vincenzo in dieser Phase überhaupt nicht gelungen, sich konstruktiv am Gruppenleben zu beteiligen, sagt auch Schönbächler. Sozialpädagogen, aber auch den anderen jugendlichen Mitbewohnern gegenüber sei er aggressiv und drohend aufgetreten. Trotz regelmässiger Gespräche blieb die Situation sehr schwierig.

Diesen Sommer begann Vincenzo mit der Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt. Der junge Mann fehlte wiederholt bei der Arbeit. Er erschien auch bekifft in der Schule, machte die Aufgaben nicht, kassierte schlechte Noten. Wieder fanden Gespräche statt. Und schliesslich erlaubte man ihm vor zwei Monaten, wieder zur Mutter und zur kleineren Schwester nach Luzern zu ziehen und als Tagesaufenthalter die Lehre im Albisbrunn fortzusetzen. Und jetzt machte es offenbar klick, die Situation entspannte sich. «Durch den Umzug hat sich alles geändert», betont er. «Jetzt komme ich immer pünktlich zur Arbeit, ich bin motiviert und gut in der Schule. Ich bin auch ruhiger geworden. Früher rastete ich wegen dem kleinsten Mist aus, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich habe mich krass verändert.»

Diese Selbsteinschätzung sei nicht ganz falsch, sagt Schönbächler. «Letztendlich hat sich Vincenzo immer wieder grosse Sorgen um seine Mutter und seine Schwester gemacht, die in bescheidenen Verhältnissen leben mussten. Er hat sich für ihre Situation verantwortlich gefühlt und konnte sich deshalb nur schwer auf das Setting in Albisbrunn einlassen.»

Mit dem Settingwechsel sei Vincenzo zur Einsicht gelangt, dass er sich verändern müsse, um die Lehre erfolgreich absolvieren zu können. Schönbächler verbreitet deshalb leise Zuversicht: «Wenn Vincenzo nicht durch etwas in seinem Umfeld wieder aus der Bahn geworfen wird, dann glaube ich, dass er es packen kann.» Die Zeit wird es zeigen.

Illusionen sind fehl am Platz

Man darf sich keine Illusionen machen: Nicht alle Jugendlichen erreichen das Ziel: den erfolgreichen Lehrabschluss. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Zum Beispiel kann jemand, der auf zivilrechtlicher Basis hier eingewiesen wurde, nach dem 18. Geburtstag grundsätzlich nicht mehr daran gehindert werden, dem Heim den Rücken zu kehren. Dass die hier arbeitenden Lehrpersonen und Berufsbildner immer wieder frustrierende Erfahrungen machen, wird in allen Gesprächen deutlich.

Unter solchen Bedingungen kommt dem Wort «Erfolg» bisweilen eine etwas andere Bedeutung zu: «Erfolg heisst für uns die Zeit, die wir mit dem Lernenden verbringen», sagt Karl Zehnder, Projektleiter im hiesigen Schreinereibetrieb und Lehrer an der internen Berufsfachschule. «Wichtig ist jeder Tag, den er hier verbringt, etwas lernt und wir zusammenarbeiten. »

«Permanentes Lernfeld»

Im Albisbrunn gibt es viele Jugendliche mit ADHS, Beziehungsunfähige, jene, die in einer Entwicklungskrise stecken oder ihre drogenabhängigen Eltern verloren haben. So individuell jede Geschichte, so unterschiedlich das schulische Niveau jedes Einzelnen. «Wir haben hier 17-Jährige, die schulisch auf dem Stand eines Drittklässlers sind», sagt Berufsfachschullehrerin Aïda Jones. «Das ist erschreckend. » Jene Jugendlichen, die noch nicht ausbildungsreif seien, hätten oft absolut keine Idee, was sie dereinst lernen könnten. «Darunter sind auch solche, die sich verweigern oder es kaum schaffen, einen Tag durchzustehen.» Hier kommt die Beziehungsarbeit ins Spiel, der Jones einen hohen Stellenwert einräumt. Ihr gehe es vor allem ums Dranbleiben, Üben und darum, Regeln und Strukturen zu erarbeiten, sagt die 44-Jährige.

Jones unterrichtet seit zwölf Jahren im Albisbrunn. Es war ihre erste Stelle als Lehrerin. Allen Herausforderungen zum Trotz kommt für sie ein Stellenwechsel bis heute nicht in Frage. «Das Albisbrunn ist ein permanentes Lernfeld, das gefällt mir.» Gerade der tägliche Umgang mit Schwierigkeiten und die Unwägbarkeiten seien es, die ihren Job so interessant machten. «Ich weiss am Morgen eigentlich nie, wie der Unterricht verlaufen wird.» Allerdings ist klar: Es braucht eine gewisse innere Distanz zur Situation, denn bisweilen kommt es im Schulzimmer zu wüsten Beschimpfungen und Drohungen. Das muss man als Lehrperson erst einmal aushalten können. Viele, die in den letzten Jahren hier anfingen, konnten es nicht und verliessen den Ort bald wieder. Und nach welchem Rezept verfährt Jones? «Ich bin sehr streng mit meinen Schülern und reagiere bereits bei der kleinsten Regelübertretung. Andererseits muss man fähig sein, Beziehungen aufzubauen. »

Es gibt Jugendliche, die noch höhere Hürden überspringen müssen als Vincenzo, damit sie eine berufliche Perspektive entwickeln können. Es sind jene, die eine schwere Straftat verübt haben und in einer geschlossenen Institution wie dem Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) ihre Strafe verbüssen.

Das MZU ist eine Massnahmeneinrichtung im kantonalen Amt für Justizvollzug. In Uitikon leben gegenwärtig 64 straffällig gewordene Jugendliche und junge Männer zwischen 16 und 25 Jahren. Wer hier landet, hat nicht «nur» den Kollegen erpresst oder Ladendiebstähle verübt, sondern ein schweres Delikt begangen – einen bewaffneten Raubüberfall, eine Vergewaltigung oder gar einen Mord. Je nach Alter und Delikt muss der «Klient», wie der Straftäter intern genannt wird, nicht nur eine Freiheitsstrafe verbüssen. In vielen Fällen hat das Gericht zusätzlich eine Massnahme bzw. bei Jugendlichen eine Schutzmassnahme angeordnet, die im offenen oder geschlossenen Rahmen vollzogen werden muss. Viele der hiesigen Insassen blicken trotz ihres jugendlichen Alters bereits auf eine längere Anstalts- oder Heimkarriere zurück.

Permanente Überwachung

Auch wenn es für Aussenstehende nicht so aussieht: Der 2014 in Betrieb genommene nüchterne Erweiterungsbau des Massnahmenzentrums ist ein Hochsicherheitstrakt mit modernster Sicherheitsanlage. Niemand kann sich hier drin unbeobachtet bewegen. Selbst die zutrittsberechtigten Mitarbeitenden können eine der unzähligen Schleusen im Gebäude erst passieren, wenn die Sicherheitsloge den Zugang gewährt hat. Den Besucher der geschlossenen Abteilung beschleicht unwillkürlich ein beklemmendes Gefühl. Über 100 Überwachungskameras sorgen dafür, dass man sich auf den kargen Gängen unter permanenter Beobachtung wähnt.

Wiedereingliederung als Ziel

«Delikt- und risikoorientierte Täterarbeit sowie Berufsbildung» – darin, sagt Direktor Gregor Tönnissen im Gespräch, bestehe der anspruchsvolle Kernauftrag des MZU. Konkret: Der Täter wird mit seinem regelwidrigen Verhalten im Alltag konfrontiert und muss sich immer wieder mit seinem Delikt und den Einweisungsgründen auseinandersetzen. Ziel ist es, damit weitere Opfer zu verhindern und den jungen Straftäter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. «Wir gehen davon aus, dass wer die Ausbildung schafft und die Massnahme bis zum Ende durchsteht, ein viel kleineres Rückfallrisiko hat als jemand, der beides abbricht.» Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten Sozialpädagogen, Therapeuten, Berufsbildner und Lehrpersonen Hand in Hand. Neben der Deliktbearbeitung, der Persönlichkeitsentwicklung und der Förderung sozialer Kompetenzen kommt der beruflichen und der schulischen Ausbildung eine wichtige Bedeutung zu. Egal, ob der Unterricht in der beengenden, aseptisch wirkenden Atmosphäre der geschlossenen Abteilung oder im vergleichsweise weitläufigen offenen Bereich stattfindet – Bildung in einer solchen Umgebung, wo der Aussenbezug derart gering ist, ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabe. «Die Herausforderung ist dabei nicht fachlicher Art», sagt Berufsschullehrer Thomas Müller. «Es geht vielmehr darum, den Zugang zu den jungen Straftätern zu finden und ihnen den Weg zu einem Gleis zu zeigen, auf dem sie sich bewegen und Sicherheit gewinnen können.»

Im MZU unterrichten insgesamt sieben Lehrerinnen und Lehrer, verteilt auf 320 Stellenprozent. Sie alle arbeiten sowohl in der geschlossenen als auch in der offenen Abteilung. Die meisten haben zudem ausserhalb ein zweites berufliches Standbein. Sportlehrer Roman Stalder zum Beispiel. Während zwei Tagen unterrichtet er hier, zwei weitere Tage an einer Berufsschule. «Für mich ist das die perfekte Mischung. » Im MZU hat er mit drei Schülern einen halben Tag zur Verfügung, es gibt sehr viel Zeit für die Interaktion. Diese brauche es auch, erklärt er, denn hier gebe es immer etwas zu besprechen und zu «chääre». Draussen, wo er mit seiner 20er-Klasse wöchentlich 70 Minuten Zeit hat, könne er sich dafür ganz dem sportlichen Inhalt widmen. «Die funktionieren einfach.»

Sein Kollege Thomas Müller bezeichnet das MZU als «Treibhaus mit eigener Realität». Er, der seit 24 Jahren hier unterrichtet, ist überzeugt: Nur hier zu arbeiten, wäre ihm zu einseitig, es würde ihm nicht guttun. Über 20 Jahre hat er zum Ausgleich an einer Theaterschule Musik unterrichtet.

Spontaneität gefragt

Die Lehrpersonen müssen grosse Flexibilität beweisen, da sie am Morgen nie wissen, wer im dreistündigen Unterricht auftauchen wird und wer nicht. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass ein Straftäter auf der Wohngruppe gerade Hausdienst hat und darum nicht abkömmlich ist oder dass einer «austickt» und für mehrere Tage in eine sogenannte «Disziplinarzelle » wandert – oder aber gleich ganz woandershin verlegt wird.

So gross die schulischen Niveauunterschiede zwischen den jungen Straftätern, so unterschiedlich ist deren Motivation: «Von dem, der sich total verweigert und den man als Lehrer kaum einen Morgen lang erträgt, bis zu jenem, der Engagement zeigt und mir das Gefühl gibt, er sei auf einem guten Weg, ist alles dabei», sagt Thomas Müller. Auch herrscht öfters «dicke Luft», sagt Peter Müller, der als stellvertretender Direktor für den Bereich Ausbildung verantwortlich ist. Es komme auch zu Aggressionen, die rasches Handeln erforderlich machten. Solche Unwägbarkeiten muss man als Lehrperson aushalten können.

Wer in die geschlossene Abteilung kommt, wird zunächst vor allem in Mathematik und Deutsch unterrichtet. Thomas Müller achtet darauf, dem Schüler keinen «schulischen Ballast» anzuhängen. Und er vertritt eine klare Haltung: «Reine Grammatik machen wir nicht. Es nützt den jungen Männern nichts, den Sekabschluss nachzuholen – für den interessiert sich irgendwann ohnehin keiner mehr. Vielmehr versuchen wir, sie fit zu machen, damit sie in der Berufsschule mithalten können.»

Ausbildung ohne Aussenbezug

Das MZU verfügt in der geschlossenen Abteilung über ein Kreativatelier sowie drei Betriebe (Malerei, Metallbau, Schreinerei), in denen eine zweijährige Lehre mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) möglich ist. Einen Aussenbezug haben die Lernenden hier nicht. Eine drei- oder vierjährige Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) ist dagegen nur möglich, wenn man die Erlaubnis hat, die Berufslehre im offenen Teil zu absolvieren, wo eine breitere Palette von Berufslehren zur Auswahl steht. Auch der Besuch der öffentlichen Berufsschule, zum Beispiel in Zürich, ist möglich.

«Die Frage ist immer, ob ein Öffnungsschritt zu verantworten ist», sagt Peter Müller. Solange die Gefahr einer Wiederholungstat besteht, entscheidende Themen noch nicht bearbeitet sind, wird ohnehin kein Antrag auf Teilöffnung gestellt. Doch selbst wenn die Verantwortlichen des MZU den Schritt befürworten, heisst dies nicht, dass dem Antrag auch stattgegeben wird, denn die einweisende Behörde gelangt nicht immer zum gleichen Schluss. Auch dieser Umstand trägt dazu bei, dass die Berufsbildung in einem solchen Rahmen zu einem aussergewöhnlich anspruchsvollen Unterfangen wird.

Junge Straftäter, die im offenen Bereich wohnen und eine öffentliche Berufsschule besuchen wollen, müssen auf diesen Schritt vorbereitet werden. Wer lange eingesperrt war, hat möglicherweise ein Problem mit der Hektik der Alltagswelt, fühlt sich vielleicht unsicher oder gar überfordert. Darum werden sie am Anfang meistens von einer Lehrperson oder einem Arbeitsagogen begleitet. Mit der Zeit legen aber die meisten den Weg alleine und auch gerne zurück. Für die Verantwortlichen im MZU ist dieser Öffnungsschritt auch eine erste Möglichkeit, zu testen, wie vertragsfähig jemand ist. Ob der junge Mann weiss, wie er an einen bestimmten Ort gelangt, ob er in der Lage ist, rechtzeitig den Bus zu erwischen. «Die meisten Leute können sich nicht recht vorstellen, wie sehr unsere Klienten selbst durch scheinbar einfache praktische Aufgaben herausgefordert sind», sagt Thomas Müller.

Die Rückmeldungen der Berufsschulen seien zum grossen Teil positiv, sagt Lehrer Christian Kisslig. Diese werden jeweils informiert, woher ihr Schüler stammt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes erfahren die Schulen aber nicht, welches Delikt er begangen hat. Es sei denn, der Lernende ist bereit, seine Geschichte von sich aus offenzulegen. «Wenn es aus irgendeinem Grund nicht gut läuft, dann reagieren wir sofort.»

Der strafrechtliche Rahmen prägt das MZU durch und durch. Das Setting ist in jedem Fall hoch strukturiert und lässt kaum unkonventionelle Lösungen zu. Im offenen Setting von Albisbrunn dagegen ist die Freiheit grösser, individuell angepasste Lösungen zu ermöglichen. Wie im Fall von Vincenzo, der noch vor wenigen Monaten kaum zu führen war und jetzt im Hausdienst so entspannt und zufrieden wirkt. Als wir miteinander sprechen, hat der junge Mann bereits einen arbeitsreichen Morgen hinter sich. Zusammen mit seinen Kollegen hat er die Turnhalle gereinigt, einen Wasserhahn repariert, den Filter der Holzschnitzelheizung geputzt, den Abfall entsorgt, die Post verteilt. Diese Vielseitigkeit der Berufslehre gefällt ihm. «Für mich ist es der perfekte Beruf, weil ich nachher ganz viel machen kann», sagt er. Bereits hat Vincenzo Zukunftspläne geschmiedet: «Nach der Lehre zum Fachmann Betriebsunterhalt will ich mich weiterbilden. Mein Ziel ist es, eine Reinigungsfirma aufzumachen.»
 

 
32 Lehrstellen, 13 Berufe
Im Albisbrunn können 24 Schüler die Sekundarschule besuchen. Insgesamt arbeiten hier vier Lehrpersonen, dazu kommen je ein Fachlehrer für Werken & Gestalten und Einzelunterricht sowie ein Schulsozialpädagoge. Daneben gibt es 32 Lehrstellen in 13 Berufen. Das Heim umfasst sechs Produktionsbetriebe (Schreinerei, Metallbau, Maschinenbau, Baubetrieb, Malerbetrieb, Druck & Werbetechnik) und vier Dienstleistungsbetriebe (Küche, Technischer Dienst, Hauswirtschaft, Verwaltung).
Berufslehren werden auf EFZ- und EBA-Niveau angeboten. Der Berufskundeunterricht und der Allgemeinbildende Unterricht (ABU) finden in der internen Berufsfachschule statt. 6 Plätze umfasst die Trainings- und Orientierungswerkstatt. Dort werden Jugendliche, die eine Lehre abgebrochen haben oder denen der Berufseinstieg noch nicht gelungen ist, auf eine zukünftige Lehre vorbereitet. Dies geschieht mittels verschiedener Schnupperlehren und Unterricht.
Strafe und Massnahme
Jugendliche und junge Erwachsene, die ein Delikt begangen haben, können gleichzeitig zu einer Strafe und einer Massnahme verurteilt werden. In solchen Fällen wird der Vollzug der Strafe jeweils aufgeschoben. Das Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) ist eines von drei Zentren in der Deutschschweiz, die auf den Vollzug von Massnahmen nach Art. 61 StGB spezialisiert sind. In den Vollzug kommen junge Erwachsene, denen in einem psychiatrischen Gutachten eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert wurde. Zudem werden dort Jugendliche untergebracht, bei denen eine Schutzmassnahme angeordnet wurde (gemäss Art. 15 JStG), sowie jene, die zu einer mehr als sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurden (gemäss Art. 25 JStG). 

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