«Wer Spielraum hat, ist sicher innovativer»

25.08.2017 - Mitteilung

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Seit Anfang Jahr präsidiert Thomas Fausch die Schulkommissionspräsidentinnen und -präsidenten. Ein Gespräch über Wertschätzung von Lehrpersonen, schwierige Schüler, unterschiedliche Flughöhen – und die Folgen von zu viel Standardisierung.

Interview: Jacqueline Olivier  Foto: Hannes Heinzer 

Was motiviert Sie als Sekundarlehrer, Präsident einer Mittelschulkommission und Präsident der Präsidentenkonferenz zu werden?

Innerhalb einer Woche bekam ich damals drei Anfragen für die Übernahme eines Amtes: für die Schulkommission der Kantonsschule Küsnacht, die Rechnungsprüfungskommission und die Sozialkommission meiner Wohngemeinde Uetikon am See. Diese Häufung hat mir klargemacht: Es ist Zeit für mich, etwas für die Öffentlichkeit zu tun. Von meinem Beruf her musste ich nicht lange überlegen, wo ich am meisten beitragen könnte. So startete ich 2003 als Kommissionsmitglied, 2010 übernahm ich das Präsidium, seit Anfang Jahr bin ich Präsident der Präsidentenkonferenz. Und ich habe bis heute keinen dieser Schritte je bereut. Die Aufgabe ist sehr bereichernd und erweitert auch meinen Horizont als Lehrer.

Schulkommissionen hiessen früher Aufsichtskommissionen, sind Sie also in erster Linie ein Kontrollgremium?

Die Bezeichnung Aufsichtskommission war unschön. Sicher haben wir auch eine Aufsichtsfunktion, aber grundsätzlich begleiten wir die Schule in ihrer Entwicklung, sind gemeinsam mit der Schulleitung zuständig für die Anstellung der Lehrpersonen und die Mitarbeiterbeurteilungen. Als eine wichtige Aufgabe einer Schulkommission erachte ich es, die Lehrerinnen und Lehrer zu fördern und ihnen Wertschätzung entgegenzubringen. Eine Form dieser Wertschätzung ist es sicher, Lehrpersonen, die sich bewähren, früher oder später durch das dafür nötige Wahlverfahren in den Status einer Lehrperson mit besonderen Aufgaben, abgekürzt mbA, überführen zu können. Dies eröffnet ihnen die Möglichkeit, als Klassenlehrerin oder Klassenlehrer zu arbeiten sowie weitere Aufgaben innerhalb der Schule zu übernehmen.

Sie sagten, die Kommission begleitet die Schule in ihrer Entwicklung; was bedeutet das?

Die Kommission und insbesondere der Präsident oder die Präsidentin hat mit der Schulleitung engen Kontakt. Im Rahmen regelmässiger Gespräche werden Themen besprochen, die gerade anfallen. Natürlich werde ich nicht bei jeder offenen Frage einbezogen, aber ich habe mit «meinem» Rektor einen sehr offenen Austausch. Letztlich geht es darum, sich gemeinsam für die Schule einzusetzen – für die Qualität der Schule, für gute Bedingungen für die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer und die Schulleitung.

Die Schulkommissionen werden von der Bildungsdirektion eingesetzt, geraten Sie da nicht manchmal in einen Interessenkonflikt?

Das ist eine gute Frage. Die Schulkommission und insbesondere der Präsident vertritt einerseits die Schule gegenüber der Bildungsdirektion, auf der anderen Seite vertreten wir das «System» in der Schule. Das heisst, meine Aufgabe als Schulkommissionspräsident sehe ich ebenso darin, in der Schule – sofern überhaupt nötig – Verständnis zu schaffen für Veränderungen, als auch darin, mich gegenüber der Bildungsdirektion für die Interessen der Schule einzusetzen. Letztlich geht es immer darum, innerhalb der politischen Vorgaben möglichst gute Lösungen zu finden. Und wenn ich das Gefühl habe, die Politik oder die Verwaltung laufe in eine falsche Richtung, erachte ich es durchaus als meine Aufgabe, etwas Gegensteuer zu geben.

Welche Voraussetzungen sollte man denn mitbringen, um in einer Schulkommission mitzuwirken?

Mitglieder von Schulkommissionen sind Persönlichkeiten, die sich für die Bildung engagieren wollen – aus den Bereichen Hochschule und Volksschule, aus Kultur und Wirtschaft. Diese Vielfalt ist wertvoll. Generell sollte man offen und vorurteilslos sein, gerade im Hinblick auf die Mitarbeiterbeurteilungen, für die wir die Lehrpersonen im Unterricht besuchen. Und in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtig: Kommissionmitglieder müssen sehr genau hinschauen, ihre Beobachtungen präzise formulieren, interpretieren sowie den Unterricht und damit letztlich auch die Lehrperson charakterisieren können. Dafür braucht es ein gewisses Sensorium.

Stichwort Mitarbeiterbeurteilungen: Diese sind in der Regel nicht sonderlich beliebt. Wie gut werden Sie seitens der Lehrpersonen akzeptiert?

Wir sind sicher nicht die, die sehnlichst erwartet werden, trotzdem habe ich das Gefühl, wir seien gut akzeptiert. Bei den allermeisten Unterrichtsbesuchen geht es ja darum, zu würdigen, welch gute Arbeit die Lehrerinnen und Lehrer leisten. Auch darum ist für mich das anschliessende Gespräch ganz zentral. Mich freut es, wenn eine Lehrperson zufrieden aus diesem Gespräch gehen kann im Wissen: Es hat mir jemand über die Schulter geschaut und viele meiner Anliegen und meinen grossen Einsatz erkannt.

Es gibt aber sicher nicht nur positive Fälle?

Es gibt natürlich Fälle, in denen ich oder ein Kommissionsmitglied den Eindruck hat: Da braucht es eine Veränderung. Und da wir die Lehrpersonen ernst nehmen, gehört es dazu, dies ihnen gegenüber auch zu äussern. Je nachdem ist es dann auch an der Schulleitung, mit der Person weitere Gespräche zu führen und die kritischen Themen vertiefter anzugehen.

Schwierige Situationen gibt es manchmal auch mit Schülerinnen und Schülern. Ab wann werden Sie bei Disziplinarproblemen beigezogen?

Zunächst redet die Lehrerin oder der Lehrer mit dem Schüler, wenn dies nichts nützt, wird die Schulleitung beigezogen. Erst danach kommen wir – kraft unseres Amtes – ins Spiel. Dann geht es um die Androhung eines Schulausschlusses. Informiert werden wir aber auch in solchen Fällen in der Regel schon früh. Manchmal hören wir nachher nichts mehr in der Sache, weil sie sich erledigt hat. Denn natürlich versucht man einen Schüler wenn immer möglich zur Raison zu bringen, bevor die Situation eskaliert. Bis ein Ausschluss angedroht und dann auch vorgenommen wird, dauert es sehr lange.

Welche Rolle spielen in solchen Fällen die Eltern?

Eine sehr grosse. Oft stehen sich solche Jugendliche ja selbst im Weg und brauchen eine starke Unterstützung. Dabei die Eltern ins Boot zu holen, ist darum ganz zentral. Schwierig wird es hingegen, wenn die Eltern das Gefühl haben, sich gegen die Schule wehren zu müssen. Sie dürfen das Handeln der Schule durchaus kritisch hinterfragen, aber es ist wichtig, ihnen verständlich zu machen, dass es darum geht, der Schülerin oder dem Schüler zu helfen, damit sie oder er wieder Tritt fassen kann.

Wechseln wir zum Schluss noch die Ebene: Welche Themen beschäftigen Sie als Präsidenten der Präsidentenkonferenz?

Ein aktuelles Thema sind beispielsweise die Änderungen des Übertrittsverfahrens. Dieses Vorhaben wird demnächst in die Vernehmlassung gehen und wir werden uns dazu auch äussern. Vor einigen Wochen haben wir uns ausserdem mit der Schulleiterkonferenz und mit Vertretern des Mittelschul- und Berufsbildungsamts zu einer Tagung zusammengefunden und über verschiedene heisse Themen diskutiert. An dieser Tagung haben wir auch beraten, welche weitergehenden Ideen unsererseits bestehen und mit welchen wir an die Bildungsdirektorin gelangen wollen.

Das heisst, die Präsidentenkonferenz setzt selbst Themen und stösst Projekte an?

Natürlich, gemeinsam mit der Schulleiterkonferenz und dem Amt. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass auf Mittelschulstufe bereits über 30 Projekte am Laufen sind. Darum sind wir zurzeit alle sehr vorsichtig, wenn es um neue Vorhaben geht. Aber gerade im Zusammenhang mit den Aufnahmebedingungen und der anschliessenden Probezeit sind an der letzten Tagung Ideen diskutiert worden, von denen man noch hören wird. Und ich denke, da sind sinnvolle Ansätze vorhanden, die man im Rahmen des laufenden Projekts aufnehmen und weiterverfolgen sollte.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie etwas Ruhe in die Mittelschulen bringen möchten?


Das ist mir tatsächlich ein grosses Anliegen. Derzeit laufen zu viele Projekte – unabhängig von der Schulstufe. Es besteht heute die Tendenz, immer noch etwas obendrauf zu packen. Ich sehe es als Aufgabe der Präsidentenkonferenz, am einen oder anderen Ort auch mal etwas zu bremsen und für Konsolidierung zu sorgen. Natürlich gibt es immer wieder gute Ideen, aber wir sollten das System nicht überhitzen.

Wie meinen Sie das?

Wenn so viele Projekte am Laufen sind, fehlt den Lehrpersonen und den Schulleitungen Raum und Energie, um eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Diesen Raum wünsche ich mir für die Schulen wieder vermehrt. In Küsnacht wurde in den letzten eineinhalb Jahren das Grossprojekt «Synapse 17» realisiert, in das die gesamte Schule involviert und das ein Riesenerfolg war. Meines Erachtens ist ein solches Projekt für viele Schülerinnen und Schüler wirkungsvoller, als wenn wir auf hoher Flughöhe ständig da und dort etwas justieren und verändern, was für die Schüler gar nicht wahrnehmbar ist. Darum sollten wir weise genug sein, Prioritäten zu setzen und Projekte erst zu Ende zu führen, bevor weitere gestartet werden.

Die Schulen müssen aber auch mit den Entwicklungen der Gesellschaft Schritt halten. Wo sehen Sie in den nächsten Jahren die grossen Herausforderungen?

Einerseits bei der Digitalisierung. Ich bin gespannt, wie diese die Schulen verändern wird. Andererseits stellt auch der Ruf aus Politik und Gesellschaft nach Vereinheitlichung zwischen den einzelnen Gymnasien eine Herausforderung dar. Es stellt sich die Frage, wie weit man diesem Ruf nachkommen muss und wie weit es sinnvoll ist, den Schulen und der einzelnen Lehrperson gewisse Freiheiten zu lassen. Natürlich braucht es einen gewissen Rahmen, der für alle gilt, aber zu viel Standardisierung kann lähmend wirken. Oder anders ausgedrückt: Wer genügend Spielraum hat, ist ganz sicher innovativer.

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