Viele Schulen schätzen die Aussensicht

12.05.2017 - Mitteilung

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Im Fünfjahresrhythmus werden die Volksschulen im Kanton Zürich evaluiert. Federführend ist die Fachstelle für Schulbeurteilung. Ein Besuch an der Schule Obstgarten in Stäfa.

Text: Charlotte Spindler Foto: Dieter Seeger

Ein detaillierter Plan für drei Tage gibt den Takt vor. Von halb acht Uhr morgens bis abends um 19 Uhr sind die drei Evaluatorinnen Marie-Theres Imhasly, Meret Brunnschweiler und Barbara Leutenegger unterwegs in der Schulanlage Obstgarten in Stäfa. Mathematik, Werken, Englisch, Geschichte, Religion und Kultur. Es ist der Dienstag nach den Ferien; die Jugendlichen wirken ausgeruht und lassen sich von Marie-Theres Imhasly, die vor ihrem Laptop sitzt, nicht stören. Der Klassenlehrer der 1.-Sek-A-Klasse hat fünf Vierergruppen gebildet, die an der Tafel Gleichungen lösen und sich dann an ihrem Platz schriftlichen Aufgaben zuwenden. Der Lehrer geht von Tisch zu Tisch, schaut, wie weit die Jugendlichen sind, gibt methodische Tipps und erklärt dann kurz die Hausaufgaben. Im Klassenzimmer ist es während der ganzen Lektion ruhig, alle Jugendlichen arbeiten konzentriert. Imhasly schaut ihnen über die Schulter, studiert die Hefte und Arbeitsblätter. Unter anderem schaut sie immer auch, ob alle dieselben Aufgaben lösen, das gibt ihr Hinweise auf individualisiertes Unterrichten.

Die Zeit für Beobachtungen, Notizen und das Sichten von Heften und Schülerarbeiten ist knapp bemessen: Die Lektion ist rasch vorbei. Ein Blick auf die Uhr, eine kurze Verabschiedung, dann gehts gleich weiter: nächstes Schulzimmer, nächste Unterrichtsstunde. Diesmal eine Sek B, Religion und Kultur. Thema ist das Judentum. Hier herrscht mehr Unruhe, während die Fachlehrperson Inputs gibt und von ihrem Laptop Bildmaterial zeigt. Aus dem Lehrmittel bereiten die Schülerinnen und Schüler gruppenweise einen kurzen Text vor, den sie vortragen: 2000 Jahre Geschichte, gelebte Traditionen und ein knapper Blick in die jüngere Vergangenheit. Für die 14-Jährigen ist das ein hoher Anspruch. Sie folgen jedoch den Ausführungen ihrer Kollegen recht aufmerksam.

Zahlreiche Gespräche

«Die Lehrpersonen werden von uns nicht beurteilt, das ist Sache von Schulpflege und Schulleitung», sagt Marie-Theres Imhasly. Die grosse Pause ist für die Pausenbeobachtung reserviert, an der die drei Evaluatorinnen teilnehmen, dann folgen für Barbara Leutenegger und Meret Brunnschweiler je ein Gruppengespräch mit Schülerinnen und Schülern, für Imhasly eine Stunde Dokumentenstudium und anschliessend 40 Minuten für einen fachlichen Austausch im Evaluationsteam. Für die letzten fünf Viertelstunden vor der Mittagspause trifft sich Marie-Theres Imhasly mit vier Fachlehrpersonen: Diese berichten von laufenden oder geplanten Projekten und gemeinsamen Aktivitäten der ganzen Schule, loben das Schul- und Lernklima und die Zusammenarbeit im Kollegium. Nach der kurzen Mittagspause folgen eine halbe Stunde Arbeit im Evaluationsteam, zu zweit ein Gespräch mit der Schulpflege bzw. mit der Schulsozialarbeit. Am frühen Abend sitzen schliesslich die Evaluatorinnen Marie-Theres Imhasly, Barbara Leutenegger und Meret Brunnschweiler nochmals zusammen und besprechen ihre Beobachtungen, Interviews und Besuche.

Intensive drei Tage

«Die drei Evaluationstage sind immer äusserst intensiv», sagt Marie-Theres Imhasly, die seit 2006 als Evaluatorin wirkt. Die Vorbereitungen beginnen schon lange vor den Besuchen an einer Schule; den Evaluatorinnen und Evaluatoren liegen umfangreiche Dossiers vor, darunter auch die Ergebnisse der schriftlichen Befragungen von Lehrpersonen, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern, welche die Fachstelle im Vorfeld des Evaluationsbesuchs durchführt. Die drei Besuchstage sind durchgeplant. Zwischen den Besuchen müssen Ordner mit Schülerarbeiten durchgearbeitet werden. Der Leitfaden für die Evaluation gibt die Struktur der Beobachtungen bzw. Befragungen der Evaluatoren vor.

«Es ist ein vergleichsweise objektives Verfahren, das in den zehn Jahren seit 2006 erprobt ist und die detaillierte Beobachtung einer Lektion oder des Gesprächs mit Schulteam, Kindern, Elternforum, Schülerparlament, Schulpflege und Hausdienst ermöglicht», sagt Imhasly. Den Abschluss bildet das Gespräch mit der Schulleitung, an dem alle drei Evaluatorinnen teilnehmen.

Und wie gehts nach dem Schulbesuch weiter? Innerhalb einer Woche erstellen die Evaluatorinnen einen schriftlichen Bericht mit den Ergebnissen der Evaluation. Diese Entwurfsfassung wird dann im Evaluationsteam eingehend diskutiert. Nach einer weiteren Woche stellen sie den bereinigten Bericht mündlich der Schule vor.

«Wir sind jetzt im dritten Evaluationszyklus », erläutert Marie-Theres Imhasly. «Alle Schulen werden schon zum dritten Mal evaluiert, es sind für jedes Evaluationsteam zwölf pro Jahr, insgesamt evaluiert die Fachstelle jährlich mehr als 100 Schulen.» Die Regelschulen werden alle fünf Jahre evaluiert, für die Sonderschulen ist die Evaluation freiwillig und findet alle sechs Jahre statt. Der Fünfjahreszyklus ermöglicht es den Schulen, auf bestimmte Fragen, die sich bei der früheren Evaluation ergeben haben, einzugehen. Die Daten liegen vor, sodass sich Veränderungen nachvollziehen lassen.

Inputs für Qualitätsentwicklung

«Die Evaluation ist zur Selbstverständlichkeit geworden», erklären die drei Evaluatorinnen. «Viele Schulen schätzen die Aussensicht. In der Anfangszeit mussten wir viel erklären, mussten Goodwill schaffen für ein Verfahren, das es vorher so nicht gegeben hatte. Ja, fachliches Feedback war früher wenig da, und wir mussten auch selbst lernen, wie wir gewisse Punkte ansprechen konnten.» Die Evaluatorinnen und Evaluatoren formulieren Entwicklungsempfehlungen, sofern die Schulen dies wünschen. Diese haben die Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse der Evaluation zu informieren.

Für Karl Wyss ist die diesjährige Evaluation schon die dritte in seiner elfjährigen Tätigkeit als Schulleiter an der Sekundarschule Stäfa. Der Aufwand für die Schule sei jedes Mal sehr gross und erfordere eine Vorbereitung über mehrere Monate hinweg, sagt er. «Das erste Mal war für uns manches noch neu und unbekannt, und auch die Evaluationsteams gingen am Anfang noch anders auf die Schulen zu.»

Karl Wyss schätzt die Aussensicht auf die Schule: «Wir werden als Schule wahrgenommen und fühlen uns anerkannt.» Kritik gegenüber sei seine Schule offen. Allerdings relativiert er auch: Ein Evaluationsteam nehme in drei Tagen gewisse Dinge anders wahr als die Mitarbeitenden der Schule. In Bezug auf einzelne Kritikpunkte müsse man auch im Auge haben, dass für Veränderungen zum Teil mehr Ressourcen erforderlich wären. Da gelte es die Balance zu finden.

Die Diskussion über die Evaluationsergebnisse werde zusammen mit der Schulpflege geführt, sagt Wyss. Das letzte Mal wurden kritische Punkte aufgenommen und flossen in den Qualitätsprozess an der Schule ein. «Auch dieses Mal werden wir kritische Punkte der Evaluation anpacken und in Absprache mit der Schulpflege umsetzen.»

 

Die externe Schulevaluation

Die Fachstelle für Schulbeurteilung (FSB) wurde 2006 mit der Einführung des neuen Volksschulgesetzes geschaffen und hat den Auftrag, die Qualität der Zürcher Volksschulen zu überprüfen. Jedes Jahr liefert die Fachstelle dem Regierungsrat einen Tätigkeitsbericht ab.
Formuliert sind acht respektive neun Qualitätsansprüche und Indikatoren, anhand deren die Evaluation vorgenommen wird. Die acht Qualitätsansprüche betreffen die Bereiche «Lebenswelt Schule», «Lehren und Lernen» sowie «Schulführung und Zusammenarbeit». In der Sekundarstufe wird neu auch der Berufswahlprozess mit bewertet.
Die Evaluatorinnen und Evaluatoren der Fachstelle haben mehrheitlich eine pädagogische Ausbildung und Erfahrungen als Lehrpersonen auf verschiedenen Stufen, dazu Weiterbildungen unter anderem in Projektleitung, Schulführung, Coaching, Kommunikation.
Im dritten Evaluationszyklus sind einige Änderungen vorgenommen worden, in den grossen Zügen folgen die Evaluationen jedoch den früheren Vorgaben. Neu ist, dass die integrativen sonderpädagogischen Angebote evaluiert werden. Schulsozialarbeit wird bei der Evaluation mitberücksichtigt, seit sich dieses Angebot an zahlreichen Schulen etabliert hat. Mit dem zunehmenden Angebot an Tagesschulen werde die Fachstelle ihr Verfahren künftig verstärkt darauf richten, sagt Andreas Brunner, Leiter Fachstelle für Schulbeurteilung.

www.fsb.zh.ch

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