Lernende beschäftigen sich mit ihrer Zukunft

27.10.2017 - Mitteilung

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Das Seminar «Übergang 2» des Laufbahnzentrums Zürich motiviert und befähigt Lernende, sich Gedanken zu machen über den Weg, den sie nach der beruflichen Grundbildung einschlagen wollen. Das Angebot ist gefragt.

Text: Andreas Minder   Foto: zvg

Die Lehrzeit ist kein einfacher Lebensabschnitt. Die Jugendlichen erlernen einen Beruf, gehen durch eine persönlich turbulente Phase und suchen ihren Platz in der Welt. Sie stehen unter Stress: privat, im Betrieb, in der Berufsfachschule. Gegen Ende der Lehre steigt der Druck noch einmal: Die Erwartungen an ihre Leistungen am Arbeitsplatz sind höher denn je und gleichzeitig steht das Qualifikationsverfahren an. Sarah Candolfi, die im Sommer in der Stadtbibliothek Schaffhausen die dreijährige berufliche Grundbildung zur Fachfrau Information und Dokumentation abgeschlossen hat, erinnert sich an die schwierige Situation. «Ich bin ein Mensch, der sich nur auf etwas konzentrieren kann und will. Daher habe ich meine Zukunftspläne beiseitegeschoben.» Nicht zu wissen, welche Möglichkeiten es nach der Lehre gebe, habe sie aber unruhig gemacht.

Martin Better, Berufsschullehrer für allgemeinbildenden Unterricht (ABU) an der Allgemeinen Berufsschule Zürich, weiss, dass Sarah Candolfi kein Einzelfall ist. Er kennt die Lage der Lernenden aus jahrelanger Anschauung. «Es bleibt kaum Zeit und Musse, sich mit der eigenen Zukunft zu beschäftigen.» Damit die Laufbahnplanung trotzdem nicht auf der Strecke bleibt, ist sie seit 1996 offiziell Schulstoff. Der Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht räumt der Vorbereitung der Karriere nach der Lehre Zeit ein. Das Laufbahnzentrum Zürich (LBZ) hat für dieses Unterrichtselement seit zwölf Jahren ein Seminar für Berufsschulklassen im Angebot. Es heisst «Übergang 2» und wurde bis heute von über 10 000 Lernenden besucht. Martin Better ist seit 2006 im Team, welches das Seminar inhaltlich und didaktisch evaluiert und weiterentwickelt. Durchgeführt wird es von Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterinnen des LBZ.

Die drei R

Reflektieren, recherchieren, realisieren: Diese drei Stichworte fassen die Inhalte von «Übergang 2» zusammen. Das mittlere R steht im Zentrum. Die Schulklassen besuchen das LBZ, wo sie über berufliche und andere Weiterbildungsmöglichkeiten ins Bild gesetzt werden. Die Informationen sind auf den Beruf und die Wünsche der Klassen zugeschnitten. Im nächsten Schritt suchen die Lernenden an den Arbeitsstationen selbst nach den Informationen, die sie interessieren. Welche das sind, haben sie sich vor dem Besuch überlegt, indem sie einen Fragebogen ausfüllten, der verschiedene Zukunftsmöglichkeiten skizziert. Sie reichen von «Erst mal Erfahrungen im gelernten Beruf sammeln» über «Im Ausland eine Fremdsprache lernen» und «Die Berufsmaturität absolvieren» bis zu «Mehr Zeit für Freizeit und Hobby haben». Insgesamt 16 solche Szenarien stehen zur Verfügung und die Lernenden können auch ihre ganz eigene Vorstellung formulieren. Dann wählen sie die drei Visionen aus, die für sie am ehesten infrage kommen, und konkretisieren sie: Welche Sprache möchten sie lernen? Welche Kurse möchten sie besuchen? Welche Weiterbildung interessiert sie?

Bei Susanne Weiss, die an der Berufsschule für Detailhandel in Zürich allgemeinbildende Fächer unterrichtet, füllen die Lernenden nicht nur den Fragebogen aus, sondern nehmen mit den «Übergang- 2»-Unterlagen eine ausführlichere Standortbestimmung vor. «Es ist eine Gelegenheit, innezuhalten und das eigene Leben zu sortieren», sagt Weiss. Die Jugendlichen überlegen sich, wo sie stehen und was sie in Zukunft tun möchten. Dazu holen sie auch die Meinung Dritter ein. Im Gespräch mit ihrem Berufsbildner erfahren sie, wie dieser ihre Kompetenzen (ein)schätzt. Weiter bitten sie einen Menschen, der ihnen nahesteht, in einem Brief aufzuschreiben, wie er die Lernenden erlebt, was sie auszeichnet. «Der Vergleich von Selbst- und Fremdbild fördert zuweilen Erstaunliches zutage», sagt Weiss. Erkenntnisse, welche die Zukunftspläne durchaus beeinflussen können.

Neutrale Informationen

Ein grosser Pluspunkt des Seminars ist für Susanne Weiss, dass im LBZ breit und neutral informiert wird. Weiterbildungsinstitute oder auch die Lehrbetriebe würden naturgemäss eher Möglichkeiten und Weiterbildungen propagieren, die auch ihnen dienten. «Das Seminar zeigt den Lernenden, dass sie aus einer grossen Vielfalt an Wegen auswählen können.» Christine Heini, die an der Schule für Gestaltung unterrichtet, hält das Seminar besonders für jene Lernenden wertvoll, die sich in ihrem Beruf nicht wohlfühlen oder ihre Grundbildung in einer Branche mit schlechten Job-Aussichten machen. «Ihnen werden Alternativen aufgezeigt.» Ein Gewinn für alle Teilnehmenden sei, dass sie mit dem LBZ in Kontakt kämen und wüssten, dass sie jederzeit wieder hingehen könnten.

Einer, der das Laufbahnseminar mit all seinen Klassen besucht, ist Jürg Beeler von der Berufsschule Mode und Gestaltung. Er vermittelt Bekleidungsgestaltern, Coiffeusen, Floristen und Kosmetikerinnen Allgemeinbildung. Das Angebot stosse bei allen auf Begeisterung, sagt er. «Sie sehen, dass es für sie relevant ist.» Auch jene, die schon eine Vorstellung davon hätten, was sie in Zukunft tun möchten, wüssten manchmal nicht, welche Weiterbildungen zu diesem Ziel führten.

Lernziele erreicht

Die positive Beurteilung des Seminars durch die Lehrkräfte deckt sich mit den Resultaten der Evaluation, die mit den Teilnehmenden durchgeführt wird. Jeweils 90 bis 95 Prozent geben an, dass ihnen das Seminar gut oder sehr gut gefallen hat. Bezogen auf die drei Lernziele des Seminars lauten die Resultate im Jahr 2016/17 folgendermassen: Über 80 Prozent der fast 1000 Lernenden aus zwölf Berufsfachschulen und anderen Bildungsinstitutionen geben an, das Bildungssystem und die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in ihrem Berufsfeld besser zu kennen als vorher. Fast 90 Prozent fühlen sich in der Lage, nun selbstständig recherchieren zu können, und 80 Prozent sagen, sie hätten nützliche Informationen und Ideen zur Laufbahnplanung bekommen.

Sarah Candolfi gehört auch zu jenen, die ein positives Feedback gaben. Sie war überrascht, zu erfahren, wie viele Wege ihr auch ohne Berufsmaturität offenstehen. Den Wunsch, Polizistin zu werden, hege sie zwar weiterhin, aber es seien weitere Ideen dazugekommen. Sie könnte sich etwa vorstellen, in einen sozialen Beruf zu wechseln.

Martin Better freut sich über die positiven Rückmeldungen. Er hält sie für bemerkenswert, weil immer ganze Klassen am Seminar teilnehmen, das heisst auch Lernende, die im Vorfeld kein Interesse an der Veranstaltung hatten. «Offenbar ist das Angebot so gut, dass viele ihre Meinung ändern.» Die Rückmeldungen der Lehrpersonen sind ebenfalls überwiegend positiv. Gut schnitt auch der letztes Jahr umgebaute, öffentliche Raum des LBZ ab. Er wurde weitgehend auf elektronische Medien umgestellt. Die Lernenden kamen damit gemäss Beobachtung der Lehrpersonen gut zugange.

Unterlagen für Lehrpersonen

Teils digital, teils analog sind die Unterlagen, die das LBZ den Lehrkräften zur Verfügung stellt. Sie bekommen das «Handbuch Übergang 2», das dieses Jahr in einer neuen, ergänzten Auflage erschien. Dazu kommen eine ganze Reihe von Zusatzunterlagen im Internet. Wer will, kann sich in einer einstündigen Veranstaltung über das Seminar informieren lassen.

Das Angebot ist für die Berufsfachschulen kostenpflichtig. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Abschlussklassen der Stadtzürcher Berufsfachschulen leisten es sich. «Ob jemand mitmacht oder nicht, hängt auch davon ab, welchen Stellenwert die Schulleitung dem Thema gibt», sagt Martin Better. Ein anderer Faktor ist offenbar der Arbeitsmarkt: Schulen, deren Abgängerinnen und Abgänger ohne Weiteres Stellen finden, scheint die Laufbahnplanung etwas weniger am Herzen zu liegen.

«Das LBZ misst dem Seminarangebot ‹Übergang 2› eine hohe Bedeutung zu», sagt Benno Bachmann, Abteilungsleiter Laufbahnberatung Privatkundschaft und Produktverantwortlicher. Er ist überzeugt, dass das Seminar nicht nur den Teilnehmenden, sondern längerfristig auch der Gesellschaft und somit der Stadt etwas bringt. «In einer zunehmend komplexeren Arbeitswelt mit abnehmender Planungssicherheit werden wir dazu angehalten, unsere berufliche Zukunft proaktiver zu gestalten.» Schlügen die Jugendlichen einen Weg ein, der ihnen entspreche, und bildeten sich weiter, würden sie zu motivierten, guten Arbeitskräften. «Das liegt im öffentlichen Interesse.»

Das dritte R

Mit dem Besuch im LBZ haben die Lernenden ihren Weg noch nicht gemacht. Anschliessend geht es darum, die nötigen Schritte zu unternehmen, um die Laufbahn in die gewünschte Richtung zu lenken. Das heisst Unterlagen der Sprachschule anfordern, sich bewerben, die Aufnahmebedingungen für die Berufsmaturität abklären, einen Termin beim LBZ abmachen etc. «Übergang 2» stellt auch für das Realisieren – das dritte R – Unterrichtsmaterialien bereit. Damit es nicht beim Planen bleibt.

   
     

Weitere Angebote für die Laufbahnplanung von Lernenden

Neben dem Laufbahnzentrum Zürich (LBZ) bieten auch die anderen kantonalen Berufsinformationszentren (BIZ) Veranstaltungen für Berufsfachschulklassen an, in denen die Lernenden über das Bildungssystem informiert werden und selbst recherchieren können. Diese Angebote dauern in der Regel eine bis zwei Lektionen und sind kostenlos.

Zurzeit bereitet eine gemeinsame Arbeitsgruppe des Amts für Jugend und Berufsberatung (AJB) und des LBZ ein neues Projekt vor, das sich speziell an EBAKlassen richten wird. Angesprochen werden sollen vor allem Berufe, deren Absolventinnen und Absolventen häufig Schwierigkeiten beim Einstieg in den Arbeitsmarkt haben. Ihnen soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten sie nach dem Abschluss haben, erklärt Marissa Rosenmund, die beim AJB für das Projekt zuständig ist. «Wir möchten nicht nur die Lernenden, sondern auch die Klassenlehrpersonen ansprechen.» Diese könnten die Jugendlichen motivieren, die Dienstleistungen der BIZ in Anspruch zu nehmen, die bis zum 20. Altersjahr nichts kosten. Nächstes Jahr wird das Pilotprojekt mit Klassen aus ausgewählten Lehrberufen starten.

Das AJB gibt ausserdem die Broschüre «Wie weiter nach der Lehre? Wege nach der beruflichen Grundbildung» heraus. Sie regt dazu an, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, und enthält nützliche Informationen und Links.

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