Berufslehre heute: Kaminfeger EFZ

07.07.2017 - Mitteilung

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Früher fegte Werner Rüegg Kamine mit Stahlbürsten. Heute bildet der Kaminfegermeister seinen Lehrling Simon Brunner in der Wartung von Erdwärmeheizungen aus – und sagt dem Beruf eine grosse Zukunft voraus.

Text: Joel Bedetti Foto: Sabina Bobst

Ein Einfamilienhaus in Grüningen, idyllisches Zürcher Oberland. Kaminfegermeister Werner Rüegg und sein Lehrling Simon Brunner ziehen sich die Handschuhe aus, decken das Zeitungspapier ab und saugen den letzten Russ vom Boden neben der Ölheizung, die sie in der vergangenen Stunde gereinigt haben. Danach setzen sie sich – beide im schwarzen Arbeitstenü – an einen Tisch vor dem Haus, deren Bewohner wie viele Hausbesitzer in der Gegend langjährige Stammkunden von Werner Rüegg sind. Schon beugt sich eine Bewohnerin über den Balkon: «Wollt ihr einen Kaffee?» Sie nehmen gerne an. «Früher boten die Leute manchmal Schnaps an», erzählt der 61-jährige Kaminfegermeister lachend. «Aber den lehnte ich ab. Ich will ja anständige Arbeit leisten.»

Nach der Schule wollte er eigentlich Sanitärinstallateur lernen, doch ein älterer Bruder machte bereits diese Lehre. «Du wirst Kaminfeger», entschied der Vater. Er erinnert sich noch genau an den Tag, als der Kaminfeger von Wetzikon bei ihnen zu Hause in Hadlikon bei Hinwil vorbeikam. Dieser sah den jungen Mann, der gerade im Garten arbeitete, und nickte: «Der kann krampfen.» Also lernte Werner Rüegg Kaminfeger. Er reinigte mit Ruten und Stahlbürsten die Holzheizungen der Bauernhäuser im Zürcher Oberland.

Die Arbeit gefiel ihm, der Lehrmeister weniger. «Jede Woche bekam ich auf den Ranzen, wenn ich ein paar Minuten zu spät kam oder einen Fehler machte», erzählt er. Im zweiten Lehrjahr hielt er es nicht mehr aus und wollte aufs Lehrlingssamt gehen. Erst als er in der Stadt ankam, realisierte der Landjunge, dass er keine Ahnung hatte, wo sich das Amt befand. Doch die Drohung wirkte. «Von dem Tag an schlug mich der Lehrmeister nicht mehr.» Nach der Lehre arbeitete Rüegg fünf Jahre lang als Geselle in der ganzen Schweiz, dann bestand er die Meisterprüfung und machte sich selbstständig.

Simon Brunner absolvierte nach der Sek B mehrere Schnupperlehren, von Autolackierer bis Elektriker, aber keine gefiel ihm. Dann erzählte ihm ein Kollege, der bei einem Kaminfeger geschnuppert hatte, dass dies Spass gemacht habe. Der Jugendliche arbeitete einige Tage bei Rüegg und seinen drei Mitarbeitern – und entschied sich zu bleiben. «Mir gefiel, dass man herumkommt », sagt der 16-Jährige. «Als Kaminfeger trifft man jeden Tag neue Leute.»

Touchpad statt Bürste

Simon Brunner muss nicht mehr Aufzüge mit Holzruten reinigen, bis sein Gesicht voller Russ ist. Die Kaminfeger von heute reinigen die Holz- und Ölheizungen mit elektrischen Bohrern. Nur noch Reste werden mit Besen und Bürsten herausgekratzt. Kaminfeger warten auch die modernen, elektronisch gesteuerten Heizungsanlagen; oft arbeiten sie mit dem Touchpad anstatt mit der Bürste. Die Kernkompetenz eines Kaminfegers, sagt Werner Rüegg, sei jedoch noch immer dieselbe: «Man muss jemand sein, der gern an Geräten herumschraubt.» Simon Brunner ist so einer: «Ich bastelte schon immer gern an meinem Töffli herum», erzählt er grinsend.

Trotzdem haftet dem Kaminfeger heute ein altmodisches Image an. «Gibt es euch immer noch?», hört der Meister manchmal, und auch sein Lernender muss Gleichaltrigen erklären, dass er nicht mit einem Zylinder auf dem Kopf in ein Cheminée steigt, sondern eine technisch anspruchsvolle Arbeit ausführt. «Neben handwerklichem Geschick braucht man heute einen Sek-B-Abschluss», sagt Werner Rüegg, «sonst kommt man in der Berufsfachschule nicht mit.» Entsprechend rar ist auch der Nachwuchs: Simon Brunner sitzt mit sechs Lernenden aus Zürich und Schaffhausen in der Berufsschule. Immerhin ist der Kaminfegerberuf heute keine reine Männerdomäne mehr: «Ein Drittel sind Frauen», sagt sein Chef. Dessen Tochter ist eine von ihnen: Vor zehn Jahren machte sie die Lehre beim Vater, noch heute arbeitet sie im Betrieb.

Ganz ohne Russ geht es nicht

Obwohl moderne Heizsysteme weniger Unterhalt benötigen, ist Werner Rüegg überzeugt, dass Kaminfeger eine grosse Zukunft haben – dank der Energiewende. Bereits vor einigen Jahren schlug er, der im Zentralvorstand des nationalen Berufsverbandes sitzt, vor, die Kaminfegerlehre auf vier Jahre zu verlängern und mit einer Spezialausbildung zu koppeln, etwa das Warten von Sonnenkollektoren oder Wärmepumpen. Seit Kurzem, sagt er, zeige der Verband nun Interesse an der Idee.

Der Kaffee ist ausgetrunken, der nächste Kunde wartet. Werner Rüegg und Simon Brunner fahren zu einer Schreinerei, deren Holzheizung gereinigt werden muss. Simon Brunner zieht die Handschuhe an und die Augenbrauen hoch. «Holzheizung heisst mehr Russ», sagt er, bevor er mit der elektrischen Bohrmaschine und der Kratzbürste die zentimeterdicken Schichten abtragen wird. Sein Lernender sei zu Beginn etwas heikel gewesen, was den Russ angehe, erzählt sein Lehrmeister. «Aber er hat sich gebessert.» Ein bisschen Russ muss ein Kaminfeger auch heute noch ertragen.

   
     

Der Beruf Kaminfeger/Kaminfegerin EFZ

Ausbildung: dreijährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Anforderungen: abgeschlossene Volksschule, handwerkliches Geschick, technisches Verständnis, kräftige Konstitution, Beweglichkeit, Schwindelfreiheit. Berufsverhältnisse: In den meisten Kantonen ist das Kaminfegergewerbe durch kantonale Gesetze und Verordnungen geregelt. Die zunehmenden Umweltschutz- und Energiesparmassnahmen erfordern von Kaminfegern und Kaminfegerinnen eine permanente Weiterbildung. Karrieremöglichkeiten: zum Beispiel Kaminfeger-Vorarbeiter/in, Feuerungskontrolleur/in, Kaminfegermeister/in, Bachelor of Science (FH) in Gebäudetechnik.  

Berufslehre heute

Jedes Jahr treten im Kanton Zürich rund 12 500 Jugendliche eine Lehrstelle an. Das Schulblatt porträtiert in einer Serie jeweils eine Berufsbildnerin oder einen Berufsbildner (Lehrmeister) und eine Lernende oder einen Lernenden (Lehrling) in ihrem Arbeitsalltag.

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