Grüne Branche setzt auf das Verbundmodell

25.08.2017 - Mitteilung

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Der Zürcher Berufsbildungsfonds fördert die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Ein Mittel dazu ist die Anschubfinanzierung von Lehrbetriebsverbünden. Von dieser Unterstützung profitiert haben auch die Gärtnerinnen und Gärtner.

Text: Andreas Minder  Foto: zvg

Der 7. Juli 2017 ist für Santhavy Ros ein besonderes Datum. Sie bekam an diesem Tag im Kongresshaus Zürich ihr Fähigkeitszeugnis überreicht: Gärtnerin EFZ, Fachrichtung Zierpflanzen. Grund zur Freude hatte nicht nur die junge Frau, sondern auch eine noch jüngere Institution: der Lehrverbund Gärtner JardinSuisse Zürich. Santhavy Ros war die erste Lernende, die ihre Ausbildung in diesem Lehrbetriebsverbund durchlaufen hat. Er war 2015 gegründet worden. Wie es der Name sagt, haben sich darin mehrere Betriebe zusammengeschlossen, um gemeinsam Lernende auszubilden. Im Angebot sind vier Berufe: die drei Jahre dauernde Gärtnerlehre (EFZ) in den Fachrichtungen Zierpflanzen sowie Garten- und Landschaftsbau und die zwei Jahre dauernde Lehre (EBA) in den Fachrichtungen Produktion sowie Garten- und Landschaftsbau.

Vielfältige Einblicke

Santhavy Ros ist überzeugt vom Ausbildungsmodell: «Es war eine megacoole Erfahrung. Man hat Einblick in so vieles.» Sie war zum Verbund gestossen, nachdem sie die Lehre in einer grossen Gärtnerei nach einem Jahr abgebrochen hatte. Das zweite Jahr absolvierte sie in Pfäffikon im Bildungszentrum Gärtner JardinSuisse Zürich, das 2010 vom Gärtnermeisterverband des Kantons Zürich erstellt worden ist. Hier finden überbetriebliche Kurse (üK) und Weiterbildungen für die Gärtnerberufe statt. Seit 2015 fungiert der Förderverein des Bildungszentrums auch als Leitorganisation des Lehrbetriebsverbundes. Die Leitorganisation rekrutiert die Lernenden, schliesst mit ihnen den Lehrvertrag ab, übernimmt einen Grossteil der administrativen Aufgaben, vertritt den Verbund gegen aussen und führt die nötigen Gespräche mit Eltern, Behörden und der Berufsfachschule. Sie schaltet sich auch ein, wenn es zu Konflikten kommt.

«Für den Betrieb ist das eine Entlastung», sagt Petra Hausch, die im Lehrverbund für Kommunikation und Koordination zuständig ist. Auch fachlich kann das Bildungszentrum die Lernenden unterstützen. Seine Vollzeitinstruktoren, die sonst hauptsächlich für die üK zuständig sind, bieten den Lernenden massgeschneiderte Nachhilfe, wenn sie irgendwo Schwierigkeiten haben. Auch für die Vorbereitung des Qualifikationsverfahrens stehen diese Fachleute bei Bedarf zur Verfügung. «Wir haben dafür mehr Ressourcen als die meisten Betriebe», sagt Hausch. Im Moment überlege man, wie der fachliche Support noch weiter ausgebaut werden könne. Nach den ersten zwei Jahren zieht Petra Hausch eine positive Bilanz: «Der Start ist gut verlaufen.» Man habe mit nur zwei Lernenden klein angefangen und den nötigen Lernprozess gut bewältigen können. Zudem habe das Bildungszentrum auf seine grosse Erfahrung in der Lernendenbetreuung aufbauen können. Last, but not least kamen auch die 50 000 Franken aus dem Berufsbildungsfonds (siehe Kasten), mit dessen Geldern solche Initiativen unterstützt werden, in der Anfangsphase sehr gelegen.

Chance für kleine Betriebe

Im dritten Lehrjahr arbeitete Santhavy Ros bei Meyer Orchideen in Wangen bei Dübendorf. Der hoch spezialisierte Betrieb, der jährlich 700 000 Orchideen produziert, kann nur dank des Verbundes überhaupt ausbilden. Sein Tätigkeitsspektrum wäre zu eng, um einer Lernenden die ganze Bandbreite des Gärtnerberufs zu vermitteln. Inhaber Hanspeter Meyer macht mit, weil er vom dualen Ausbildungsmodell überzeugt ist und seinen Teil dazu beitragen will. «Zudem bringt die Beschäftigung von Lernenden frischen Wind und neue Ideen in den Betrieb.»

Der Lehrvertriebsverbund erschliesst der Grundbildung Felder und Firmen der grünen Branche, die den Lernenden in einer «normalen» Lehre nicht zugänglich wären, weil sie nur einen Teil der erforderlichen Kompetenzen abdecken könnten. Nicht nur Orchideenproduzenten, sondern ebenso Golfplätze oder sehr kleine Betriebe können nun eingebunden werden. Sie brauchen auch keinen eigenen Berufsbildungsverantwortlichen, weil der von der Leitorganisation gestellt wird.

Dank solcher zusätzlicher, attraktiver Lehrbetriebe hoffe man, auch in Zukunft genügend Fachkräfte für die grünen Berufe gewinnen zu können, sagt Petra Hausch. Die Lehre in mehreren Betrieben hält sie für ein zukunftsträchtiges Modell. «Es gibt Fachleute, die davon ausgehen, dass die Ausbildung immer weniger nur in einem Betrieb stattfinden wird.» Hausch ist überzeugt, dass die Verbundlösung den Wünschen heutiger Jugendlicher entgegenkommt. Ein Indiz dafür ist, dass die Nachfrage nach Lehrstellen in ihrem Verbund hoch ist. «Wir sind schneller gewachsen als geplant.» Im Jahr 2015 ging es mit zwei Lernenden los, 2018 werden es bereits deren sechs sein. Auch vonseiten der Betriebe ist offenbar Interesse vorhanden. Zwanzig stehen mittlerweile auf der Liste des Verbunds. Die Jugendlichen wechseln normalerweise nach einem Jahr das Unternehmen. Dabei werden sie von der Leitorganisation beraten. «Wir schauen, dass es geografisch und inhaltlich passt.» Ein Beispiel: Wenn ein Lernender in Garten- und Landschaftsbau ein Jahr in einem Betrieb verbringt, der vor allem Unterhaltsarbeiten ausführt, sollte im nächsten Jahr der Schwerpunkt auf dem Gartenbau liegen. Jeweils im Mai schnuppern die Lernenden in den Firmen, die infrage kommen. Sind der Arbeitgeber und die Jugendlichen einverstanden, findet der Wechsel im August statt.

Wieder von vorne beginnen

Für Laura Bernhard hatte einmal schnuppern gereicht, um zu wissen, dass sie bei der Egli Garten AG, Stäfa, in die Lehre zur Gärtnerin Garten- und Landschaftsbau einsteigen wollte. «Es passte mir auf Anhieb», sagt die 24-Jährige. Fast ein Jahr später ist sie mit ihrer Wahl immer noch sehr zufrieden. Sie hat inzwischen schon für das nächste Lehrjahr geschnuppert und wurde ebenfalls sofort fündig. Bald schon wird sie ihr nächstes Ausbildungsjahr bei Stehli Garten- und Strassenbau in Gossau beginnen. «Es tut mir schon etwas leid, jetzt wechseln zu müssen, da ich hier alles kenne», sagt sie. «Aber ich bin ein sehr offener Mensch und finde es gut, herausgefordert zu werden.» Santhavy Ros, die weiss, wie es sich anfühlt, nach einem Jahr wieder bei null anzufangen, sieht darin einen Nachteil des Rotationssystems im Vergleich zur traditionellen einzelbetrieblichen Ausbildung: «Ich fühlte mich wieder wie ein Erstjahrstift, als ich bei Meyer Orchideen anfing.» Trotzdem überwiegen für sie die Vorteile des breiteren beruflichen Horizonts: «Ich würde es wieder so machen.»

Stefan Zahner ist Mitinhaber der Egli Garten AG und für die Berufsbildung zuständig. Auch er ist überzeugt, dass es für die Lernenden nichts Besseres gibt als das Verbundmodell. «Ich hätte es in dem Alter auch so gemacht.» Es sei eine grosse Chance, schon in der Lehre verschiedene Organisationen, Abläufe und Kulturen kennenzulernen. Für seinen Betrieb falle der Nachteil, dass die Verbundlernenden für nur ein Jahr statt für zwei oder drei Jahre eingeführt werden müssten, kaum ins Gewicht. Schliesslich habe seine Firma auch etwas vom neuen Ausbildungsmodell. «Ich schätze den Austausch mit der Leitorganisation und profitiere von deren Know-how in Bildungsfragen.» Die Lernenden des Verbunds sind bei Egli auch deshalb sehr willkommen, weil die Berufsbildung an der Goldküste nicht der bevorzugte Ausbildungsweg sei, was die Rekrutierung erschwere.

Mit Laura Bernhard ist Zahner sehr zufrieden. «Ich würden sie gerne behalten.» Er ist sich jedoch bewusst, dass es keinerlei Garantie gibt, dass sie nach dem Lehrabschluss zurückkehren wird. «Aber die haben wir mit den übrigen Lernenden auch nicht. Wir können sie nicht anbinden. » Er zeige den vielversprechenden jungen Berufsleuten aber immer Perspektiven auf und sage ihnen, dass die Türen offen stünden.

   
    

Das Modell des Lehrerbetriebsverbunds

Lehrbetriebsverbünde sind eine relativ neue Ausbildungsform. Sie wurden während der Lehrstellenkrise der späten 1990er-Jahre durch den Bund ideell und finanziell gefördert. Man erhoffte sich davon neue Ausbildungsplätze, höhere Ausbildungsqualität und die bessere Integration von Jugendlichen ins Berufsleben. Eine Evaluation von 2008 kam zum Schluss, dass schweizweit rund 1 Prozent der Lernenden in diesem Rotationssystem ausgebildet wurde. 2015 waren es gemäss Angaben des Bundesamts für Statistik 2,8 Prozent. In einem Forschungsprojekt der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und des Soziologischen Instituts der Universität Basel wurde das Funktionieren der Ausbildungsform anhand von vier Lehrbetriebsverbünden untersucht. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Lehrvertragsauflösungsquote massiv unter dem Durchschnitt liegt.

Der Zürcher Berufsbildungsfonds

Der Lehrverbund Gärtner JardinSuisse Zürich wurde vom Zürcher Berufsbildungsfonds mit 50 000 Franken unterstützt. Die Verordnung über den Berufsbildungsfonds nennt die Anschubfinanzierung von Lehrbetriebsverbünden als einen der Verwendungszwecke der Fondsmittel. Der Löwenanteil wird für überbetriebliche Kurse (üK) verwendet. Ausserdem übernimmt der Fonds die Raum- und Materialkosten der Qualifikationsverfahren und zahlt 250 Franken pro Person für Berufsbildnerkurse. 2015 und 2016 erhielten sämtliche rund 10 000 Lehrbetriebe des Kantons zusätzlich einen Ausbildungsbeitrag: Er richtete sich nach der Anzahl Lernender pro Betrieb und variierte zwischen 500 und 40 000 Franken. Gespeist wird der Fonds, der seit 2011 existiert, von Betrieben, die keine Lernenden ausbilden. Sie zahlen in diesen Fonds 1 Promille ihrer Lohnsumme ein. Ausgenommen sind jene, die bereits Beiträge an einen Fonds ihrer Branche leisten, und solche mit einer Lohnsumme von weniger als 250 000 Franken. Derzeit sind rund 11 500 Betriebe beitragspflichtig, wodurch jährlich rund 17 Millionen Franken zusammenkommen. Die vom Regierungsrat gewählte Berufsbildungskommission entscheidet, was mit diesem Geld passiert.

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