Gemeinschaftserlebnis mit Ausstrahlung

07.07.2017 - Mitteilung

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Mit grossen kulturellen Produktionen können sich Mittelschulen in der Öffentlichkeit präsentieren. Doch dies ist nicht der alleinige Grund, warum manche Schulen immer mal wieder ein solches Projekt stemmen.

Text: Jacqueline Olivier

«Wer hat Lust, bei einer grossen Kiste mitzumachen?» Mit diesem Aufruf an einer Team-Konferenz vor drei Jahren nahm an der Kantonsschule Küsnacht etwas seinen Anfang, von dem zu jenem Zeitpunkt noch niemand so genau wusste, worauf es hinauslaufen würde. Man fand einfach, nach dem letzten derartigen Anlass von 2007 wäre es wieder einmal an der Zeit, ein kulturelles Grossprojekt auf die Beine zu stellen, in das die gesamte Schule involviert sein würde.

Das Resultat hiess «Synapse 17» und war nicht nur eine grosse, sondern eine riesige «Kiste». Das Projekt widmete sich dem Thema «Vernetzung» und umfasste das Musiktheater «Alissia in Space» sowie die Werkschau «Überall ist hier». Am zweiten April-Wochenende zog die Schule damit ein grosses Publikum wie auch mehrere Pressevertreter in ihren Bann. Fünf Mal wurde das von sechs Schülerinnen unter Anleitung der freischaffenden Autorin Maja Bagat geschriebene Stück, unterstützt von Chor und Orchester, aufgeführt. Parallel dazu erhielten die Besucher am Samstag und Sonntag Einblicke in die mannigfaltige Auseinandersetzung mit dem Thema Vernetzung, die während mehr als einem halben Jahr in allen Fächern stattgefunden hatte. Verpflegungsmöglichkeiten gab es in der Kaffee- und Teestube – begleitet von Salonmusik –, an den diversen Ständen in der «Markthalle» sowie in der Theaterbar.

Von langer Hand vorbereitet

Es sei das wohl grösste Projekt, das die Kantonsschule Küsnacht bislang durchgeführt habe, sagt Prorektor Markus Hanhart, der das Projekt leitete und gleichzeitig für die Koordination der Abendproduktion zuständig war. Schon allein die Vorlaufzeit von rund drei Jahren bezeichnet er als aussergewöhnlich. Sie war jedoch notwendig, um die Wahlkurse, die jeweils für die fünften Klassen angeboten werden, entsprechend aufzugleisen, denn hier fand ein guter Teil der Arbeit statt. Da standen dann für einmal Kurse wie «Schreiben für die Bühne», «Eventmarketing und Gastronomie» oder «Facebook- und Homepageauftritt» auf dem Programm. Punktuell wurden ausserdem externe Fachleute beigezogen, etwa zwei junge Komponisten, eine Dramaturgin oder ein Bühnenbildner.

Für den Sommer 2015 wurde eine zweitägige Lehrerweiterbildung zum Thema Vernetzung organisiert, in deren Rahmen diverse Orte innerhalb des Kantons und darüber hinaus besucht werden konnten, etwa der Hauptbahnhof Zürich, eine Weberei, Ausstellungen oder das Unternehmen IBM – dessen Fimenkultur in «Alissia» Niederschlag gefunden habe, wie der Prorektor verrät. Im Anschluss an diese Weiterbildung entwickelten die Fachschaften Ideen, wie sich das Thema in Unterrichtsprojekte umsetzen liesse.

Nicht alles konnte jedoch von langer Hand geplant werden, einiges entwickelte sich erst im Verlaufe des Prozesses. «Das Grossprojekt ist dadurch immer noch etwas grösser geworden», erzählt Markus Hanhart schmunzelnd. Das habe von den Lehrpersonen einiges abverlangt, wenn beispielsweise immer wieder einzelne Schülerinnen und Schüler den Unterricht verlassen mussten, um an einer Probe teilzunehmen. Und die lange Prozessdauer habe von allen einen langen Atem erfordert. «Es brauchte immer wieder Leute mit Ideen, die die anderen motivieren konnten.»

Lehrreich und verbindend

Warum nimmt eine Schule diesen Aufwand überhaupt auf sich, was ist Sinn und Zweck eines derartigen Grossprojekts? Ein Ziel sei sicher, über ein solches Gemeinschaftserlebnis das «Wir-Gefühl» zu stärken, antwortet der Prorektor. Vor allem die Projektwoche, in der alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen mitgearbeitet hatten, um den Anlass vorzubereiten, wie auch dieser selbst hätten zusammengeschweisst. Doch auch aus pädagogischer Sicht sei ein solches Vorhaben wertvoll, denn die Schülerinnen und Schüler lernten einiges: projektbezogen zu arbeiten, dranzubleiben, im Team am selben Strick zu ziehen. Und schliesslich könne man nach aussen zeigen: «Wir sind eine musische und gleichzeitig eine innovative und aktive Schule.»

«Megacool» sei es gewesen, erzählt die 17-jährige Jette Tummer. Sie hat den Eventmarketing-Kurs besucht und tatkräftig an der Werkschau mitgearbeitet. Dabei habe sie viel gelernt: wie man einen Grossanlass organisiert, wie man ihn promotet, wie man einen Gastro-Betrieb aufzieht – vom Menüplan bis zur Raumdekoration. Auch Tamina Biber (16) engagierte sich in dieser Gruppe und spielte parallel dazu im Musiktheater mit. Jil Zeller (18) wiederum war als «Alissia» voll auf ihre Hauptrolle fokussiert.

Lebensschulung und Türöffner

Hochs und Tiefs haben die drei Fünftklässlerinnen alle erlebt. «Es war schon schwierig, ein Jahr lang für diesen Event zu arbeiten, zwischendurch gab es Phasen, da kamen wir kaum voran», sagt Tamina. Jil hatte zu Beginn starke Zweifel, ob die Theateraufführung gelingen, ob überhaupt Zuschauer kommen würden. Auch das Zusammenführen von Schauspielern, Chor, Orchester, Bühne, Video und Technik sei eine grosse Herausforderung gewesen. Doch schliesslich hat alles geklappt und die fünf Vorstellungen in der Heslihalle, die dank mehrmonatiger Planungs- und mehrtägiger Aufbauarbeit von einer Sporthalle in einen Bühnenraum verwandelt worden war, erwiesen sich als nahezu ausverkauft.

Diesen Erfolg nehmen die drei Schülerinnen für sich mit. Und noch ganz viel anderes. «Ich habe entdeckt, wie gern ich organisiere und wie wichtig es ist, an einer Sache dranzubleiben», meint Jette. Zumindest privat möchte sie auch in Zukunft bei der Organisation von Partys – etwa von Freunden – mithelfen. Eine echte Lebensschulung erkennt Jil rückblickend in den gemeisterten Hürden und den überwundenen Selbstzweifeln. Für Tamina hat das Projekt neue Türen geöffnet. Sie wird bei einer Theaterproduktion, die eine Mitschülerin als Maturarbeit schreibt und inszeniert, als Schauspielerin mitwirken. Ausserdem kann sie sich vorstellen, in naher Zukunft Gesang zu studieren. Geschätzt haben die Schülerinnen das Vertrauen, das die Lehrpersonen ihnen entgegenbrachten. «Sie haben uns sehr viel Verantwortung übertragen», stellt Jette fest.

Sich selbst einbringen

Die Schülerinnen und Schüler von einer ganz ungewohnten Seite zu erleben, von einem Schüler etwa in die japanische Teezeremonie eingeführt zu werden, war für die Deutschlehrerin Nicole Frei ein besonderes Erlebnis. Selbst war sie für die Redaktion des Programmbuchs im Pocket-Format zuständig und leitete zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin einen Wahlkurs, in dessen Rahmen zwölf begehbare Hörbücher für die Werkschau entstanden. Auch das wertet sie positiv: dass jeder sich selbst einbringen konnte. «Die Idee, mit Schülern Hörbücher zu produzieren, hatte ich schon lange – wenn auch nicht unbedingt begehbare.»

Mit den Schülern zu arbeiten, habe jedoch auch Fingerspitzengefühl erfordert, wie Barbara Lussi erklärt, die Wirtschaft und Recht unterrichtet und hauptsächlich für das Eventmarketing zuständig war. «Schüler sind keine Angestellten, man muss sie ernst nehmen und trotzdem ein Stück weit lenken. Hier den richtigen Mittel- weg zu finden, war wichtig, um die Motivation aufrechtzuerhalten.» Als «Zufallsgemeinschaft » bezeichnet Musiklehrer Michael Kessler die einzelnen Teams und alle Projektbeteiligten. «Das war ein gewisses Wagnis. Man musste sich erst einmal gegenseitig kennenlernen.» Trotzdem habe er nie daran gezweifelt, «dass es gut wird». Überwältigend sei nur schon die Vielfalt aller Darbietungen gewesen – und die Musiktheaterproduktion «eine Erfahrung, die die Schüler nie vergessen werden».

Überraschende Gespräche

Das gemeinschaftliche Entwickeln und Umsetzen von allerlei Ideen war für Isabelle Baumgartner, verantwortlich für die Gastronomie, das grosse Plus von «Synapse 17», sei man als Lehrperson im Alltag doch eher als «Einzelkämpferin» unterwegs. «Die Schülerinnen und Schüler waren auch sehr engagiert, und letztlich waren es ihre Ideen, die umgesetzt wurden. » Bewährt hat sich aus ihrer Sicht, dass sich vieles in den Wahlkursen abspielte, die bereits im Sommer 2016 gestartet und über das Semester hinaus bis zum Event verlängert worden waren.

Richtiggehend Feuer gefangen hat Reto Jäger, der als Lehrer für Bildnerisches Gestalten die Werkschau kuratierte. «Mich hat schon das Thema fasziniert», sagt er, «es ist ein gesellschaftliches Thema mit unzähligen Facetten.» Dies habe zu spannenden und überraschenden Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern geführt. «Plötzlich haben wir im BG-Unterricht über Chancen und Risiken von selbstfahrenden Autos diskutiert.» Für ein erneutes Grossprojekt wäre er sofort zu haben. «Es wäre toll, wenn wir etwas in der Art alle vier Jahre durchführen könnten, damit alle Schülerinnen und Schüler einmal in den Genuss eines solchen Projekts kämen.»

Was meint Prorektor Markus Hanhart dazu? Ein gesamtschulisches Projekt würde er zu gegebener Zeit gerne wieder einplanen, aber: «Das nächste Mal würde ich das Ganze wohl wieder etwas zurückfahren und entweder ein Theater oder eine Werkschau organisieren, nicht beides gleichzeitig. » Unbestritten ist für ihn die «super Ausstrahlung», die ein solches Grossprojekt habe. Und: «Lernen können dabei nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrpersonen und die Schulleitung.»

   
     

Grossprojekte an Zürcher Mittelschulen

Kulturelle Grossprojekte sind an den Kantonsschulen beliebt und an einigen fester Bestandteil der Schulkultur. So wird an der KS Rychenberg etwa alle zwei Jahre jahrgangsübergreifend ein Musical inszeniert. Beteiligt daran sind Solisten, Chöre, Bands und sämtliche Formationen des Fachbereichs Musik. Ebenfalls ein Musical wurde im vergangenen Februar an der KS Zürcher Unterland aufgeführt. «Terminal K» war die erste Grossproduktion dieser Art seit vielen Jahren und brachte über 100 Schülerinnen und Schüler und einige Lehrpersonen auf die Bühne. Ein Grossanlass, der sich in diverse kleinere und grössere Veranstaltungen unterteilte, war das 50-jährige Bestehen der KS Wiedikon im Jahr 2015. Auf dem Programm standen unter anderem ein Theater, ein Jubiläumskonzert oder ein Wettbewerb im Fach Bildnerisches Gestalten.

An der KS Rychenberg hat im Übrigen noch ein Grossprojekt anderer Art eine lange Tradition: Jedes Jahr begibt sich der ganze Maturjahrgang (rund 130 Schülerinnen und Schüler) als Maturreise auf Hochgebirgstour – mit entsprechender Ausrüstung. Die sogenannte «Strebi» (Streberreise) gehört laut Rektor Christian Sommer zu den Höhepunkten eines jeden «Rychenbergers».

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