Für die Lehre lernen wir

06.01.2017 - Mitteilung

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Mit der Integrationsvorlehre werden Flüchtlinge auf eine Berufslehre vorbereitet. Die Logistikfirma Planzer hat zusammen mit dem Kanton Zürich und dem Berufsverband ein Pilotprojekt gestartet.

Text: Andreas Minder   Fotos: Sophie Stieger

Mohammad al Abedalla ist in Syrien schon mit Sattelschleppern herumgefahren. Genau das möchte er auch in der Schweiz tun. Bis er sich hierzulande ans Steuer eines solchen Ungetüms setzen darf, braucht der 21-Jährige noch etwas Geduld. Er macht zurzeit die einjährige Integrationsvorlehre (IVL) bei Planzer. Damit will er sich das Rüstzeug holen, um dann in die Lehre zum Lastwagenfahrer einsteigen zu können.

Die neun jungen Männer, die an einem Montagnachmittag im Zimmer 1007 des Zürcher Technoparks sitzen, nennen einhellig das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis, kurz EFZ, oder die zweijährige berufliche Grundbildung mit eidg. Berufsattest (EBA) als Ziel ihrer beruflichen Karriere. Sie sind zwischen 21 und 32 Jahren alt, stammen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea und leben bereits mehrere Jahre in der Schweiz. Einige bringen wie Al Abedalla berufliche Fähigkeiten aus ihrem Herkunftsland mit, viele haben in der Schweiz schon gejobbt oder Praktika absolviert. Für nachhaltigen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt reicht das jedoch nicht. Das Risiko, ohne anerkannten Abschluss später wenig oder nichts zu verdienen und in der Sozialhilfe zu landen, ist hoch. Gute Argumente für eine Berufslehre, aber für viele Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommene ist die Einstiegshürde zu hoch. Hier setzt die IVL an (vgl. Kasten). Ziel ist, «die notwendigen grundlegenden Kompetenzen im Hinblick auf eine berufliche Grundbildung in einem Berufsfeld zu vermitteln», steht in einem Dokument des zuständigen Staatssekretariats für Migration (SEM). 2018 soll das Pilotprogramm in der ganzen Schweiz starten.

Gelungener Start

Zu spät, fand die Transportfirma Planzer, und beschloss, früher loszulegen. Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich unterstützte diese Initiative und definierte zusammen mit dem Unternehmen die Rahmenbedingungen. Im August 2016 war es so weit: Der Pilot des Pilots ging an den Start. Die Integrationsvorlehrlinge begannen an verschiedenen Standorten von Planzer zu arbeiten und besuchen seither auch während durchschnittlich anderthalb Tagen pro Woche die Berufsschule.

Die Lernenden waren in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt worden. Zuerst wurden Sprachkenntnisse und Motivation abgeklärt, darauf machten sie bei Planzer Schnuppereinsätze und teilweise längere Praktika. Von 14 Interessierten schafften 9 den Sprung. Ein Vierteljahr nach Beginn sind sowohl der Arbeitgeber als auch die Lernenden zufrieden. Jan Pfenninger, bei Planzer für Marketing und Kommunikation zuständig, sagt, die Integrationsvorlehrlinge seien tendenziell älter, stammten aus anderen Kulturen und hätten – bedingt durch ihre Geschichte – eine andere Ausgangslage. Sie seien aber sehr motiviert. Im Klassenzimmer im Technopark klingt es ähnlich positiv: Die Lernenden erklären unisono, es gefalle ihnen in der Vorlehre. «Zu Beginn war es nicht einfach», erzählt Attaulla Babakhel, ein 24-jähriger Afghane. Aber mittlerweile verstehe er die Sprache und die betrieblichen Abläufe: «Es läuft gut.» Michael Hagos aus Eritrea ist 30 Jahre alt und schon seit fünf Jahren in der Schweiz. Auch er ist mit seiner Arbeit in der Winterthurer Filiale von Planzer rundum zufrieden. Er möchte nach der Vorlehre in die Grundbildung als Logistiker EBA einsteigen.

Die Lektion beginnt, es wird still an den hufeisenförmig angeordneten Tischen. Die Männer bereiten eine Präsentation vor. Sie müssen ihren Kollegen bestimmte Risiken beim Manövrieren mit «Deichselgeräten » – elektrisch betriebenen Hubstaplern – präsentieren. Ali Agid, ein 24-jähriger Kurde aus Syrien, hat die Aufgabe gefasst, auf die Gefahren beim Be- oder Entladen von Lastwagen hinzuweisen. Er blättert im Lehrmittel und sucht und findet auf dem Smartphone Bilder, die veranschaulichen, was er sagen will.

Starker Praxisbezug

Massimo Romano von der EB Zürich hat das Programm für den schulischen Teil des Lehrgangs entwickelt und unterrichtet Berufskunde und Deutsch. Er sagt, es sei ursprünglich nicht vorgesehen gewesen, die Deichselgeräte so eingehend zu behandeln. Weil es aber im Arbeitsalltag eines der wichtigsten Arbeitsgeräte sei, räume man ihm auf Wunsch der Firma jetzt mehr Platz ein. Der Praxisbezug im Betrieb und in der Schule ist für Romano eine der Stärken der IVL. «In der betrieblichen Praxis passieren sehr viele, nicht kognitive Lernprozesse.» Das sei effizient und die unterschiedlichen Bil dungsvoraussetzungen fielen weniger ins Gewicht. In der Berufsschule beflügle die Nähe zur Praxis auch den Spracherwerb, bei dem man konsequent auf Immersion setzte: «Deutsch und Berufskunde laufen zusammen.» Der Sinn des Deutschlernens sei so für die Lernenden unmittelbar einsichtig.

Dass die IVL so nahe an den Anforderungen des Arbeitsalltags ist, hat allerdings auch schon Befürchtungen laut werden lassen, sie könnte an die Stelle der regulären Grundbildung treten. Romano winkt ab und erinnert an die Zielsetzung der Ausbildung: «Sie dient der Berufsvorbereitung und nimmt die Lehre nicht vorweg. » Das Staatssekretariat für Migration SEM bezeichnet den direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt als Ausnahme für den Fall, dass jemand keine Lehrstelle finde. Und selbst dann bleibe das Ziel, «dass sich für diese Personen später Optionen für einen Berufsabschluss für Erwachsene eröffnen», schreibt das SEM.

Es gibt allerdings keine Garantie, dass jemand nach der IVL eine EFZ-Lehre oder die etwas leichter zu bewältigende EBALehre schaffen wird. Den Lernenden das klarzumachen, ist ebenfalls Teil der Ausbildung. Das hiesige Wirtschaftssystem sei ein wichtiger Inhalt des Fachs Landeskunde, sagt Massimo Romano. «Die Lernenden müssen verstehen, dass ihnen nichts serviert wird.» Ganz konkret erfahren sie das dann, wenn sie sich bewerben: Sie werden auch Absagen bekommen. Aber ihre Chancen sind besser, wenn sie das Papier vorlegen können, das bestätigt, dass sie die IVL absolviert haben, und die Kompetenzen beschreibt, die sie erworben haben. Mohammad al Abedallas Traum vom Sattelschlepper könnte wahr werden.
 

 

Ein Programm des Bundes

Der Bundesrat hat das vierjährige Pilotprogramm zur Flüchtlingslehre Ende 2015 vorgestellt. Er reagierte damit auf die gestiegene Anzahl von anerkannten Flüchtlingen (B-Ausweis) und vorläufig Aufgenommenen (F-Ausweis), die längerfristig in der Schweiz bleiben werden. Das Potenzial dieser Arbeitskräfte soll besser ausgeschöpft und ihre Sozialhilfeabhängigkeit gesenkt werden. Das Programm startet 2018 und dauert vier Jahre. Bis zu 1000 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene sollen schweizweit pro Jahr eine Integrationsvorlehre (IVL) absolvieren. Der Bund übernimmt höchstens die Hälfte der Kosten.

Zürich macht mit

An der Konferenz Berufsbildung vom 1. November 2016 haben die Bildungsdirektion und die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich gemeinsam mit den Spitzen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen und den Schulvertretern vereinbart, dass sich der Kanton Zürich am Pilotprogramm des Bundes beteiligen soll. Dazu wollen die kantonalen Stellen eng mit den Branchen bzw. Organisationen der Arbeitswelt (OdA) zusammenarbeiten.

Vorlehre als Brückenangebot

Nicht mit der Integrationsvorlehre (IVL) zu verwechseln ist die «Vorlehre», die im Kanton Zürich bereits länger existiert. Die beiden Angebote sind sich zwar ähnlich, haben aber ein anderes Zielpublikum und sind anders organisiert. Die Vorlehre richtet sich an Jugendliche, die nach der obligatorischen Schulzeit noch nicht bereit sind für die Lehrstellensuche, sich erfolglos um eine Lehrstelle bemüht oder nach einer Lehrvertragsauflösung noch keine neue Lehrstelle gefunden haben. Sie arbeiten
ein Jahr lang in einem Vorlehrbetrieb und besuchen anderthalb Tage die
Berufsfachschule. Ziel ist es, sie auf den Einstieg in einen bestimmten Beruf vorzubereiten. Das Angebot wird auch von Flüchtlingen genutzt. Finanziell und institutionell ist es aber anders getragen als die IVL. Der Bund ist nicht involviert.

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