«Empfehlungen sollen einen Denkprozess auslösen»

27.10.2017 - Mitteilung

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Mit dem Projekt VSGYM wurde Ende 2014 ein breit abgestützter Dialog zwischen Volksschule und Gymnasien in Gang gesetzt. Im November werden erste Resultate präsentiert. Der Prozess geht jedoch weiter.

Text: Jacqueline Olivier Foto: Hannes Heinzer

In den vergangenen zweieinhalb Jahren habe sich viel bewegt, stellen Christoph Wittmer und Kaspar Vogel zufrieden fest. Der Rektor der Kantonsschule Enge und ehemalige Präsident der Schulleiterkonferenz Mittelschulen (SLK) und der Vizepräsident des Verbands der Sekundarlehrkräfte des Kantons Zürich (SEKZH) waren und sind die treibenden Kräfte hinter dem Projekt VSGYM. Dieses wurde Ende 2014 mit dem Ziel lanciert, die Schnittstelle zwischen Volksschule und Gymnasium zu optimieren, um den Schülerinnen und Schülern einen möglichst reibungslosen Stufenübertritt zu ermöglichen.

Dafür musste man erst einmal miteinander ins Gespräch kommen, denn Unkenntnisse betreffend die jeweils andere Stufe und demzufolge mangelndes gegenseitiges Verständnis hatten im Vorfeld teilweise für Unstimmigkeiten gesorgt, wie es Projektleiter Christoph Wittmer vorsichtig ausdrückt. «Man hat heute wenig Zeit für einander», sagt er, «und wenn auf der einen Stufe Reformen stattfinden, fehlten bisher die Strukturen, sie mit der anderen Stufe abzustimmen.» Im Rahmen von VSGYM wurden solche Strukturen nun geschaffen, und eines lässt sich laut Kaspar Vogel mit Bestimmtheit sagen: «Auf der emotionalen Ebene ist einiges passiert, man ist näher zusammengerückt, interessiert sich für das, was die andere Stufe macht, und redet auf Augenhöhe miteinander.»

Vom Fach- in den Regionaldialog

Natürlich genügt dies allein noch nicht, um Hürden beim Übergang abzubauen. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit Inhalten. Sie fand in einer ersten Phase im sogenannten Fachdialog statt. Vertreterinnen und Vertreter beider Stufen kamen in fächerbezogenen Gruppen zusammen, analysierten den Ist-Zustand, tauschten sich über Unterricht, Lehrpläne und Lehrmittel aus, diskutierten über die Vorbereitung auf den Stufenübertritt, das Übertrittsverfahren und Anschlussprogramme, erörterten allfällige Schwierigkeiten und Lösungsansätze. Ins Leben gerufen wurde je eine Fachgruppe für Deutsch, Französisch, Englisch, Mathematik, Geografie, Geschichte sowie Natur & Technik/Naturwissenschaften.

Die Ergebnisse der Fachgruppen wurden anschliessend im Regionaldialog vertieft und weiterentwickelt. Dies aus der Überlegung heraus, dass die Mittelschulen trotz freier Schulwahl ein gewisses Einzugsgebiet haben, aus dem die Mehrheit ihrer Schülerinnen und Schüler kommen. Sekundar- und Mittelschulen in den einzelnen Regionen sollten sich deshalb miteinander vernetzen und absprechen, so das erklärte Ziel. Und diese Chance sei auch wahrgenommen worden, führt Kaspar Vogel aus, in jeder Region hätten Gruppen von 30 bis 40 Personen zusammengefunden.

Erste Massnahme umgesetzt

Im Projekt VSGYM engagieren sich nicht nur die Lehrer- und Schulleiterverbände beider Stufen, sondern ebenso Vertreterinnen und Vertreter der zuständigen Ämter der Bildungsdirektion – des Volksschulamtes (VSA) einerseits und des Mittelschul- und Berufsbildungsamts (MBA) andererseits – sowie des Lehrmittelverlags. Dies sei ganz wichtig, finden Kaspar Vogel und Christoph Wittmer. Denn wenn es um Anpassungen im Unterricht oder von Lehrmitteln gehe, müsse insbesondere auf der Volksschulstufe oft das Amt entscheiden und die nötigen Massnahmen einleiten.

Bereits umgesetzt wurde die Entwicklung eines Algebra-Trainings durch den Lehrmittelverlag. Es ermöglicht den Sekundarschülerinnen und -schülern nach bestandener Aufnahmeprüfung, das bisher Gelernte zu reaktivieren, zu üben und allfällige Lücken zu schliessen. Auf diese Weise sollen sie den Stoff beim Start im Gymnasium besser präsent haben. In die Entwicklung dieses Trainings involviert waren auch Vertreter beider Stufen der Fachgruppe Mathematik. Gleichzeitig besuchten die Mathematiklehrpersonen der Mittelschulen Weiterbildungen, in denen sie sich mit dem noch jungen Lehrmittel der Sekundarschule vertraut machten.

Mit dem Algebra-Training sei eine wichtige erste Massnahme gemeinsam umgesetzt worden, findet Christoph Wittmer. «In diese Richtung soll es weitergehen. Bedarf an solchen Repetitorien beispielsweise besteht auch in anderen Fächern.» Ein zentrales Anliegen von VSGYM, fährt er fort, sei es, den Blick auf den Übergang als Ganzes zu richten, also auf das letzte Schuljahr an der Sekundarschule, das Aufnahmeverfahren und das erste Jahr am Gymnasium. Dies im Gegensatz zum parallel laufenden Projekt der Bildungsdirektion für ein neues Übertrittsverfahren (siehe Artikel Seite 30), an dem teilweise die gleichen Personen mitarbeiteten und das ein sehr technisches sei. «Bei uns liegt der Fokus immer auf den Schülerinnen und Schülern; es geht um die Frage, was für sie wichtig ist, damit sie diesen Übergang gut bewältigen können.»

Regionaldialog stärken

Am 15. November (siehe Kasten) werden die Erkenntnisse aus dem Fach- und dem Regionaldialog sowie die daraus resultierenden Vorschläge für Massnahmen präsentiert. Und wie geht es danach weiter? Auf jeden Fall müsse dieser Prozess fortgesetzt werden, betonen sowohl Christoph Wittmer als auch Kaspar Vogel. So soll etwa der Regionaldialog in Form von regelmässigen Treffen gestärkt werden. Ebenfalls angestrebt wird eine Ausdehnung des Dialogs mithilfe eines Delegiertensystems, um alle Sekundarschulen einzubeziehen. Was laut Kaspar Vogel nicht ganz einfach werden dürfte. «Im Vergleich zu den Mittelschulen verzeichnet die Volksschule laut meiner Erfahrung eine viel höhere Fluktuation der Lehrpersonen.» Trotzdem erhofft sich das Strategieteam, in dem die beiden mitwirken, dass gerade die Tagung im November eine Initialzündung sein könnte für eine breitere Verankerung von VSGYM. Wohl wissend, dass die meisten Sekundarschülerinnen und -schüler in eine Berufslehre wechseln und nur eine Minderheit anschliessend eine Mittelschule besucht. Umso wichtiger sei dieses Projekt, erklärt Kaspar Vogel: «VSGYM weckt bei den Seklehrpersonen wieder das Bewusstsein, dass potenzielle Gymischüler eine andere Förderung brauchen als angehende Berufsleute.»

Dem Prozess Zeit lassen

Auch um solche «feinstofflichen» Aspekte gehe es letztlich bei VSGYM, erklärt Christoph Wittmer. Und um eine langfristige «Pflege der Schnittstelle». «Die Empfehlungen sollen einen Denkprozess auslösen.» Dass es Zeit braucht, bis sich der gemeinsame Weg etabliert, weiss er als langjähriges Projektleitungsmitglied von HSGYM, dem Dialog zwischen Gymnasien und Hochschulen, der vor über zehn Jahren angestossen wurde und an dem sich VSGYM ein Stück weit orientiert. «Wenn es heute um Schulentwicklung geht, ist HSGYM oft ein Thema», sagt der Rektor der Kantonsschule Enge, «das ging aber nicht von jetzt auf nachher.» Bei VSGYM werde dies ähnlich laufen, meint er zuversichtlich. Immerhin sei das Projekt bereits jetzt eine feste Grösse an den Gymnasien. Und auch Kaspar Vogel weiss: «An den Sitzungen von SEKZH und jenen des Zürcher Lehrerverbands ist VSGYM, sofern es um die Sekundarschule geht, immer präsent.»

Wieder mehr Prüfungsexperten

Eine grosse Herausforderung sieht er im gesteckten Ziel, wieder mehr Seklehrerinnen und -lehrer als Experten für die Mittelschulaufnahmeprüfung zu gewinnen. In den letzten Jahren habe das immer weniger gut geklappt, wobei es nicht so sehr am Willen der Lehrpersonen, sondern vielmehr an der Zeit fehle. Der Vizepräsident von SEKZH hofft, dass sich dies nun ändert, denn: «Einblick in das, was von Gymischülern erwartet wird, bekommt man gerade beim Korrigieren der Aufnahmeprüfungen.»

Kein Thema ist derzeit die Ausweitung von VSGYM auf die Primarstufe. Die Schülerinnen und Schüler, die von der sechsten Klasse ins Langgymnasium übertreten, bildeten eine wesentlich homogenere Gruppe, sagt Christoph Wittmer, sie müssten sich auch nicht mit Schülern messen, die bereits zwei Jahre Gymnasium hinter sich hätten.

Auch an der Schnittstelle Sekundarschule- Gymnasium laufe vieles gut, gibt er abschliessend zu verstehen, dies sei durch den bisherigen Prozess deutlich geworden. «Deshalb geht es in diesem Dialog manchmal auch bloss darum, gewisse Dinge zu bewahren.»

   
     

VSGYM-Tagung

Am Mittwoch, 15. November 2017 findet von 14 bis 17.30 Uhr an der Kantonsschule Stadelhofen (Saal Hallenbau) die erste VSGYM-Tagung statt. Dazu eingeladen sind Lehrpersonen der Sekundarschulen und der Mittelschulen des Kantons Zürich. Nach einem Grusswort der Bildungsdirektorin Silvia Steiner stellt die Projektleitung die Ergebnisse des Dialogs an der Schnittstelle vor. Danach wird in zwei Blöcken diskutiert – über Ansprüche und Förderung und über Austausch und Weiterbildung. Nach der Präsentation der Diskussionsergebnisse und einem kurzen Ausblick können die Gespräche beim Aperitif weitergeführt werden.

Anmeldungen bis Ende Oktober unter www.sek.zh.ch:

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