«Eine Schulklasse ist kein Skiclub»

12.05.2017 - Mitteilung

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Christoph Eichhorn beschäftigt sich mit Classroom-Management. Unterricht, sagt er, sei ein äusserst komplexes Geschehen. Dass alles perfekt gelinge, sei unmöglich.

Text: Reto Heinzel Fotos: Nicola Pitaro

Herr Eichhorn, worin liegt das Geheimnis guten Unterrichts?

Unterricht ist ein sehr komplexes Geschehen. Neben einer guten Beziehung zwischen Lehrperson und Schülern helfen der Lehrperson eine gute Vorbereitung, Klassenregeln, Rituale oder Routinen. Der Unterricht soll interessant sein und an die Erfahrungen sowie den Lernstand der Schülerinnen und Schüler anknüpfen. Das zeigt schon eindrücklich, wie anspruchsvoll dieser Beruf ist. Zudem muss die Lehrperson wach und präsent sein.

Was meinen Sie genau damit?

Als ich neulich eine Klasse besuchte, konnte ich beobachten, dass die Lehrerin sich während der meisten Zeit der Stunde im vordersten Teil des Klassenzimmers und um das Lehrerpult aufhielt. Dabei sass der auffälligste Schüler mit ADHS-ähnlicher Problematik in der hintersten Reihe. Als die Schüler dann selbstständig eine Aufgabe lösen sollten, fing dieser gar nicht erst damit an, während jene in den vorderen Reihen rasch fertig waren und sich bald einmal langweilten. In diesem Fall hätte es genügt, im hinteren Teil stärker präsent zu sein, um dem Schüler diskret helfen zu können. Damit macht sie ihren Unterricht flüssiger. So verstanden fördert «Präsenz zeigen» die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler.

Es geht also in erster Linie um die Frage, wie die Lehrperson die Klasse führt?

Die Lehrperson spielt sicherlich die zentrale Rolle. Aber, wie gesagt, das Geschehen im Klassenzimmer ist sehr komplex. Eine Lehrperson kann diese Tätigkeit nicht halbherzig tun. Ansonsten läuft sie Gefahr, sehr rasch in Schwierigkeiten zu geraten. Man muss den Beruf gerne haben und sich auf die Verantwortung und die damit einhergehenden Herausforderungen einlassen. Dann ist ein erfolgreiches Management der Klasse möglich.

Das Wort «Management» dürfte für manche Ohren einen etwas geschäftigen Beiklang haben.

Tatsächlich meinen viele Leute, bei Classroom- Management gehe es um seelenlose Manager, welche die Schüler wie Puppen tanzen lassen. Das ist aber nicht die Idee. Primär geht es um gute Lehrer-Schüler- Beziehungen, das ist die Basis.

Diese Beziehungen sind bekanntlich nicht immer störungsfrei.

Richtig, und es braucht manchmal auch gar nicht viel, damit eine unauffällige Situation kippt und plötzlich schwierig wird. Manchmal kann schon ein einziger Schüler das Leben der Lehrperson und seiner Mitschüler schwer machen. Eine hilfreiche Anregung von Classroom-Management ist, sich im Voraus gezielt zu überlegen, wie man schwierigen Klassensituationen begegnet. Dann handelt man klarer und gelassener, was sich positiv auf die Klasse auswirkt.

Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb Sie nicht von Klassenführung sprechen?

Das Thema Klassenführung ist im deutschen Sprachraum ja schon länger bekannt. Viele meinen, dabei gehe es um die Frage, wie der Lehrer im Klassenzimmer auf eine bestimmte Situation reagieren solle – zum Beispiel wenn ein Schüler etwas nicht verstanden hat. Die Idee von Classroom-Management ist eine andere.

Und worum geht es dabei?

Classroom-Management vermittelt den Lehrpersonen konkrete Anregungen und Hinweise, wie sie den Unterricht gestalten können. Es geht aber auch darum, mögliche Situationen im Klassenzimmer zu antizipieren – auch schwierige.

Wie zum Beispiel?

Schauen wir uns den Aspekt der Vorbereitung auf ein neues Schuljahr an. Das Buch «The First Days of School» beispielsweise von Harry Wong beschäftigt sich nur mit den ersten zwei, drei Schultagen. Dabei geht es auch um die wichtige Frage, welche Vorinformationen für das Gelingen guten Unterrichts wichtig sind. Wenn die Lehrperson eine neue Klasse übernimmt, dann helfen ihr gute Vorinformationen.

Wieso ist das so wichtig?

Stellen Sie sich vor, eine Schülerin, die bereits viele negative Schulerlebnisse und Misserfolge hinter sich hat, startet ins vierte Schuljahr. Der Lehrer, der keine Vorinformationen über die Schülerin hat, stellt ihr am ersten Tag einige einfache Fragen, die Antworten sind aber jedes Mal falsch. Dann fängt ihr Start ins neue Schuljahr schon schlecht an. Diese Misserfolge zementieren vermutlich die Selbsteinschätzung der Schülerin, nichts zu können. Gerade aber einer solchen Schülerin soll der erste Schultag die Chance eröffnen, wieder ein bisschen mehr an sich zu glauben.

Wann gilt denn eine Klasse als gut geführt?

Das ist relativ einfach: wenn es gute Lehrer- Schüler-Beziehungen gibt und eine angenehme Lernatmosphäre herrscht, in der die Schüler sich wohlfühlen und lernen wollen.

Und wo liegen die Fallstricke?

Davon gibt es verschiedene, namentlich auf der Beziehungs- und Kommunikationsebene. Nehmen Sie eine Lehrerin, die eine schwierige Klasse bekommt. In dieser Situation besteht das Risiko, dass die Lehrerin sich mit der Zeit immer stärker auf die negativen Dinge konzentriert und deshalb in eine negative Kommunikationsspirale gerät. Sie weist zurecht, ermahnt, kritisiert. Die Schüler finden das mit der Zeit natürlich ziemlich doof und stumpfen möglicherweise auch ab dabei. Das wiederum hat zur Folge, dass die Lehrerin ihre Dosis an Ermahnungen erhöhen muss, um noch gehört zu werden. Es ist sehr schwierig, aus dieser Spirale herauszukommen.

Aber kann das die Lehrperson wirklich alleine lösen?

Die Lehrperson ist sicher die zentrale Stellschraube. Trotzdem ist eine schwierige Klasse nicht das Problem des Klassenlehrers, sondern der gesamten Schule. Alle Beteiligten, Schulleitung, Lehrpersonen, Fachlehrpersonen, sollten sich austauschen und überlegen, wie sich eine verfahrene Situation lösen lässt. Wichtig ist sicher, dass man gezielt darauf achtet, was die Klasse gut macht, und dies differenziert und wertschätzend zurückmeldet. Das ist sehr anspruchsvoll, vor allem, weil man längerfristig dranbleiben muss.

Was ist mit den Eltern?

Eltern sind die wichtigsten ausserschulischen Partner der Lehrperson. Deshalb wollen wir sie gewinnen. In den USA nehmen Lehrpersonen bereits vor dem ersten Schultag mit den Eltern Kontakt auf. Und wenn sich nach zwei, drei Wochen vielleicht herausstellt, dass der Max ein schwieriger Schüler ist, erkundigen sie sich bei seinen Eltern nach seinem Befinden.

Aber was, wenn Max’ Eltern sagen: «Unserem Kind geht es nicht gut»?

Das wäre eine sehr wichtige Information. Die Lehrperson könnte sagen: «Vielen Dank, dass Sie mir das gesagt haben. Können Sie mir mehr darüber berichten?» Und dann vielleicht so etwas wie: «Mir ist es sehr wichtig, dass sich meine Schüler in meiner Klasse wohlfühlen und gut lernen können. Ich werde mir Gedanken machen – darf ich mich wieder bei Ihnen melden?» Auf diese Weise wird die Basis für eine gute Zusammenarbeit gelegt.

Haben die Lehrpersonen denn nicht schon genug zu tun?

Ganz sicher! Und ich will den Lehrpersonen bestimmt keinen Druck machen, was sie noch alles zusätzlich tun sollten! Mir liegt viel daran, die Arbeit der Lehrpersonen zu erleichtern. Aber es braucht Strategien, damit es im Unterricht rund läuft. Und Auseinandersetzungen mit Eltern sowie Disziplinprobleme sind ein Hauptbelastungsfaktor für Lehrpersonen.

Geht das Thema «guter Unterricht» vor allem die Klassenlehrperson an oder betrifft es die ganze Schule?

Classroom-Management ist klar ein Thema der ganzen Schule. Es geht von einer Führungsphilosophie aus, die auf Anerkennung und Wertschätzung basiert, nicht auf Kritik und Tadel. Zugleich müssen die Lehrpersonen bei Schwierigkeiten unterstützt werden.

Was muss eine Lehrperson alles mitbringen, damit Unterricht gelingt?

Der deutsche Psychologe Uwe Schaarschmidt hat einmal die wichtigsten Kompetenzen einer Lehrperson benannt: Sie muss stressresistent sein, klar kommunizieren, begeistern können, Empathie zeigen, organisieren und planen können, eine klare Linie vertreten, Schüler gerne mögen – auch die schwierigen. Und das ist noch nicht einmal alles.

Ganz schön viel …

Allerdings. Der Lehrberuf ist ungeheuer anspruchsvoll und herausfordernd zugleich. Dazu kommt, dass Klassen nie homogen sind und dass jeweils eine spezifische Gruppendynamik entsteht. Eine Klasse ist auch kein Skiclub, dem man freiwillig angehört. Viele ältere Schüler empfinden die Klasse als Zwangskontext. Sie brauchen sich nur einen pubertierenden 15-Jährigen vorzustellen. Der fragt sich vielleicht: «Was soll der ganze Quatsch?»

Perfekter Unterricht – gibt es das überhaupt?

Es ist es unmöglich, dass alles perfekt gelingt. Viel besser ist es, als Lehrperson oder besser noch als Team eine Lernhaltung einzunehmen und sich zu sagen: Es ist völlig normal, Fehler zu machen. Hilfreich ist dann, dass man sich fragt, was sich aus den Fehlern lernen lässt, und dass man den Schritt macht von der Fehlertoleranz hin zu einer Lerngemeinschaft. Immer mehr Schulen machen sich auf diesen Weg.

Was glauben Sie: Kann jede Lehrperson die für einen guten Unterricht erforderlichen Techniken erlernen?

Gewisse Dinge lassen sich bestimmt lernen, zum Beispiel verstärkte Präsenz im Klassenzimmer. Eine andere Idee wäre, sich mithilfe von Lernkarten auf mögliche schwierige Situationen vorzubereiten, zum Beispiel: Wie reagiere ich, wenn ein Schüler seinen Banknachbarn anspuckt? Andere Dinge, wie Empathie oder Stressresistenz, sind aus meiner Sicht dagegen nur begrenzt lernbar.

Welche Bedeutung haben störende Schüler für den Unterricht?

Sie belasten die Lehrpersonen. Eine vor fünf Jahren durchgeführte Lehrerbefragung in Liechtenstein ergab, dass dort jede dritte Lehrperson die Meinung vertritt, in der eigenen Klasse einen untragbaren Schüler zu haben. Das ist schockierend.

Sie haben den Wert von Regeln und Ritualen hervorgehoben. Wie gelingt es, dass diese von der ganzen Klasse akzeptiert werden?

Der Psychologe Fabian Grolimund hat ein leicht verständliches Video zur Einführung von Klassenregeln gedreht. Darin fragt der Lehrer seine Klasse, weshalb es zum Beispiel bei Spielen Regeln braucht. Damit knüpft er an die Erfahrungen seiner Schüler an und sie sehen von sich aus, dass Regeln wichtig sind. Und im nächsten Schritt kann die Lehrperson ihre Klasse die Frage «Was brauchen wir, damit sich alle bei uns wohlfühlen und gut lernen können?» in Kleingruppen bearbeiten lassen.

Und welche Regeln soll man einführen?

Die einzelnen Regeln sind nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, dass die Lehrperson die Schüler dafür gewinnt, indem sie einen positiven Kontext schafft. Dies gelingt, indem sie die Schüler bei der Erarbeitung einbezieht.

Ist damit schon alles getan?

Die Einführung der Regeln ist das geringste Problem. Die grosse Frage ist, wie man sie durchsetzen will. Die Lehrperson muss wissen, was sie mit den Regeln überhaupt erreichen will. Sie ist es, die dafür sorgen muss, dass die Regeln eingehalten werden. Und sie ist es, die vorgängig festlegt, ob sich der Max während des Ruherituals laut die Nase putzen darf oder nicht.

Und wenn es mit der Einhaltung von Regeln nicht klappt?

Zusätzlich kann man Reflexionsphasen einbauen und beispielsweise fragen: «Überlegt mal, was ist euch schon gut gelungen? Was könntet ihr tun, damit es in Zukunft vielleicht noch besser wird?» Wichtig ist, dass man auch hier wieder auf positive Kommunikation setzt.

Ist gute Klassenführung heute schwieriger als früher?

Das glaube ich schon. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit, als mir mein Lehrer einmal eine Ohrfeige verpasste. Als ich das daheim erzählte, sagten meine Eltern: «Wenn das nochmals vorkommt, kriegst du auch Schwierigkeiten mit uns!» Eine solche Reaktion wäre heute undenkbar. Die Eltern stehen voll hinter ihren Kindern. Und sie glauben ihren Kindern auch alles, was die von der Schule erzählen. Dabei erzählen Kinder oft nur irgendwelche Ausschnitte. Ich will bestimmt nicht die Eltern angreifen, aber für die Schule entstehen damit unter Umständen grosse Probleme. Auch deshalb bin ich sehr dafür, die Kontakte zwischen Lehrperson und Eltern zu stärken.

 
Christoph Eichhorn (64) arbeitet seit über 20 Jahren als Schulpsychologe in Landquart (GR). Er veröffentlichte zahlreiche Artikel und Bücher zum Thema Classroom-Management, hält dazu Vorträge und gibt Workshops. Für die Lehrerfortbildung in Bulgarien und der Slowakei hat er ein Classroom-Management-Trainingsprogramm entwickelt.

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