Eine Klasse im Filmfieber

25.08.2017 - Mitteilung

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Eine Story entwickeln, Drehbuch schreiben, filmen, schneiden, vertonen. Die 6. Klasse aus dem Schulhaus Singvogel in Nänikon hat während ihres Klassenlagers drei Kurzfilme gedreht. Filmprofis unterstützten die Schülerinnen und Schüler.

Text: Reto Heinzel   Foto: Dieter Seeger 

Das Ritterhaus Uerikon gleicht an diesem frühen Dienstagnachmittag der perfekten Filmkulisse. Draussen brennt die Sommersonne vom Himmel, die säuberlich gemähte Wiese leuchtet in sattem Grün, der nahe Zürichsee schimmert türkis. Es lockt der Sprung ins kühle Nass.

Im Esssaal des altehrwürdigen Gebäudes ist die Stimmung aufgeräumt. 26 Sechstklässlerinnen und -klässler sitzen an den Tischen und warten plaudernd auf die Kursleiterin. Am Morgen des Vortages sind sie zusammen mit ihrer Klassenlehrerin Ursina Mettler aus Nänikon angereist. Es sind die letzten gemeinsamen Tage vor dem Übertritt in die Sekundarstufe oder in die Mittelschule, in zwei Wochen beginnen die Sommerferien. Zum Abschluss erwartet die Schülerinnen und Schüler noch einmal ein ganz spezielles Klassenlager. Während fünf Tagen werden sie drei Kurzfilme von rund fünf Minuten Länge drehen. Weil die Zeit dafür knapp ist, wurden bereits in der Vorwoche drei Gruppen gebildet und erste inhaltliche Ideen entwickelt. Alles andere soll in und ums Ritterhaus passieren: Drehbuch schreiben, filmen, schneiden und vertonen. Wie in der Welt der Profis gibt es Drehbuchautoren, Schauspielerinnen, Tontechniker, Regisseurinnen und die für den Schnitt zuständigen Filmeditoren – jede Schülerin, jeder Schüler hat eine oder mehrere spezifische Aufgaben.

Bei der Wahl des Inhalts waren die Gruppen frei. Dass die aufkeimenden Gefühle der Liebe in der 6. Klasse momentan ein zentrales Thema sind, ist offensichtlich: Gleich zwei Gruppen haben sich für eine Liebesgeschichte entschieden. Eine eher düstere Atmosphäre schwebt den Macherinnen und Machern der dritten Produktion vor – einer Horrorstory mit blutigem Ausgang. Zwei Gruppen arbeiten mit professionellem Equipment, eine mit dem Smartphone. Kamera- und Tonworkshops fanden am Vortag statt, ebenso eine kurze theoretische Einführung in die Filmkunst (Was ist Film? Was braucht es dazu?) sowie ins Drehbuchschreiben. «Unser Zeitplan ist sehr ambitioniert», räumt Filmemacherin Liliane Ott ein. Sie und ihr Berufskollege Remo Hegglin, die beide für die Stiftung Filmkids (siehe Kasten) tätig sind, begleiten die Klasse. Die Filmprofis sind zuversichtlich, dass bis Lagerschluss alles im Kasten sein wird. «Bis jetzt läuft alles super. Notfalls helfen wir einfach noch ein klein wenig nach», sagt die Künstlerin.

«Das war doch super»

Es ist kurz nach 14 Uhr. Erwartungsvoll blicken die Schülerinnen und Schüler auf die Künstlerin. Ott blickt zufrieden in die Runde: «Die Drehbuchautorinnen und -autoren haben heute Morgen richtig hart gearbeitet», sagt sie. «Schauen wir doch mal, ob das, was ihr geschrieben habt, auch funktioniert.» Die Kinder stürmen nach draussen, wo sie sich im Schatten eines mächtigen Nussbaums versammeln. «Jetzt geht es darum, die szenischen Grundgedanken zu optimieren und die verschiedenen Drehbücher zusammen durchzugehen», erklärt Ott, die seit Jahren Film-Workshops leitet. Den Anfang machen die Schauspielerinnen und Schauspieler der ersten Gruppe. Nachdem sie die einzelnen Szenen für den Film «Dreiecksbeziehung» der Klasse vorgespielt haben, folgt die Feedbackrunde. Dann ist die nächste Gruppe an der Reihe. Trotz schwüler Hitze sind die Kinder konzentriert und mit Ernst bei der Sache. Sie kommentieren, kritisieren, geben Tipps. «Ich finde, die Szenen haben gut funktioniert», tönt es hier, «Der Ablauf war etwas unlogisch», heisst es dort. Ein Knabe fand «alles etwas kurz». «Nein, das war super!», lobt dagegen die Filmemacherin. «Vergesst nicht: Wir drehen ja nur einen Film von ein paar Minuten.»

Die Autorinnen und Autoren haben unterdessen fleissig Notizen gemacht. An ihnen liegt es nun, mit Unterstützung von Remo Hegglin die Vorschläge und Anregungen in die Geschichte einzubauen und den Drehbüchern bis am Abend den letzten Schliff zu geben, denn morgen wird gedreht. Die Klasse zerstreut sich in alle Richtungen. Während Ott am beschatteten Seeufer einen kleinen Schauspiel- Workshop für die Darstellerinnen und Darsteller leitet, zieht es die Schreibenden in den angenehm kühlen Keller des Ritterhauses. «Es ist wunderbar, wie unbefangen die Schülerinnen und Schüler ans Werk gehen», sagt Hegglin. «Handyfilme machen ja mittlerweile alle, und zwar täglich. Doch jetzt sehen sie, was es alles braucht, damit eine Szene gut wirkt.» Bei der filmischen Umsetzung lässt die Filmkids- Crew der Klasse sehr viele Freiheiten. «Wichtig ist vor allem, dass am Ende die Kinder selbst mit dem Produkt zufrieden sind», sagt Hegglin.

Obwohl die Nachtruhe eher kurz war und die Schülerinnen und Schüler allmählich etwas erschöpft aussehen, sind sie mit Begeisterung bei der Sache. Ella, die als Schauspielerin bisher nicht gefordert wurde, freut sich riesig auf den morgigen Drehtag: «Endlich können wir dann praktisch umsetzen, was wir uns vorgenommen haben.» Tim fungiert als Drehbuchautor und Regisseur. Auch er findet nur lobende Worte. «Mir gefällt es hier sehr gut. Toll ist vor allem, dass wir so viele Freiheiten haben und wir die eigenen Ideen umsetzen können. Das macht grossen Spass. Auch wenn mir vom Schreiben langsam die Hand schmerzt.»

Mit Frustration umgehen

«Diese Klasse ist sehr selbstständig und enorm motiviert», sagt Klassenlehrerin Ursina Mettler. Vor einiger Zeit hätten sie bereits einen kleinen Film-Workshop besucht und alle seien begeistert gewesen. Auch hätten viele Spass an der Schauspielerei. Wieso sich die Lehrerin für eine Filmwoche entschieden hat? «Bis jetzt fuhr ich mit meinen Klassen meistens in die Berge. Ich wollte einfach mal etwas anderes, Spezielles machen.» Sie ist überzeugt, dass die Kinder von der Projektwoche viel profitieren können. Hier lernten sie nicht nur einiges über Kameraeinstellungen, den richtigen Blickwinkel oder den perfekten Schnitt. Ganz wichtig seien auch die überfachlichen Kompetenzen. «Die Gruppenmitglieder müssen ein gemeinsames Ziel verfolgen und sich mit Respekt begegnen, damit am Ende ein fertiger Film entsteht.» Aber nicht nur das: Man müsse auch lernen, mit Frustration umzugehen, «denn nicht jede Idee auf dem Papier lässt sich filmisch einfach umsetzen.» Mettler ist sich sicher: «Die Kinder werden Filme danach mit anderen Augen sehen.»

Die Regie übernimmt

Mittwochmorgen, neun Uhr. Heute ist Drehtag. Die Aufregung und Vorfreude ist trotz zunehmendem Schlafmangel gross und setzt erstaunlicherweise neue Energien frei. Viele Schülerinnen und Schüler wirbeln durchs Haus, haben sich geschminkt oder sich in ein passendes Outfit gestürzt. Wann sie zum Einsatz kommen, bestimmen die Regisseurinnen und Regisseure, denn sie geben heute den Ton an. Zu ihnen gehört auch Nico, der sich bis gestern noch eher zurückhaltend gab. «Aber jetzt hat er definitiv die Initiative übernommen», freut sich die Klassenlehrerin. Die Drehorte befinden sich an verschiedenen «Locations» innerhalb und ausserhalb des Ritterhauses. Wegen der Lichtverhältnisse werden zuerst die Szenen im Innern gedreht. «Überlegt noch einmal, wo ihr Nahaufnahmen, wo eine Einstellung ‹over the shoulder› braucht», gibt Ott den Filmcrews als Ratschlag mit auf den Weg. Kameramann Dario nimmt derweil im Materialraum von Remo Hegglin die Kamera in Empfang, Tonmeister Luis schnappt sich eine Tonangel und bekommt das Richtmikrofon in die Hand gedrückt.

Das Team des Horrorstreifens hat sich im Bubenschlag eingerichtet, sekundiert von Liliane Ott. Noch einmal wird geprobt, diskutiert, gekichert und gelacht, ehe sich alle Beteiligten in Stellung bringen – Regie, Ton, Kamera, Schauspielerin. Jetzt gilt es ernst. «Ruhe bitte, wir drehen!», ruft der Regisseur in den Gang hinaus. Es herrscht volle Konzentration. Und dann, endlich, die bekannte Formel: «Kamera läuft. Ton läuft. Und Action!» Die Schauspielerin sitzt auf dem Bett, als sie dämonische Stimmen vernimmt und aus dem Zimmer stürmt. Die Szene wird am Schluss nur wenige Sekunden dauern, doch die Aufnahmen nehmen viel Zeit in Anspruch. Take um Take wird gedreht, die Szene wird vorzeitig abgebrochen, wiederholt, variiert. Nach einem halben Dutzend Versuche ist es so weit – die gesamte Crew ist zufrieden.

Auf dem Filmset am See ist derweil Vincent als Kameraassistent im Einsatz. Morgen wird er als Cutter am Schnitt des Films «Liebesdreieck» mitwirken. «Filme drehen ist sehr cool», sagt er. «Dass man zusammen etwas machen kann mit dem Ziel, am Schluss ein fertiges Produkt zu haben, das gefällt mir extrem gut. Und ich glaube, wir werden es schaffen.»

Geschafft haben es schliesslich alle. Bis am Freitagnachmittag waren die drei Filme fertiggestellt inklusive Nachvertonung. «Am Schluss haben die Kinder noch einmal Vollgas gegeben», sagt die Klassenlehrerin einige Tage später. «Und ich glaube auch, dass sie sehr stolz sind auf ihre Leistung. Sie haben das auch wirklich toll gemacht.» Zurück im Schulzimmer hätten sich die Gruppen ihre Werke gegenseitig vorgeführt. «Alle applaudierten und waren glücklich. Ja, es war ein richtig schönes Happy End.»

   
     

«Ein wichtiger Beitrag zur Medienbildung»

Der Non-Profit-Verein Filmkids wurde 2007 gegründet. Seither organisiert und gestaltet er in der ganzen Schweiz Kurse, Workshops, Lesungen und Lager zum Thema «Filmemachen». Als Kursleiter werden ausschliesslich professionelle Filmschaffende engagiert. Neben Freizeit- und Ferienangeboten engagiert sich filmkids.ch auch an Schulen. Das einwöchige Filmkids-Angebot «Action!» zum Beispiel kann via schule&kultur des Volksschulamts zu einem vergünstigten Tarif gebucht werden. Das Angebot von Filmkids richtet sich an Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren.

«In einer Zeit, in der Smartphones und audiovisuelle Medien unseren Alltag in einem nie da gewesenen Ausmass prägen, ist audiovisuelle Kompetenz von höchster Priorität für Kinder und Jugendliche», sagt Filmkids-Gründerin Simone Häberling. Die intensive Auseinandersetzung damit könne die öffentliche Schule nicht immer führen. Mit seinen Angeboten wolle der Verein diese Lücke schliessen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Medienbildung leisten.

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