«Digitalisierung ist nicht in jedem Fall sinnvoll»

27.10.2017 - Mitteilung

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Welche Herausforderungen birgt die fortschreitende Digitalisierung für den Lehrmittelverlag Zürich? Nicolas Brandenberg, Leiter Abteilung Digitale Medien, gibt Auskunft.

Text: Reto Heinzel   Foto: Sophie Stieger

Herr Brandenberg, Generationen von Schulkindern haben ausschliesslich mit gedruckten Lehrmitteln gearbeitet. Weshalb braucht es heute digitale Lehrmittel?

Als die Lehrmittelverlage vor gut zehn Jahren die ersten digitalen Lehrmittelangebote realisierten, reagierten sie auf ein gesellschaftliches Bedürfnis. Dazu kamen die immer lauter werdenden Stimmen aus dem Schulfeld. Damals hiess es: Ihr schläft, hinkt hinterher.

Was änderte sich damals in den Schulzimmern?

Die Arbeitsweise. Früher gab es nur den klassischen Hellraumprojektor. Und plötzlich kamen Presenter und fest installierte Beamer dazu. Damit wuchs der Wunsch, digitale Inhalte für die Klasse sichtbar zu machen – analog dem klassischen Tafelbild.

Welchen Mehrwert bieten digitale Lehrmittel?

Das Bedürfnis nach Differenzierung und Individualisierung ist heute im Unterricht viel grösser. Einem Thema nähert man sich oft aus verschiedenen Perspektiven. Es ist klar: Mit digitalen Lehrmitteln lässt sich viel einfacher ein breites Angebot realisieren, das den unterschiedlichen Niveaus der Schülerinnen und Schüler entspricht. Beim Hörverständnis zum Beispiel kann heute dank Computern jeder in seinem individuellen Tempo arbeiten. Früher mussten alle auf die Lehrperson warten, die auf einem Kassettenrekorder die Play-Taste drückt.

Sehen Sie digitale Lehrmittel vor allem als Ergänzung zum bestehenden Angebot?

Für uns setzt sich ein Lehrmittel aus unterschiedlichen Komponenten zusammen. Beispielsweise umfasst das Lehrmittel «dis donc!» für die Schülerinnen und Schüler ein Arbeitsbuch, eine Lernplattform sowie das Nachschlagewerk «dis voir!». Diese sogenannten Lehrwerkteile können als gedrucktes Buch, als digitales Medium oder aber auch sowohl in einer gedruckten als auch einer digitalen Version erscheinen. Denn: Unsere neueren Lehrmittel sind bewusst so konzipiert, dass sie unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Die Infrastruktur und die räumlichen Voraussetzungen sind nicht an allen Schulen gleich. Nicht überall arbeitet man mit denselben Geräten. Dazu kommt, dass in Sachen Computer nicht jede Lehrperson gleich fit ist und auch Lust verspürt, sich intensiv mit digitalen Fragen auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund machen wir Lehrmittel, die überall funktionieren und einsetzbar sind, egal, ob im Schulzimmer nur ein einzelner Computer steht oder die gesamte Klasse mit einem Tablet ausgerüstet ist. Das ist eine besondere Herausforderung bei der Entwicklung digitaler Lehrmittel – es muss überall einsetzbar sein.

Kann man also ohne Lernverlust die gedruckte oder die digitale Version verwenden?

Das ist von Lehrmittel zu Lehrmittel verschieden und hängt vom Konzept ab. Bei «dis donc!» zum Beispiel ist die webbasierte Lernplattform ein integraler Bestandteil. Dort gibt es vertiefende Übungen, Audiodateien, Videos; auch Links zu anderen Seiten wie der Plattform Quizlet, wo man die Vokabeln mithilfe von virtuellen Karteikärtchen üben kann. Trotzdem: Es braucht stets das Zusammenspiel von beidem, Buch und Lernplattform. Ein Medium allein kann nicht alles abdecken. Das Digitale ist aber sicher ein wertvolles Puzzlestück in der Unterrichtsgestaltung. Einen Schritt weiter geht dann das digitale «dis donc!»-Arbeitsbuch, das nächstes Jahr erscheint. Schülerinnen und Schüler werden dort auch hineinschreiben können, die Einträge werden gespeichert. In diesem Fall ist es dann durchaus ein Substitut zum Gedruckten.

Wieso war es im Fall von «dis donc!» nicht möglich, das digitale Arbeitsbuch für Schülerinnen und Schüler gleichzeitig mit den anderen Teilen zu veröffentlichen?

Das hat in erster Linie technische Gründe. Das Buch muss auf allen Betriebssystemen und Geräten – Desktop, Smartphone, Tablet – funktionieren. Bei «dis donc!» gibt es sehr komplexe visuelle Anordnungen.

Die Herausforderungen liegen für Sie also vor allem in der technischen Umsetzung?

Nicht nur. Die inhaltlichen Herausforderungen sind ebenfalls gross. Auch das Zusammenspiel zwischen digital und Print muss reibungslos klappen. Entwickelt man dagegen ein rein digitales Lehrmittel, braucht es eine ganz andere Herangehensweise. Dann ist vor allem wichtig, dass es den Autorenteams gelingt, mediengerecht zu schreiben. Eine Digitalisierung ist auch nicht in jedem Fall sinnvoll.

Weshalb?

Beim Lehrmittel Mathematik Sekundarstufe zum Beispiel haben wir die Arbeitshefte bewusst nicht digitalisiert. Zirkel einstecken, Strecken messen, Handschrift üben – diese handlungsorientierten Tätigkeiten kann man digital nicht eins zu eins abbilden. Digitalisierung kann auch bedeuten, auf Details zu fokussieren und diese hervorzuheben. Der Präsentationsmodus ermöglicht es etwa, Illustrationen auf dem Beamer zeigen zu können. Das kommt gerade bei den Lehrpersonen gut an.

Wie muss man sich den Prozess der digitalen Lehrmittelentwicklung eigentlich vorstellen?

Die eigentliche Entwicklung erfolgt einerseits gemeinsam mit den Fachdidaktikern sowie mit einer externen Begleitgruppe, der auch Lehrpersonen angehören. Natürlich spielen auch die Vorgaben des Bildungsrates in der Lehrmittelpolitik eine Rolle. Das Zusammenspiel zwischen Print und digital wird möglichst in der frühen Konzeptphase geklärt. In der Umsetzungsphase läuft das dann wie im Print auch – es werden Manuskripte geschrieben, erprobt und umgesetzt. Als weitere Herausforderung stellt sich im digitalen Bereich die Frage, wie interaktiv die Inhalte sein sollen.

Und wie viel Zeit verstreicht von der Idee bis zum Erscheinungstermin?

Das dauert in der Regel mehrere Jahre. Die ersten Ideen für «dis donc!» zum Beispiel wurden 2011 entwickelt, 2012 starteten die konzeptuellen Arbeiten. Der erste Band erschien dieses Jahr. Man muss nicht nur klären, was bei den verschiedenen Lehrwerkteilen didaktisch sinnvoll ist, was pädagogisch erwünscht, was technisch machbar ist. Man muss auch die Situation an den Schulen bedenken, dass sich die Bedingungen in Sachen Infrastruktur in den Schulen bis zum Erscheinungstermin höchstwahrscheinlich verändert haben.

Die Orientierung ist in einem digitalen Lehrmittel ja nicht ganz einfach…

Das stimmt. Im Gedruckten gibt es eine Linearität. Diese löst sich mit der Digitalisierung auf, alles wird vernetzter. Das Lehrmittel lässt sich nicht einfach «durchblättern», auf den ersten Blick ist es auch anspruchsvoller, sich einen Überblick zu verschaffen.

2013 hat der Lehrmittelverlag die Abteilung Digitale Medien ins Leben gerufen. Was hat sich dadurch geändert?

Digitalisiert wird ja schon lange. Doch dank der neuen Abteilung können wir uns nun inhouse ums Thema kümmern. Wir haben zunächst viel Grundlagenarbeit geleistet. Dabei ging es einerseits um die Frage, wie digitalisierte Ausgaben konzipiert werden sollen, anderseits um die Aufbereitung von Grafiken, Audio, Video oder Arbeitsblättern. Solche Inhalte waren früher meistens isoliert auf einer CD- ROM zu finden, heute sind sie – wie bei «dis donc!» – auf der Lernplattform gespeichert. Die Lernplattform ist ja nichts anderes als ein Gefäss, das mittels optimaler Navigation ermöglicht, an Inhalte zu kommen.

Wie gelangt man zu den webbasierten Lerninhalten?

Aktuell erhalten die Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe ein persönliches Login, das sie während der ganzen Volksschulzeit behalten. Wer sich einloggt, gelangt zu einer Art digitalem Bücherregal mit den für die Klasse lizenzierten digitalen Lehrmitteln. Wir sprechen hier gerne vom «digitalen Rucksack». Ein Lehrmittel bleibt in der Regel während dreier Jahre in diesem Rucksack, ehe es wieder verschwindet. Es ist wichtig, online auf frühere Lehrmittel zugreifen zu können, zum Beispiel am Ende der Sekundarstufe, wenn es darum geht, vor der Berufslehre mögliche Lücken in der Mathematik zu schliessen.

Müssen Lehrpersonen besondere Fähigkeiten erwerben, um mit den digitalisierten Lehrmitteln arbeiten zu können?

Meiner Ansicht nach ist das nicht nötig. Unser Anspruch ist, dass unsere digitalen Lehrmittel selbsterklärend sind. Damit klarkommen sollte eigentlich jeder, der eine Internetseite aufrufen kann.

Wie kommen die digitalen Lehrmittel bei den Lehrpersonen an?

Zu «dis donc!», das erst seit Kurzem an den Schulen eingesetzt wird, haben wir bereits einige sehr positive Rückmeldungen erhalten. Das gilt auch für das Geschichtslehrmittel «Gesellschaften im Wandel». Dort wird besonders geschätzt, dass man die Arbeitsblätter herunterladen und auch bearbeiten kann.

Blicken wir nach vorne. Was darf man in Zukunft in Sachen Digitalisierung vom Lehrmittelverlag erwarten?

Meiner Meinung nach ist es gefährlich, im Digitalbereich Prognosen zu machen, die über ein halbes Jahr hinausreichen. Es ist aber eine Tatsache, dass alle Lehrmittel, die gegenwärtig bei uns in der Pipeline oder in Planung sind, einen digitalen Anteil aufweisen. Diesen Anteil denken wir stets mit, fragen uns dabei aber auch, ob er zweckmässig und sinnvoll ist. Digitalisierung um der Digitalisierung willen kann nicht das Ziel sein.

Wo liegen die Grenzen des digitalen Entwicklungsprozesses?

Das Digitale bleibt ein wichtiger Bestandteil im Lehrmittel-Repertoire, das ist sicher. Doch durch die Digitalisierung wird bestimmt nicht alles Gedruckte verdrängt. Es ändert sich aber etwas hinsichtlich der Verteilung der Inhalte – was soll Print sein, was digital? Doch wohin die Reise geht, wissen wir nicht. Sicher ist nur: Die Digitalisierung ist kein Hype, sie ist eine Tatsache.

   
     

Welche digitalen Lehrmittel sind in der Pipeline?

Auf das Schuljahr 2018/19 angekündigt ist das digitale «dis donc!»-Arbeitsbuch für Schülerinnen und Schüler, in das man auch wird hineinschreiben und Dinge farblich markieren können. Das Geografie-Lehrmittel «Weltsicht» erscheint im selben Jahr und wird ein digitales Angebot für Lehrpersonen umfassen. Ab Anfang 2018 ist zudem Mathematik (Mittelstufe) als digitales Themenbuch für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrpersonen erhältlich. Das Lehrmittel «startklar – Deutsch für Jugendliche» wird ebenfalls über ein Angebot für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrpersonen verfügen. Digitale Anteile haben auch die Lehrmittel für das Fach Bildnerisches Gestalten (ab Anfang 2018) und für Natur und Technik (ab 2019).

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