Der Wille, sich zu profilieren

10.03.2017 - Mitteilung

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Drei Schweizerschulen stehen heute unter dem Patronat des Kantons Zürich. Im Sommer kommt eine weitere dazu – in Peking. Was bedeutet das für den Kanton? Und wie funktioniert eine Schweizerschule überhaupt?

Text: Reto Heinzel Foto: zvg

Die Schweizerschulen im Ausland werden oft als eine Art Visitenkarte der Schweiz und ihrer soliden Bildungslandschaft wahrgenommen. Sie hätten «das Image einer Institution, die hohe pädagogische Qualität bietet», schreibt etwa die Dachorganisation der Schweizerschulen im Ausland, educationsuisse, auf ihrer Homepage. Derzeit gibt es weltweit 17 solche Schulen, die vom Bund finanziell gefördert werden, dabei aber privat organisiert sind.

Damit eine Einrichtung im Ausland als Schweizerschule anerkannt wird, ist es zwingend, dass ein Kanton das Patronat übernimmt. Besonders aktiv ist der Kanton Zürich, unter dessen Schirmherrschaft derzeit drei Schulen stehen: jene in Catania, Madrid und Mexiko (mit Filialschulen in Cuernavaca und Querétaro). Läuft alles nach Plan, wird im kommenden August eine weitere Schule dazukommen – jene in Peking. Es wird die erste Schweizerschule in China sein. Die Homepage (http://ssbj.wab.edu) steht bereits, das Logo ebenfalls.

Im Fall von Peking habe noch ein zweiter Kanton Interesse angemeldet, das Patronat zu übernehmen, sagt educationsuisse- Geschäftsführerin Barbara Sulzer. Dass die Wahl schliesslich auf Zürich fiel, erklärt sie damit, dass die Bereitschaftserklärung des Zürcher Regierungsrates als erste vorgelegen habe und Zürich als Wirtschaftsstandort ein grosses Interesse an China mitbringe. Ins Gewicht fiel zudem die Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und den Schweizerschulen in Catania, Madrid und Mexiko, die laut Sulzer «ausgezeichnet funktioniert».

Bescheidener Anfang

Der Anfang wird bescheiden sein. Über eine eigene Liegenschaft verfügt die Schule nicht, sie hat sich in der «Western Academy of Beijing» (WAB) eingemietet. In dieser internationalen Privatschule belegt sie fürs Erste zwei Schulzimmer. «Die WAB verfügt über eine hervorragende Infrastruktur, die auch von der Schweizerschule genutzt werden kann», sagt Gisela Polloni, die im Volksschulamt (VSA) für die Schweizerschulen zuständig ist. Dazu gehörten eine Bibliothek, eine moderne Dreifachturnhalle, ein Schwimmbad sowie Verpflegungsmöglichkeiten. Auch die Angebote auf Mandarin stünden den Schülerinnen und Schülern offen. Im ersten Betriebsjahr startet man mit einer Kindergartenklasse sowie einer 1./2. Primarklasse, der gemeinnützige Trägerverein rechnet mit rund 30 Schülerinnen und Schülern. Danach soll der Betrieb jährlich jeweils um eine weitere Klasse erweitert werden. Eine Machbarkeitsstudie von 2015 attestiert der geplanten Schule im wirtschaftlich dynamischen China ein solides Wachstumspotenzial.

Beratung und Qualitätssicherung

Welche Rolle kommt eigentlich einem Patronatskanton zu? «In erster Linie wirken wir beratend und unterstützen die Schule in pädagogischen und administrativen Fragen. Wir kümmern uns auch um die Qualitätssicherung an den Schulen und führen Weiterbildungen vor Ort durch. So haben wir etwa an der Schweizerschule Mexiko und Catania Weiterbildungen zum neuen Mathematiklehrmittel, zu Deutsch als Zweitsprache und zum Schulsport organisiert», sagt Polloni. Die Schulen profitieren zudem von vergünstigten Lehrmitteln des Lehrmittelverlags Zürich (LMVZ).

«Die Zusammenarbeit mit den Schweizerschulen ist weitgehend problemlos», sagt Polloni. Dass sich diese als eigentliche Eliteschulen begriffen, sei kein Zufall. «Der Wille, sich zu profilieren, ist bei allen spürbar.» Bis 2012 betreute der Kanton auch die damalige Schweizerschule in Ghana. Eine Delegation, zu der auch Polloni gehörte, stellte damals fest, dass die in der Hauptstadt Accra gelegene Schule die Vorgaben nicht mehr erfüllte – worauf diese ihren Status als Schweizerschule verlor. Heute ist sie eine anerkannte deutsche Auslandsschule und trägt den Namen «German Swiss International School».

Mit welchen Problemen und Herausforderungen eine Schweizerschule konfrontiert ist, zeigt sich im Gespräch mit Daniel Zehnder. Der Sekundarlehrer, der 17 Jahre lang im bernischen Frutigen unterrichtete, leitet seit anderthalb Jahren die Schweizerschule Mexiko (Campus Mexiko Stadt), zuvor stand er während zweier Jahre der Zweigstelle der dortigen Schweizerschule in Cuernavaca vor. 1964 von Mitgliedern des Schweizer Clubs gegründet, besuchen derzeit 825 Schülerinnen und Schüler den Campus in der Landeshauptstadt.

Während hier früher vor allem Schweizer Kinder vom Kindergarten bis zur Matur eine solide Ausbildung erhielten, besässen heute noch rund 13 Prozent der Schüler den roten Pass, sagt Zehnder. Das sind vor allem Kinder von Expats, die für internationale Firmen wie Nestlé, ABB oder Schindler arbeiten und einige Jahre in Mexiko bleiben. Rund vier Fünftel der Kinder haben dagegen die mexikanische Staatsbürgerschaft. Bunter sieht es bei den Lehrpersonen aus, unter denen es nicht weniger als 14 Nationalitäten gibt. Deutsch, Spanisch und Englisch, Französisch und Chinesisch sind die Sprachen, denen man auf dem bunt gemischten Campus hauptsächlich begegnet. Mehrsprachig ist auch der Schulunterricht – einzig im Kindergarten wird ausschliesslich Deutsch gesprochen.

Unterschiedliche Löhne

An der Schweizerschule in Mexiko-Stadt sind derzeit 85 Lehrpersonen beschäftigt. Ein Teil davon wird durch den Bund subventioniert. Diese Stellen werden in der Schweiz ausgeschrieben, die Verträge sind jeweils auf zwei Jahre befristet – mit Option auf Verlängerung um weitere zwei Jahre. Wer den Job will, muss zwingend Schweizer Staatsbürger sein. Auch unter den Ortslehrkräften gibt es viele Schweizerinnen und Schweizer, die jedoch direkt vor Ort rekrutiert wurden. Diese sind – lohnmässig und von den Sozialleistungen her – schlechter gestellt als ihre subventionierten Landsleute. «Weil wir im mexikanischen Vergleich allerdings sehr gute Löhne zahlen, sind diese Unterschiede bei uns eher unterschwellig ein Thema», sagt Zehnder.

Die Schweizerschule, sagt Zehnder stolz, habe einen hervorragenden Ruf. «Im jährlich publizierten Ranking des Bildungsministeriums sind wir konstant unter den ‹Top Ten› zu finden.» Dies sei ein wesentlicher Grund für den guten Zulauf, betont der Schulleiter. Dazu komme das mexikanische Schulsystem, das Zehnder als «sehr schwach» bezeichnet. Bestätigt wird dieser Befund durch die letzte PISAStudie, in der Mexiko einen der hinteren Plätze belegte. Das hat laut Zehnder auch mit den Ressourcen zu tun, die den lokalen Bildungsinstitutionen zur Verfügung stehen: Lehrpersonen seien schlecht bezahlt, die Lehrmittel wiesen oft ein bescheidenes Niveau auf. Zudem seien viele Schulen ungenügend eingerichtet.

Eine «Leistungsschule»

Die Schweizerschule bezeichnet Zehnder als Leistungsschule: «Wer zu uns kommt, hat das Ziel, eine internationale Matur (International Baccalaureate, IB) zu machen, um im Anschluss weltweit ein Studium absolvieren zu können», sagt Zehnder. Auch ein Sekabschluss ist möglich, eine Berufslehre wie in der Schweiz ist in Mexiko bislang allerdings unüblich. Die meisten jungen Mexikanerinnen und Mexikaner besuchen heute die Universität. Das könnte sich möglicherweise ändern. So wurde während des Staatsbesuchs von Bundesrat Johann Schneider-Ammann vom vergangenen November die Gründung der «Schweizer Allianz für Berufsbildung » bekannt gegeben. Vorgesehen ist, dass Schweizer Unternehmen, die in Mexiko tätig sind, einige Lehrstellen anbieten und damit Signalwirkung entfalten, damit die duale Berufsbildung im mittelamerikanischen Land stärker Fuss fassen kann. Das Projekt steckt also noch in den Kinderschuhen.

Vor der Kompetenzorientierung

Und wo liegen die Berührungspunkte mit dem Patronatskanton? «Mit dem Kanton Zürich sind wir in vielfältiger Weise verbunden », sagt Zehnder. Das fange schon damit an, dass Deutsch bereits im Kindergarten nicht nur ein obligatorisches, sondern ein zentrales Fach ist und an der Schule verschiedene Lehrmittel des Zürcher Lehrmittelverlags zum Einsatz kommen. Auch gilt grundsätzlich der Zürcher Lehrplan, wobei dieser um örtliche Vorgaben und um die Bestimmungen der International Baccalaureate ergänzt wird. «Das ist mitunter ein Spagat», sagt Zehnder. «Trotzdem ist es unser klares Ziel, künftig einen Teil des Lehrplans 21 zu übernehmen und kompetenzorientiert zu unterrichten.» Den Ansprüchen der international zusammengesetzten Schülerschaft gerecht werden zu können, bezeichnet Zehnder als grosse Herausforderung. «Eine Schweizerin denkt anders, reagiert anders als ein Mexikaner – zum Beispiel bei einer schlechten Note.» Das könne manchmal schwierig sein. In unserer Schule, in der wir alle Stufen anbieten, muss man sehr strukturiert arbeiten, vorausplanen. Und natürlich müsse man auch einen grossen Einsatz bringen, damit die Schule ihr Prestige halten könne. Den schulischen Alltag hingegen bezeichnet er als weitgehend vergleichbar.

Solide finanzielle Basis

Der Einsatz scheint sich zu lohnen. Die Schweizerschule weiss sich im mexikanischen Umfeld zu behaupten. Sie hat nicht nur einen hervorragenden Ruf, sie ist auch in finanzieller Hinsicht «sehr gut aufgestellt », wie Zehnder sagt. «Ich bin zuversichtlich, dass es uns auch in 20 Jahren noch geben wird.»

 

Ausbildung und Vermittlung von Schweizer Werten

«Den Schweizerschulen im Ausland kommt eine doppelte Aufgabe zu: Sie dienen einerseits der Ausbildung von Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern sowie Kindern des Gastlandes, sind aber auch Orte der Begegnung und der Vermittlung schweizerischer Werte und Kultur.» So steht es in einem aktuellen Strategiepapier des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI). Darin wird die Weiterentwicklung des Netzes der Schweizerschulen und damit die Stärkung der Schweizer Bildung und Kultur als Ziel formuliert.
Damit eine Schweizerschule durch den Bund anerkannt wird und finanzielle Unterstützung erhält, sind verschiedene Voraussetzungen nötig. Diese sind im Bundesgesetz über die Vermittlung schweizerischer Bildung im Ausland, dem sogenannten «Schweizerschulengesetz», festgelegt.
Derzeit werden im Ausland rund 7500 Kinder nach schweizerischen Grundsätzen unterrichtet. Die Interessenvertretung der Schweizerschulen wird vom Verein educationsuisse wahrgenommen.

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